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Die Festschrift erschien anlässlich des zwanzigjährigen Bestehens des Gen-ethischen Netzwerks (GeN) im Herbst 2006.
Sie können die Print-Version der
Festschrift für 6,50 Euro bestellen.
Inhaltsverzeichnis Festschrift:
Gen-ethisches Netzwerk 1986-2006
Verbundenheit
20, 30,
50 Jahre Technologiekritik
Alexander von Schwerin
Übungsfeld
der Demokratie
Ulrike Baureithel
Aneignung von Wissen
Interview mit Benny Haerlin
Von
der Risikobefürchtung zur Strukturkritik
Günter Altner
Diskurs-Guerilla
oder Politikberatung?
Fabian Kröger
Zellen flüstern, Pflanzen
lernen
Florianne Koechlin
Gen-Saaten: Das unterschätze Risiko
Christoph Then
Einteilung von Menschen in
Kategorien
Annegret Heinker
The End of Farmers
Devinder Sharma
Politischer Eigensinn statt
Privateigentum am Körper
Erika Feyerabend
Ökonomisch erfolgversprechend
Bernhard Gill
Wem
nützt es?
Jan van Aken
Es ist schlechterdings nicht möglich,
20 Jahre Dokumentation, Diskussionen und Aktionen in ein kleines
Bändchen zu pressen. Das ist auf seine Art eigentlich ganz
beruhigend, denn so mussten wir es auch gar nicht erst versuchen.
Es bietet sich der Anlass, Blicke aus verschiedenen Perspektiven
auf diesen Zeitraum zu werfen. Nicht repräsentativ, aber
beteiligt, nicht immer neutral, sondern oft und vorsätzlich
parteiisch. Von Freunden und Kolleginnen, von Ex-Mitstreitern
und Sympathisantinnen, die sich seit mehr oder weniger langer
Zeit dem Gen-ethischen Netzwerk (GeN) verbunden gezeigt haben.
Verbundenheit ist hier ein wichtiges Stichwort, dem wir an dieser
Stelle gerne seinen Platz zukommen lassen.
Denn das GeN ist nichts ohne die Menschen, die ihre Verbundenheit
gezeigt haben und auch heute zum Ausdruck bringen. Das gilt natürlich
ganz besonders für die Mitglieder des Vereins. Dieses Modell,
ein Verein als organisatorische und finanzielle Basis, wirkt zuweilen
altertümlich, hat aber auch in heutiger Zeit eine Berechtigung,
nicht zuletzt um Unabhängigkeit zu gewährleisten, die
gerade in den allseits beschworenen Zeiten leerer Kassen zunehmend
wichtig ist.
20 Jahre, das heißt auch ebensoviele Jahre, in denen sich
ständig Argumente und Diskussionen verschieben. Die im Fokus
stehenden Technologien selbst und der persönliche wie auch
der gesellschaftliche Umgang mit diesen haben sich verändert.
Auch haben sich inzwischendie Techniken diversifiziert und sind
zumindest teilweise in die Anwendung gekommen. Manche sind so
Alltag geworden, andere sind heute umstrittener denn je. Die meisten
Versprechen haben sich nicht erfüllt.
Das alte Genmodell, in der Gründungszeit des GeN noch das
Nonplusultra, hat sich gerade auch durch die weitere Forschung
diskreditiert. Das hatte aber nicht die Auflösung grundlegender
bekannter Annahmen zur Folge, sondern es wird das alte Modell
in verfeinerter Weise fortgeführt.
Die Aufweichung des Gendeterminismus hat also nicht etwa den Abschied
vom Genmodell gebracht, sondern einen neuen "flexiblen"
Gendeterminismus. Dieser integriert sich - zum Beispiel mit der
Verlagerung von Verantwortung für ein entsprechendes Genmanagement
auf das Individuum - in die Politik der Privatisierung von Krankheitsvor-
und -fürsorge.
An anderer Stelle wird das Gen noch behandelt, als sei es ein
Wort in einem Buch. Dabei hat sich eben dieses Bild als trügerisch
und allzu simpel herausgestellt. Auch um zu verhindern, dass sich
diese Vereinfachungen stärker in Weltbildern - politischen
wie auch anderen - festsetzen, bedarf es auch weiterhin der kritischen
Analyse.
Mit der Einbindung und Institutionalisierung der Bioethik in die
parlamentarische und akademische Praxis ist eine Phalanx von ExpertInnen
und Expertengremien entstanden, die allzuoft auch aus ihren jeweiligen
Zusammenhängen argumentieren. Sie machen die Notwendigkeit
einer Recherche und Beobachtung von außen umso dringlicher.
Viel zu tun - für mindestens weitere 20 Jahre.
Dafür wünschen wir uns auch in der Zukunft vor allem die beschriebene Verbundenheit, von Einzelnen und Gruppen, in nationalen wie internationalen Netzwerken und Koalitionen.
Vorstand und MitarbeiterInnen,
Berlin, im Oktober 2006
Besonderer Dank für die freundliche Unterstützung:
Oktoberdruck (Berlin),
Klebeck und Partner GmbH (Kolbermoor)
Kirmaier&Kalteis (Rosenheim)
20, 30,
50 Jahre Technologiekritik
Wir waren die letzte anti-technologische
Generation
Alexander von Schwerin
Schon quellen die Archive über nach 20 Jahren GeN und 30 Jahren Kritik der Gentechnologie. Wer schreibt die Geschichte der Gentechnikkritik? Jeder wird stöhnen, weil man froh ist, da raus zu sein oder weil diese Geschichte hoffnungslos verworren ist. Aber wer weiß denn noch, warum sich das GeN "Netzwerk" nannte?
Die 80er Jahre
Nach dem außerparlamentarischen Final Mitte der 80er Jahre
folgte bald schon Parteiprogrammatik und parlamentarische Einbindung.
Experten wurden institutionalisiert, und in den Universitäten
hielten gender und body studies Einzug. "Gentechnik"
fungierte aber auch im "freien Feld" als Katalysator.
Die grüne Gentechnik verlängerte die Ökobewegung,
und die Gesundheitspolitik erhielt mit Gen- und Reprotechniken
ihr eigenes initiativentaugliches Thema. Inzwischen wäre
die Geschichte ganzer Biografien zu erzählen, die von Durchhaltewillen
und prekärem Durchwurschteln handeln.
