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Glyphosat vor Gericht

Glyphosat ist der aktive Wirkstoff des Totalherbizids Roundup sowie anderer Totalherbizide, die beim Anbau von gentechnisch veränderten (gv) Pflanzen verwendet werden. Ende März stufte die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), eine Einrichtung der Weltgesundheitsorganisation, den Wirkstoff als „wahrscheinlich krebserregend“ ein - mitten im Prozess der Neuzulassung in Europa.

Sie sind Anwältin, Notarin und Umwelt-Journalistin und beschäftigen sich schon seit zehn Jahren mit den schädlichen Folgen von Glyphosat. Wie ist es dazu gekommen?

Die erste Berührung mit der Glyphosat-Problematik hatte ich während meines Studiums. Ursprünglich komme ich aus der Hauptstadt Buenos Aires, wo das Thema damals noch unbekannt war. Zum Studieren bin ich nach Santa Fe im Nordosten Argentiniens gezogen, wo sich einer der größten Export-Häfen für Soja befindet. Dort habe ich viele Leute kennen gelernt, die an Krebs erkrankt waren, und habe von dem Zusammenhang zwischen gesundheitlichen Problemen und dem großflächigen Ausbringen von Glyphosat erfahren.

 

Was genau machen Sie heute?

Ich helfe Leuten, die unter den Auswirkungen von Glyphosat und anderen Agrarchemikalien leiden, die erkrankt sind, die beispielsweise Krebs haben. Es gibt sehr viele solcher Fälle. Ich vertrete auch Familien, in denen ein Familienmitglied gestorben ist, nachdem es Agrarchemikalien ausgesetzt war. Die meisten dieser Leute haben kein Geld, um sich Anwälte leisten zu können. Ich helfe ihnen dabei, Entschädigung von den verantwortlichen Unternehmen wie Monsanto, Syngenta, DuPont, Bayer und anderen Produzenten zu erhalten. Wir wollen auch die Giftigkeit der Agrarchemikalien bekannt machen und die Verantwortlichen juristisch zur Rechenschaft ziehen. Manche Probleme, bei denen wir in Argentinien nichts erreichen konnten, habe ich auch bei internationalen Organisationen thematisiert, zum Beispiel mittels einer Beschwerde bei der Interamerikanischen Entwicklungsbank oder einer Petition beim Europäischen Parlament. Ich habe eine Audienz beim Papst Franziskus beantragt, und wir haben gefordert, einen internationalen Strafgerichtshof für Umweltfragen einzurichten. Auch auf lokaler Ebene sind wir aktiv. In einigen Gemeinden haben wir bereits erreicht, dass Verordnungen für das Versprühen von Pestiziden erlassen wurden.

 

Würden Sie uns von einem oder zwei Ihrer Fälle erzählen?

In einem Fall, der mich schon sehr lange beschäftigt, geht es um ein Baby, das mit ganz starken Missbildungen an der Wirbelsäule, an den Füßen und an den Armen geboren wurde. Der Vater, der Großvater und der Onkel waren im Soja-Anbau beschäftigt und brachten Glyphosat mit einem Fahrzeug auf den Feldern aus. Die Missbildungen des Kindes waren so stark, dass es nicht richtig atmen konnte und nach sieben Monaten gestorben ist. Wir haben eine Autopsie machen lassen, aber genetische oder chromosmale Auffälligkeiten wurden bei dem Baby nicht gefunden.

 

Das Problem lag also nicht auf genetischer Ebene.

Nein. Glyphosat ist eine hormonaktive Substanz, ein sogenannter endokriner Disruptor. Es dringt in den Körper ein und täuscht die Hormone. Der Schaden, den das Glyphosat und andere Agrargifte verursachen, geschieht nicht auf der Ebene der Chromosomen, sondern auf Zell-Ebene, und wenn dann eine Analyse gemacht wird, kann diese Spur nicht nachvollzogen werden. Die Autopsie ergab als Todesursachen: Die Nähe zum Feld und die Exposition des Vaters. Man sagt, dass sich das bis in die dritte Generation überträgt. Die Studien von Andrés Carrasco haben sogar ergeben, dass es sich bis in die fünfte Generation überträgt.1 Denn das Glyphosat wird nicht ausgeschieden, es akkumuliert sich über die Jahre im Körper.

 

Das heißt, Zellschäden wirken sich auf den Nachwuchs aus?

