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Mit langem Atem für gentechnikfreie Landwirtschaft

(Berlin, Köln und München, 16. Mai 2014) Heute jährt sich die erste Genehmigung für die Freisetzung einer gentechnisch veränderten Pflanze in Deutschland zum 25sten Mal. Das Bundesgesundheitsamt genehmigte am 16. Mai 1989 die Freisetzung von gentechnisch veränderten Petunien im gleichen Jahr durch das Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung in Köln. Dieses Jubiläum nehmen die Kölner Bürgerinitiative BürgerInnen beobachten Petunien, Testbiotech und das Gen-ethische Netzwerk zum Anlass, um Rückschau auf dieses Ereignis zu halten, dessen unkontrollierbare Auswirkungen inzwischen unübersehbar geworden sind.

Vor 25 Jahren wurde die erste Freisetzung eines gentechnisch veränderten Organismus in Deutschland genehmigt

Gregor Bornes von BürgerInnen beobachten Petunien in Köln betont die zweifelhafte Rolle der staatlichen WissenschaftlerInnen und ihrer Organisationen: „In einem Brief an die Kommission für biologische Sicherheit schrieb Heinz Saedler, der damalige Direktor des Max-Planck-Institutes für Züchtungsforschung zum Beispiel: ‚(...) mit den beigefügten Unterlagen wollen wir die Diskussion über den Anbau gentechnologisch veränderter Pflanzen im Freiland initiieren. Wir haben hierfür eine gentechnisch veränderte Petunienlinie gewählt, weil dieser Versuch für uns von erheblichem wissenschaftlichen Interesse ist.‘ Für uns ist damals klar gewesen, dass es in erster Linie um die Debatte ging, die sollte voran gebracht werden. Saedler wollte ins Freiland.“(1)

Christoph Then, Geschäftsführer der Nichtregierungsorganisation Testbiotech, kritisiert die weiter unbefriedigende Regulierung der Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen: „Wir sehen dringenden Bedarf für ein weltweites Verbot der Freisetzung insbesondere von solchen gentechnisch veränderten Pflanzen, die im Zweifelsfall nicht zurückgeholt werden können. Wir beobachten die ersten Fälle, in denen die gv-Pflanzen in wild lebende verwandte Arten auskreuzen und ihr transgenes Material weitergeben. Das ist unverantwortlich, weil das Risiko buchstäblich unkontrollierbar wird. Die Rückholbarkeit von gv-Pflanzen ist eine wesentliche Säule des Risikomanagements. Ohne die Möglichkeit der Rückholbarkeit läuft das ganze Risikomanagement ins Leere.“ Ein internationales Bündnis startet aus diesem Grund aktuell einen Aufruf an die Vereinten Nationen . „Die Organisationen fordern“, so Then weiter, „rechtlich bindende, internationale Regeln.“ Sie fordern die Mitgliedsländer der Konvention über biologische Vielfalt auf, sich bei ihrem Treffen im Herbst dieses Themas anzunehmen.(2)

Christof Potthof, Mitarbeiter des Gen-ethischen Netzwerkes in Berlin, sieht aus gegebenem Anlass auch Grund zur Freude. „Die letzten 25 Jahre haben auch gezeigt, dass sich der Widerstand der Bevölkerung als erfolgreich erwiesen und damit gelohnt hat. 2014 ist das zweite Jahr in Folge, in dem keine einzige gentechnisch veränderte Pflanze auf den Äckern in Deutschland wächst - weder kommerziell, noch in einem Versuch. Viele tausend Bürgerinnen und Bürger in lokalen Initiativen, Vereinen und überregional tätigen Verbänden setzen sich mit bewundernswert langem Atem für eine gentechnikfreie Landwirtschaft ein. Natürlich bleiben Wünsche offen: Damit sich zum Beispiel die hiesige industrielle Tiermast rechnet, wird der südamerikanische Kontinent vergiftet und in neokolonialer Art zur Rohstoffquelle degradiert. Gentechnisch veränderte Soja spielt dabei eine wesentliche Rolle. Das ist uns natürlich nicht egal.“

Hintergrund:

Im Sommer 1988 hatten Wissenschaftler des Kölner Max-Planck-Institutes für Züchtungsforschung einen Antrag für die Freisetzung gentechnisch veränderter Petunien gestellt, der am 16. Mai 1989 vom damal zuständigen Bundesgesundheitsamt positiv beschieden wurde. Die ursprünglich für ‘89 vorgesehene Freisetzung der Petunien begann schlussendlich erst ein Jahr später.

Pressekontakte:

Gregor Bornes, BürgerInnen beobachten Petunien, eMail: gregor.bornes@gesundheitsladen-koeln.de.
Christoph Then, Testbiotech, Tel.: 0151/5463 8040, eMail: info@testbiotech.org.
Christof Potthof, Gen-ethisches Netzwerk, Tel.: 0163/2606 359, eMail: christof.potthof@gen-ethisches-netzwerk.de.

Fußnoten:

(1) Das Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung heißt heute Max-Planck-Institut für Pflanzenzüchtungsforschung.
Das Zitat von Saedler (Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung, Erwin Baur-Institut) stammt aus einem Brief an die Komission für biologische Sicherheit, Robert-Koch-Institut des Bundesgesundheitsamtes (Nordufer 20, 1000 Berlin 25) vom 26. Juni 1988.
(2) In der EU werden Genehmigungen für gentechnisch veränderte Pflanzen nur für zehn Jahre erteilt. In diesem Zeitraum der Kommerzialisierung sollen die Pflanzen und ihre Produkte systematisch beobachtet werden. Danach werden sie erneut bewertet. Mit diesem Verfahren soll den nach wie vor großen wissenschaftlichen Unsicherheiten bezüglich der relativ jungen Technologie begegnet werden. Der internationale Aufruf findet sich im Netz unter www.stop-the-spread-of-transgenes.org. Siehe auch hier.

Weiterlesen:

Gen-ethischer Informationsdienst (GID)
Nr. 30 (März 1988) oder
Nr. 36 (September 1988).

Bildquelle:

www.biologie.uni-hamburg.de/b-online/d34_3/feld1.jpg



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GID_30_Maerz_1988.pdf750.56 KB
GID_36_Sept_1988.pdf404.84 KB