Genial war die Konstruktion von Gen- und Reproduktionstechniken
als ein einheitlicher Angriffspunkt der Kritik. Damit ging es
um ein technologisches Projekt zur Perfektionierung von Herrschaft
und um die Aneignung von Körper und Leben. In dieser Struktur
standen sich ähnlich zur Anti-Atomdebatte schnell Kritik-Alarmismus
und staatliche Denunziation der Kritik als "Anschlags-relevant"
gegenüber.
Die Technologiekritik wurde sekundiert durch eine Ideologiekritik,
die in der Gentechnik das Instrument der Bevölkerungsökonomie
erkannte. Fast vergessen ist der erste Gesundheitstag 1980 in
Berlin, der eine - auch für Linke - überfällige
Auseinandersetzung mit der Gesundheitspolitik des Nationalsozialismus
sowie deren Kontinuität in der deutschen Politik anstieß.
Es war die Spezialität der Gruppe um E.coli-bri, die deutsche
Vergangenheit in Erinnerung zu rufen, um vor der ungebrochen legitimierenden
Funktion von Expertenwissen für staatliche Selektions- und
Ausmerzziele zu warnen. Die Kritik sah den Staatsrassismus von
ökonomischen Kalkülen angetrieben - wie auch die NS-Bevölkerungspolitik.
Auf der Schwelle zum Parlamentstor wurden Staats- und Kapitalismuskritik
durch die Gewissensqualen ethischer Nutzenabwägungen ersetzt.
Die Fragen richteten sich nun auf die soziale und ökologische
Folgenabschätzung konkreter gentechnischer "Dienstleistungen".
Die tendenziell ablehnende Haltung gegen Technik als solche einte
die Gentechkritik aber weiterhin; so blieb sie hierzulande sicher
länger als anderswo immun gegen emanzipativ-visionäre
Aneignungsversuche.
Gen-ethische Initiativen und die 90er
Vielleicht waren wir, die GenEthische Initiative in Bonn, ein
durchschnittliches (männliches) Abbild dieser Lage in den
90er Jahren: eine deutsche Kritik der Gentechnik, in der sich
Öko-Antikapitalismus und Antifaschismus gegenseitig die Bälle
zuspielten. Peter Singer wurde einer der wichtigsten Zeugen für
das, worauf alles hinauflaufen sollte. Das bestätigte selbst
die FAZ, die sich über den "Gezüchteten Menschen"
Gedanken zu machen begann.
War die Kritik in Deutschland wegen des NS-Verdikts erfolgreicher
als anderswo? In Deutschland herrschte in den 90er Jahren nervöse
Ruhe, während in den USA das Human Genome Project bereits
zur Geldvernichtungsmaschine der New Economy warmlief. Das Ausland
jedenfalls bemitleidete deutsche Wissenschaftler, dass sie es
besonders schwer hätten. Tatsächlich zwang die Argumentationsfigur
des "slippery slope", der schiefen Ebene, die Humangenetikerinnen
zu Rede und Verantwortung - und nagelte die Kritikerinnen immer
mehr auf einen ethischen Abwehrkampf fest, der wieder bei der
Technikfolgenabschätzung landete.
1996 interessierten sich weite Teile der Linken nicht mehr für
das Thema.(1) Hatte die Kritik ihren eigenen slope gebaut? Erschöpfung
machte sich jedenfalls breit, ähnlich zur schwindenden Bereitschaft,
sich an einen Baum zu binden, als der deutsche Wald 1995 immer
noch nicht untergegangen war. Dass sich die Biotechnologien und
die Bewertung von Leben derart reibungslos, ästhetisiert
und konsumistisch in das Alltagsleben einbauen würden, damit
haben die wenigsten gerechnet. Die Techniken eugenischer Auslese
wurden installiert und legalisiert, doch eine repressive und durch
einen rassistischen Konsens gestützte Politik des "Neuen
Menschen" wurde nicht die Leitlinie der staatlichen Gesundheitspolitik.
Vielleicht ein Erfolg der Kritik, zurück blieb aber eine
zerfaserte Debatte.
Verwicklungen der Kritik
Eine Widersprüchlichkeit der Gentechkritik lag in ihrer Technologiekritik.
Anders als bei der Atomtechnik ging es bei der Kritik an der Gentechnik
immer auch um das genetische Wissen. Wenn wir die inhärenten
Gefahren der Technologie benannten, dann oft deshalb, weil der
Eingriff in das vermeintlich größte Geheimnis des Lebens
besonders gefährlich sein musste oder die ökonomische
Aneignung der Gene besonders verwerflich war. Hintenrum wurden
Gene und Genom auch zu unserem Gral. Die Gentherapie stellte sich
etwa als die technikgläubige Anmaßung dar, die Natur
in ihrem Innersten verändern zu wollen. Hier schlug sich
die durch den vielen Gebrauch etwas verstümmelte -
Technokratiekritik der 50er Jahre nieder, die die Zurichtung von
Mensch und Natur durch eine der Natur prinzipiell entgegen gesetzten
Technik anprangerte.
Tatsächlich funktionierte die Gentherapie aber nicht. Das
war sodann die Steilvorlage für eine Kritik, nach der das
Versagen der Technik den ideologischen Gehalt des genetischen
Wissens offenbarte: Genetik reproduziere biologischen Reduktionismus
und helfe damit verschiedenste Interessen zu verschleiern. Das
Argument war umso stärker, als hierin eine Parallele zum
Reduktionismus des Rassismus und der "pseudowissenschaftlichen"
Erbbiologie des Dritten Reichs gesehen wurde.
Ein antifaschistischer oder ökonomischer Gen-Skeptizismus
wechselte so - im Dickicht der Kritik verborgen - zu Wissenschaftsglauben
und Natürlichkeitsfundamentalismus und wieder zurück.
Wenn man wollte, hatte man schnell einen Knoten im Kopf.
Konkrete Wissenschaft braucht konkrete
Herrschaftskritik
Der Knoten platzte, wenn wir uns von dem in die eine oder
andere Richtung gewendeten Determinismus für eine Zeit
entledigten, indem man zum Beispiel in ein Foucault-Seminar rannte.
