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Kurz notiert - Mensch und Medizin

Affenklonen

Der US-amerikanische Forscher Shoukhrat Mitalipov soll aus Rhesusaffen-Hautzellen Embryonen geklont und daraus Stammzellen gewonnen haben. Dies berichtet das Fachmagazin Nature in einer Vorabveröffentlichung. Der Wissenschaftler vom Oregon National Primate Research Centre im US-Bundesstaat Oregon soll demzufolge 20 Embryonen aus den Hautzellen eines neun Jahre alten Rhesusaffen-Männchens geklont haben. Anschließend habe er daraus embryonale Stammzellen gewonnen und sie zu Herz- und Nervenzellen reifen lassen. Für die Herstellung von zwei Stammzelllinien brauchte er insgesamt 304 Eizellen von 14 verschiedenen Rhesusaffen. Auch wenn die Erfolgsquote damit sehr niedrig ist (0,7 Prozent), wurden Mitalipovs Experimente in den Medien vielfach als Durchbruch gefeiert, da es sich – soweit das Experiment bestätigt werden kann – um die erste Klonierung von Embryonen eines Primaten handelt. Dabei sind allerdings noch viele Fragen offen: So wurde nicht gezeigt, dass die gewonnenen Stammzellen sich als Gewebeersatz für erwachsene Affen verwenden lassen (das eigentliche Ziel des „therapeutischen Klonens“) und auch der Nachweis, dass sich die vermeintlichen Herzzellen und Nervenzellen tatsächlich wie die entsprechenden differenzierten Zellen verhalten und diesen nicht nur oberflächlich gleichen, ist noch nicht erbracht. Doch Spiegelleser wissen mehr: „Nun ist für Forscher der Sprung zum Menschen und den maßgeschneiderten Stammzellen, mit denen Mediziner Krankheiten wie Parkinson oder Diabetes behandeln wollen, nicht mehr groß“. Aus der Tatsache, dass alle bisherigen Medienberichte über „Durchbrüche“ der Stammzellenforschung im Nachhinein stets relativiert, wenn nicht zurück genommen werden muss-ten, haben zumindest manche überregionalen Zeitungen offensichtlich nichts gelernt. Nachdem bereits seit mehreren Monaten entsprechende Gerüchte durch die Tageszeitungen geisterten, wurde auch der Druck auf das Fachmagazin Nature, die Studie frühzeitig online zu veröffentlichen, groß. Offensichtlich hatte Mitalipov die Gerüchteküche angeheizt, indem er Kollegen auf einer Fachkonferenz „seine“ Stammzelllinien präsentierte. Eigentlich sind Forscher, die eine Publikation bei Nature einreichen, bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung zum Stillschweigen über ihre Arbeit verpflichtet. Dies soll unter anderem einen unbeeinflussten Prozess des Peer-Reviews, also der wissenschaftlichen Begutachtung der Ergebnisse durch KollegInnen gewährleisten. (Spiegel, 14.11.07, heise, 12.11.07; netzeitung, 14.11.07) (mf)

Wilmut steckt das Klonen

Der schottische Klonforscher Ian Wilmut hat angekündigt, von seiner Lizenz zum Klonen menschlicher Embryonen keinen Gebrauch zu machen. Das Umprogrammieren von erwachsenen Zellen sei „hundert Mal interessanter“, wird Wilmut in britischen Zeitungsberichten zitiert. Auslöser für diesen Stimmungswandel sind zeitgleich von japanischen und US-amerikanischen Forschern entwickelte Verfahren, mit denen die Reprogrammierung von Mäusehautzellen verbessert worden ist. Shinya Yamanaka aus Kyoto hatte bereits im August 2006 ein im Tierversuch erfolgreiches Verfahren publiziert, mit dem aus Hautzellen von Mäusen Stammzellen gewonnen werden konnten, die in mehreren Eigenschaften pluripotenten embryonalen Stammzellen glichen. Anfang Juni 2007 wurde dieses Verfahren zur Gewinnung so genannter induzierter pluripotenter Stammzellen, kurz iPS-Zellen, von Yamanaka sowie zwei US-amerikanischen Forschungsteams im Tierversuch bestätigt und verbessert (siehe dazu den Artikel von Uta Wagenmann „Durchbruch in der Stammzellforschung reloaded“ in diesem Heft). Gegenüber der BBC sagte Wilmut, seine Entscheidung sei nicht ethisch begründet, vielmehr halte er das Yamanaka-Verfahren aus wissenschaftlichen Gründen für wesentlich aussichtsreicher. In der Bundestags-Anhörung zur Stammzellforschung im Mai war Kritik aufgekommen, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft in ihrer im März 2007 überarbeiteten Stellungnahme für eine Aufweichung der Stichtagsregelung die bereits im August 2006 publizierte Möglichkeit der Gewinnung pluripotenter "iPS"-Zellen nicht erwähnt hatte. (the telegraph, 16.11.07; PM Hüppe, 19.11.07; heise.de, 17.11.07) (mf)

