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Saatgut-Claims

Der weltweite Saatgutmarkt wird von wenigen Konzernen dominiert und die Konzentration schreitet weiter voran. Gentechnisch verändertes Saatgut spielt dabei im Moment eine untergeordnete Rolle - lässt für die Zukunft jedoch gute Geschäfte erhoffen. Der US-amerikanische Monsanto-Konzern und die BASF kooperieren bei der Entwicklung neuer Saaten, Patente sollen die Profite absichern.

Wenn man an den Einsatz der Gentechnik in der Landwirtschaft denkt, fallen einem sofort die großen Namen ein: Monsanto, Dupont (Pioneer), Bayer und Syngenta. Diese Konzerne engagieren sich in der Gentechnik, doch machen sie nicht unbedingt schon Profite mit ihr. Wichtiger ist, dass sie andere Saatgut- und Biotech-Firmen aufkaufen. Bis heute handeln die genannten Konzerne, mit Ausnahme von Monsanto, in erster Linie mit konventionellem Saatgut und entwickeln dieses weiter. Nicht selten ist die Kombination mit einer Agrarchemie-Sparte. Filettiert man den Saatgutteil dieser Unternehmen heraus, so zeigt sich ein weltweiter Konzentrationsprozess. Nach Darstellung der kanadischen Nichtregierungsorganisation ETC group kontrollierten die zehn größten Saatgutunternehmen im Jahre 2006 die Hälfte (49 Prozent) des weltweiten Saatgutmarktes in Höhe von 22,9 Milliarden US-Dollar. Ein Jahrzehnt zuvor lag der Anteil erst bei einem guten Drittel (37 Prozent). Unter den Top Ten waren neben den oben bereits genannten vier Großen noch die französische Limagrain-Gruppe, Land O’ Lakes (USA), die deutsche KWS AG, Sakata (Japan), DLF-Trifolium (Dänemark) und die US-Firma Delta and Pine Land.(1)
Monsanto hat den Konkurrenten Pioneer in der Liste der größten Saatgut-Unternehmen inzwischen auf Platz zwei verwiesen, und hat die Nummer zehn, Delta and Pine Land, direkt mit Sack und Pack übernommen. Bei gentechnisch verändertem Saatgut ist der Konzern aus dem US-Bundesstaat Missouri führend und verkauft aktuell etwa 90 Prozent des weltweit ausgebrachten gentechnischen Saatgutes. Nicht bekannt ist, ob dieser Geschäftsbereich noch ein Zuschussgeschäft ist oder so wie die profitable Herbizidsparte bereits zum Gewinn - im vergangenen Jahr eine Milliarde US-Dollar - beiträgt. Das spielt derzeit aber vermutlich auch eine nachgeordnete Rolle, der Wert der Aktie - zum Beispiel - steigt kontinuierlich.(2)

Rolle der BASF

Ganz bestimmt keine Gewinne wirft die Agro-Gentechnik für einen Konzern ab, der bis vor zehn Jahren überhaupt noch nicht im Bereich Saatgut aktiv gewesen ist: die BASF. Sie investiert seit 1998 kräftig in die Pflanzengentechnik - und verfügt über gar keine konventionelle Saatgutsparte. Bis heute ist der Konzern im Agrogentech-Bereich praktisch ausschließlich in der Forschung und Entwicklung aktiv. Allein im Zeitraum von 2006 bis 2008 sollen unter dem Dach der BASF 400 Millionen Euro in die Forschung zur Agro-Gentechnik investiert werden. Darin sind die Gelder für eine Kooperation mit dem Branchenprimus Monsanto noch gar nicht enthalten. Es geht aber, wenn alles so kommt, wie geplant, um das ganz große Geschäft: Hans Kast, Geschäftsführer der BASF-Tochter Plant Science, rechnet damit, „dass die Pflanzenbiotechnologie 2025 ein Marktpotenzial von rund 50 Milliarden US-Dollar“ erreichen wird. Zur Erinnerung: Der weltweite Saatgutmarkt - nicht von den Landwirten selbst erzeugtes Saatgut - wird heute mit gut zwanzig Milliarden US-Dollar veranschlagt.
Das Engagement der BASF steht beispielhaft für ein Modell, mit dem Konzerne sich die Märkte der Zukunft sichern wollen. Unter anderem mit seinen Tochterfirmen Metanomics in Berlin und CropDesign im belgischen Zwijnaarde verfügt die BASF über weitgehend automatisierte industrielle Datensammeleinheiten: Metanomics sammelt alles über das Genom und den Stoffwechsel der Pflanzen, CropDesign über ihren Wuchs und über die Ausprägung ihrer Eigenschaften. Lapidar heißt es auf der Internetseite von Metanomics: „Erste Leitgene wurden bereits zum Patent angemeldet“. An anderer Stelle wird es deutlicher beschrieben: „Mehr als 1 Million proprietäre (urheberrechtlich geschützte - d. Red.) Gensequenzen und mehrere Hundert Gene in der Wachstumsphase führen dazu, dass durchschnittlich alle fünf Tage ein Patent für eine bestimmte Genfunktionalität erteilt wird“.(3) Ob diese Zahl eins-zu-eins der Realität entspricht, sei dahingestellt, aber klar ist: Die genomischen Daten und die damit verknüpfte Patentierung sind wesentlicher Teil der Strategie der abgesteckten Claims.