Zeitgleich dazu verdeutlichten Internationalisierung des Gengeschäfts
und Wissenschaftsökonomisierung, dass auch mal was Neues
passiert. Während die Tageszeitungen krakeelende Semifaschisten
wie James Watson debile Kommentare absondern ließen, war
bereits eine Heerschar neuer Forscher am Werkeln, von denen die
wenigsten die gefürchteten "Humangenetiker" waren.
Eigentlich machte nur die überdrehte Sloterdijk-Debatte noch
einmal Glauben, dass Genetik und Gentechnik nur Zucht als Kernprojekt
der heutigen Gesellschaft hervorbringen können.
Was an den Genen und künftigen Gentechniken real ist, lässt
sich auch für manche Experten von Propaganda, staatlicher
Wissenschafts-Technik-Standort-Rhetorik, Heilsversprechen oder
industriellen Wunschproduktionen sowie den Stimmen des Gegenwissens
kaum unterscheiden. Die Richtung der Wissenschaft ist weniger
einheitlich und vorherbestimmt, als es scheint. Werner Rätz
hat erst kürzlich im GID angemerkt, das die Gentechnologie
zunächst einmal nichts anderes ist, als "die Sammlung
verschiedener konkreter Praktiken".(2) Dieser Befund wird
in Zukunft sicher an Geltung gewinnen. Die Gentechnologie ist
momentan nicht aus der Welt zu schaffen. Wenn man auf die eine
Gentechnologie abhebt, wird eher noch der Fetischcharakter des
Genoms reproduziert. Statt sich an dieser Stelle abzumühen,
kommt es darauf an, die Techniken dort zu kritisieren, wo sie
die gegenwärtige Herrschaftsentfaltung am deutlichsten stützen
also die Verbindung von Naturalisierung, Ökonomisierung
und Kontrolle. Dazu braucht es das konkrete, investigative und
untheoretische Wissen der einzelnen Technoprojekte. Und wahrscheinlich
ausufernde Netzwerke von KritikerInnen.
Alexander von Schwerin, gentech-kritisch tätig in den 90er Jahren, heute Vorstand des GeN und Historiker an der TU Braunschweig.
Fußnoten:
(1) geld.beat.synthetik copyshop2. Abwerten bio/technologischer
Annahmen, Berlin 1996.
(2) Rätz, Gentechnikkritik und Globalisierung, in: GID Nr.
177, 2006, hier: S. 20.
Übungsfeld der Demokratie
Parlamentarische Politik ist
meist langweilig. Aber nicht immer, wie ich in fünfzehn Jahren
Berichterstattung über GEN-Themen gelernt habe.
Ulrike Baureithel
Das Thema ist mir nicht unbedingt an der akademischen Wiege gesungen worden. Zwar gibt es, wenn man sich wie ich lange mit der Geschichte und Literatur der Moderne befasst hat, durchaus Berührungspunkte: Die Auseinandersetzung um das Verfügungsrecht über den eigenen Körper ist ja kein Originalprodukt der neuen Frauen-, Behinderten- oder Patientenbewegung, sondern ein Klassiker der zwanziger Jahre und gehört somit in dieselbe Zeit, in der "das Gen" das Wissenschaftslabor verließ und seinen ersten populären Aufstieg erlebte. Davon abgesehen war es dann aber doch der politische Strang, der mich, beginnend 1973/74 mit den großen Demonstrationen gegen den §218, in dieses eigenartige Gefilde von körperlicher Selbstbestimmung, Lebensschutz und wissenschaftlicher Hybris brachte.
Zunächst klare Fronten
Dabei waren Ende der achtziger und in den frühen neunziger
Jahren, als mit dem Ende der DDR und der "Wende" der
Kampf gegen den §218 noch einmal auferstand, die Fronten
noch verhältnismäßig klar: Es gab die Frauen,
die nach wie vor darauf beharrten, selbst darüber zu entscheiden,
ob und wann sie ein Kind bekommen und die sich ungern auf Debatten
über den Beginn "des Lebens" einlassen wollten;
und es gab die konservativen, mit Papstbriefen ausgestatteten
und auf Bundestagsstützpunkte rekurrierende Widersacher,
die mittels des "Fötenkinos" Agitation betrieben.
Von heute aus gesehen ein relativ überschaubares Feld, weil
es noch nicht von Standortdebatten, demografischen Horrorszenarien
oder bioethischen Sachverwaltern bestimmt war.
Gleichwohl gab es schon damals Irritationen. Seitdem die moderne
Reproduktionstechnologie es ermöglicht hatte, in-vitro Leben
zu erzeugen beziehungsweise die befruchtete Eizelle ins Labor
auszulagern, schien der Embryo damals hielt dieser Begriff
Einzug in den Sprachgebrauch weniger seitens der Frau als
seitens der Wissenschaft gefährdet, die sich anschickte,
ungeniert auf diesen neuen, viel versprechenden Lebensstoff zuzugreifen.
Der 1990 von Justizminister Engelhardt (FDP) eingebrachte Entwurf
eines Embryonenschutzgesetzes war zwar einerseits eindeutig Reaktion
auf die Auseinandersetzungen um den §218 und zementierte
die vom Bundesverfassungsgericht 1975 in juristische Form gegossene
Trennung der Schwangeren vom Fetus, indem dieser als "selbstständiges
Rechtsgut" unter besonderen Schutz gestellt wurde. Doch indem
das neue Gesetz die heiklen 14 Tage der Kernverschmelzung vor
der Nidation, die vom §218 unberührt blieben, in den
Blick nahm, richtete es sich andererseits auch gegen die missbräuchliche
Anwendung der Repro-Technologien und gegen die Begehrlichkeiten
der Gewebeforscher, für die das Embryonenschutzgesetz bis
heute ein ärgerliches Hindernis darstellt.
