Rezension: In der Gesellschaft der Gene

Dirk Thomaschke verspricht in seiner Dissertation, die Entwicklung der „Räume und Subjekte“ der Humangenetik in Deutschland und Dänemark zwischen 1950 und 1990 zu rekonstruieren und übernimmt dafür die von Anne Waldschmidt bereits 1996 in ihrem Buch „Das Subjekt der Humangenetik“ vorgelegte Periodisierung und Subjekttypisierung. Die Entscheidung, die Konstruktion von humangenetischen Räumen als Forschungsfrage zu fokussieren, erweist sich leider als wenig ergiebig. Aus einer großen Materialfülle - zum Beispiel dem Textbestand zu verschiedenen DFG-Projekten oder den Nachlässen von humangenetischen Experten - destilliert er verschiedene Raumkonstruktionen: Behälterräume in den 1960er, Versorgungsräume in den 1970er und Standortdenken sowie internationale Kooperationen in den 1980er Jahren. Der damit verbundene Erkenntnisgewinn ist aber eher gering, wie auch die vergleichende Perspektive auf Deutschland und Dänemark mehr verspricht als die Arbeit zu halten vermag. In Dänemark gab es wie in Deutschland seit den 1930er Jahren eugenische Sterilisations- und Abtreibungsgesetze. Nach dem 2. Weltkrieg wurden sie in Deutschland von den Alliierten außer Kraft gesetzt, bestanden in Dänemark jedoch unproblematisiert fort. Aus diesen Unterschieden ließen sich Erkenntnisse gewinnen, die zur Klärung des Verhältnisses zwischen Humangenetik und Eugenik beitragen könnten. Doch obwohl der Autor verspricht, „die Kontinuität und den Wandel eugenischer Momente im humangenetischen Diskurs bis in die 1980er Jahre“ nachzuzeichnen, vermeidet er dies im Gegenteil weitgehend.
Kirsten Achtelik
➤ Dirk Thomaschke: In der Gesellschaft der Gene. Räume und Subjekte der Humangenetik in Deutschland und Dänemark, 1950-1990, 396 Seiten, 39,99 Euro, ISBN 978-3-8376-2813-5.

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Erschienen in
GID-Ausgabe
227
vom Dezember 2014
Seite 43