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In den eigenen Genen googlen

Seit kurzem verkaufen zwei Firmen Gentests online an zahlungswillige Kunden. Diese können sich dann im Internet über ihr genetisches Schicksal informieren. Updates inbegriffen.
Die Gen-Revolution hat den Mann auf der Straße erreicht. Seit zwei Wochen verkauft eine kalifornische Firma DNA-Tests per Internet, die Menschen Einblick in ihr Erbgut ermöglichen. Für knapp tausend US-Dollar können Interessierte sich erkundigen, wie es um ihr Risiko für Multiple Sklerose, Herzinfarkt, Brustkrebs und viele andere Krankheiten bestellt ist. Das Vorgehen ist simpel: Man verschickt eine Speichelprobe. Vier Wochen später loggt man sich auf der Firmen-Website ein und erhält sein genetisches Schicksal, passwortgeschützt, auf dem Bildschirm serviert.
Die Kalifornier sind nicht allein. Fast zeitgleich startete auch eine isländische Firma ein nahezu identisches Angebot. Anders als bereits verfügbare Gentests, die nur ein einzelnes Gen mustern, durchforsten diese neuen Tests gleich das gesamte Genom. So erhält der Kunde derzeit Auskunft über 20 Krankheiten – eine Zahl, die rasch anwachsen dürfte. Denn es vergeht kaum eine Woche, in der Forscher nicht neue Erbanlagen für Krankheiten aufspüren. „Mit den Fortschritten in der Wissenschaft werden wir unser Angebot fortlaufend aktualisieren“, heißt es auf der Website der Firma. Im Preis inbegriffen sind entsprechende Updates: Sobald der Zusammenhang zwischen einer Erbanlage und einem Krankheitsrisiko erhärtet ist, kann der Kunde sein Genom aufs Neue googeln.

Feuchtes Ohrenschmalz

Angetrieben werden diese Neuerungen durch Fortschritte in der „Entschlüsselung“ der Erbsubstanz. Die Apparate der neuen Generation arbeiten effizient. Dabei entziffern sie nicht alle 3 Milliarden Bausteine des menschlichen Genoms. Das bringt nicht viel, denn 99,5 Prozent sind bei allen Menschen gleich. Stattdessen konzentriert man sich auf die paar Millionen kleinen „Schreibfehler“ im Genom, so genannte SNPs (single nucleotide polymorphisms), die Menschen für bestimmte Krankheiten anfällig machen.
Was Gendaten für Rückschlüsse ermöglichen, zeigt das Beispiel des Gentech-Pioniers Craig Venter. Er hat im September als erster Mensch seine komplette DNA-Sequenz in einer Fachzeitschrift publiziert. Daraus geht zum Beispiel hervor, dass er ein erhöhtes Risiko für Alkoholismus und antisoziales Verhalten hat. Ferner trägt Venter eine Variante des ABCC11-Gens, die dafür sorgt, dass sein Ohrenschmalz feucht und nicht trocken ist. Medizinisch bedeutsamer ist sein erhöhtes Risiko für Alzheimer und Herzinfarkt.
Dieses Wissen hat Venter dazu bewogen, cholesterinsenkende Medikamente einzunehmen. Das ist denn auch das Verkaufsargument, das sich die Firmen zuoberst auf ihre Fahnen schreiben: Je mehr ein Individuum über seine Veranlagungen wisse, desto eher könne es durch Verhaltensänderungen seinem genetischen Schicksal entgegenwirken.
Tatsächlich können solche Informationen nützlich sein – nämlich dort, wo Vorbeugung möglich ist. Das Wissen um das „Brustkrebsgen“ etwa kann Frauen dazu bewegen, sich regelmäßig zur Mammografie zu begeben. In den allermeisten Fällen aber ist die biologische Bedeutung der Genvarianten derzeit unklar. So prophezeit die Variante des LCT-Gens, die Venter in sich trägt, dass er Milchzucker vertragen müsste. Venter leidet aber an Laktose-Intoleranz. „Sogar wir Wissenschaftler kommen mit den Informationen nicht zurecht“, kommentierte Steven Brenner von der University of California den derzeitigen Nutzen persönlicher Gendaten kürzlich im Magazin Nature.

Gefährliche Spielerei

In vielen Fällen verraten die Gendaten aber auch nicht viel mehr, als man mit dem gesunden Menschenverstand ohnehin erraten könnte. „Warum macht man einen Gentest, um herauszufinden, ob man feuchtes Ohrenschmalz hat“, fragt Kathy Hudson, Direktorin des Genetics and Public Policy Center in Washington. „Dafür hab ich Ohrenstäbchen.“ Und auch Venter hätte nicht sein Genom analysieren müssen, um zu erfahren, dass er ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt hat. Schließlich starb sein Vater im Alter von 59 Jahren an plötzlichem Herztod. „Es bleibt abzuwarten“, so Brenner, „ob wir aus unserem Genom Wichtigeres erfahren werden, als dass man sich mit Sonnencreme einreiben, sich gesünder ernähren und sich mehr bewegen sollte“.
Als gefährliche Spielerei werten Bioethiker die Angebote im Internet. Mit dem Direktmarketing der Gentests wird die herkömmliche Arzt-Patient-Beziehung unterlaufen. Wer verhindert zum Beispiel, dass eine überbesorgte Mutter eine Speichelprobe ihres Säuglings einschickt? Haben Eltern das Recht, die gesamte genetische Konstitution ihrer Kinder zu kennen?
Heikel sind auch die psychologischen Auswirkungen der Tests – etwa auf Kunden, die spätabends vor dem Computer erfahren, dass sie ein erhöhtes Risiko für Alzheimer, Krebs oder Suizid haben. „Diese Art Informationen überfordern die Konsumenten und können zu falschen Schlussfolgerungen führen“, sagt Christoph Rehmann-Sutter, Präsident der Nationalen Ethikkommission der Schweiz. „Die Angebote sind geeignet, um Ängste zu wecken, die man nur wieder loswerden kann, indem man sie sorgfältig abklären lässt.“ Statt der erhofften Einsparungen könnten immense Zusatzkosten entstehen.
In der Schweiz ist seit diesem Jahr das Bundesgesetz über genetische Untersuchungen am Menschen in Kraft. Dieses besagt, dass die Gentests immer von einer professionellen Beratung begleitet sein müssen. „Aber wenn jemand die Informationen direkt vom Internet abholen möchte, dann kann er dies natürlich tun“, so Rehmann-Sutter. „Meine Sorge ist, dass man sich selber keinen Gefallen tut.“

Der Artikel erschien am 2. Dezember in der Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag.
Theres Lüthi ist Biologin und Mitglied der Wissen-Redaktion der NZZ am Sonntag.
185
Dezember 2007
S. 40 - 41

Das persönliche Genom für tausend Dollar

23andMe, Kalifornien: Analysiert eine halbe Million Stellen im Genom und benennt Risiken für rund 20 Krankheiten oder Körpermerkmale. Firmengründerin ist die Investment-Analystin Anne Wojcicki, die mit dem Google-Ko-Gründer Sergey Brin verheiratet ist. Google ist mit knapp drei Millionen US-Dollar an dem Projekt beteiligt. Die Firma deCODE Genetics in Reykjavik analysiert eine Million Stellen im Genom und liefert Informationen zu 17 Krankheiten oder Merkmalen. Navigenics mit Sitz in Kalifornien durchforstet eine Million Stellen auf 20 Krankheitsrisiken. Resultate werden telefonisch durch einen genetischen Berater mitgeteilt. (tlu)