Neue politische Koalitionen
Im Unterschied zu den üblichen Frontstellungen beim §218
zeichneten sich bei diesem Gesetzgebungsverfahren jedoch ganz
neue politische Koalitionen ab. Damals formierte sich das uns
heute in bioethischen Fragen geläufige Bündnis zwischen
Konservativen und Grünen, während die (damals noch in
der Minderheit operierenden) sozialdemokratischen und liberalen
Modernisierungsagenten das Lob der Forschungsfreiheit sangen und
für weitgehende Liberalisierung der Fortpflanzungstechniken
eintraten (allerdings auch, das soll erwähnt werden, für
familienpolitische Innovationen). Am Ende stellten sich die Grünen
dann doch gegen den Regierungsentwurf, was aber wohl eher politisch-taktische
Gründe hatte und teilweise auf die damals bei den Grünen
noch einflussreichere feministische Kritik am Embryonenschutzgesetz
als reinem Strafgesetz zurückging. Dass der nachgeschobene
grüne Entschließungsantrag, die gesamte Embryonenforschung
und künstliche Befruchtung zu verbieten, scheiterte, hatte,
wie wir mittlerweile wissen, nachhaltige Folgen. Wäre der
Antrag durchgekommen, müssten wir uns zumindest in
der Bundesrepublik - heute weder mit Stammzellforschung, Klontechniken
oder Präimplantationsdiagnostiken (PID) herumschlagen.
Es war allerdings auch nicht so, dass sich das bunte Lager der
bioethischen "Bedenkenträger", wie das heute neudeutsch
genannt wird, so problemlos zusammen schob. Wie erwähnt,
ging mit der "Wende" der Streit um den Schwangerschaftsabbruch
in eine neue Runde, und Feministinnen mussten sich von Konservativen
vorhalten lassen, mit doppelten Maßstäben zu operieren.
Es kam in dieser Frage immer wieder zu heftigem Schlagabtausch
zwischen grünen und christdemokratischen Bundestagsabgeordneten,
allen voran mit Hubert Hüppe, später Mitglied und stellvertretender
Vorsitzender der Bioethik- Kommissionen im Bundestag, der keine
Gelegenheit ausließ, Frauen, die eine Schwangerschaft abbrachen,
als potentielle Mörderinnen zu geißeln.
Angesichts solch verhärteter Fronten erstaunt es im Rückblick,
dass sich im Laufe der neunziger Jahre im Hinblick auf medizinrechtliche
und bioethische Regelungen immer wieder ähnliche Koalitionen
wie beim Embryonenschutzgesetz bildeten, angefangen bei der Minderheit,
die gegen das Transplantationsgesetz votierte, bis hin zu den
(Mehrheits-)
Stellungnahmen der Enqueten zur PID oder zur Sterbehilfe. Unvergesslich
ist mir eine Pressekonferenz Anfang 2002, kurz vor der Verabschiedung
des Stammzellimportgesetzes, auf der die damals noch für
die Grünen amtierende Bundestagsabgeordnete Monika Knoche
einträchtig neben ihren Kollegen von der SPD, CDU und CSU
saß und mit ihnen für einen gemeinsamen Antrag warb,
der den Import generell verbieten sollte.
Interfraktionelle Initiativen
Was in anderen gesellschaftspolitischen Fragen völlig unvorstellbar
war man denke nur an die Homoehe schien hier problemlos
zu sein. In einer parlamentarischen Demokratie, die über
Parteiraison und Fraktionszwang funktioniert, kann das gar nicht
hoch genug veranschlagt werden. Die Bioethik wurde zu dem Übungsfeld
interfraktioneller Initiativen, brach verkrustete parlamentarische
Strukturen auf und lud zu sachorientierten Kooperationen ein.
Wenn im September der interfraktionelle Antrag für ein neues
Ethikgremium beim Bundestag, das neben dem Nationalen Ethikrat
arbeiten soll, eingebracht wird, ist das das Resultat dieser jahrelangen
Zusammenarbeit.
Allerdings scheinen auch Grenzen auf. Als der Nationale Ethikrat
2004 seine Stellungnahmen zum Forschungsklonen veröffentlichte,
gab es neben der Mehrheitsposition auch zwei Minderheitsvoten:
Die eine (ausschließlich von männlichen Mitgliedern
verantwortete) bekräftigte uneingeschränkt den Lebensschutz,
die andere von vier Ratsfrauen und dem damaligen Vorsitzenden
Simitis unterstützte hob eher auf feministische Einwände
ab (Eizellverbrauch, Instrumentalisierung der Embryonen zu Forschungszwecken).
An diesem Punkt scheint das bis dahin übliche taktische Bündnis
im Ethikrat zwischen eher religiös argumentierenden und sozialethisch
motivierten Klongegnern beendet worden zu sein.
Inwieweit wir zukünftig überhaupt weiterhin noch Zeuge
solcher schillernden Zusammenschlüsse werden, ist nicht absehbar,
denn es gibt Zeichen dafür, dass ökonomische Standortargumente
auch die bioethische Widerstandsfront erodieren. Kann sein, dass
die Karten neu gemischt werden. Doch abgesehen von meinem persönlichen
Engagement in diesen Fragen, waren es immer wieder diese erstaunlichen
Koalitionen, die die Berichterstattung selbst aus dem langweiligen
Parlament heraus spannend machten.
Ulrike Baureithel ist Redakteurin bei der Wochenzeitung Freitag.
Von der Risikobefürchtung zur Strukturkritik
Günter Altner
Die große öffentliche Auseinandersetzung um die Gentechnik in Deutschland begann mit dem 1986 von Regine Kollek, Beatrix Tappeser und Günter Altner in Heidelberg veranstalteten Kongress "Die ungeklärten Gefahrenpotenziale der Gentechnolgie". Unter internationaler Beteiligung wurden damals in den Vorträgen Sicherheitsfragen behandelt: bei der Arbeit mit Retroviren, bei der Manipulation von Krebsgenen, bei der Herstellung von biologischen Waffen mit Gentechnik und anderem. Aber es ging daneben auch um die Gefahrenpotenziale der grünen und roten Gentechnik. Und schließlich sprachen Christine und Ernst Ulrich von Weizsäcker unter dem Stichwort der Fehlerfreundlichkeit das evolutionäre Risiko der Gentechnik an. Die Anwendungsmöglichkeiten auf den Menschen wurden auf diesem Kongress nicht diskutiert.
Systemische Kritik
Im Verlauf der folgenden 20 Jahre blieben die genannten Diskussionsfelder
(unter Einschluss der Humanproblematik) auf der Tagesordnung.
