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Mit „ohne Gentechnik”

Der Molkereikonzern Campina kennzeichnet seit kurzem Produkte seiner Premiummarke „Landliebe” mit dem im Frühjahr novellierten „ohne Gentechnik”-Label. Der Konzern belässt es aber nicht bei der Versicherung, keine gentechnisch veränderte Soja zu verfüttern. Landwirte, die für Landliebe liefern, verzichten auch auf importierte Futtermittel.

Es gibt diese Tage, an denen möchte man bei wildfremden Leuten unterm Tisch sitzen und das sprichwörtliche „Mäuschen” spielen. Unlängst war es wieder mal so weit: An dem Tag, als der Konzern Campina bekannt gegeben hat, in Zukunft das „ohne Gentechnik”-Label zu nutzen, hätte ich gerne bei den VertreterInnen von verschiedenen Molkereikonzernen gelauscht, zum Beispiel bei Herrn Müller. Sie wissen schon, der Müller von Müller-Milch. Mit dem hatte sich Greenpeace in dem Gerangel um die Agro-Gentechnik lange in den Haaren gelegen. Mittlerweile ist es still geworden um diese Auseinandersetzung. Aber jetzt droht dem Herrn Müller der Ärger aus den - so genannten - eigenen Reihen.

Gut für Urwälder und Klima

Seit Anfang Oktober stehen Landliebe-Produkte des Campina-Konzerns mit dem „ohne Gentechnik”-Label in den Kühlregalen der Supermärkte. Campina ist der größte Molkerei-Konzern Europas. Unter dem „Landliebe”-Signet werden in Deutschland Campinas Premium-Produkte verkauft. In dieser Produktlinie sollen nun in einem ersten Schritt Voll-, H- und Schulmilch mit „ohne Gentechnik” gekennzeichnet werden. Ein zweiter Schritt ist bereits angekündigt: Das Konzept soll voraussichtlich ab April des kommenden Jahres auf weitere Landliebe-Produkte - zum Beispiel Butter, Dessert, Joghurt oder Schichtkäse - ausgeweitet werden. Allerdings betrifft dies vorerst nur einen relativ kleinen Anteil des Milchmarktes. Nach Angaben von Campina hat Landliebe-Milch einen Anteil von etwa fünf Prozent der in Deutschland verkauften Frischmilch.
550 Bauern, die für Landliebe produzieren, füttern nun nicht nur garantiert ohne Gentechnik, sondern auch ausschließlich mit Futtermitteln, die in Deutschland oder der EU erzeugt worden sind. Für den Konzern bedeutet das, sich „noch deutlicher als zuvor” von den Mitbewerbern abzusetzen.
Greenpeace hatte sich in den letzten Jahren sowohl den Campina-Konzern als auch Müllers „Gen-Milch” ausgeguckt, um an deren Produkten auf eine Kennzeichnungslücke in der europäischen Gentechnik-Gesetzgebung hinzuweisen. Die Lücke lässt die Verwendung des weit größten Teils der weltweit angebauten gentechnisch veränderten Pflanzen im Unsichtbaren verschwinden. Das heißt, VerbraucherInnen können an den Produkten im Laden nicht erkennen, ob gentechnisch veränderte Pflanzen verwendet worden sind oder nicht. Schätzungen zufolge wandern mindestens 80 Prozent aller gentechnisch veränderten Pflanzen in den Futtertrog. Die Produkte der Tiere, die dieses Futter bekommen haben - Eier, Milchprodukte und Fleischwaren - müssen nach geltender Rechtslage aber nicht als gentechnisch verändert gekennzeichnet werden. Greenpeace-Aktivisten haben schon vor längerer Zeit EU-weit eine Million Unterschriften für die Kennzeichnung dieser Lebensmittel gesammelt, in Brüssel überreicht und damit - nebenbei - die weiter gehende Beteiligung der BürgerInnen, wie sie in dem mittlerweile überholten Verfassungsentwurf vorgesehen war, vorweggenommen.
Aber es geht hier nicht nur um mit oder ohne Gentechnik, darauf weist Greenpeace-Landwirtschafts-Experte Alexander Hissting hin. Der Anbau von Soja, insbesondere in den Ländern Südamerikas, ist einer der Hauptgründe für die dortige Urwaldzerstörung. Außerdem sorgt der Transport des Futters für eine erhebliche Klimabelastung.

Industrie als Verbaucherschützer?

