HIV-Infektion
Äußerst heikle Ergebnisse präsentieren US-amerikanische WissenschaftlerInnen zum Thema AIDS: Demnach soll eine einzelne Punktmutation, die nur bei aus Afrika stammenden Menschen vorkomme, das Risiko einer HIV-Infektion um 40 Prozent erhöhen. Gleichzeitig mache diese SNP jedoch ihre Träger widerstandsfähiger, so dass ihre Lebenserwartung nach einer HIV-Infektion durchschnittlich zwei Jahre höher sei als bei anderen Infizierten. Für die Studien waren die medizinischen Daten von Angehörigen der US Air Force herangezogen worden, die über die letzten 25 Jahre hinweg gesammelt wurden. Daraus wollen Sunil Ahuja, Direktor des Veterans Administration H.I.V./ AIDS Centers, San Antonio, und Matthew Dolan von den Uniformed Services, University of Bethesda, Maryland, ableiten können, dass Afroamerikaner, die Träger der besagten SNP sind, deutlich häufiger an HIV erkranken als Afroamerikaner ohne diese SNP. Allerdings würde die Krankheit bei ihnen auch langsamer voranschreiten. Bei der SNP handele es sich um eine genetische Mutation, die Menschen im südlichen Afrika früher vor einer bestimmten, heute ausgestorbenen Form von Malaria geschützt habe, behaupten die WissenschaftlerInnen. Aufgrund dieses evolutionären Vorteils sei sie bei AfrikanerInnen heute sehr verbreitet und könnte heute für 11 Prozent der HIV-Infektionen in Afrika verantwortlich sein. Abgesehen davon, dass die Studie den Gen-Zentrismus auf die Spitze treibt (Ursache für eine HIV-Infektion ist ja letztendlich immer eine Virusinfektion und nicht eine genetische Mutation), ist ihre konzeptuelle Basis aber auch in anderer Hinsicht fragwürdig: So sind Methoden, die versuchen, genetische Eigenschaften mit der Abstammung oder Ethnizität eines Menschen zu korrelieren, bestenfalls umstritten. Der Genetiker und HIV-Forscher David Goldstein, Duke University, weist außerdem auf die Gefahr eines Zirkelschlusses hin: Weil AfroamerikanerInnen statistisch häufiger von HIV betroffen seien als andere AmerikanerInnen und die beschriebene SNP besonders häufig oder sogar ausschließlich bei AfroamerikanerInnen vorkomme, würde auf einen ursächlichen Zusammenhang geschlossen. Dieser sei aber nicht bewiesen.
New York Times, 17.07.08; taz, 01.08.08