Aber die prinzipielle Tabuierung des Eingriffs ins Erbgut trat
hinter den systemischen Argumenten mit ihrer Kritik am gentechnischen
Reduktionismus zurück. Das systemische Argument betrifft
generell die Freisetzungsproblematik mit ihren unabsehbaren Folgen,
die ökosystemare Kritik an roter und grüner Gentechnik,
die evolutionstheoretische Folgenbetrachtung der globalen Vermarktungsstrategien
der mit gentechnisch verändertem Saatgut arbeitenden Konzerne.
Und natürlich betrifft der systemische Vorwurf des Reduktionismus
auch den humanen Anwendungsbereich, wo Gendiagnostik, Gentechnik
und Fortpflanzungsmedizin in ihrem verführerischen Machbarkeitsdiktat
immer wieder in die soziale und sozialpolitische Reflexion zurückgeholt
werden müssen.
Man kann hier tausend Einzelheiten diskutieren. Es kommt neben
der Detaillierung im Einzelfall vor allem auf die grundsätzliche
Kritik an, dass Lebenssysteme - schon unterhalb der Zellebene
- kommunikative Informationsprozesse sind, die von ihren inneren
und äußeren Wechselwirkungen her interpretiert werden
müssen und nicht auf biomolekulare Determinismen reduziert
werden dürfen. Es kennzeichnet die Geschichte des Lebens
von Anfang an, dass mit der Variation und Neuvernetzung vorhandener
Strukturen neue Eigenschaften und Leistungen entbunden werden,
die als Möglichkeiten in der Struktur des bisherigen Prozesses
lagen, so aber vorher nicht abgerufen wurden. Das alles betrifft
die Variationen und Neuerwerbungen funktionaler Eigenschaften
bei der Entstehung der Arten im Evolutionsprozess von den Einzellern
bis hin zum Menschen, der nun auf Grund der ihm durch die Evolution
eröffneten Neurostruktur erkennend und interpretierend in
die Geschichte des Lebens zurückblickend und lenkend eingreifen
kann. Aber immer noch bleibt der Mensch trotz seiner Gestaltungsmöglichkeiten
in spezifischer Weise in dem Ganzen unabdingbar verwurzelt.
Welche Anwendungsstrategien?
Wer die DNS-Struktur auf diesem Erkenntnisstand als vorrangige
Blaupause des Lebens versteht und zu Produktionszwecken umstrukturieren
möchte, der liegt grundsätzlich falsch. Leider ist diese
Fehleinschätzung vielfach noch nicht korrigiert, was sich
nicht zuletzt auch in der Besetzungspolitik der Hochschulen zeigt,
wo ökologische Lehrstühle immer noch in molekularbiologische
Professuren umgewidmet werden. Aber es wäre nun ganz oberflächlich
und strategisch dumm, darüber hinwegsehen zu wollen, dass
auf der "Gegenseite" im Blick auf die Anfangsdefizite
mächtig zugelernt worden ist. Die EinGen-EinProtein-Philosophie
ist längst vom Tisch. Die biomolekularen Wechselwirkungsprozesse
im Genom, aber gerade auch im Genom-Protein-Bezugsfeld und darüber
hinaus sind unendlich komplexer, als die Anfangsvorstellungen
vermuten ließen. Das bestimmt auch die Forschungsansätze
von heute. Der alte Begriff der Epigenese aus der Biologiegeschichte
des 19. Jahrhunderts, der nichtdeterministische offene Prozesse
meint, ist wieder wissenschaftlich im Schwange. Es bleibt zu hoffen,
dass wir am Anfang einer neuen praktischen Philosophie stehen,
in der die komplexe Vernetzung der biomolekularen Prozesse und
ihre Erkenntnis Anlass zu einer "weichen" Anwendungsstrategie
im Gen-Tech-Bereich geben.
Die Tatsache, dass es zumindest in Ansätzen soweit kommen
konnte, ist das große Verdienst der öffentlichen Gentechnikkritik,
die von der Gesellschaft, aber auch unter Beteiligung selbstkritischer
Wissenschaftler ausgeübt wurde. Diese Fundamentalkritik und
die daraus hervorgehenden Möglichkeiten einer "weichen"
Bio-Produktionspraxis müssen hartnäckig weitergeführt
werden. Noch dominieren die alten Produktionsinteressen. Und es
war in der Geschichte der Technik ja immer das Ziel, die Natur
auf Grund ihrer berechenbaren Seiten möglichst gewinnträchtig
und kurzfristig in Dienst zu stellen und auszubeuten. Wenn es
heute auf vielen Sektoren zum Prinzip wird, Technik auf die langsame
Gangart der Ökosysteme und ihre Regenerationspotenziale durch
Effizienzsteigerung, Recycling und ökologische Orientierung
umzustellen, so hätte die Molekularbiologie und die mit ihr
verbundene Bio-Industrie längst Anlass gehabt, dieser Entwicklung
voranzuschreiten. Aber sie hinkt hoffnungslos hinterher. Und so
kommt es, dass wir weltweit im Gefolge der Absatzstrategien von
Saatgutkonzernen eine ungehemmte Ausweitung gentechnisch veränderter
Sorten im Anbau beobachten können. Dies ist für die
ökologische und soziale Stabilität der betroffenen Regionen
und ihre weitere Zukunft ein Gefahrenpotenzial ersten Ranges.
