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Auf Feldern aktiv

Allenthalben Aktionen und Protest. Agro-Gentechnik mobilisiert Tausende, wenn es um Demonstrationen und regionale Proteste geht. Aber auch die direkten Aktionen auf Feldern erfreuten sich in diesem Frühjahr wachsender Beliebtheit.
Freisetzungsversuche mit gentechnisch veränderten Organismen waren in den vergangenen Wochen ein bevorzugtes Ziel der Aktivistinnen und Aktivisten. Die Vorzüge liegen auf der Hand: Die Felder sind überschaubar groß und der mögliche Erfolg, die Verhinderung der Durchführung, ist unmittelbar messbar.
In der Regel scheuten die AktivistInnen nicht die Konfrontation mit den VersuchsleiterInnen und/oder der Polizei. Ganz im Gegenteil: Nach dem Vorbild der Aktionen der Initiative Gendreck weg und anderer wurde die Feststellung der Personalien und die zu erwartende Strafanzeige einkalkuliert. Das führt mitunter zu erstaunlichen Positionen, die allein durch ihre Offenheit bestechen und verstören können.

Gatersleben gentechnikfrei

Dabei war die Aktion am Feld mit gentechnisch verändertem Weizen in Gatersleben sicher die auffälligste der vergangenen Monate. „Nach erster interner Bewertung ist die Freisetzung wissenschaftlich nicht mehr auswertbar”, heißt es in einer Pressemitteilung des Instituts für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung, an anderer Stelle ist von weiterhin möglichen Detailuntersuchungen die Rede. Von Gendreck weg pressetechnisch begleitet, präsentierten sich die vier beteiligten FeldbefreierInnen auf der Internet-Seite der Initiative. Nicht zuletzt die Tatsache, dass sie alle mehr oder minder vom Fach sind, das heißt in der Land- und Lebensmittelwirtschaft beschäftigt sind, entwickelt einen besonderen Charme. Es sind vor allem die klaren persönlichen Statements, die zum Ausdruck bringen, dass hier Menschen zu sehen sind, die nicht unüberlegt oder zum Beispiel aus spontaner Wut gehandelt haben.
Das Feld in Gatersleben ist wegen der unmittelbar benachbarten Genbank von besonderer Bedeutung. Dafür muss man nicht an den Vorschlag des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) erinnern, demzufolge für die Zukunft überlegt werden sollte, den Erhaltungsanbau für die Sorten der Gaterslebener Genbank an einen anderen Standort zu verlagern. Nicht nur auf Grund solcher Demonstrationen der Behörden oder der beteiligten WissenschaftlerInnen wird es leicht verständlich, wenn die an der Aktion in Gatersleben beteiligte Lea Tanja Hinze aus der Nähe von Erfurt betont: „[Es] gibt viele dreiste Versuchsflächen, aber das hier ist der Gipfel. (...) Wir [gehen] davon aus, dass das ein eiskalt kalkulierter Testballon war.”
Umso erstaunlicher sei es, wie Jutta Sundermann von Gendreck weg bemerkt, dass gerade über diese Aktion in den Medien sehr wenig berichtet wurde.

Ablenkende Expertendebatte

Speziell ist der Gießener Aktivist, der sagt, die ganze Debatte um Auskreuzung, konventionelle Pflanzen hier, gentechnisch veränderte Pflanzen dort, das interessiere ihn weniger. Das sei eine „ExpertInnendebatte”, die ablenkt. Bei der Kritik an der Gentechnologie ginge es vielmehr um „grundsätzliche Positionen zu Macht und Zugang zu lebenswichtigen Ressourcen - allen voran den genetischen Ressourcen für die Landwirtschaft”. Diese sei bedroht von einer zunehmenden Marktkonzentration beim Saatgut, aber auch durch stärkere Kontrollmechanismen und die Patentierungspraxis, die gerade bei gentechnisch veränderten Pflanzen mittlerweile gang und gäbe sei.
Er ist damit auch beispielhaft für die verschiedenartige Argumentation, mit der das eigene Vorgehen begründet wird und die sich eben nicht immer mit dem Für und Wider von technischen Details zufrieden gibt.

Es fehlt der Glaube an die Koexistenz

Natürlich ist bei anderen der fehlende Glaube an die so genannte Koexistenz ein wichtiger Punkt, gibt es doch keine schlüssigen Beweise, dass das Nebeneinander von gentechnisch veränderten, konventionellen und ökologischen Bewirtschaftungsformen dauerhaft funktioniert. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall: Überall, wo es Anbau von gentechnisch veränderten (gv) Pflanzen gibt, ist die Kontamination von Saatgut und Ernteprodukten eher die Regel, denn die Ausnahme. Dass damit Fakten geschaffen werden, die Aktivistinnen und Aktivisten praktisch auf den Plan rufen, lassen diejenigen, die auf der Illegalität der Aktionen beharren, gern unter den Tisch fallen.

