Artikel:
Ein Inselreich für die Embryonenforschung
Mitte August veröffentlichte eine Expertengruppe
in Großbritannien einen Bericht mit der Empfehlung, nicht
nur die Forschung an humanen embryonalen Stammzellen, sondern
auch das sogenannte therapeutische Klonen von menschlichen Embryonen
möglich zu machen. Das britische Parlament soll noch im Herbst
über eine Gesetzesvorlage abstimmen.
Kurz
Notiert
Weg:
Embryo-Patentantrag
Zwei Unternehmen, die Patentanträge auf menschliche Embryonen
gestellt haben, wollen nach massivem Protest der Umweltorganisation
Greenpeace und von Gentechnik-KritikerInnen weltweit sämtliche
Ansprüche zurückziehen, die menschliche Embryonen umfassen,
und einen internationalen Patentantrag zur Genmanipulation von
Misch-Embryozellen aus Schwein und Mensch zurückziehen, um
ihn umzuformulieren. Das australische Unternehmen Stem Cell Sciences
(SCS) und das US-Unternehmen BioTransplant haben den Internationalen
Patentantrag WO 99/21415 nach Angaben des Europäischen Patentamtes
(EPA) schon 1998 gestellt. Laut dem Patentexperten Joseph Straus
vom Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales
Patentrecht in München seien sich die Unternehmen jedoch
im klaren gewesen, dass das EPA die Patentansprüche nicht
gewähren könne und hätten den Antrag deshalb einfach
ruhen lassen. "Die Patentämter sorgen für Transparenz,
ohne sie würde es vielleicht gar nicht bekannt, woran geforscht
wird", wies er die ethische Verantwortung an die hinter den
Patentanträgen stehende Forschung zurück. Allerdings
hat das EPA schon einmal "versehentlich" einen Patentschutz
für Embryonen gewährt, weshalb Greenpeace die Politik
des Amtes und dort eingehende Anträge auch weiterhin kritisch
beobachtete. Einem Greenpeace-Sprecher zufolge ist der jetzige
Antrag "nur ein Beispiel für hunderte oder tausende
derartiger Patente". (Berliner Zeitung, 11.10.00) (sb)
IVF-Sohn
für Spende
Um ihre todkranke Tochter zu retten, ließ ein Ehepaar aus
Colorado im Reagenzglas ein Baby herstellen, das sich als Spender
von Stammzellen eignet. Nach der Geburt wurden Stammzellen aus
der Nabelschnur des Reagenzglas-Sohnes in das Rückenmark
der Tochter injiziert. Während der Endredaktion des GID war
noch unklar, ob die Therapie Erfolg hatte, weil das Ergebnis für
die Ärzte erst eine Woche nach der Behandlung ersichtlich
wird. Sowohl Lisa als auch Jack Nash haben je ein gesundes und
ein schadhaftes sogenanntes Fanconi-Gen, das die Krankheit
einen tödlichen Mangel an Knochenmark - auslöst. Das
bedeutet eine 25prozentige Chance, dass ein von ihnen gezeugtes
Kind unter Knochenmarksmangel leiden wird. Um nicht noch ein krankes
Kind zu bekommen, entschieden sich die Eltern für eine Präimplantations-Diagnose:
Dabei entnehmen Mediziner einem durch künstliche Befruchtung
gezeugten Embryo Zellen und testen sie auf das Krankheits-Gen.
Im Fall Nash testeten die Ärzte, ob die Zellen mit denen
der kranken Schwester Molly übereinstimmten. Bei zwei von
15 Embryonen war dies der Fall. Einer der beiden wurde Lisa eingepflanzt,
vor zwei Monaten kam Sohn Adam auf die Welt. Durchgeführt
wurde die Behandlung von Charles Strom vom Illinois Medical Center.
Laut Presseberichten habe die Prozedur "dem kleinen Adam
in keiner Weise geschadet". Mutter Lisa zeigte sich gerührt:
"Molly hielt während der Transplantation ihren Bruder
liebevoll im Arm." Der Bioethiker Jeffrey Kahn aus Minnesota
allerdings fürchtet die Konsequenzen: "Das ist wie bei
einem Autokauf - man sucht sich das Modell mit den passenden Extras."
(www.gen-info.de, 3.10.00; Tagesspiegel 4.10.0) (sb)
Weg: Embryonen
Aus mindestens zwei britischen Kliniken sind menschliche Embryonen
entweder gestohlen, falsch gelagert oder versehentlich vernichtet
worden. Die befruchteten Eizellen sollten eigentlich Frauen eingepflanzt
werden. Nach Angaben des britischen Gesundheitsministeriums sind
insgesamt 39 Paare betroffen. Die Paare sind laut Presseberichten
außerdem besorgt, dass ihnen bei einer künstlichen
Befruchtung ein fremder Embryo eingepflanzt worden sein könnte.
Das Verschwinden der Embryonen war vor einigen Tagen in einer
privaten Klinik in der Grafschaft Hampshire südwestlich von
London aufgefallen. Als eine Frau dort erschien, um sich einen
Embryo einpflanzen zu lassen, der dort schon vor einiger Zeit
durch Befruchtung ihrer Eizelle mit dem Sperma ihres Mannes entstanden
war, konnte dieser nirgends gefunden werden. Daraufhin wurde die
Lagerung der Embryonen in diesem Krankenhaus sowie in einem benachbarten
staatlichen Krankenhaus der Stadt Basingstoke überprüft.
Dabei fand die Behörde heraus, dass zwischen Aufzeichnungen
und tatsächlichen Beständen zahlreiche Widersprüche
bestanden. So hätten sich in den Gefrierschränken andere
Embryonen befunden als in den Büchern eingetragen waren.
In anderen Fällen habe man verzeichnete Embryonen nicht gefunden.
Man wisse nicht, was eigentlich mit den verschwundenen Embryos
passiert sei, sagte ein Sprecher der Krankenhausgesellschaft der
Grafschaft Hampshire. Denkbar sei, dass schlampig Buch geführt
wurde, Embryonen an falscher Stelle aufbewahrt wurden oder möglicherweise
sogar vernichtet worden seien. (Der Spiegel online, 23.9.00; Heft
38/0) (sb)
Weg: weibliche
Gene
Schwule Paare könnten ein gemeinsames Kind ohne weibliche
Gene zeugen. Davon ist der britische Biochemiker Calum MacKellar
von der Universität Edinburgh überzeugt. Die technische
Machbarkeit sei bereits mit dem Klon-Schaf Dolly bewiesen worden,
sagte der Forscher. Die eingesetzte Zellkernverpflanzung könne
zu reinen "männlichen Eizellen" weiterentwickelt
werden. Diese könnten dann mit dem Sperma eines zweiten Mannes
befruchtet werden. Ausgangsbasis bleibe auch weiterhin die gespendete
Eizelle einer Frau. Deren Kern könne durch den Kern einer
Samenzelle ersetzt werden. Die so modifizierte Eizelle besitze
dann ausschließlich männliches Erbgut. Zum Austragen
des Kindes blieben die zwei Väter dann noch auf die Hilfe
einer Leihmutter angewiesen. Noch gebe es aber grundsätzliche
genetische Hindernisse für dieses Szenario, muss der Forscher
einräumen. Der Verzicht auf weibliche Erbanlagen ist in Tierversuchen
bislang immer gescheitert. (MorgenWelt, 25.9.00; BBC, 25.9.0)
(sb)
Der Klon
kommt?