Neues Arbeitsfeld für ES-Zellforscher?

Nach einer neuen Richtlinie der US-amerikanischen Arzneimittelzulassungsbehörde FDA müssen künftig alle neuen Medikamente auf Nebenwirkungen am Herzen getestet werden. Diese Regelung, die auf die Erfahrungen mit dem Schmerzmittel Vioxx (siehe dazu auch die Notiz: „Vioxx-Skandal: Merck kauft sich frei“ in der Rubrik Politik und Wirtschaft, kurz notiert) zurückzuführen ist, dürfte zwar die Erprobung neuer Arzneimittel vor neue Komplikationen stellen; sie eröffnet aber potentielle neue Arbeitsfelder für Forscher, die mit humanen embryonalen Stammzellen (ES-Zellen) arbeiten. Dies hofft jedenfalls der Gründer und Leiter der in Singapur ansässigen Stammzellfirma ES Cell International, Alan Coleman. Zu erwarten sei jedenfalls ein großer Bedarf an Herzmuskelgewebe, das für solche Tests verwendet werden kann, sagte Coleman gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Wir können diese Zellen aus embryonalen Stammzellen herstellen.“ Zwar seien diese künstlich gezüchteten Herzmuskelzellen noch nicht sicher genug für den Einsatz am Menschen, doch für Medikamententests dürften sie nach Colemans Ansicht ausreichen. Die Suche nach neuen Anwendungsgebieten ist vor allem damit zu erklären, dass Risikokapitalgeber nur wenig Interesse zeigen, in den Bereich embryonale Stammzellforschung zu investieren. Dies liegt daran, dass marktfähige Produkte ausbleiben und in naher Zukunft auch nicht abzusehen sind. Daher sehen sich Unternehmen, die sich auf die Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen spezialisieren, gezwungen, potentielle Vermarktungsmöglichkeiten in anderen Bereichen zu erschließen. (FAZ, 16.10.07) (mf)

Stammzellzauber im Menstruationsblut

Schein und Wirklichkeit sind in der Nachrichtenflut zum Thema „Stammzellenwunder“ kaum zu trennen. Ein weiteres Beispiel, wie schnell in diesem Bereich vermeintliche Forschungsneuheiten in die Medien gelangen und dann gleich zu einem neuen Durchbruch für Therapien stilisiert werden, gab es auch in den letzten Wochen. So machten US-Forscher Mitte November mit der Meldung Schlagzeilen, sie hätten einen neuen Stammzelltyp in dem leicht zugänglichen Menstruationsblut von Frauen gefunden – dies könnte möglicherweise die bisherigen Probleme und ethischen Einwände gegen die Gewinnung von embryonalen Stammzellen aus dem Weg räumen. „Schon aus fünf Milliliter Blut einer gesunden Frau ließen sich genug Zellen gewinnen, die nach zwei Wochen Zellkultur schlagende Herzmuskelzellen bildeten“, las man beispielsweise in der Onlineausgabe des Handelsblattes. Nur wenige Artikel wiesen zumindest auf die – in der frei zugänglichen Publikation im Journal of Translational Medicine deklarierten – wirtschaftlichen Interessen des Forschungsteams um Xiaolong Meng in Wichtita, US-Bundesstaat Kansas, hin. Die betreffenden Wissenschaftler arbeiten für eine Privatklinik mit dem Namen Biocommunications Research Institute, die ihre Angebote auf einer zweifelhaften Internetseite präsentiert. Der Wissenschaftsjournalist Michael Lange bezeichnete die Publikation der Forscher im Deutschlandradio auch eher als „PR-Aktion“ denn als wissenschaftliche Veröffentlichung. Deutsche Stammzellforscher wie Jürgen Hescheler vom Institut für Neurophysiologie der Universität Köln oder Hans Schöler vom Max-Planck-Institut für Molekulare Biomedizin in Münster zweifelten massiv die Validität der Forschungsergebnisse an: Es gäbe nur Daten, die aus einer Betrachtung der Oberfläche der Zellen gewonnen wurden, kritisierte Schöler. Daraus könne aber auf keinen Fall auf deren Funktion geschlossen werden. Auch wurde keine Genanalyse durchgeführt, bei der untersucht wurde, welche Gene eingeschaltet und welche ausgeschaltet sind. Nur eine solche Transkription, so der deutsche Stammzellforscher, könne aber zeigen, „wie gut diese Stammzellen sind“. (handelsblatt.com, 15.11.07; dpa, 15.11.07; www.dradio.de, 16.11.07) (mf)