Allianz der Riesen

Monsanto und BASF sind im Frühjahr 2007 eine unheilige Allianz eingegangen. Gemeinsam haben sie im März eine „langfristige Zusammenarbeit bei Forschung und Entwicklung (...) sowie Vermarktung in der Pflanzenbiotechnologie“ angekündigt. Weiter heißt es in der entsprechenden Presseinformation „die Vereinbarung betrifft die weltweit wichtigsten Nutzpflanzen: Mais, Soja, Baumwolle und Raps. Die gemeinsame Pipeline umfasst alle bestehenden und geplanten Programme beider Unternehmen für höheren Ertrag und Stresstoleranz.“ Es wurde für die nicht näher beschriebene Laufzeit ein Budget von 1,2 Milliarden Euro veranschlagt. Presseberichten zufolge geht es um eine mindestens zehnjährige Kooperation.
Das Geschäft mit den gentechnisch veränderten Saaten kommt erst in den letzten Jahren in Gang. Zwar betonen die Befürworter der Gentechnik zu Recht ein beständiges jährliches Wachstum der weltweiten Anbaufläche mit gentechnisch veränderten Organismen (GVO) im zweistelligen Prozentbereich, doch findet das Wachstum nach wie vor auf niedrigem Niveau statt. Gentechnisch veränderte Pflanzen (GVP) wachsen noch immer nur auf etwa sechs Prozent der weltweiten landwirtschaftlichen Anbaufläche.

„Monsanto gegen Bauern” ... und Länder

Dass die Durchsetzung der Patent- beziehungsweise Lizenzansprüche integraler Bestandteil der Geschäftsidee ist, liegt in der „Natur” der Sache. Das Vorgehen der Rechtsabteilung von Monsanto ist legendär und wurde zum Beispiel in dem Bericht „Monsanto gegen Bauern” detailliert dokumentiert.(4) Bespitzelung, Bedrohung, Bestechung und Einschüchterung gehören scheinbar zu den handelsüblichen Werkzeugen. Diese Erfahrungen wurden in Nordamerika gemacht, wo der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen seit etwas mehr als zehn Jahren läuft. Ob die Vorgehensweise am Beginn der Einführung der gentechnischen Saaten in einem Land weniger rigide durchgeführt wird, ist offen, könnte aber aus den Zahlen abgeleitet werden. Der Washington Post zufolge hatte die Zahl der Ermittlungen im Jahre 1999 in den USA und Kanada die 500 übertroffen. Bis etwa 2004 war diese Zahl auf mehrere tausend Bauern angestiegen - alljährlich sollen mindestens 500 Ermittlungen neu hinzukommen.
In Argentinien ist die Gemengelage etwas anders: Hier hatte der Konzern nach anfänglichem Verzicht auf jegliche Lizenzgebühren vergeblich versucht, mit Lobbying ein neues Patentrecht zu etablieren. Seit ein paar Jahren nun werden systematisch die europäischen Importeure transgener Sojaprodukte aus Argentinien belangt, was sich aber bisher nicht durchsetzen ließ.(5)
Auch hier also die Tendenz, in der Zeit der Einführung der gentechnisch veränderten Saaten nicht zu streng zu sein, um gegebenenfall die neuen „Geschäftspartner” nicht zu verschrecken. Für die Verbreitung transgener Sojasorten in dem südamerikanischen Land - und vermutlich dem ganzen Kontinent - spielte (und spielt) der Preisvorteil für das Saatgut vermutlich eine nicht unwesentliche Rolle.

Geld drucken

Die Kontrolle über das Saatgut der weltweiten Landwirtschaft ist eine Lizenz zum Geld drucken. Das haben die Konzerne erkannt und stecken jetzt auch mit Hilfe der Patente auf die Pflanzen ihre Claims ab.

Christof Potthof ist Biologe, Mitarbeiter des Gen-ethischen Netzwerkes (GeN) und Redakteur beim Gen-ethischen Informationsdienst (GID).
186
Februar 2008
S. 46 - 47
  1. „World's Top 10 Seed Companies“, April 2007, im Netz unter: www.etcgroup.org.
  2. „Monsanto: Buy the High - All Time High und stabiler Trend”; www.ad-hoc-news.de > Kahler-Tech-Trading, 4.12.07.
  3. „Die Gentech-Visionen von BASF Plant Science”, siehe im Netz unter: www.alsa.at/chemiereport/stories/6804.
  4. Siehe zum Beispiel das Interview mit Percy Schmeiser in diesem Heft oder den Bericht „Monsanto gegen Bauern” des Center for Food Safety aus dem Jahre 2005 in deutscher Fassung im Netz unter: www.abl-ev.de/gentechnik/pdf/MonsantogegenBauernK.pdf.
  5. Siehe zum Beispiel den Artikel „Erntet Gebühren, wer Zwietracht sät?” von Rachel Nellen-Stucky und François Meienberg im Gen-ethischen Informationsdienst (GID) 178 vom Oktober 2006, im Netz unter www.gen-ethisches-netzwerk.de/gid/178/land/nellen-stucky/erntet-gebuehre....