Führende britische NaturwissenschaftlerInnen und MedizinerInnen
rechnen mit der Geburt des ersten geklonten Babys in spätestens
zwanzig Jahren. Das Klonen von Menschen im Rahmen der Fortpflanzungsmedizin
sei ihrer Ansicht nach "unvermeidlich", berichtete die
britische Zeitung The Independent. Von 32 Wissenschaftlern, darunter
mehrere Berater der britischen Regierung, gaben mehr als die Hälfte
an, dass mit dem Beginn des so genannten "reproduktiven Klonens"
schon in etwa zwanzig Jahren zu rechnen sei. Das "therapeutische
Klonen" von embryonalen menschlichen Stammzellen könnte
den Wissenschaftlern zufolge die Vorstufe zu einer Lockerung des
bestehenden Verbots des Klonens von Erwachsenen bilden. Dieser
Meinung sind laut Independent die Mehrheit der Befragten, darunter
auch der renommierte Oxford-Professor Richard Dawkins. (taz, 1.9.0)
(sb)
"Verantwortungslos"
In ihrem lange erwarteten Gutachten teilt die Amerikanische Gesellschaft
zur Förderung der Wissenschaft (AAAS) mit, dass gentechnische
Veränderungen an vererbbaren menschlichen Genen in der Umsetzung
noch nicht sicher sein können. Die weltgrößte
Wissenschaftler-Vereinigung rät dringend davon ab, Versuche
an menschlichem Erbmaterial durchzuführen. Es müsse
mit dem Einsatz in der Praxis unbedingt gewartet werden, bis eine
strenge Aufsicht und klare Normen vorhanden seien. Derzeit seien
die Methoden noch so unausgereift, dass durch veränderte
Gene, die in das Sperma oder die Eizellen der Patienten gebracht
werden, neue genetische Fehler auftreten könnten. Dies sei
vor allem deshalb verheerend, weil die Fehler ebenfalls in künftige
Generationen transportiert würden. Die Veränderung von
genetischem Erbmaterial sei derzeit nicht nur medizinisch "verantwortungslos",
sondern werfe auch ethische und religiöse Fragen auf. "Die
gentechnische Veränderung von Erbmaterial ändert die
Einstellung zum Wesen Mensch, zur natürlichen menschlichen
Fortpflanzung und zur Eltern-Kind-Beziehung", so der Bericht.
"Diese Art der Einflussnahme auf Erbmaterial wird die Einstellung
zu behinderten Menschen sicher verschlechtern. Da Menschen einer
Gesellschaft sehr unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten zu
diesen Methoden haben, wird mit ihrer Einführung auch eine
gravierende Ungleichheit erzeugt werden." (Der Spiegel online,
19.9.00, Heft 38/0) (sb)
Watson: Alles
abtreiben
Der US-Genforscher und Nobelpreisträger James D. Watson hat
sich für eine genetische Untersuchung von Embryonen und die
Abtreibung erbgeschädigter Kinder ausgesprochen. In der Frankfurter
Allgemeinen Zeitung (FAZ) warnte Watson davor, "im Namen
Gottes unnötige persönliche Tragödien" geschehen
zu lassen. Künftig gelte es möglicherweise als "unmoralisch",
wenn Eltern "die Geburt von Kindern mit gravierenden genetischen
Defekten" zulassen würden. Damit wiederholte Watson
seine Position, die er bereits vor rund drei Jahren in einer britischen
Zeitschrift geäußert hatte. Dort sprach er sich unter
anderem dafür aus, dass Eltern die Möglichkeit für
eine Abtreibung erhalten sollten, wenn sich mit einer Genanalyse
bei dem Ungeborenen die Anlage für Homosexualität feststellen
lasse. Der 1928 geborene Watson, der zusammen mit Francis Crick
als Entdecker der Struktur der DNA gilt , leitete bis 1992 das
Projekt zur Erforschung des menschlichen Genoms und ist heute
Präsident eines renommierten New Yorker Forschungsinstituts.
In dem Interview bestritt Watson, dass erbkranke Embryonen "die
gleichen existenziellen Rechte haben wie jene, denen ein gesundes
und produktives Leben gegeben ist". Die Gesellschaft habe
das Recht, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Die Entscheidung sollten
die Eltern treffen. Der Ärztepräsident Jörg-Dietrich
Hoppe warf Watson vor, er folge "der Logik der Nazis".
(Kölnische Rundschau, 27.9.00) (sb)
Gentech-Doping
"Die Gentechnik könnte alles überschatten, was
wir gegenwärtig unter Doping-Gesichtspunkten diskutieren."
Davon ist Thomas Bach, Vizepräsident des Internationalen
Olympischen Komitees (IOC), überzeugt. Unter den Dopingmitteln
erfreuen sich vor allem die gentechnisch hergestellten Substanzen
sogenannte körpereigene Wirkstoffe besonderer
Beliebtheit, wie im Zuge der Olympischen Spiele wieder einmal
deutlich wurde. In Sidney wurden erstmals bei Olympischen Spielen
die Athleten auf Hormondoping mit Epo (Erythropoietin) getestet.
Doch schon jetzt sind neue Gentech-Dopingmittel in den Startlöchern:
Während Epo im Körper rote Blutkörperchen bildet,
ersetzt das Mittel Hemopure die roten Blutkörperchen gleich
ganz. Beide Substanzen steigern den Sauerstoffgehalt im Blut und
damit die körperliche Leistungsfähigkeit. Im Gegensatz
zu Epo setzt bei Hemopure die Wirkung allerdings nicht erst nach
einer wochenlangen Behandlung, sondern sofort ein und bleibt mindestens
einige Stunden bestehen. Eigentlich soll das Medikament bei Dialysepatienten
die Transfusion von roten Blutkörperchen überflüssig
machen. Im Doping kann Epo zu Thrombosen oder Herzinfarkt führen,
Hemopure zu einer Immunreaktion bis hin zum Schock. Die Labore
haben allerdings noch mehr zu bieten: So forscht der britische
Biologe Geoffrey Goldspink mit dem Wachstumshormon MFG, das den
Muskelaufbau aktiviert und in der Bodybuilderszene als neues Wundermittel
angepriesen wird. Dieses Hormon, das auch mit Hilfe eines Virus
in den Körper eingebracht wird, lässt Muskeln bis zu
20 Prozent wachsen. Der dänische Forscher Bengt Saltin vom
Kopenhagener Muskelforschungszentrum sagt spätestens für
die Olympischen Spiele 2012 voraus, dass es Sportler geben wird,
die ganz gezielt jeden einzelnen Muskel aufpeppen mit Wachstumshormonen,
die ein Schnupfenvirus gezielt in den Körper schleust. "Dieser
100-Meter-Gen-Sprinter könnte in jedem Vorlauf Weltrekord
rennen. Doch irgendwann explodieren die Beine, vielleicht im Finale
kurz vor dem Ziel, wenn er zehn Meter Vorsprung hat." (Der
Spiegel, 14.9.00, 2.10.00) (sb)
Estland
erfasst Volk
Wie der schwedische Rundfunk Anfang Oktober berichtete, sind die
Vorbereitungen für den Aufbau einer Gen-Bank der gesamten
estnischen Bevölkerung abgeschlossen. Damit wird nun auch
in Estland die Gesundheitsversorgung mit DNA-Analysen verknüpft.
