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Rezension: Egoistische Gen-Gesellschaften

Vor fast 40 Jahren veröffentlichte der Evolutionsbiologe Richard Dawkins seine einflussreiche Theorie, in der er Menschen zu „Überlebensmaschinen“ reduzierte, deren einzige Aufgabe es sei, „egoistische Gene“ zu erhalten. Nun haben sich zwei Dawkins-Anhänger zur Aufgabe gemacht, die Geschichte der eigennützigen Erbbausteine mit den aktuellsten Erkenntnissen der Genetik und Evolutionsbiologie aufzufrischen. Aus Genen als Einzelkämpfern sind nun „Gen-Gesellschaften“ geworden, deren Mitglieder in komplexen Netzwerken mit- und gegeneinander antreten. Dem Biologen Yanai und dem Bioinformatiker Lercher gelingt es gut, komplexe Zusammenhänge anschaulich zu erklären - beispielsweise die Entstehung von Krebs, die Immunsysteme von Bakterien und Menschen oder die Entstehung von Mitochondrien; vor allem die sehr komplexen Wirkungsnetzwerke, in denen Gene und deren Produkte miteinander und mit der Umwelt interagieren. Leider lassen sich die Autoren immer wieder dazu hinreißen, ihr Bild der „Gen-Gesellschaften“ mit Vergleichen zu menschlichen Gesellschaften zu illustrieren. Diese Vergleiche geben jedoch eher Einblicke in das Gesellschaftsbild der Autoren, als dem eigentlichen Ziel des Buches, der Erklärung molekulargenetischer Phänomene, zu nutzen. So müssen Grenzen geschützt und Gesellschaftsmitglieder von Fremden unterschieden werden, es gibt anti-soziale Schmarotzer und das Funktionieren der Marktwirtschaft wird durch Adam Smiths unsichtbare Hand sichergestellt. Problematisch wird es vor allem bei dem Versuch, Rassismus als genetisch basiert und damit als naturgegeben darzustellen: Natürliche Selektion würde dazu führen, dass man Menschen diskriminiert, die genetisch weiter entfernt sind. Im Fazit des Buches legen sie den Leser_innen nahe, den eigenen „genetischen Bias“ zu reflektieren und anders zu handeln als es uns die Gene angeblich einflüstern. Man möchte den Autoren im Gegenzug raten, ihren eigenen Bias in ihrer Arbeit als Naturwissenschaftler zu reflektieren. Ihre Sozialisation in westlichen Gesellschaften prägt offensichtlich ihre Interpretation naturwissenschaftlicher Erkenntnisse stark.

Isabelle Bartram

 ➤ Itai Yanai, Martin Lercher: The Society of Genes, Harvard University Press (2016), 296 Seiten, Sprache: Englisch, 25 Euro, ISBN 978 0674425026.

241
Mai 2017
S. 44