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Radikale Technikkritik

Kann man über Technik und Technologien diskutieren, ohne über die Wissenschaft zu reden? Rainer Hohlfeld hat in seinem Beitrag (GID 193) das Theorem der Unschuld der Produktivkräfte sehr deutlich auseinandergepflückt und damit auf den Herrschaftscharakter der instrumentellen Vernunft hingewiesen. Das Problem liegt also viel tiefer: im Zusammenhang von Technik und Wissenschaft, Vernunft und Herrschaft.

Das Programm der Aufklärung war die Entzauberung der Welt.“1 Mit diesem Satz leiten Max Horkheimer und Theodor Adorno - die amerikanische Kulturindustrie und die entfesselten technischen Destruktivkräfte des Zweiten Weltkriegs vor Augen - die „Dialektik der Aufklärung“ ein. Ein zentraler Ansatzpunkt der Kritischen Theorie war die Kritik am Naturverhältnis der modernen Wissenschaft. Der moderne Mensch hat es geschafft, sich von der Furcht vor der Natur zu befreien, allerdings um einen hohen Preis. In Gestalt des experimentierenden Naturwissenschaftlers zerlegt, klassifiziert und entmythologisiert er die Natur. Der Mensch entzaubert die Natur, indem er sie sich unterwirft. Nach Adorno und Horkheimer resultiert die Herrschaft der Vernunft in nichts anderem als der Versklavung der Natur und in der schrankenlosen Herrschaft des Wissens, wobei die instrumentelle „Technik das Wesen des Wissens“ darstellt.
Mit der Herausbildung der neuzeitlichen Wissenschaft seit den Tagen eines Bacon, Galilei oder Descartes wurde die Frage nach dem Sinn, nach der Substanz und der Qualität des Seins und des Daseins abgedrängt in den Bereich der klassischen Philosophie. Die Wissenschaft gab sich eine neue Philosophie - die Mathematik. Die Suche nach Gesetzen, die in Formeln ausgedrückt werden können, wurde damit zum wesentlichen Bestandteil wissenschaftlichen Forschens und Erkennens. Seitdem zerlegt die Naturwissenschaft die Natur in operationalisierbare Segmente - und idealisiert sie im schlechten Sinne: „In der Galilei'schen Mathematisierung der Natur wird nun diese selbst (die Natur, H.B.) unter der Leitung der neuen Mathematik idealisiert, sie wird - modern ausgedrückt - selbst zu einer mathematischen Mannigfaltigkeit."2 Das Komplexe, Vieldeutige, Vielschichtige und Interdependente in der Natur kann mit diesem Instrumentarium nicht erfasst werden.
Natur wird dabei zugleich reduziert auf das menschlich und ökonomisch Verwertbare. Das ist die Pointe der „Dialektik der Aufklärung“. Der Herrschaft des Abstrakten über das Konkrete, des Identischen über das Nichtidentische im Bereich der Naturwissenschaften entspricht der Herrschaft des Geldes über die Ware, des Tauschwerts über den Gebrauchswert im Bereich der Ökonomie. Die kapitalistische, arbeitsteilige Produktion erzeugt sowohl das Instrumentarium und die Technik zum Quantifizieren naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und sie moduliert zugleich die menschlichen Wahrnehmungsorgane. Dies spiegelt sich noch im Prozess der naturwissenschaftlichen Visualisierung und Objektivierung wider, die die Wahrnehmung zerstückelt und in eine rationale und (zu eliminierende) emotionale Komponente aufteilt.
Die Herausbildung der exakten Naturwissenschaft und des modernen Wissenschaftlers hängt eng mit der Herausbildung des kapitalistischen Produktionsprozesses und der Produktionsverhältnisses zusammen. Herbert Marcuse bemerkte dazu einmal: „Der Begriff der technischen Vernunft ist vielleicht selbst Ideologie. Nicht erst ihre Verwendung, sondern schon die Technik ist Herrschaft (über die Natur und den Menschen), methodische, wissenschaftliche, berechnete und berechnende Herrschaft. Bestimmte Zwecke und Interessen der Herrschaft sind nicht erst ‚nachträglich' und von außen der Technik oktroyiert - sie gehen schon in die Konstruktion des technischen Apparats selbst ein.“3 Herrschaft ‚versteckt’ sich somit in Technik und Wissenschaft und ihrem instrumentellen Charakter.

Gibt es eine objektive Wissenschaft?