Katz-und-Maus-Spiel um große Themen

Ziviler Ungehorsam ist immer auch ein bisschen die Freude am Katz-und-Maus-Spiel, das werden nur die wenigsten bestreiten. Buchstäblich nehmen die AktivistInnen in Laase (Niedersachsen) dieses Motto. Um zu verhindern, dass der Landwirt an ihre Personalien kommt, flüchten sie regelmäßig vor Landwirt und Polizei. Ohne Personalien kein zivilrechtliches Vorgehen, ohne zivilrechtliches Vorgehen keine Räumung ...
Doch darf das nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass es in dieser Debatte für alle Beteiligten um sehr große Themen geht: Nahrungsmittel, die selbstständige, souve-räne Versorgung damit und das dauerhafte Recht an den Ressourcen. Dann natürlich Hunger und Armut, die Entwicklung des ländlichen Raums, die dauerhafte nicht wieder rückgängig zu machende Kontamination des Saatgutes und natürlich die Freiheit der Forschung, um nur einige zu nennen.
Gerade im Moment sind die Debatten in der Landwirtschaft im Allgemeinen und um die transgenen Saaten im Speziellen durch die Rahmenbedingungen sehr aufgeheizt. Zu nennen sind vor allem die permanente Verteuerung landwirtschaftlicher Produkte, die wegen und in Verbindung mit der zunehmenden Konkurrenz der verschiedenen Nutzungsoptionen - insbesondere Nahrung und Energie - gerade in den Ländern des Südens für große Unsicherheit und Not gesorgt haben. Nicht zuletzt steht mit ihrer zunehmenden Monopolisierung die wichtigste landwirtschaftliche Ressource, das Saatgut, auf dem Spiel.

Verschiedene Strategien

Für den Rest der Bewegung ist der Umgang mit den AktivistInnen nicht immer ganz leicht (was vermutlich auf Gegenseitigkeit beruht ...). Versuchen diese ein Auskommen in der einen oder anderen Art und Weise mit den verschiedenen Spielarten der Agro-Gentechnik zu finden - dies kann verschiedene Triebfedern haben, so zum Beispiel die, zu verhindern, dass die Auseinandersetzung zur Aggro-Gentechnik wird - nehmen jene für die eigene Strategie in Anspruch, dass die Macht der Konzerne und deren Auftreten den Aggressionen längst freien Lauf gelassen habe. Damit sei die direkte Aktion gegen Sachen, das heißt die Feldbefreiung, Zerstörung, manche nennen es die vorzeitige Ernte der transgenen Pflanzen, auf den Feldern ausreichend legitimiert.
Die AktivistInnen geben sich in der Regel sehr große Mühe, nicht als Gewalttäter et cetera aufzutreten. Die Ankündigung für das so genannte Gentechnikfreie Wochenende im Landkreis Würzburg, die transgenen Maispflanzen gegen andere Maispflanzen austauschen zu wollen, spricht in diesem Zusammenhang Bände.
Nichtsdestotrotz kann hier genau so wenig wie in anderen sozialen Bewegungen von einer homogenen Gruppe ausgegangen werden. Gerade bei den Feldbesetzerinnen und Feldbesetzern dieses Frühjahrs verstehen sich die einzelnen Zusammenhänge nicht notwendigerweise als Teil eines größeren Ganzen, sondern agieren teilweise völlig isoliert und eigenständig.

Distanzierung und Unterstützung

Wie umstritten die Aktion des Zivilen Ungehorsams sind, zeigt sich aktuell auch in der Umgebung von Würzburg, dem Anbaugebiet des gentechnisch veränderten MON810-Mais in Bayern: Tanja Langer vom Bund Naturschutz betont in der in Würzburg erscheinenden Tageszeitung Mainpost, das „Aktionsbündnis” distanziere sich zwar „von der durch Gendreck weg geplanten Maßnahme der Feldbefreiung“. Andere Initiativen und Ziele von Gendreck weg würden aber nicht abgelehnt und nach Jutta Sundermann sind die Reaktionen auch in der Region Würzburg/Kitzingen nicht einhellig. Gendreck weg werde auch hier von einigen unterstützt.
Auch in diesem Punkt gibt es sehr unterschiedliche Erfahrungen, gerade die Feldbesetzerinnen und -besetzer, die sich für einen längeren Zeitraum auf einer Fläche niederlassen, erfahren auch große Unterstützung aus Teilen der Bevölkerung.
Christof Potthof ist Biologe, Mitarbeiter des Gen-ethischen Netzwer-kes und Redakteur beim Gen-ethischen Informationsdienst (GID).
188
Juni 2008
S. 36 - 37

Auf den Feldern 2008

Besetzungen:
  • BASF-Kartoffeln in Bütow, Vermehrung von Pflanzgut (Müritz, Mecklenburg-Vorpommern) > geräumt
  • Sortenversuch des Landwirtschaftlichen Technologiezentrums Augustenberg mit gv-Mais in Forchheim (bei Karlsruhe) > geräumt
  • Freisetzungsversuch der Uni Gießen mit gv-Gerste in Gießen (Hessen) > Versuch abgesagt
  • Sortenversuch gv-Mais, Versuchsstation der Uni Gießen in Groß Gerau (Hessen) > Versuch abgesagt
  • KWS-Freisetzungsversuch mit gv-Rüben bei Northeim (Niedersachsen) > geräumt
  • Sortenversuche mit gentechnisch verändertem (gv) Mais in Oberboihingen (Hochschule Nürtingen, Baden-Württemberg) > Versuch abgesagt
  • Geplanter kommerzieller Anbau von gv-Mais im Biosphärenreservat Niedersächsische Elbtalaue beim wendländischen Laase > seit Anfang Mai besetzt
Befreiungen/Aktion:
  • DLG-Feldtage-Fläche Buttelstedt bei Weimar
  • gv-Weizen in Gatersleben
  • Aussaat von Bio-Kartoffeln auf einem Feld der BASF in Falkenberg/Elster (Brandenburg)
Weitere Informationen auf:
gentechnik-im-wendland
gentech-weg
Indymedia
gendreck-weg