Kritik an Medizin-Nobelpreis 2007

Der Bundesverband Menschen für Tierrechte hat die Vergabe des diesjährigen Medizin-Nobelpreises an die drei Erfinder der Knock-out-Methode zur Genmanipulation bei Mäusen kritisiert. Damit werde eine auf die Erbanlagen fixierte Medizin ausgezeichnet, die den Blick für den Menschen als ganzheitliches Wesen verliere, hieß es in der Stellungnahme. Die Tierschützer kritisieren außerdem, dass die Zahl der Versuche mit genmanipulierten Mäusen seit Jahren ansteigt: Von 2000 bis 2005 habe sich diese Zahl verdoppelt. Der medizinische Nutzen eines solchen Ansatzes sei aber höchst fragwürdig. „Um Krankheiten zu ergründen und Menschen letztendlich zu heilen, gilt es auch andere Fakoren wie Ernährung oder das psychosoziale Umfeld einzubeziehen“, sagte der Verbandsvorsitzende Kurt Simonis. (www.tierrechte.de; ngo-online.de, 08.10.07; siehe dazu auch den Artikel von Alexander Schwerin „Der Nobelpreis und das Comeback der Mausgenetik“ auf Seite 32 in diesem Heft) (mf)

64-Jährige: Geburt nach Eizellspende

In einer Aschaffenburger Klinik hat eine 64-jährige Frau Anfang Dezember eine Tochter zur Welt gebracht. Neun Monate zuvor hatte sie sich eine gespendete und mit dem Samen ihres gleichaltrigen Mannes befruchtete Eizelle einsetzen lassen. Die Eizellspende stammte laut Medienberichten von einer 25-Jährigen und soll mit „viel Geld“ bezahlt worden sein. Der quer durch die Medien diskutierte Fall hat eine erneute Debatte um das hierzulande geltende Verbot der Eizellspende ausgelöst. Die technologiepolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Ulrike Flach, forderte, das Verbot aufzuheben, „wenn die biologische Grenze für eine Mutterschaft nicht überschritten ist“. Es sei nicht nachvollziehbar, dass in Deutschland zwar Samen-, aber keine Eizellenspenden erlaubt seien, sagte Flach gegenüber der Berliner Zeitung. Allerdings müsse ausgeschlossen werden, dass Frauen für Eizellspenden bezahlt werden. Auch der Bundesverband der Reproduktionsmedizinischen Zentren und die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe sprachen sich für eine Zulassung der Eizellspende aus. Scharfe Kritik äußerten die Reproduktionsmediziner dagegen an den frisch gebackenen Eltern aus Aschaffenburg. Eine Schwangerschaft in diesem Alter sei nicht im Sinne des Kindeswohls, kritisierte Ulrich Hilland, Vorsitzender des Bundesverbands. „Als eine egoistische Lösung“ bezeichnete auch Klaus Diedrich vom der DGGG den Fall. Schließlich könne es sein, dass die Eltern bei der Einschulung des Mädchens schon gestorben seien. Grundsätzlich gegen eine Änderung der bestehenden Regelungen sprachen sich Vertreter der Unionsfraktion und der Grünen-Fraktion aus. „Es ist absurd, die Schwangerschaft einer 64-Jährigen zum Anlass zu nehmen, um Eizellenspenden zu ermöglichen“, so die Vize-Vorsitzende der Grünen-Fraktion Krista Sager. (netzeitung, 02.12.07; faz, 05.12.07) (mf)