Mit Beginn des kommenden Jahres soll in sämtlichen Einrichtungen
des Gesundheitssystems bei Blutentnahmen grundsätzlich um
das Einverständnis der Patienten gebeten werden, eine DNA-Analyse
vorzunehmen und die gewonnenen Daten in der zentralen Datenbank
zu speichern. Andres Metspalu, einer der Leiter des Nationalen
Genzentrums Tallinn, nennt als Zweck des Unternehmens ein
Teil der Gesamtkosten von etwa 400 Millionen Mark wird von internationalen
Pharmakonzernen getragen - die Erforschung von Zusammenhängen
zwischen Gen- und Umwelteinflüssen. Die Organisatoren rechnen
damit, innerhalb von vier bis fünf Jahren eine Million Datensätze
zu speichern. Das entspricht 70 Prozent der Bevölkerung und
übertrifft den in Island möglichen Umfang an genetischen
Daten dort leben nur 275.000 Menschen - bei weitem. Metspalu
sagt, man wolle "auch sehr viel aufwendiger um die Beteiligung
der Bevölkerung werben". Inwieweit das überhaupt
notwendig ist, scheint fraglich: Dem Bericht des schwedischen
Rundfunks zufolge wurde das Projekt von der Öffentlichkeit
stillschweigend registriert, eine nennenswerte Diskussion fand
nicht statt. Lediglich von Mitgliedern der estnischen Wissenschaftsakademie
wurde kritisiert, dass auch Steuermittel für Aufbau und Betrieb
der Datenbank verwendet werden in Estland fehlen Mittel
für die medizinische Grundversorgung der Bevölkerung
und das medizinische Personal wird nicht ausreichend entlohnt.
(Der Spiegel 38/200/uw)
Klon-Tiere
altern normal?
Geklonte Tiere altern nicht zwangsläufig früher als
normal gezeugte. Darauf weisen US- Versuche des Forschers Teruhiku
Wakayama von der Rockefeller University New York hin. Der Genetiker
konnte zwei Gruppen von Mäusen über vier und sechs Generationen
klonen, ohne dass deren Telomere sich verkürzt hätten.
Die Telomere sind die Endstücke der Chromosomen, die bei
jeder Zellteilung etwas kürzer werden. Beim Klonschaf Dolly
waren noch verhältnismässig stark verkürze Telomere
ermittelt worden. Daraus schlossen die Forscher, dass die Lebenszeit
geklonter Tiere kürzer ausfallen müsste. Die Mäuse
wurden jetzt ebenfalls nach der Dolly-Methode geklont: Der Kern
einer erwachsenen Mäuse-Zelle wurde in eine entkernte unbefruchtete
Eizelle verpflanzt. Die so geklonten Tiere wiesen keine verkürzten
Chromosomen auf. Allerdings ging die Erfolgsrate beim Klonen in
jeder Generation zurück. In der ersten Gruppe entwickelte
sich in der fünften Generation aus 670 geklonten Zellen kein
Nachwuchs mehr. In der zweiten Gruppe kam in der sechsten Generation
nur noch eine Maus zur Welt, die von ihrer Mutter allerdings aufgefressen
wurde. Insgesamt hatten die Forscher fast 4.000 Eizellen geklont.
Warum pro Generation immer weniger Tiere zur Welt kommen, ist
noch unklar. (Nature, Vol. 407 No. 6802 p 318, 21.9.0) (sb)
Unfruchtbar
durch Windeln?
Seit rund 25 Jahren wird eine Abnahme der männlichen Fruchtbarkeit
beobachtet. Mediziner von der Christian-Albrechts-Universität
Kiel vermuten jetzt einen Zusammenhang zwischen diesem Fruchtbarkeitsschwund
und der Verwendung von Einwegwindeln. Die Forscher fanden heraus,
dass bei Säuglingen und Kleinkindern die Hodentemperatur
deutlich erhöht war, wenn sie mit Plastik ausgekleidete Einmalwindeln
trugen. Diese erhöhte Temperatur könnte die normale
Entwicklung des Hodens beeinträchtigen, glauben die Forscher.
Bei 48 Kleinkindern im Alter bis zu viereinhalb Jahren massen
die Mediziner kontinuierlich die Temperatur des Hodensacks. Dabei
trugen die Kinder über 24 Stunden abwechselnd Einmalwindeln
aus Plastik und waschbare Windeln aus Baumwolle. Während
des Tragens der Plastikwindeln war die Hodentemperatur deutlich
höher. Teilweise lag sie sogar über der Körpertemperatur.
Der Kühlmechanismus des Hodensacks komme gegen die Wärmeisolierung
der Plastikwindel nicht mehr an, meinen die Forscher. Eine gute
Kühlung der Hoden sei aber wichtig für die Entwicklung
der Spermien. (British Medical Association, 25.9.00; Archives
of Disease in Childhood 83, Oktober 2000, pp 364 - 368) (sb)
Gen für...
Autismus
Auf den Chromosomen 2, 7, 16 und 19 haben europäische Forscher
aus sechs EU-Staaten bei Autismuspatienten Abschnitte gefunden,
die erste Aufschlüsse über die Entwicklung und Tätigkeit
des Gehirns geben. Welche Gene genau für Autismus verantwortlich
sind, soll noch im Detail entschlüsselt werden. Eines von
2500 neugeborenen Kindern in der EU meist Jungen gilt
als autistisch. Schon vor zwanzig Jahren ergaben Untersuchungen
von eineiigen Zwillingen, dass, wenn ein eineiiger Zwilling Autist
ist, es mit 60-prozentiger Wahrscheinlichkeit auch der andere
Zwilling ist, der genetisch mit dem ersten identisch ist. Bei
zweieiigen Zwillingen sind die Brüder oder Schwestern von
Autisten jedoch nur mit einer Wahrscheinlichkeit von drei Prozent
betroffen. Ein Team aus europäischen und US-amerikanischen
ForscherInnen hat nun 130 Familien mit je zwei autistischen Kindern
auf Übereinstimmungen im Erbgut untersucht. Unterstützt
wird das Projekt von der EU. Vor allem das Chromosom 7, aber auch
die Chromosomen 16 und 2, stehen im Verdacht, Gene für Autismus
zu beherbergen. Allerdings umfasst allein das Chromosom 7 rund
170 Millionen DNA-Bausteine. Auf 10 Millionen Bausteine konnten
die Forscher ihr gesuchte Gebiet eingrenzen. In zwei bis drei
Jahren will das internationale Forscherteam die ersten Gene gefunden
haben, die an der Entstehung des Autismus beteiligt sind. Insgesamt
machen drei bis vier Gene für diese Krankheit anfällig,
vermutet Anthony Bailey, der Leiter des Forschungszusammenschlusses.
Konkurrierende Gruppen gehen von bis zu 15 Genen aus, die jeweils
nur einen kleinen Teil dazu beitragen, dass die Krankheit entsteht.
"Bis 2005 sollten wir die genetische Beratung im Griff haben",
meint der Londoner Psychiater Anthony Bailey. "Bevor wir
das genetische Wissen in die Praxis umsetzen und die Kinder auch
behandeln können, werden dann aber noch einmal fünf
bis zehn Jahre vergehen. " (SZ 1.8.00; Die Welt 20.7.0) (sb)
Gen für...
