Krieger
Die Schweizer Firma iGenea bietet einen Gen-Test an, der das „Warrior Gen“ nachweisen soll. Auf ihrer Internetseite bewirbt sie den Test, illustriert mit einem Foto eines breitschultrigen, maskulin-seriös blickenden Mannes in Nadelstreifen und - um ganz sicher zu gehen, dass die Botschaft ankommt - dem Bild eines römischen Gladiatoren mit erhobenen Schwert. Der Test untersucht auf ein Gen, das für Varianten des Enzyms MAO-A kodiert, deren Aufgabe der Abbau von neuronalen Botenstoffen ist. Gewisse Varianten werden mit Verhaltensauffälligkeiten in Verbindung gebracht. iGenea wirbt mit der Suche nach dem „Krieger Gen“, dessen Träger angeblich impulsiv, risikofreudig und „besser in der Lage sind, zu ihrem Vorteil zu entscheiden“. Die „Entdeckungsgeschichte“ des MAO-A-Gens zeichnet ein anderes Bild: Anfang der 1990er Jahre versuchte der Niederländer Hans Brunner, das generationenübergreifende Auftreten von brutalen Gewalttaten bei männlichen Angehörigen einer Familie zu erklären. Die dysfunktionale Variante des MAO-A-Gens, die er entdeckte und auf die er das deviante Verhalten zurückführte, wurde im (populär)wissenschaftlichen Diskurs schnell zum „Gen für Aggression“ bzw. - romantischer - zum „Krieger-Gen“, oder - etwas moderner - zum „Wall-Street-Gen“. Wohin eine derart verflachende Darstellung komplexer Systeme wie dem menschlichen Verhalten führen kann, zeigt die Rezeption einer Studie an neuseeländischen Maori. Der Forscher Rod Lea meinte mit dem erhöhten Auftreten einer MAO-A-Variante bei dieser ethnischen Gruppe deren genetische Vorteile durch Aggressivität bei der Besiedelung Neuseelands erklären zu können. Die mediale Debatte, die darauf folgte, ist ein Lehrstück in Sachen genetische Legitimierung bestehender Rassismen. Bemerkenswert ist auch, wie in diesem Diskurs Geschlechterbilder verhandelt werden. Sowohl die Zuschreibung von Gewalttätigkeit als auch von Kampfgeist richtet sich nur an Männer; die Frage nach kämpferischen oder gewalttätigen Frauen hat sich scheinbar keineR gestellt. Ein weiteres Beispiel dafür, wie der sexistische Blick die Forschungsfrage prägt und den Output in gewisser Weise vorwegnimmt. Das alles tut dem Glauben an die Wahrheit des „Krieger-Gens“ jedoch scheinbar keinen Abbruch: Die Schweizer Zeitung „20min“ schickte fünf Jungpolitiker - allesamt männlich - zum Test bei iGenea. Das Ergebnis: Zwei von ihnen sind „aufgrund ihrer DNA Kämpfertypen“ und erklären stolz, ja schon als Teenager geboxt zu haben. Na dann…!
20min online, 27.02.11, 08.10.10; igenea.com, 04.04.11; New Scientist, 2755:2010