Umfassende systemische Sichtweise
In dieser Situation muss die Auseinandersetzung auf allen Ebenen
- auf der biomolekularen ebenso wie auf der ökosystemaren,
evolutionstheoretischen und human - sozialpolitischen - mit Entschiedenheit
weitergeführt werden. Der Unterschied zu jener anfänglichen
Diskussion vor 20 Jahren besteht vor allem darin, dass wir die
Auseinandersetzung mit dem gentechnischen Machbarkeitswahn auf
einer systemisch angemessenen Ebene führen und fortsetzen
können. Viktor von Weizsäcker, deutscher Mediziner und
Begründer der psychosomatischen Medizin und der Medizinischen
Anthropologie, hatte in seiner Gestaltkreislehre der Biologie
ins Stammbuch geschrieben: "Leben erforschen heißt,
sich am Leben beteiligen." In diesem Sinne käme es darauf
an, kooperative Nutzungsmodelle zu entwickeln, durchaus auch mit
Gentechnik, die sozial und evolutionsdynamisch eingebettet sein
müssten. Es bedarf dazu einer umfassenden ökosozialen
Vernetzungsstrategie. Molekularbiologie und Gentechnik sind aufgefordert,
sich endlich auf diese Neuorientierung einzustellen. Die Biologie,
die in der Gestalt der Molekularbiologie als letzte der Naturwissenschaften
exakt wurde, hat heute Schwierigkeiten, dieses Paradigma schon
wieder zu verlassen und sich auf ein offenes und vernetztes Systemdenken
einzustellen. Man muss ihr Beine machen.
Aber ebenso muss man auch für den humanen Bereich eine umfassende
systemische Sichtweise, hier nun unter dem Blickwinkel sozialer
Kompetenz und humaner Daseinsvorsorge (Menschenwürde), einfordern.
Wenn man eine Abschätzung der zukünftigen Entwicklung
versucht, so ist es wenig wahrscheinlich, dass sich die integrierte
Linie einer auf Bio-, Öko- und Sozialsysteme eingestimmten
Gentechnik durchsetzen wird, obwohl darin große Chancen
für eine ökosoziale Kultur liegen könnten. Es wird
eher so kommen, dass die problematischen punktuellen Veränderungen
im System, die schnelle Rendite versprechen, als Renner von Morgen
die Tagesordnung bestimmen werden.
Günter Altner ist Biologe und Theologe, bis 1999 tätig
als Professor für Sozialethik an der Universität Landau
und Gründungsmitglied des Öko-Instituts.
Diskurs-Guerilla oder Politikberatung?
Für eine re-politisierte
Publizistik
Fabian Kröger
Die 80er Jahre: Zusammenspiel von Gegeninformation,
öffentlicher Aktion und militanter Politik
In den 80er Jahren ist es vor allem die Frauenbewegung, die Deutschland
zu einem schwierigen Pflaster für Gen- und Reproduktionstechnologie
macht. Zahlreiche feministische Gruppen greifen Gentechnik als
Mittel sozialer Kontrolle und "Stützpfeiler der Männerherrschaft
über Frauen" (Gena Corea) an. Öffentlichkeitsarbeit
und publizistische Initiativen spielten dabei von Anfang an eine
tragende Rolle: Am 4. Februar 1985 erscheint die Nullnummer des
Gen-ethischen Informationsdienstes (GID). Gestartet wird mit einer
Auflage von 20 Exemplaren und jeweils vier Seiten. Ziel sei es,
"einen Agenturdienst für die gerade entstehenden Gruppen
auf(zu)bauen, die sich kritisch mit dem Thema Gentechnik befassen",
schreiben die InitiatorInnen. Ohne redaktionelle Bewertung sollten
"Gebrauchsinformationen" angeboten werden "unabhängig
davon, ob sie aus Industrie, Forschung, Kirche, Gewerkschaft,
Parteien, Frauenbewegung, "Szene" oder Bürgerinitiativen
kommen." (1) Etwa zur gleichen Zeit beginnt in Essen das
Gen-Archiv, die Verflechtungen zwischen Industrie und Wissenschaft
zu recherchieren. Im Sommer 1986 wird dann in Berlin das Gen-ethische
Netzwerk gegründet, um den GID herauszugeben und eine eigenständige
Öffentlichkeitsarbeit zu machen. Im Januar 1987 erscheint
das erste Heft der kritischen Zeitschrift E. coli-bri, die sich
mit Bevölkerungspolitik und Humangenetik befasst.
Entscheidend ist hier, dass der Widerstand gegen Gentechnologie
nicht nur ein publizistisches Phänomen bleibt. Die Stärke
der "Bewegung" liegt im Zusammenspiel von Gegeninformationen,
öffentlicher Aktion und militanter Politik und erreicht zu
diesem Zeitpunkt eine besondere Qualität: Vom 19. bis 21.
April 1985 findet in Bonn der erste Kongress von und für
Frauen gegen Gen- und Reproduktionstechnologien statt. Knapp eine
Woche vorher am 13. April 1985 - verübt die militante
Frauengruppe Rote Zora einen Sprengstoffanschlag auf den Biotechnologiepark
in Heidelberg. "Dies ist unser Beitrag zu dem Kongreß
Frauen gegen Gentechnik und Reproduktionstechnik in Bonn, den
wir als Ausdruck radikaler Ablehnung von Frauen dieser Technologie
sehen"(2), schreibt die Guerilla, die weitere Anschläge
gegen Bio- und Atomtechnologien verübte.
Heute: Herrschafts- und Religionskritik
statt Politikberatung
Im Laufe der folgenden 20 Jahre hat der Widerstand gegen Gen-
und Reproduktionstechnologien in der Bundesrepublik sein Gesicht
stark verändert. Es fehlen soziale Bewegungen, die über
Analyse und Kritik hinaus zu gegenkultureller Praxis und öffentlichkeitswirksamen
Aktionen in der Lage sind.(3) Der Anspruch, die Kritik an den
Biowissenschaften als radikales politisches Handeln zu begreifen,
ist heute wenig ausgeprägt. Zielsetzungen wie die der Roten
Zora, die "tatsächlich Schaden anrichten und Abläufe
konkret stören, Entwicklungen verhindern" wollte, wie
die inzwischen aufgelöste Gruppe in einem Resumée
1993 schreibt, findet man heute kaum.(4) Sieht man von einigen
militanten Feldbesetzungen ab, ist von dem oben beschriebenen
Zusammenspiel verschiedener Interventionsformen heute vor allem
eine viel spezialisiertere kritische Publizistik geblieben. So
wurde im Dezember 1997 die Zeitschrift Bioskop Forum zur
Beobachtung der Biowissenschaften gegründet, die auf eine
strikt politische Beantwortung biowissenschaftlicher Fragen setzt.