Altersdiabetes
US-WissenschaftlerInnen wollen ein Gen gefunden haben, das in
einem beschädigten Zustand zur Entstehung von Altersdiabetes
beiträgt. Das schadhafte Gen soll das Risiko um das Fünffache
steigern können. Bereits 1996 hatte ein Team um die Genforscher
Craig Hanis von der Universität von Texas und Graeme Bell
von der Universität von Chicago einen Abschnitt auf dem Chromosom
2 eingekreist, auf dem sich ein Diabetes-Gen befinden musste.
Die Wissenschaftler untersuchten das Erbgut mexikanischer Einwanderer,
die besonders diabetesanfällig sind. Jetzt haben sie in Zusammenarbeit
mit Forschern aus den USA, Deutschland, Schweden und Japan das
Gen gefunden. Es gibt die Bauanleitung für ein Eiweiß
namens Calpain-10. Von Calpain-10 gibt es mindestens acht verschiedene
Varianten. Die Hauptrisiko-Variante des Gens heißt "UCSNP-43".
Möglicherweise steuert Calpain-10, wie die Muskulatur auf
Insulin reagiert. Es ist das dritte Eiweiß-spaltende Enzym
("Protease"), das mit der Diabetes-Entstehung in Verbindung
gebracht wird. Dies sei eine "fundamental neue Hypothese"
für die Forschung, so bejubelt die Fachzeitschrift Nature
Genetics die Studie. Weltweit gibt es 135 Millionen Altersdiabetes-Kranke.
Mitverantwortlich für die Krankheit sind im hohen Maße
Ernährung und Lebensstil. Schon länger ist bekannt,
dass auch etliche Gene zur Altersdiabetes beitragen. Der genetische
Anteil soll unter den Europäern vier Prozent, unter den mexikanischen
Einwanderern 14 Prozent betragen. Komplex wird die Angelegenheit,
weil Veränderungen in dem jetzt gefundenen Abschnitt des
Calpain-Gens das Risiko für Diabetes sowohl auf ein Drittel
senken als auch um das Fünffache erhöhen können.
Noch komplexer wird die Angelegenheit, weil sich der Gen-Abschnitt
in einem Bereich des Erbmerkmals befindet, der gar nicht abgelesen
wird in einem sogenannten "Intron". Introns sind
normale Bestandteile von Genen. Sie werden aber herausgeschnitten,
bevor die Erbinformation in ein Eiweiß übersetzt wird.
Nun vermuten die Autoren der Studie, dass Introns möglicherweise
beeinflussen können, wie aktiv das Gen ist. Fazit: Die Diabetes-Entstehung
scheint auf allen Ebenen ein hochkomplexer Vorgang zu sein. (Tagesspiegel,
27.9.00; Nature Genetics, Band 26, S. 163) (sb)
Krebsforschung
Ein US-Forschungsteam um Eli Gilboa vom Center for Genetic and
Cellular Therapies in Durham, USA, hat erstmals in menschliche
Immunzellen die Erbinformation für die Bildung des Enzyms
Telomerase eingeschleust. Das Enzym Telomerase verhindert in gesunden
Zellen den programmierten Zelltod. Das Enzym steht seit längerem
in Verdacht, auch Tumorzellen vor dem Sterben zu schützen.
Die Forscher haben bei Versuchen im Reagenzglas und an Mäusen
festgestellt, dass Teile des Enzyms Telomerase umgekehrt das Immunsystem
zur Zerstörung von Tumoren anregen können. Den Forschern
gelang es nun, das Gen für Telomerase in "Dendritische
Zellen" einzubauen. Die modifizierten Zellen trugen daraufhin
die Telomerase-Information auf ihrer Oberfläche. Von der
Oberfläche lesen die T-Zellen des Immunsystems ab, welche
Fremdkörper sie bekämpfen müssen. Allerdings befindet
sich Telomerase auch in gesundem Knochenmark und anderem Gewebe.
Wie diese potentiellen Ziele vor dem Immunsystem geschützt
werden können, ist noch offen. Zu dem "Impfstoff gegen
Krebs", auf den die Forscher auf lange Sicht hoffen, ist
es daher noch ein langer Weg. (Duke University, 29.8.00; Nature
Medicine, 1.9.0) (sb)
Ernährungsmedizin
In einem 670 Seiten umfassenden Report haben das "World Cancer
Research Fund" (WCRF) und das "American Institute for
Cancer Research" (AICR) neueste Forschungsergebnisse aus
aller Welt über Krebs und Ernährung zusammengefasst
und bewertet. Etwa 35 Prozent aller Todesfälle an Krebs sind
demnach auf eine falsche Ernährung zurückzuführen.
Bei einigen Krebsarten liege dieser Prozentsatz sogar noch bedeutend
höher. Nach Einschätzung der WissenschaftlerInnen könnten
über 34.000 der 51.700 der jährlich in Deutschland neu
auftretenden Dickdarmkrebsfälle durch eine richtige Ernährung
vermieden werden. Und insgesamt würden weltweit durch einen
gesunden Ernährungs- und Lebensstil jährlich drei bis
vier Millionen Menschen weniger an tödlichen Tumoren erkranken.
Krebs fördernd in der Ernährung sind zu hoher Fettkonsum,
überhöhte Energiezufuhr und das damit verbundene Übergewicht,
hoher Kochsalzverzehr, Schimmelpilzgifte, gepökelte Fleischwaren
sowie heterozyklische Amine und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe,
die beim starken Erhitzen - wie Braten, Grillen und Frittieren
- von Fleisch oder anderen Lebensmitteln entstehen können.
Selbst geringe Mengen an Alkohol erhöhen das Risiko für
bestimmte Krebsarten, vor allem für das Mund-Rachen-Karzinom.
Das Krebsrisiko lässt sich senken, wenn in der Ernährung
viel pflanzliche Nahrungsmittel vorkommen, besonders Obst und
Gemüse. Ärzte erfahren in ihrer Pflichtausbildung allerdings
fast nichts über Ernährung. Nach wie vor weist die gültige
ärztliche Approbationsordnung die Ernährung nicht gesondert
auf. Ärzte beraten bei ernährungsbedingten Krankheiten
oft falsch und behandeln nur Sympotme, ohne die eigentliche, ernährungsbedingte
Ursache der Krankheit zu entdecken. Damit sich die Situation an
den Universitäten wenigstens mittelfristig ändert, müssten
der Medizinische Fakultätentag, das Bundesministerium für
Gesundheit, das Zentrale Amt für Prüfungsfragen sowie
Dozenten kooperieren. Die Berliner Tageszeitung taz urteilte in
einem Bericht kritisch: "Die Notwendigkeit für Ernährungsmedizin
wird nicht überall gleichermaßen gesehen. Einigkeit
in diesem Bereich ist im Zeitalter der Gentechnik und Hightech-Medizin
nicht in Sicht. (taz, 11.8.0) (sb)
Nerven
sollen wachsen
Bei der Behandlung von Querschnittgelähmten ist es das Ziel
von Neurologen, gekappte Nerven im Rückenmark dazu anzuregen,
sich selbst neue Wege zu bahnen so, wie sie es in Händen,
Füßen oder im Gesicht können. Die Fachzeitschrift
Nature Biotechnology (Bd. 18, S. 925, 2000) berichtete über
die Arbeit von Forschern von der Yale University in New Haven.