Brasilianische Oma bringt Zwillinge zur Welt

In Brasilien hat eine 51-jährige Leihmutter gleich zwei eigene Enkelkinder auf die Welt gebracht. Im Januar waren ihr vier befruchtete Eizellen ihrer Tochter eingepflanzt worden, die aus medizinischen Gründen keine Kinder bekommen kann. Die Zwillingsgeburt in Recife, neun Monate nach der Behandlung, war laut Angabe des Krankenhauses die erste ihrer Art. In Brasilien erlaubt es das Gesetz, dass Frauen die Kinder von engen Verwandten austragen. (Ärzte Zeitung, 10.10.07) (mf)

Gentherapie gegen Parkinson

Vor sechs Monaten haben US-Forscher von der Cornell-Universität in Ithaka ihre Ergebnisse zu einer Gentherapie vorgestellt, welche die Bewegungsfähigkeit von Parkinson-Patienten verbessert haben soll. Eine erneute Auswertung der Daten soll nun bewiesen haben, dass es sich dabei tatsächlich nicht um einen Placebo-Effekt handelt (dies wurde zunächst vermutet, da der Placebo-Effekt bei Parkinson überdurchschnittlich stark ausgeprägt ist). Michael Kaplitt und sein Team konnten eigenen Darstellungen zufolge für den Zeitraum des Versuchs und die Folgemonate einen messbaren und dauerhaften Anstieg der Stoffwechselaktivitäten in den behandelten Hirnregionen feststellen. Insgesamt zwölf Versuchspersonen hatten die Forscher ein Gen mit dem Namen GAD mit Hilfe eines „entschärften“ Virus in eine Seite des Gehirns eingeschleust. Die andere Seite blieb unbehandelt, um eine Kontrollmöglichkeit zu haben. Nach drei Monaten soll sich die bei Parkinson überaktive Hirnregion, der so genannte Subthalamus, auf der behandelten Seite normalisiert haben. Gleichzeitig trat bei neun Versuchspersonen eine Verbesserung der Symptome ein. Sie entsprächen in etwa dem Grad der Verbesserungen, die auch durch andere Therapien wie der Tiefenstimulation erreicht werden, berichten die Forscher. Bei der Tiefenstimulation wird ein elektronischer Impulsgeber ins Hirn verpflanzt. Dadurch kann in einigen Fällen eine Verbesserung der Beweglichkeit erreicht werden, bei wiederum anderen Patienten ist allerdings auch eine Verschlechterung der Sprachfähigkeit die Folge. Gentherapeutische Ansätze befinden sich bisher ausschließlich im experimentellen Stadium. Schwere gesundheitliche Folgen – wie die Möglichkeit, dass sich Tumoren bilden – sind nicht auszuschließen. Im Fall der in der Zeitschrift Proceedings of the National Academy of Science (PNAS) beschriebenen Studie wird auch auf wirtschaftliche Interessen von zwei Autoren hingewiesen: Sie sind Mitbegründer und Anteilseigner der Firma, welche die Studien finanziert.(wissenschaft.de, 20.11.07) (mf)