Genau diesen Ansatz gilt es heute auszubauen:
Entscheidend ist es erstens, die Biotechnologie in Beziehung mit
dem zu setzen, was gerade gesellschaftlich passiert. Der Diskurs
um genetische Erkrankungen muss auf den neoliberalen Umbau des
Gesellschaftssystems bezogen werden, der alle Risiken auf den
Einzelnen abwälzt. "Schließlich bezog auch die
Anti-AKW-Bewegung ihre Stärke nicht aus der bloßen
Ablehnung einer Technologie, sondern aus dem Kampf gegen die gesellschaftlichen
Hintergründe, die im "Atomstaat" zusammen gefasst
wurden".(5) Durchbrechen wir die alte Arbeitsteilung, nach
der Sozialwissenschaftler reflektieren, was Naturwissenschaftler
an "Tatsachen" produziert haben. Sprechen wir also wieder
mehr über technologisch gestützte Disziplinierung und
Kontrolle, weniger über kurz notierte Tagespolitiken. Als
Leitlinie kann immer die Frage gelten, wer zu welchen sozialen,
kulturellen, ökonomischen oder militärischen Zwecken
mit welchen Interessen und im Kontext welcher ideologischen Konstrukte
Pipette und Petrischale in Bewegung bringt. Nur so kann der immer
wieder gestellten Falle des Chancen-und-Risiken-Politikberatungs-Diskurses
entkommen werden, dessen einziges Ziel darin besteht, die Anwendung
juristisch verbindlich zu regeln. Das lehrt beispielsweise die
"Diskursexplosion" von oben um die Beschlüsse der
Benda Kommission zur Gen- und Fortpflanzungstechnologie 1986,
wie die Kulturwissenschaftlerin Gerburg Treusch-Dieter schreibt.
(6) Eine Explosion, die im Gegensatz zu denen der Roten Zora die
gesellschaftliche Durchsetzung der neuen Technologien und den
Zerfall der neuen Frauenbewegung zur Folge hatte.
Zu einer Politisierung der Gen-Debatte gehört zweitens, die
sich in den Biowissenschaften entfaltende religiöse Dynamik
zu begreifen. Bisher wird kaum berücksichtigt, dass das Versprechen
vom Ende von Hunger, Krankheit und Tod alle Anzeichen einer religiösen
Mythologie trägt. "Die Naturwissenschaft ist die Religion
unserer Zeit. Sie bestimmt, was selbstverständlich als wahr
begriffen wird", schreibt Jörg Djuren vom Arbeitskreis
Alternative Naturwissenschaften.(7) Krisen und Bedrohungen der
Gesellschaft und des Einzelnen werden in diesen mythologisch-religiösen
Diskursen der Naturwissenschaften verhandelt, ähnlich wie
das in den antiken Tragödien geschah. Hier zeigt sich, dass
die eigentliche materielle Gewalt der Biotechnologie in der Macht
ihrer Diskurse liegt, denen mit Bomben nur schwer beizukommen
ist: Einer der verheerendsten Effekte der Biowissenschaften besteht
in ihrer Fähigkeit, ein Glaubenssystem zu installieren, das
die Wahnehmung kolonisiert: So halten sich heute immer mehr Menschen
für genetisch gesteuert.
Fabian Kröger, geboren 1975, lebt und arbeitet als Publizist
in Berlin. Er ist Mitherausgeber des Buches "Angewandte Genetik
- Gene zwischen Mythos und Kommerz", Berlin 2002. www.fabiankroeger.de
Fußnoten:
(1) Gen-ethischer Informationsdienst Nr. 7 vom September 1985.
(2) Rote Zora, Aktion gegen den Technologiepark Heidelberg, April
1985, in: www.freilassung.de/div/texte/rz/zorn/Zorn51h.htm (Stand:
17. September 2006).
(3) vgl. BüroBert, minimal club, Susanne Schultz (Hg.), geld.beat.synthetik,
Abwerten bio/technologischer Annahmen, Berlin 1996, S. 27.
(4) Rote Zora, Millis Tanz auf dem Eis, Kampagne gegen Bevölkerungspolitik,
Gen- und Reproduktionstechnologien, 1993, in: www.nadir.org/nadir/archiv/PolitischeStroemungen/
Stadtguerilla+RAF/rz/fruechte_des_zorns/zorn_2_17.html (Stand:
17. September 2006).
(5) Nowak, Peter, Schöne neue Genwelten, in: Telepolis vom
2. Februar 2003, www.heise.de/tp/r4/artikel/13/13856/1.html (Stand:
17. September 2006).
(6) Treusch-Dieter, Gerburg, Von der sexuellen Rebellion zur Gen-
und Reproduktionstechnologie, Tübingen 1990, S. 194.
(7) Djuren, Jörg, Fragmente einer aktuellen Kritik der Gentechnologie
zu Beginn des 21. Jahrhunderts, in: http://ak-anna.org/naturwissenschaftskritik_alternativen/
gentechnik_kritik.html (Stand: 17. September 2006).
Jan van Aken
Vor rund 20 Jahren erblickte die grüne
Gentechnik das Licht der Welt, als die ersten genmanipulierten
Pflanzen im Freiland getestet wurden. Seitdem wird zu Recht viel
über Auskreuzung, Umweltrisiken, Lebensmittel und Verbraucherschutz
gestritten. Aber wenn wir uns mit den Industrieexperten wackere
Gefechte über Pollenflugweiten und Springschwanztoxizitäten
liefern, bleibt manchmal die Frage auf der Strecke, wofür
der ganze Aufwand überhaupt? Wem nützt der Genmais?
Wem nützt es, wenn Heerscharen von WissenschaftlerInnen jahrelang
daran arbeiten, eine einzelne Eigenschaft in eine einzelne Nutzpflanze
hineinzumanipulieren?
Die Technik zur gezielten genetischen Veränderung von Pflanzen
ist nicht vom Himmel gefallen, sondern wurde mit einem Milliardenaufwand
erkauft und wird auch mit zunehmendem Alter der Technologie nicht
wirklich billiger. Alle Versprechen aus den frühen 1980er
Jahren, dass mit Hilfe der neuen Wundertechnik beliebige Eigenschaften
in Jahresfrist in beliebig viele Pflanzen eingeführt werden
können, haben sich in Wohlgefallen aufgelöst. Jede neue
Eigenschaft muss mühselig identifiziert, getestet und wieder
getestet, in Hochleistungssorten eingeführt und abermals
getestet werden, um am Ende dann über den klassischen, Jahre
dauernden Züchtungsprozess in die dann aktuellen Pflanzensorten
überführt zu werden. Wer sich einmal ansieht, wie viele
Freisetzungsversuche in den USA durchgeführt werden, bis
es eine neue Sorte auf den Markt schafft, bekommt eine Vorstellung
von dem Forschungsapparat und den ungeheuren Kosten, die hinter
jeder einzelnen genmanipulierten Ackerpflanze stehen.