Sie haben mit Zellen aus den Nasen gentechnisch veränderter
Schweine durchtrenntes Rückenmark von Ratten zum Wachstum
angeregt. Die neuen Nervenfasern sollen elektrische Impulse einen
Zentimeter weit über die verletzte Stelle weiterleiten. Ein
Ziel der Forscher ist auch die Gentherapie. Das Team der Neurochirurgin
Ulrike Blömer von der Medizinischen Hochschule Hannover hat
mit gentechnisch umgebauten Lentiviren, die mit Aids-Viren verwandt
sind, verletztes Rückenmark von Ratten zur Produktion wichtiger
Wachstumsfaktoren angeregt. Blömer gelang dies bei den Tieren
bisher ohne Nebenwirkung. Dabei setzt Blömer auf eine Kombi-Therapie,
bei der Antikörper gegen nerveneigene Hemmstoffe und Wachstums-faktoren
sowie eventuell transplantierte Zellen eingesetzt werden. Vor
allem aber müssten die Patienten so früh wie möglich
behandelt werden, um noch intakte Zellen direkt nach der Verletzung
zu retten. (SZ 5.9.0) (sb)
TB-Erreger
blockieren?
Der Tuberkulose--Erreger "Mycobacterium tuberculosis"
kann sich in Immunzellen des menschlichen Körpers - den Makrophagen
- verbergen. Jetzt haben vier Forschungsgruppen ein Enzym identifiziert,
das bei diesem Versteck eine wichtige Rolle spielt. Das Enzym
wird vom Erreger selbst produziert. Es ermöglicht ihm, in
einen Ruhezustand zu fallen und trotzdem seinen Stoffwechsel aufrecht
zu erhalten. Die Forscher haben in Laborversuchen bereits den
Erreger so manipuliert, dass er das Enzym nicht mehr produzieren
konnte. Das Bakterium konnte zwar noch Immunzellen befallen, überlebte
aber die Ruhephase nicht mehr. (Nature, 17.8.00, Vol. 406 No.
6797, pp 735-739; MorgenWelt, 17.8.00) (sb)
Ein
Inselreich für die Embryonenforschung
Mitte August veröffentlichte eine Expertengruppe in Großbritannien
einen Bericht mit der Empfehlung, nicht nur die Forschung an humanen
embryonalen Stammzellen, sondern auch das sogenannte therapeutische
Klonen von menschlichen Embryonen möglich zu machen. Das
britische Parlament soll noch im Herbst über eine Gesetzesvorlage
abstimmen.
Birgit Sutarna
Die Veröffentlichung des Berichtes zur Embryonenforschung
in Großbritannien sorgte besonders in der deutschen Medienlandschaft
für Schlagzeilen: ...Nervenzellen aus Knochenmark... Der
Wert des Embryos und seine Würde... Wenn Helfen und Heilen
zur Obsession werden... Die Verheissung... Organzucht: wenn Rigorismus
neue Wege blockiert...Klon-Forschung nimmt technische Hürden...Die
Initiative des Inselreichs bringt Deutschland in Zugzwang... Die
Reaktionen reichten von der strikten Ablehnung bis hin zur Aufforderung
an den deutschen Gesetzgeber, dem "englischen" Weg zu
folgen, um nicht ins wissenschaftliche Abseits zu geraten.
Der Vorstoß aus Großbritannien scheint in Deutschland
eine neue Dimensionen bei den Diskussionen um die Fortpflanzungsmedizin
einzuleiten. So kurz nach dem vom Bundesgesundheitsministerium
abgehaltenen Symposium zur Fortflanzungsmedizin im Mai diesen
Jahres, das eine öffentliche Debatte über die Fragen
einer Grenzziehung für Wissenschaft und Forschung initierte,
war das Interesse an dem Expertenbericht sehr groß. Bereits
im Juni sorgte die Deutsche Forschungsgemeinschaft allein mit
der Ankündigung, für ein Forschungsprojekt embryonale
Stammzellen aus den USA importieren zu wollen, für großen
Wirbel bei den Debatten um die Embryonenforschung.
Einsatzziel 1:
Klonen für die Transplantation
In dem Bericht der britischen Expertengruppe, die erst im letzten
Jahr gegründet wurde, werden vielfältige Behandlungsmöglichkeiten
mit embryonalen Zellen aufgelistet. So soll die Züchtung
von insulinproduzierenden Zellen künftig Diabetiker heilen;
neu gewonnene Leberzellen könnten bei Hepatitis- und Zirrhosepatienten
eingesetzt werden, und neurale Zellen sollen Parkinson- und Alzheimerpatienten
helfen.
Es wird aber auch eingeräumt, dass die Züchtung komplexer
Organstrukturen, wie beispielsweise Nieren oder Herz, nur auf
eine sehr lange Sicht gelingen könnte. Eher sei ein Fortschritt
in der Entwicklung von Zellen, die Schäden in bereits existierenden
Organen reparieren können, zu erwarten.
Die Expertenkommission unter der Leitung des obersten Gesundheitsbeamten
in Großbritannien, Professor Liam Donaldson, weist in ihrem
Bericht auch auf technische Schwierigkeiten hin, die bei dem Verfahren
nicht auszuschließen sind. So sei nicht klar, ob sich Zellen
und Organe von Embryonen, die aus dem Zellkerntransfer entstanden
sind, normal entwickeln und wie sich ihr Alterungsprozess zeitlich
gestaltet. Auch müsse sich erst herausstellen, ob es zu nicht
vorhersehbaren Mutationen kommen kann oder sich nach der Übertragung
der embryonalen Zellen Tumore entwickeln können. Auch bleibt
ungewiss, ob das aus embryonalen Stammzellen gewonnene Organ oder
Gewebe tatsächlich genetisch kompatibel mit dem Patienten
ist, dessen Zellkern transferiert wurde. Denn in der Eizelle,
in die der Zellkern übertragen wird, befindet sich im Zytoplasma
der äußeren Eischicht Mitochondrien. Sie verfügen
über eine eigene Erbsubstanz, die beim Organempfänger
das Risiko einer Abstoßung des erzeugten Gewebes bergen
könnte.
Einsatzziel 2:
Klonen für ein gesundes Kind
Neben der Transplantationsmedizin sieht die britische Expertenkommission
eine weitere Einsatzmöglichkeit für das Klonen von menschlichem
Erbmaterial im Zusammenhang mit einer künstlichen Befruchtung.
Frauen, die an einer so genannten mitochondrialen Erkrankung leiden,
soll durch den Zellkerntransfer zu einem eigenen genetischen Kind
verholfen werden.
Bisher sind rund 50 verebbare Stoffwechselkrankheiten bekannt,
die durch Schäden der in den Mitochondrien enthaltenen DNA
verursacht werden. Diese Defekte werden über die mütterliche
Linie vererbt. Man könne, so die Expertenkommission, den
Zellkern aus der Eizelle der potentiellen Krankheitsüberträgerin
in eine Eizelle einer anderen Frau übertragen, aus der der
Zellkern zuvor entfernt wurde. Die veränderte Eizelle könnten
Mediziner dann in vitro befruchten. Ein auf diesem Wege gezeugtes
Kind hätte die Zellkern-DNA der Mutter, das Erbgut des Partners
und Mitochondrien-DNA von der Frau, die die Eizelle gespendet
hat.