Kritik an Abstammungstests

Henry Louis Gates Jr., US-amerikanischer Literaturkritiker und Leiter des Departments for African and African American Studies der Harvard University, hat sich erstmals kritisch gegenüber dem wachsenden kommerziellen Angebot an DNA-Abstammungstests geäußert. Dies ist deshalb erwähnenswert, als der Wissenschaftler zu der Verbreitung solcher Tests mit seiner Recherche und Moderation für die vierteiligen Fernsehdokumentation „African American Lives“ (basierend auf dem gleichnamigen Buch von Henry Louis Gates Jr.) auch selbst beigetragen hat. In der Fernsehserie werden namhafte AfroamerikanerInnen auf ihrer Suche nach den Ursprüngen ihrer Familien begleitet. Wenn die Recherche in mündlichen und schriftlichen Zeitzeugnissen dabei in eine Sackgasse gerät, wird als „Möglichkeit, Lücken zu schließen“ ein DNA-Test durchgeführt. Auf diese Weise sollen die Nachfahren von einst gewaltsam durch Sklaverei und Rassengesetze getrennten Familien etwas über ihre Herkunft, meist vom afrikanischen Kontinent erfahren. Genau diese Fähigkeit, Lücken zu schließen, wenn andere Dokumente aus der Vergangenheit versagen, wird nun aber unter anderem von Gates Jr. angezweifelt. „Aufgrund der begrenzten Aussagekraft heutiger Testmethoden kann sich niemand ausschließlich auf eine DNA-Untersuchung verlassen“, sagte Gates’ gegenüber der New York Times. Es sei in jedem Falle notwendig, auch genealogische und andere Informationen hinzuzuziehen. Ein DNA-Test allein könne keine eindeutigen Aussagen über das Herkunftsland oder die ethnischen Ursprünge einer Person machen. Zudem deute ein DNA-Test oft auf mehrere Abstammungsstränge hin. Diese Unsicherheiten würden von den Testanbietern jedoch häufig verschwiegen. Gates Skepsis beruht nicht zuletzt auf eigener Erfahrung: Im Jahr 2000 teilte ihm ein Testanbieter mit, mütterlicherseits könne seine Herkunft sehr wahrscheinlich auf den Stamm der Nubier in Ägypten zurückverfolgt werden. Fünf Jahre später erhielt er von einem anderen Unternehmen nach einem entsprechenden Test die Auskunft, dass er vermutlich europäische Vorfahren habe. Vor irreführenden Testergebnissen und fehlerhaften Interpretationen bei DNA-Analysen warnten im Oktober dieses Jahres auch mehrere Wissenschaftler im Editorial des Fachmagazins Science. (New York Times, 25.11.07) (mf)

„Anti-Krebs-Gene“

Es gibt wohl wenige medizinische Anwendungsbereiche, die größere Marktchancen versprechen, als Methoden zur Verhinderung von Krebs oder zur Abhilfe beim „unerfüllten Kinderwunsch“. Dieser Aspekt sollte bei der Einschätzung zweier neuer Studien zu „Anti-Krebs-Genen“ jedenfalls im Hinterkopf behalten werden. Im Fachmagazin Cancer Research berichten US-amerikanische Wissenschaftler um Vivek Rangnekar von der Universität von Kentucky von transgenen Mäusen, die vor Krebs gefeit sein sollen. Die Forscher aktivierten bei den Tieren in allen Körperzellen ein Gen namens Par-4, das zwar für den programmierten Zelltod in Tumorzellen verantwortlich ist, gesunde Zellen ihrer Beobachtung zufolge aber unbehelligt lässt. Als die Wissenschaftler diese Mäuse krebserregenden Substanzen aussetzten, sollen sich keine Krebszellen entwickelt haben. Eine weitere Einsatzmöglichkeit des bereits aus früheren Studien bekannten „Anti-Krebs-Gens“ p53 wollen wiederum Kollegen vom Institute for Advanced Study in Princeton gefunden haben. In Nature schreibt das Team um Arnold Levine, dass dieses Tumorsupressor-Gen, das seine Fähigkeit, die Entstehung von Krebsherden zu unterdrücken, mehrfach unter Beweis gestellt habe, auch bei der Fortpflanzung eine wichtige Rolle spiele. Demnach ist die Fruchtbarkeit von weiblichen Mäusen, die kein funktionierendes p53-Gen besitzen, stark beeinträchtigt, da sich befruchtete Eizellen nur selten in die Gebärmutter einnisten. Dies soll an einem Mangel des LIF-Proteins liegen, welches wiederum auch Leukämien hemmt. Das würde bedeuten, dass das Gen p53, welches die Produktion des LIF-Proteins steuert, aus Sicht der Forschung sowohl für die Krebstherapie als auch für die Behandlung der Unfruchtbarkeit von Interesse ist. (wissenschaft.de, 28.11.07; Cancer Research Nr. 67; Berliner Zeitung, 29.11.07) (mf)