Das Problem mit der Spargellaus
Marktwirtschaftlich gerechnet lohnt sich dieser Aufwand nicht,
wenn Bauer Huber im mittleren Unterfranken in diesem Jahr ein
Problem mit der Spargellaus hat. Die Kosten für eine gentechnisch
erzeugte Spargelsorte mit Laus-Resistenz ein hypothetisches
Beispiel (hoffe ich) wären so hoch, dass sie in hundert
Jahren nicht amortisiert wären, selbst wenn jeder einzelne
Spargelbauer auf der ganzen Welt diese neue Sorte anbauen würde.
Ganz abgesehen davon, dass global gesehen die meisten Bauern wahrscheinlich
gar kein Problem mit der Spargellaus haben.
Das gilt im Übrigen nicht nur für den Spargel vom Huberbauern,
sondern auch und erst recht für die Bauern und Bäuerinnen,
die irgendwo in Afrika, Asien oder Lateinamerika mühsam versuchen,
ihre Existenz auf marginalisierten Böden zu sichern. Die
einzige Versicherung gegen eine Vielfalt von Anbaurisiken
Regen und Trockenheit, Hitze und Kälte, Heuschrecken und
Pilze ist eine Vielfalt auf dem Acker, die sich schon kleinräumig,
von Acker zu Acker und Dorf zu Dorf, unterscheiden kann und muss.
Um diese Vielfalt gentechnisch aufzurüsten, wären Investitionen
notwendig, die marktwirtschaftlich wie volkswirtschaftlich - das
heißt durch eine öffentliche Förderung völlig
illusorisch wären. Das ist keine Frage der gegenwärtigen
gesellschaftlichen Bedingungen, sondern die inhärente Eigenschaft
einer Technik, die einen immensen Forschungs- und Entwicklungsaufwand
erfordert, trotz ihres mittlerweile zwanzigjährigen Daseins
als ,Zukunfts'-Technologie.
Kontrolle über die Lebensmittelproduktion
Weltweite, dauerhafte und großflächige Absatzmärkte
sind die unabdingbare Voraussetzung für den ökonomischen
Erfolg der grünen Gentechnik. Wirtschaftlich versagt sie
völlig bei regional oder nur kursorisch auftretenden Problemen
und erst recht bei Pflanzen, deren Saatgut nicht jedes Jahr wieder
neu eingekauft werden muss. Spargel und Apfelbaum sind sozusagen
der natürliche Feind der Gentechnikindustrie.
Das ist nur scheinbar eine gute Nachricht, denn im Umkehrschluss
bedeutet das auch, dass die grüne Gentechnik immer auch etwas
mit Kontrolle über die Lebensmittelproduktion zu tun hat.
Dort wo sie funktioniert, funktioniert die grüne Gentechnik
nur, wenn ein Konzern einen Sektor der Landwirtschaft komplett
durchdringt und Marktbedingungen durchsetzt, die einen dauerhaft
gesicherten Absatz ermöglichen. Über Lizenzgebühren
verbleibt jeder eventuelle Mehrwert einer genmanipulierten Pflanze
so denn überhaupt einer existiert beim Konzern,
und über die jährlichen Saatgutverkäufe ist eine
dauerhafte Einnahmequelle gesichert.
Aus meiner Sicht liegt hier das größte Problem der
grünen Gentechnik. Die Welt würde sich auf einen riskanten
Pfad begeben, wenn wir die Kontrolle über unsere Hauptnahrungsmittel
komplett einer kleinen Clique von Großkonzernen überlassen.
Ist der Markt erstmal durchdrungen, sind nicht nur einzelne Bauern,
sondern auch ganze Länder und Regionen den Markt- und Preisstrategien
der Konzern ausgeliefert.
Heute mag das noch sehr nach Verschwörungstheorie klingen,
denn noch ist die grüne Gentechnik auf wenige und nicht wirklich
zentrale Sektoren beschränkt. Von den Hauptnahrungsmitteln
der Welt ist nur der Mais im nennenswerten Ausmaß genmanipuliert,
und auch das nur in einigen wenigen Ländern. Wenn gentechnisch
veränderter Reis und Weizen dazu kommen und zudem über
Hybridsaatgut und/oder Terminator-Technologie auch bei diesen
Pflanzen ein jährlicher Saatgutverkauf gesichert werden kann,
wird sich die Situation schnell ändern. Weizen als Waffe,
dieses Schlagwort aus den Siebziger Jahren bekommt durch die Gentechnik
eine ganz neue Aktualität.
Power für den Bauer
Eine ausreichende und gesunde, vielfältige Ernährung
braucht eine gesunde und vielfältige Landwirtschaft, in der
regional produziert und konsumiert wird. Die Gentechnik kann genau
das nicht leisten, sie steht für Einfalt statt Vielfalt,
für eine Entrechtung der Bauern und für eine Globalisierung
des Lebensmittelmarktes. Die Gefahr, dass in einer Vorstandsetage
in Basel oder St. Louis entschieden wird, was die Menschen in
Unterfranken oder Obervolta (nicht) zu essen bekommen, ist aus
meiner Sicht ein ganz gewichtiger Grund, sich gegen die Gentechnisierung
der Landwirtschaft zu stellen. Oder, um es mit Christof Potthof
vom Gen-ethischen-Netzwerk zu sagen: Power für den Bauer,
im Alten wie im Zulu-Land!
Jan van Aken ist Biologe und arbeitet seit über 20 Jahren
zu den Risiken der Gentechnologie, unter anderem an der Universität
Hamburg und bei Greenpeace.
Fußnote
(1) Lenin, Werke, Band 19, Dietz-Verlag 1971, S. 34-35.