Vor einer Anwendung dieser Methode wollen die Experten, dass zunächst
gründlich geforscht wird. Denn bisher gibt es kaum Erkenntnisse
über mitochondriale Erkrankungen. So wird zum Beispiel in
dem Bericht darauf hingewiesen, dass nicht sicher sei, ob man
bei einer Zellkernübertragung die Übertragung von genetische
Informationen der defekten Mitochondrien sicher vermeiden könne.
Kritikerinnen und Kritiker weisen bereits schon seit einigen Jahren
darauf hin, dass es sich bei der Übertragung eines Zellkerns
von einer Eizelle in eine andere Eizelle mit fremder Mitochondrien-DNA
als ersten Schritt hin zu einer Keimbahnmanipulation handeln würde.
Denn die Veränderung der genetischen Substanz der Eizelle
wird an die nächsten Generationen weiter gegeben. Bei diesem
Ziel des Zellkerntransfers soll, so geben zum Beispiel Sigrid
Graumann und Hille Haker vom Zentrum für Ethik in den Wissenschaften
der Universität Tübingen in einem Artikel der Zeitschrift
Politics and Sciences zu bedenken, die Therapie nicht eine betroffene
Person heilen, sondern das Ziel sei vielmehr die Erfüllung
eines (genetischen) Kinderwunsches. Somit sei der Zellkern-Transfer
nicht ein therapeutisches, sondern lediglich ein medizinisches
Instrument. Hieraus würde sich die Frage ergeben, ob der
Wunsch nach einem genetisch verwandten Kind ein positives oder
absolutes Recht darstellt. Graumann und Haker verweisen darauf,
dass dieses Recht gegen andere individuelle und soziale Faktoren
abgewogen werden müsse. Zu den individuellen Faktoren zählen
unter anderem die Gesundheitsrisiken, denen die künftige
Mutter durch die Hormonbehandlung bei einer künstlichen Befruchtung
(IVF) ausgesetzt ist, sowie die psychische Belastung, die sich
aus der relativ geringen Erfolgsrate der generellen IVF-Behandlung
ergibt.
Gesetzeslage in Großbritannien
Die positive Stellungnahme der britischen Expertengruppe zum Klonen
menschlicher Embryonen überrascht nicht. Denn Großbritannien
gilt schon lange als eines der führenden europäischen
Länder im Bereich der Fortpflanzungsmedizin und damit
auch im Bereich der Embryonenforschung. So lassen die Vorschriften
im 1990 erstellten Human Fertilisation and Embryology Act (HFEA)
eine Forschung an Embryonen, die nach einer In-vitro-Befruchtung
übrigbleiben, bis zum 14. Entwicklungstag zu. Jedes Vorhaben
zur verbrauchenden Embryonenforschung muss der nationalen Behörde,
Human Fertilisation and Embryology Authority (HFEA) vorgelegt
werden und wird von dieser nach bestimmten Kriterien genehmigt.
Die Wissenschaftler müssen zum Beispiel angeben, dass
- mit den Versuchen langfristig In-vitro-Fertilisation oder andere
Fruchtbarkeitsbehandlungen verbessert werden könnten,
- die Embryonenforschung der Suche nach den Ursachen angeborener Krankheiten dient,
- man mit der Forschung die Ursachen von Fehlgeburten herausfinden möchte
- effektivere Methoden zur Empfängnisverhütung entwickelt werden könnten
- mit der verbrauchenden Embryonenforschung Methoden entwickelt werden sollen, mit denen Gen- bzw. Chromosomenauffälligkeiten bei Embryonen vor der Übertragung in die Gebärmutter (Präimplantationsdiagnostik) entdeckt werden können.
Zwischen 1991 und 1998, so ermittelten die
Experten in ihrem Bericht, wurden von britischen Fortpflanzungsmedizinern
im Labor über 760.000 Embryonen "gezeugt". Davon
gingen über 48.000 "überzählige" Embryonen,
das heißt Embryonen, die nicht für die künstliche
Befruchtung gebraucht wurden, in die Forschung. Es wurden im gleichen
Zeitraum sogar Embryonen nur für Forschungszwecke "erzeugt",
auch wenn ihre Zahl mit 118 im Vergleich zu den "übriggebliebenen
IVF-Embryonen" vergleichsweise gering ist.
Trotz der umfangreichen Möglichkeiten zur Embryonenforschung
war es britischen Wissenschaftler bisher weder erlaubt, menschliche
Embryonen für "therapeutische" Zwecke zu klonen,
noch an embryonalen Stammzellen zu forschen. Dafür ist in
Großbritannien eine Änderung der gesetzlichen Vorschriften
notwendig, bei denen die bei einem Antrag anzugebenden Forschungsziele
erweitert werden müssen. Anzunehmen ist, dass nach einer
Gesetzesänderung Embryonen wesentlich häufiger als bisher
für Forschungszwecke hergestellt werden.
Die Kirche und der Lebensschutz
In Großbritannien wurde der Expertenbericht in den Medien
als wissenschaftlicher Durchbruch gefeiert. Vehemente kritische
Stimmen kamen vor allem aus den Lebensschutz-Fraktionen und die
katholische Kirche zu Wort. Sie argumentieren, dass menschliche
Embryonen nicht als Gegenstände behandelt werden dürften
und sie besondere Rechte hätten. Die katholische Kirche fordert
unbedingten Lebensschutz vom Moment der Zeugung bis hin zum letzten
Atemzug eines Menschen. Vertreterinnen und Vertreter von Organisationen
und Verbänden ausserhalb der Kirchen können sich in
der Öffentlichkeit nur schwer Gehör verschaffen. So
beklagt zum Beispiel Sarah Sexton von der britischen Nicht-Regierungs-Organisation
Cornerhouse in Dorset, dass es ausserhalb der Lebensrechtfrage
für Embryonen keine Diskussion darüber gäbe, woher
die Eizellen für die Forschung kommen sollen sie werden
Frauen entnommen.
Rohstoff Embryo
Auch in Deutschland weisen kritische Stimmen darauf hin, dass
mit den modernen Fortpflanzungstechnologien die Frauen zu Eizellen-Lieferantinnen
werden und das menschliche Leben instrumentalisiert wird. So betont
die Politikwissenschaftlerin Ingrid Schneider, Mitglied der Gruppe
ReproKult, einem kritischen Zusammenhang von Frauen im Bereich
der Fortpflanzungsmedizin in Deutschland, der sich in diesem Jahr
gegründet hat: "Mit der künstlichen Befruchtung
wurde die Zeugung eines Menschen von der Sexualität getrennt.
Mit der verbrauchenden Embryonenforschung soll nun die Zeugung
von der Fortpflanzung abgekoppelt und zu einem Mittel zur Produktion
biologischer Ersatzteile werden. Das heißt, der Embryo soll
nicht mehr vermittels einer Schwangerschaft zum Kind werden, sondern
wird zum bloßen Material, zur Substanz für die Forschung
und für neue biomedizinische Märkte, zum ökonomisch
verwertbaren und patentierbaren Gut."
Noch sind Embryonen und Eizellen Mangelware.Die meisten der bisher
in Großbritannien zur Forschung benutzten Embryonen sind
nach einer künstlichen Befruchtung "übriggeblieben".
Wie die britischen Experten in ihrem Bericht betonen, sollen die
Männer und Frauen, deren Zellen zur Forschung verbraucht
werden, ihr Einverständnis erklären. Eine Frau, die
sich einer IVF unterzieht und somit auf die Forschung angewiesen
ist, wird sich leicht überzeugen lassen.