Tausend Gene für ... Intelligenz

Die These, dass Sozialverhalten oder die kognitiven Fähigkeiten eines Menschen erblich seien, hat sich allen widersprüchlichen Studienergebnissen zum Trotz hartnäckig bis in die Gegenwart gehalten. Auch wenn Definitionen von Intelligenz umstritten und Tests zur Messung eines Intelligenzquotienten fragwürdig sind, lockt die Suche nach Intelligenz-Genen doch immer wieder von Neuem Forscher an: Es gibt keine Mastergene, welche die Intelligenz eines Menschen stark beeinflussen, lautet nun das Ergebnis einer Studie britischer Wissenschaftler vom Londoner King’s College, die das Genom und die Leistungsfähigkeit von 7.000 Siebenjährigen verglichen. Dabei wollen sie zwar sechs Genorte ausgemacht haben, welche mit der Ausprägung der Intelligenz stark zusammenhängen. Allerdings bestimmen diese sechs DNA-Abschnitte die kognitiven Fähigkeiten lediglich zu etwas mehr als einem Prozent. Nach Ansicht der Forscher widerlegt dies aber nicht die bisher gültige These, dass mindestens die Hälfte der Unterschiede in der Intelligenz von Menschen genetisch bedingt seien. Vielmehr muss es ihrer Ansicht nach noch viele weitere, bisher unentdeckte Gene geben, die eine Rolle spielen. „Wir haben noch einen langen Weg vor uns“, kommentierte Studienleiter Robert Plomin das Ergebnis. Wohin dieser führen soll, sagte er allerdings nicht. (New Scientist, 01.12.07; wissenschaft.de, 29.11.07) (mf)

Verjüngung bei Mäusen

Durch das Blockieren eines Proteins in der äußeren Hautschicht von Mäusen wollen Wissenschaftler von der US-amerikanischen Universität Stanford bereits nach zwei Wochen Verjüngungseffekte erzielt haben. In einer Vorabveröffentlichung in der Onlineausgabe von Genes and Development berichten die Wissenschaftler um Howard Chang, sowohl im Verhalten der Mäuse als auch im Hautbild sei die Veränderung deutlich gewesen. Die Forscher hatten zunächst die Aktivität der Gene einer Zelle ausgewertet. Dabei hatten sie festgestellt, dass alle Gene, die beim Alterungsprozess eine Rolle spielen, durch das Protein NF-kappa B gesteuert werden. Wurde dieses Protein bei zwei Jahre alten Mäusen blockiert, fand im anschließenden Beobachtungszeitraum ein Verjüngungsprozess des Gewebes statt. Daraus schließen die Forscher, „dass Alterung nicht eine reine Verschleißerscheinung ist, sondern die Folge eines kontinuierlich ablaufenden genetischen Programms, das man zur Verbesserung der Gesundheit stoppen könnte“, so Studienleiter Chang. Allerdings spiele das betreffende Protein auch bei Krebs sowie im Immunsystem eine Rolle, sodass es auch schädliche Nebenwirkungen geben könne. (wissenschaft.de, 30.11.07) (mf)

Leistungsstarke Supermäuse

Durch eine einzige Genveränderung wollen Wissenschaftler von der Case Western Reserve University in Cleveland, Ohio, eine transgene Mauslinie geschaffen haben, die zu außerordentlichen körperlichen Leistungen fähig, sexuell aktiver und zudem länger lebensfähig ist. Die Wissenschaftler um Richard Hanson verglichen die Mäuse mit Lance Armstrong. Verändert wurde ein Gen, das beim Glukosestoffwechsel eine wichtige Rolle spielt. Dadurch wird ein bestimmtes Enzym in den Skelettmuskeln der Tiere stärker exprimiert. Auch die Zahl der Mitochondrien, der „Kraftwerke der Zelle“ soll sich vermehrt haben. In Laufrädern konnten die Mäuse bis zu fünf Stunden mit einer Geschwindigkeit von 20m pro Minute laufen. Außerdem sollen die transgenen Mäuse mehr fressen können ohne zuzunehmen und sexuell aktiver sein. Weibliche Mäuse seien länger fruchtbar, sie seien allerdings auch sehr aggressiv, schreiben die Wissenschaftler im Journal of Biological Chemistry. Zwar sei es „gegenwärtig nicht möglich, in die Skelettmuskeln von Menschen Gene einzuführen, und es würde auch nicht ethisch korrekt sein, dies zu versuchen“, versichert Studienleiter Hanson. Allerdings sähe er darin neue Ansatzpunkte für die Entwicklung von Medikamenten zur Leistungssteigerung. Nennt man das Doping? Lance Armstrong lässt grüßen. (telepolis, 02.11.07) (mf)