Mit den Quantifizierungsverfahren der instrumentellen Vernunft kann (naturwissenschaftliche) Erkenntnis nur die (vordergründige) Realität abbilden. Mit der Entdeckung der Heisenberg’schen Unschärferelation in der Atomphysik geriet das Dogma der Neutralität der Wissenschaften erheblich ins Wanken. Denn sie besagt in aller Allgemeinheit, dass jede Erkenntnis durch ein subjektives Erkenntnisinteresse eingefärbt ist.
Konkret haben wir es indes heute mit einer zunehmenden Abhängigkeit der universitären Forschung von Drittmitteln aus der Industrie und der Umwandlung der Universitäten in betriebswirtschaftlich geführte Unternehmen zu tun. Da ist es schon verwunderlich, wie Reinhard Mocek an dem Postulat der Neutralität der objektiven Wissenschaft festhalten und die Diskussion der geschichtlichen und gesellschaftlichen Prägung des Erkenntnisprozesses in den Bereich von philosophischen Arbeitskreisen verbannen kann. Zurück bleibt bei Mocek eine fast hilflose Wissenschaftsgläubigkeit und der Glaubenssatz: „Die wissenschaftliche Wahrheit ist unhintergehbar!“ Nebenbei gesagt, wurde auch im Realen Sozialismus das Hohelied der objektiven Wissenschaften gesungen, während die „Wissenschaftliche Arbeitsorganisation“ in den VEBs die Herrschaft über die Arbeiterklasse perfektionierte.
Letztendlich kümmert sich Reinhard Mocek nicht um die geschichtliche und gesellschaftliche Prägung des menschliches Verstandes und der Vernunft. Dass die Waren- und Denkform sehr eng zusammenhängen, fällt beim Marxisten Mocek unter den Tisch.
Die instrumentelle Vernunft der Verwertung des Werts, der unbedingten Hebung der Produktivkräfte und der völligen Unterwerfung des Menschen unter das Diktat der Mächtigen machte das Mittel zum Zweck und führte zu einer kalten technologischen Sachzwangrationalität. Der Historiker Martin Jay fasst die Argumentation von Adorno und Horkheimer so zusammen: „Die Art, in der die Aufklärung mit der Natur und mithin auch mit den Menschen umgehe, sie zu Objekten machend, stimme prinzipiell mit dem extremen Formalismus des kategorischen Impera
tivs überein, trotz Kants ausdrücklichem Gebot, die Menschen als Ziel und nicht als Mittel zu betrachten. Logisch zu Ende gedacht, führe die kalkulierende, instrumentelle, formale Rationalität zu den barbarischen Gräueln des 20. Jahrhunderts."4 So war zum Besipiel die Eugenik Ausdruck der Moderne, ihres Willens, die gesellschaftliche Reproduktion vollkommen zu planen und zu steuern. Mit fatalen Konsequenzen: „Die Objektivität öffnete den Wissenschaftlern die Tür zu jeder Barbarei“, schrieb Benno Müller-Hill in seinem Buch „Tödliche Wissenschaft“.5

Was folgt aus alledem?

Vernunft darf kein Monopol mehr auf den Erkenntnis- und Wissensprozess haben! Denn die Wissenschaft ist heute kein Problemlöser sondern selbst zu einem Problemerzeuger geworden. Kleines Beispiel gefällig? Wer hätte unter den Lesern und Leserinnen des GID jemals gedacht, dass die Ausbreitung der Denguefliege was mit der Ausbreitung des Gensojaanbaus in Südamerika zu tun hat? Bei Monsanto wurde schon immer Sicherheitsforschung und Risikoabwägung sehr klein geschrieben. Die Wissenschaftler dort sind eben - mit Rainer Hohlfeld gesprochen - „kontextblind“.
Das bisherige Herrschaftsverhältnis des Menschen zur Natur (und damit zu sich selbst!) müsste gründlich revidiert werden. Gerade in der Beziehung zur Natur wäre der wahre Fortschritt Rückschritt:
Zurück zu einem ganzheitlichen, ökologischen Verständnis von der Komplexität der Kreisläufe der natürlichen Reproduktion von Pflanzen und Tieren. Das Wissen darum ist noch nicht verschüttet und vieles ist noch zu retten vor dem Würgegriff der Agrarkonzerne und der Multis.
Die moderne Wissenschaft hat die sinnliche Wahrnehmung und das Fühlen ausgegrenzt, als „vorwissenschaftlich“ abgetan. Subjektive Erfahrung zählt nicht, erklärt im wissenschaftlichen Sinne nichts, sie unterliegt der Täuschung der Unmittelbarkeit. Und doch scheint mir gerade das verschüttete Alltagswissen der BäuerInnen und Handwerker, das ‚stille Wissen' der FacharbeiterInnen (Mike Cooley) oder der ‚weisen Frauen’ für eine natürliche Reproduktion der Menschheit überlebensnotwendig. Wir müssen wieder stärker nach dem Nichtberechenbaren, dem Ungeraden, dem Nicht-Verwertbaren, dem Unnützen suchen.
Der Philosoph Hans Jonas schrieb einmal: „Die Katastrophengefahr des Baconschen Ideals der Herrschaft über die Natur durch die wissenschaftliche Technik entsteht nicht so sehr aus den Mängeln als vielmehr aus der Größe seines Erfolgs.6

  • 1. Max Horkheimer u. Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung: philosophische Fragmente, Frankfurt 1971, S.9
  • 2. Edmund Husserl zitiert in: Adorno/Horkheimer 1971, S.26
  • 3. Herbert Marcuse, Industrialisierung und Kapitalismus im Werk Max Webers, in: Kultur und Gesellschaft 2, 1970, S.127
  • 4. Martin Jay, Dialektische Phantasie, Frankfurt 1981, S.310
  • 5. Benno Müller-Hill, Tödliche Wissenschaft, Reinbeck 1984
  • 6. Hans Jonas, Das Prinzip der Verantwortung, Frankfurt 1979, S.251
Hauke Benner arbeitet mit im „Aktionsnetzwerk Globale Landwirtschaft”.
195
August 2009
S. 51 - 52

Die Debatte

Was bisher geschah:

Im GID 193 entwickelte Reinhard Mocek Prämissen für eine linke Technologiepolitik. Rainer Hohlfeld kritisierte den in der Linken verbreiteten Glauben an die „Unschuld der Produktivkräfte“. In GID 194 empfahl Werner Rätz, die konkreten Bedürfnisse und Nützlichkeiten im Auge zu behalten.