Doch ist nicht zu erwarten, dass diese Embryonen ausreichen. Das
bedeutet, dass Embryonen im großen Stil nur für die
Stammzellforschung hergestellt werden müssen. Laut dem britischen
Expertenbericht werden rund 12 bis 13 Eizellen benötigt,
um eine embryonale Stammzellinie anzulegen. Eve-Marie Engels,
Professorin am Institut für Ethik in den Biowissenschaften
an der Universität Tübingen, befürchtet: "Wenn
dies im großen Stil zur medizinischen Praxis wird, bedarf
es unzähliger Eizellen.(...) Wer sollen künftig die
Eispenderinnen für das therapeutische Klonen sein?"
(Die Woche, 1.9.2000)
Gesetz wird aufgeweicht
Anders als in den USA oder Großbritannien ist in Deutschland
die Embryonenforschung nach dem Embryonenschutzgesetz (ESchG)
verboten. Doch zunehmend gerät dieses Gesetz unter Beschuss.
Befürworter einer Gesetzesänderung fürchten eine
Abwanderung von Wissenschaftlern sowie einen Statusverlust in
der Forschung und die damit verbundenen finanziellen Verluste.
So fordert zum Beispiel Klaus Diedrich, Direktor der Universitätsklinik
für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Lübeck und Vorkämpfer
für die umstrittene Präimplantationsdiagnostik (PGD):
"Nur eine neues Embryonenschutzgesetz, das unter strengen
Sicherheitsvorkehrungen nach sorgfältiger Prüfung der
Projekte diese Forschung zulässt, ermöglicht es, an
diesem Fortschritt teilzuhaben. Wir können nicht in anderen
Ländern Basisarbeit machen lassen, weil sie hier aus ethischen
Gründen verboten ist, und die Therapien, wenn die Forschung
erfolgreich war, dann hier einsetzen." (Die Woche, 1.9.2000)
Dagegen warnt Ernst-Ludwig Winnacker, Präsident der Deutschen
Forschungsgemeinschaft (DFG), vor Heilsversprechungen und empfiehlt,
nach Alternativen zur Embryonenforschung zu suchen. "Bislang
fehlt der Nachweis, dass therapeutisches Klonen im Tierversuch
funktioniert. Außerdem gebietet es die Verantwortung gegenüber
der Öffentlichkeit, zunächst einmal mögliche Alternativen
wie den Einsatz von Stammzellen aus dem Gewebe erwachsener Menschen
zu prüfen." (Die Woche, 1.9.2000). Auf politischer Ebene
sprach sich Anfang September unter anderem das Europäische
Parlament mit knapper Mehrheit gegen jegliches Klonen von Menschen
aus. Auch das 5. Forschungsrahmenprogramm der Europäischen
Union erlaube weder das therapeutische noch das reproduktive Klonen.
(EU-Ökonews, September 2000)
Verquere Fronten
In einem Interview mit der Wochenzeitschrift Die Zeit antwortet
Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer auf die Frage, auf
welche Seite sich Bündnis90/Die Grünen bei der Debatte
um die Stammzellen schlagen werden: "Die Fronten verlaufen
quer zu allen Parteilinien. Deshalb geben die Briten bei der Entscheidung
über das therapeutische Klonen den Fraktionszwang auf. So
stelle ich mir auch die deutsche Entscheidung über die Reform
des Embryonenschutzgesetzes vor, das wir noch in dieser Legislaturperiode
beschließen wollen." (Die Zeit, 24.8.2000)
Von großer Bedeutung ist der britische Vorstoß zur
Embryonenforschung auch im Hinblick auf die Debatte um ein neues
Fortplanzungsmedizingesetz, an dem im Gesundheitsministerium derzeit
gearbeitet wird und mit dem in Zukunft Forschung und Anwendung
der Fortpflanzungsmedizin geregelt werden soll. Grundsätzlich
zeigt sich Fischer skeptisch, wenn es um die Akzeptanz von gesellschaftlich
gesetzten Grenzen im Bereich der Fortpflanzungsmedizin geht: "Die
Geschichte der Zell- und Reproduktionsforschung ist eine Geschichte
von permanent verschobenen Grenzen. In den vergangenen Jahren
sind die Auflagen schrittweise verändert worden, immer wieder
hieß es: Ja, wir wollen dieses oder jenes machen, was vorher
nicht zulässig war, aber den nächsten Schritt wollen
wir nicht tun."(Die Zeit, 24.8.2000)
Nach Dolly, dem geklonten Schaf, hieß es, den geklonten
Menschen wird es nicht geben. Nun heißt es, zu therapeutischen
Zwecken dürfen menschliche Embryonen geklont werden. Noch
schließt der britische Expertenbericht "reproduktives"
Klonen aus - wie lange wird diese Grenze halten?
Info-Kasten 1
Embryonenforschung in Großbritannien
Eine Zusammenfassung der Empfehlungen, die von der britischen
Expertengruppe in ihrem Bericht ausgesprochen werden:
- Forschung, bei denen die Embryonen (die entweder durch eine künstliche Befruchtung oder durch Zellkerntransfer geschaffen werden) benutzt werden, um zu einem größeren Verständnis menschlicher Krankheiten und ihrer zellbasierenden Behandlungsmethoden zu gelangen, soll unter der Kontrolle der Human Fertilisation and Embryology Authority (HFEA) erlaubt werden
- Bei einer Genehmigung von Forschungsprojekten, bei denen durch Zellkerntransfer erzeugte Embryonen vernutzt werden, soll sichergestellt sein, dass es keine anderen Möglichkeiten gibt, die Forschungsziele zu erreichen.
- Individuen, deren Eizellen oder Sperma benutzt wird, um Embryos für die Forschung zu erzeugen, sollen ihr ausdrückliches Einverständnis dafür geben, dass die Embryonen zur Gewinnung von Stammzellen genutzt werden dürfen.
- Erlaubt werden soll die Erforschung von Behandlungsmöglichkeiten mitochondrial verursachter Kankheiten durch Zellkerntransfer.
- Das Vermischen menschlicher erwachsener (somatischer) Zellen mit lebenden Eizellen einer Tierart soll nicht erlaubt werden.
- Der Transfer eines durch Zellkerntransfer erzeugten Embryos in die Gebärmutter einer Frau (das "reproduktive" Klonen) ist verboten.
- Der Fortschritt in der Forschung mit menschlichen embyronalen Stammzellen soll von einer Körperschaft überwacht werden, um sicherzustellen, dass die Forschung die zu erwartenden Vorteile hervorbringt.
- Die Forschungsgruppen sollen ermutigt werden, ein Programm zur Stammzellenforschung zu entwickeln und die Durchführbarkeit der Einrichtung von Stammzellsammlungen (Stammzellbanken) für Forschungszwecke erwägen. Die Programme sollten sich auf die Entwicklung von Zelllinien aus embryonalem Gewebe und anderen Quellen, die Produktion von Stammzellen durch Zellkerntransfer, die Reprogrammierung von Körperzellkernen zu Stammzelllinien und die Ausdifferenzierung von Stammzell Linien für therapeutische Zwecke beziehen. Durch die Einrichtung von Stammzellbanken würde ein Import von Zell-Linien vermieden werden. (bs)
Info-Kasten 2
Was sind Stammzellen?