Ja, und nicht nur das. Das Glyphosat führt zum Beispiel auch zur Entstehung von Tumoren, und diese Tumoren können dann zu Krebs werden. Das Gift wird nicht ausgeschieden, nicht durchs Schwitzen und nicht durch den Urin, es bleibt immer im Körper. Deswegen kritisieren wir das Konzept der „tödlichen Dosis“. Eine tödliche Dosis ist danach definiert, dass man auf einmal soviel Glyphosat abbekommen muss, dass es einen sofort tötet. Dieses Konzept trägt aber nicht dem Umstand Rechnung, dass es sich im Körper akkumuliert. Die Krankheiten kommen, wenn Personen dem Glyphosat über einen längeren Zeitraum ausgesetzt waren - und nicht von heute auf morgen mit einer Dosis. Und es gibt keine Gesetze, die diesem Umstand Rechnung tragen. Deswegen ist die Studie von Gilles-Éric Seralini wichtig.2 Er hat gezeigt, dass drei Monate nicht ausreichen, um das Gift nachzuweisen. Er hat Ratten über zwei Jahre lang das Gift gegeben, und dann traten Tumore auf. Dieser Fall war einer meiner ersten, aber für mich einer der wichtigsten, der mich sehr berührt hat. Der Prozess ist immer noch nicht beendet, momentan befinden wir uns vor dem Obersten Gerichtshof.

 

Und welcher Fall beschäftigt Sie momentan?

In meinem aktuellen Fall vertrete ich 18 Kinder aus einem Dorf in der Provinz Santa Fe. Sie wohnen direkt neben Baumwollfeldern und wurden durch das Ausbringen von Pestiziden geschädigt. Diese Kinder leiden unter verschiedensten Symptomen wie zum Beispiel Juckreiz, Allergien, Atembeschwerden, Kopfschmerzen sowie Verletzungen im Mundbereich.

 

Wenn die aktuelle Einstufung von Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ Bestand hat, hätte das irgendwelche praktischen Auswirkungen auf Ihre Arbeit?

Ja, das wäre sehr wichtig, weil es eine offizielle Bestätigung dessen wäre, was wir schon lange sagen. Ich habe schon 2012 in einem Brief an den damaligen EU-Kommissar für Gesundheit und Verbraucherschutz, John Dalli, gefordert, dass die Gefährlichkeit von Glyphosat neu eingestuft werden sollte. Er antwortete mir, dass man bis 2015 warten müsse, weil dann eine Neubewertung ansteht.

 

Was können wir in Deutschland und Europa tun, um die AktivistInnen und die vom Glyphosat betroffenen Menschen in Argentinien zu unterstützen?

Die pestizidbelastete Soja, die Europa von Argentinien kauft, überschreitet die erlaubten Grenzwerte, aber Europa führt keine ausreichenden Kontrollen durch. Der EU-Kommissar für Gesundheit und Verbraucherschutz schützt das Recht der VerbraucherInnen nicht, und die europäischen ParlamentarierInnen geben dem Lobby-Druck der Industrie nach. Europa sollte seine Grenzwerte für Pestizide konsequent einhalten und die Importe aus Nord- und Südamerika stärker kontrollieren.

 

Wir danken für das Gespräch und wünschen Ihnen viel Erfolg für die weitere Arbeit.

 

Das Interview führte Anne Bundschuh.

 

Übersetzung: Dominique Eckstein und Volker Gehrmann.

Artikel von Graciela Vizcay Gomez finden sich (in spanischer Sprache) auf ihrem Blog: www.zero-biocidas.blogspot.com.ar.

  • 1. Der argentinische Wissenschaftler Andrés Carrasco (1946-2014) war Professor an der Universität von Buenos Aires und leitete das dort angesiedelte Labor für Molekulare Embryologie (CONICET). In seinen Studien wies er nach, dass Glyphosat-basierte Herbizide Fehlbildungen an Embryonen erzeugen können. Vergleiche dazu den Artikel „Von Fröschen, Hühnereiern und Menschen“ im GID 202 (Oktober 2010).
  • 2. Séralini et al. (2012): „Long term toxicity of a Roundup herbicide and a Roundup-tolerant genetically modified maize“. Food and Chemical Toxicology 50(11), www.kurzlink.de/gid230_4. Der Artikel wurde zurückgezogen und in der Fachzeitschrift Environmental Sciences Europe neu veröffentlicht, siehe www.kurzlink.de/gid230_5. Vgl. hierzu auch den Schwerpunkt „Forschung schlägt hohe Wellen“, GID 216, Februar 2013, sowie „Das Zweifeln nimmt kein Ende”, GID 221, Dezember 2013.
Graciela Vizcay Gomez ist eine argentinische Anwältin und Aktivistin, die sich schon lange mit den Wirkungen von Glyphosat und anderen Agrarchemikalien beschäftigt und Glyphosat-Opfer vor Gericht vertritt. Der GID traf sie während der Konferenz des Netzwerkes Gentechnikfreie Regionen, die Anfang Mai in Berlin stattfand.
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Juni 2015
S. 18 - 19