Jump to Navigation

Rezension: Interdiskursives Wissen

Interdiskursives Wissen

Die Kritik an der Medialisierung bioethischer Fragestellungen sowie deren ausschließlicher Behandlung durch sogenannte Experten ließ in den letzten Jahren die Forderung nach einer bürgernahen, am Alltagswissen orientierten Diskussionskultur immer lauter werden. Im Frühjahr diesen Jahres ist nun eine Studie erschienen, die genau diese Kultur in den Blick nimmt und nach der „Eigenwilligkeit des Alltagswissens“ fragt. Hierzu stand den AutorInnen mit dem Internetforum www.1000fragen.de der Aktion Mensch ein ebenso umfangreiches wie ungewöhnliches empirisches Material zur Verfügung. Umfangreich, da diese Internetplattform über 10.000 Fragen und über 50.000 Kommentare umfasst und ungewöhnlich, da sich hier ein seltener Zugang zu dem lebensweltlichen Wissen und den Einstellungen der Bevölkerung zur Bioethik bietet. Die Analyse des Materials erfolgte in vier Schritten, die gleichzeitig den Aufbau der Studie strukturieren. In einem ersten Schritt geht eine quantitative Auswertung der Daten der Frage nach: „Wer fragt was wen auf welche Weise mit welcher Wirkung?“ Hieraus resultiert ein aufschlussreicher Überblick über die Struktur des gesamten Onlineforums. Anschließend konzentriert sich die Auswertung auf die Diskursordnungen, das heißt auf eine mögliche Systematik innerhalb dieser Struktur. Die Resultate verweisen auf eine deutliche Gewichtung im Bereich der Wissensbestände und Wissensformen, sodass die Gegenüberstellung von Alltagswissen und Spezialwissen den nächsten Untersuchungsschritt leitet. Im Ergebnis zeigt sich hier eine spezifische Form des Wissens, die als „interdiskursives Wissen“ von den AutorInnen bezeichnet wird und durch eine eigenwillige Kombination unterschiedlicher Wissensbestände charakterisiert ist. Es „entsteht eine auf Integration und Sinnstiftung ausgerichtete Wissensform“, deren Funktion darin besteht, Spezialwissen und alltagsweltliche Handlungsbezüge zu verbinden. Wie diese Verbindungen genau vonstatten gehen, illustriert der vierte Abschnitt der Untersuchung anhand ausgewählter Fallbeispiele. Insgesamt entsteht mit dieser Studie ein methodisch-theoretisch sehr sorgfältig reflektiertes Bild, wie genau das ansonsten nur diffus zu beschreibende „Wissen der Leute“ inhaltlich präzisiert werden kann. Die Lektüre ist daher unbedingt zu empfehlen.

Ulrike Manz

Anne Waldschmidt, Anne Klein, Miguel Tamayo Korte: Das Wissen der Leute - Bioethik, Alltag und Macht im Internet. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009. 323 Seiten, 39,90 Euro. ISBN: 978-3-531-15664-4.
195
August 2009
S. 53