Stammzellen sind unspezifische Zellen in einem frühen Entwicklungsstadium. Unter bestimmten Bedingungen können sich Stammzellen teilen und in die verschiedenen Körperorgane ausdifferenzieren. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Stammzellen zu gewinnen:
-aus bestimmten adulten (voll ausgebildeten)
Organen
-aus Fötalgewebe
-aus dem Blut der Nabelschnur
-von Embryonen im frühen Entwicklungsstadium
-und aus reprogrammierten adulten Zellen.
Adulte Stammzellen konnten bereits aus Rückenmark,
Gehirn, Haut und Blut erfolgreich isoliert und gezüchtet
werden. Wissenschaftler glaubten vor noch nicht allzu langer Zeit,
dass sich Stammzellen, die aus bestimmten Organen stammen, auch
nur zu dieser Organart entwickeln können. Inzwischen fand
man heraus man, dass sich zum Beispiel Stammzellen, die aus menschlichem
Rückenmark stammen, noch in verschiede Zellformen wie Blut,
Muskeln und Knochen ausdifferenzieren können.
Stammzellen von Embryonen in einem sehr frühen Entwicklungsstadium
(embryonale Stammzellen) haben den Vorteil, sich zu fast allen
Zelltypen des Körpers entwickeln zu können, einschließlich
zu Nerven, Herzmuskel und Knochenmark. Deshalb werden sie auch
als pluripotente Zellen bezeichnet. Es ist genau dieses Potenzial,
das von Forschern erkannt und als Möglichkeit für neue
Therapien gesehen wird. Embryonalen Stammzellen werden vor dem
14. Tag der embryonalen Entwicklung, also bevor das Nervensystem
sich entwickelt, im Labor isoliert. (bs)
Info-Kasten 3
Embryonenforschung in den USA
Wenige Tage nach der Veröffentlichung
des britischen Berichtes zur Stammzellenforschung hat in den USA
die staatliche Gesundheitsbehörde National Institutes of
Health (NIH) einen Richtlinienentwurf zur Embryonenforschung herausgegeben.
Bisher gibt es in den USA keine gesetzliche Einschränkung
für die Reproduktionsforschung. US-Forscher sorgten in diesem
Bereich immer mal wieder für weltweites Aufsehen. So klonte
der Forscher Jerry Hall 1993 - also schon lange vor dem berühmten
Schaf Dolly und vor den ersten Versprechen, dass es den geklonten
Menschen nicht geben wird - mit einer anderen Klontechnik menschliche
Embryonen. Und 1997 wagte ein Reproduktionsmediziner erste Eingriffe
in die menschliche Keimbahn. Jacques Cohen, der in Livingston
im US-Bundesstaat New Jersey arbeitet, injizierte Zellflüssigkeit
und Mitochondrien aus Spendereizellen in die Eizellen einer 39-jährigen
Frau, bei der vermutet wurde, dass in ihren Eizellen ein Wachstumsfaktor
fehlte, oder ein Defekt bei den Mitochondrien vorlag. (vgl. Gen-ethischer
Informationsdienst, GID 8/1997)
Die einzige Beschränkung in den USA war das Geld: Verbrauchende
Embryonenforschung durfte nicht mit staatlichen Mitteln finanziert
werden. In dem neuen Richtlinien-Entwurf der NIH ist eine Lockerung
dieser Finanzierungspraxis vorgesehen. Künftig sollen öffentliche
Forschungsgelder für die Forschung an embryonalen Stammzellen
fließen - mit der Einschränkung, dass die Embryonen
aus der Reproduktionsmedizin kommen müssen. In Großbritannien
dagegen dürfen sie auch direkt für Forschungszwecke
hergestellt werden. Außerdem müssen die Embryonen in
den USA vorher eingefroren sein. Diese Einschränkung soll
Frauen daran hindern, Embryonen zu Forschungszwecken zu produzieren.
Weiterhin soll die Bezahlung der Spenderinnen verboten werden
und diese sollen auch keinen Einfluss darauf haben, welche Forschungsinstitute
die Stammzellen ihrer Embryonen erhalten. Somit soll einem Handel
mit embryonalen Stammzellen vorgebeugt werden und Frauen sollen
nicht unter den (moralischen) Druck geraten, Eizellen für
kranke Verwandte spenden zu müssen. Die "Handelseinschränkungen"
betreffen jedoch nur die Spenderinnen der Embryonen. In den Richtlinien
wird darauf hingewiesen, dass auch eine von staatlichen Geldern
finanzierte verbrauchende Embryonenforschung ein kommerzielles
Potenzial haben darf. Der finanzielle Nutzen daraus soll aber
nur den Forschungseinrichtungen vorbehalten sein, nicht den Spenderinnen
der Embryonen. Eigentumsfragen zu den embryonalen Stammzellen
bleiben in den NIH-Richtlinien ungeklärt. Es wird aber deutlich
festgelegt, dass zumindest die Frauen, von denen der Embryo stammt,
keine Eigentumsrechte anmelden dürfen.
Die Richtlinien der NIH müssen vom Kongress noch verabschiedet
werden.Bis dahin sind sie Wahlkampfthema. Der Präsidentsschaftskandidat
George W. Bush wandte sich gegen die neuen Richtlinien, da sie
quasi eine staatliche Vernichtung von Embryonen bedeuten. Ebenso
wie der US-Präsident Bill Clinton unterstützt dagegen
Vizepräsident Gore die Richtlinien, da sie seiner Meinung
nach zu neuen medizinischen Einsichten führen könnten.
(bs)
Info-Kasten 4
Was ist "therapeutisches"
Klonen?
Die Geburt des geklonten Schafes Dolly im
Februar 1998 zeigte, dass Embryonen ohne Spermien "gemacht"
werden können. Bei dieser Klontechnik mittels Zellkerntransfer
dieser Technik wird der Zellkern einer Körperzelle entnommen
und in die entkernte Eizelle einer nichtbefruchteten Eizelle injiziert.
Die Veröffentlichung der Klontechnik sorgte seinerzeit für
große Aufregung. Befürworter und Kritiker der Technik
waren sich nur in einem Punkt einig: Das Klonen von Menschen sollte
weltweit verboten bleiben.
Seit dem über einen möglichen Nutzen embryonaler Stammzellen
für die Transplantationsmedizin diskutiert wird, hielt in
die Debatte um das Klonen von Menschen eine neue Wortschöpfung
Einzug: das "therapeutische" Klonen. Anders als das
so genannte "reproduktive" Klonen von Menschen zu Fortpflanzungszwecken,
das weiterhin geächtet werden soll, stellen Wissenschaftler
mit dem "therapeutischen" Klonen von embryonalen Stammzellen
einen direkten Nutzen für Patientinnen und Patienten in Aussicht.
Dabei sollen zum Beispiel zu Therapiezwecken Körperzellen
von einem Patienten, der ein Transplantat benötigt, entnommen
und der Zellkern in eine entkernte Eizelle transferiert werden.
Diese wächst zu einem "embryonalen Stammzellenverbund"
heran. Und aus diesen Zellen soll irgendwann ein benötigtes
Organ oder ein Zellverbund wachsen. Da es sich bei einer Transplantation
dieser Zellen nicht um körperfremde Teile handelt, hofft
man, das Abstoßungsrisiko vermindern zu können. (bs)
Die Autorin ist Ethnologin und zur Zeit
freie Wissenschaftsjournalistin.