Der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL), der Spitzenverband der deutschen Lebensmittelbranche, beklagt, das neue Label führe die Verbraucher in die Irre. Der BLL ist in den vergangenen Monaten nicht müde geworden, sich als Verbraucherschützer zu profilieren: Das neue Label sei Verbrauchertäuschung, da die „ohne Gentechnik”-Produkte unter bestimmten Umständen mit Zusatzstoffen (Vitamine et cetera) ergänzt worden sein können, die ihrerseits mit gentechnisch veränderten Mikroorganismen hergestellt wurden.
Darauf aufbauend lautet eines der Argumente, das gerade aus den Kreisen des Lebensmittelhandels immer wieder zu hören ist, dass der Verbraucher nicht verstehen könne, was es mit den Produkten auf sich hat, die das Label nicht tragen. Heißt ohne „ohne Gentechnik”-Kennzeichnung automatisch, dass in diesen Produkten gentechnisch veränderte Organismen enthalten sind?
Die Gegenargumente lässt der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), aber auch andere Verbände wie zum Beispiel der Verbraucherzentrale Bundesverband, nicht gelten. Die Mikroorganismen seien zwar gegebenenfalls gentechnisch verändert, nicht aber die Zusatzstoffe.
Der BUND hat sich für die nächsten Monate vorgenommen, die Werbetrommel für die Kennzeichnung „ohne Gentechnik” zu schlagen. Sein Ziel ist der EDEKA-Konzern und dessen Eigenmarken. Mit einem panierten Schnitzel in der Form der Bundesrepublik Deutschland auf Protestpostkarten und der Möglichkeit, online ein Votum für „ohne Gentechnik bei EDEKA” abzugeben, versucht der BUND den größten deutschen Lebensmittel-Handelskonzern dazu zu bringen, seine Eigenmarken mit dem „ohne Gentechnik”-Label zu versehen. Zusätzlich rücken die regionalen Gruppen des BUND den Lebensmittelhändlern vor Ort auf die Pelle.
Dass ausgerechnet EDEKA der gewählte Gegenspieler des BUND geworden ist, ist kein Zufall. Eine der Regionalgesellschaften - EDEKA-Nord - lässt bei der Herstellung des Schweinefleisches bereits seit Jahren auf den Einsatz von gentechnisch veränderten Futterpflanzen verzichten. Bisher wird aber nicht damit geworben. Man wolle keinen unnötigen Druck im Gesamtkonzern erzeugen, heißt es.

Neue Regelung seit Mai

Die Regelung, nach der mit dem Label „ohne Gentechnik” gekennzeichnet werden kann, war im Frühjahr von der Großen Koalition überarbeitet worden. Sie sieht eine Unterscheidung zwischen Lebens- und Futtermitteln vor. Bei den Futtermitteln der Tiere, deren Produkte mit dem „ohne-Gentechnik”-Label gekennzeichnet werden sollen, dürfen die pflanzlichen Rohstoffe nicht gentechnisch verändert sein. Zusatzstoffe im Tierfutter, wie zum Beispiel Aminosäuren und Vitamine oder Tierarzneimittel, dürfen unter Einsatz von gentechnisch veränderten Mikroorganismen hergestellt worden sein.
Lebensmittel dürfen nicht aus gentechnisch veränderten Organismen bestehen. Es gibt spezielle Regelungen in Bezug auf Zusatzstoffe. Unter bestimmten Bedingungen dürfen sie mit gentechnisch veränderten Mikroorganismen hergestellt worden sein. Das ist der Fall, wenn auf dem Markt keine anderen - auf herkömmlichen Wegen erzeugten - Zusatzstoffe mehr verfügbar sein sollten. Die gentechnisch veränderten Mikroorganismen selbst dürfen in den Lebensmittel-Produkten aber nicht mehr vorhanden sein. Die Ausnahmen sollen außerdem nur für solche Stoffe zulässig sein, die in der noch zu verabschiedenden EU-Ökoverordnung zugelassen sein werden - bislang gibt es derartige Ausnahmen noch gar nicht.
Auf die pflanzlichen Rohstoffe in der Tierfütterung kommt es den Verbänden, die sich für die Kennzeichnung einsetzen, in erster Linie an. „Die neue Kennzeichnung ermöglicht VerbraucherInnen, mit ihrer Kaufentscheidung zu beeinflussen, ob gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut werden oder nicht”, heißt es zum Beispiel beim BUND.

Wiesenhof zaudert

Der Konzern Wiesenhof hat seine Ankündigung, die eigenen Produkte mit dem „ohne Gentechnik”-Label zu kennzeichnen, bisher nicht umgesetzt. Es gebe noch verschiedene Unsicherheiten mit der Auslegung der neuen Verordnung, ist aus der Konzernzentrale des größten Hähnchenmästers Deutschlands zu vernehmen. Wo genau die Probleme bei Wiesenhof liegen, erläutert deren Chef, Peter Wesjohann, in der Lebensmittel-Zeitung: Er wolle kennzeichnen, sobald sichergestellt sei, dass die Formulierung „zufällig und technisch unvermeidbar” von den verschiedenen Behörden der Bundesländer „identisch ausgelegt” werde. Die Neuregelung verweist an verschiedenen Stellen auf die EU-Verordnungen für gentechnisch veränderte Lebens- und Futtermittel (1829/2003) und für die Kennzeichnung und Rückverfolgbarkeit von gentechnisch veränderten Organismen (1830/2003). Diese sehen eine Kennzeichnung von Lebens- und Futtermitteln ab einem Gehalt von 0,9 Prozent vor, soweit dieser technisch nicht zu vermeiden oder zufällig ist. Wesjohanns Konkurrent aus der Geflügelbranche, die Firma Stolle aus dem niedersächsischen Visbek, hat ihrerseits auf der Fachmesse „Intermeat” im September die Umstellung eines ihrer Werke auf einen gentechnikfreien Standard bekanntgegeben, um in Zukunft Produkte mit dem Label „ohne Gentechnik” produzieren zu können.
Andere Firmen kennzeichnen ihre Waren schon länger: Die Bergweide-Milch der Upländer Bauernmolkerei wurde schon 2005 mit dem Label versehen und der zweitgrößte Nudelhersteller in Deutschland, das schwäbische Unternehmen Alb-Gold, kennzeichnet seit Mai dieses Jahres. Seit Oktober gibt es bei der Lebensmittelkette tegut, die in und um Hessen gut 300 Lebensmittelgeschäfte betreibt, Schweinefleisch des firmeneigenen „kff Landprimus”-Programms mit dem neuen Label.

Christof Potthof ist Biologe, Mitarbeiter des Gen-ethischen Netzwerkes und Redakteur beim Gen-ethischen Informationsdienst (GID).
190
Oktober 2008
S. 45 - 46