Gen für ... Zigarettensucht

ForscherInnen von Universitäten aus Deutschland und den USA haben zwei Gene ausfindig gemacht, die Einfluss auf die Nikotinsucht von Menschen nehmen sollen. Bestimmte Veränderungen des Tryptophan-Hydroxylase (TPH) 1-Gens sorgen bei Veränderungen an einer bestimmten Stelle für verstärkte Zigarrettensucht, so Martin Reuter von der Universität Bonn. Veränderungen am TPH 2-Gen wiederum seien verantwortlich für den Drang, schon früh zur Zigarette zu greifen. Beide DNA-Abschnitte seien auch für die Produktion des Botenstoffs Serotonin verantwortlich, welcher Emotionen und Kognition beeinflusst. Ein Mangel an Serotonin führe zu Depressionen, daher ließe sich ein möglicher Zusammenhang erkennen zwischen der Produktion des Stoffs und der Stärke von Suchtanfälligkeit. Zu dem Schluss, dass Nikotinsucht zu 50-75 Prozent von den Genen abhängig sei, kamen die WissenschaftlerInnen bei einer Genanalyse von rund 4300 Freiwilligen. Reuter räumt allerdings ein, dass Umweltfaktoren einen wesentliche Rolle bei der Auslösung einer Zigarettensucht spielen. (Ärzte Zeitung, 23.11.07) (nb)

Neandertaler-Erbgutstudie verfälscht

In der „Public Library of Science“ vergleichen Paläogenetiker eine Studie, die letztes Jahr im Fachmagazin „Nature“ erschien, mit einem in „Science“ veröffentlichten Projekt, wohl die zwei bisher umfangreichsten Studien zum Neandertalererbgut. Doch obwohl beide auf Proben desselben Fossils aufbauen, liegen teils widersprüchliche Ergebnisse vor. Wie die „Public Library of Science“ berichtet, sei das von Nature veröffentlichte Ergebnis fehlerhaft, da hier offenbar während des Untersuchungsverlaufs entweder die Probe oder das Ergebnis mit moderner DNA in Berührung gekommen sei. Der mit dieser Studie ermittelte Zeitpunkt der Trennung des Neandertalers vom Vorfahre des Menschen ließe sich somit von 500 000 auf etwa 800 000 Jahre zurück in die Vergangenheit stufen, so der Wissenschaftsjournalist Michael Strang im „Deutschlandradio“. Um solchen Fehlern zukünftig vorzubeugen sei es nötig, Ergebnisse derartiger Studien immer wieder mit anderen zu vergleichen. (www.dradio.de, 15.10.07) (nb)

Unwissenheit über eigene Medikamente

Eine US-Studie hat ergeben, dass viele Patienten kaum etwas über die ihnen verschriebenen Medikamente wissen. Von 119 Patienten mit Bluthochdruck konnte nur jede zweite Person Auskunft über ihre Arzneimittel und deren notwendige Dosierung geben. Die Studie besagt außerdem, dass die Kenntnisse in gewissem Maße mit dem Bildungsgrad der Befragten zusammenhängt. Nur 40 Prozent der von der Forschungsgruppe als „weniger gebildet“ Eingestuften konnten eines der Blutdruck-Medikamente benennen, die sie einnehmen. Von den als gebildeter eingeschätzten Versuchspersonen waren 68 Prozent dazu in der Lage. (Ärzte Zeitung, 15.10.07) (nb)

Stammzellen als „Versicherung für die Zukunft“

Paaren, deren IVF-Behandlung erfolgreich war, bietet das Startup-Unternehmen Stem-LifeLine Inc. an, aus „überschüssigen“ Embryonen, die für keine weiteren Befruchtungszyklen mehr benötigt werden, eine „personalisierte“ Stammzelllinie anzufertigen und einzulagern. Auf diese Weise, so die Geschäftsidee, könnte in Zukunft vielleicht einmal ein Familienmitglied von potentiellen medizinischen Behandlungsmöglichkeiten mit diesen Zellen profitieren. 7.000 US-Dollar lässt sich die Firma die Herstellung einer Stammzelllinie kosten, weitere 350 US-Dollar fallen pro Jahr für die Lagerung an. Mehrere US-Stammzellforscher haben das Angebot der Firma als unlauter bezeichnet, da zum derzeitigen Zeitpunkt unklar sei, ob aus der Forschung an embryonalen Stammzellen jemals Therapiemöglichkeiten erwachsen werden. Zudem stößt bereits die Herstellung einer Stammzelllinie auf unzählige Schwierigkeiten, was bedeutet, dass dabei zahlreiche Embryonen verbraucht werden. (San Francisco Chronicle, 29.10.07) (mf)
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Dezember 2007
S. 28 - 31