Darwin und Foucault: eine überraschende Verbundenheit
Darwin und Foucault: eine überraschende Verbundenheit
Das Darwin-Jahr neigt sich dem Ende entgegen. Nach einem explosiven Beginn voller Neuveröffentlichungen, Sondereditionen, limitierter Auflagen, Fernseh-, Radio- und Zeitungsberichte über den Schöpfer der Evolutionstheorie, über Aktualität, neue Erkenntnisse, Neuinterpretationen und Gegenthesen, ist es schnell wieder ruhig geworden. Das Pulver war schnell verschossen - wie immer, wenn sich die kommerzielle Verwertungsindustrie bei der Vermarktung historischer Ereignisse selbst überschlägt. Das ist ein normaler Vorgang und eigentlich kaum der Rede wert. Positiv dabei ist aber, dass es bei genauerem Hinsehen unter dem Berg von Althergebrachtem doch immer etwas Neues, etwas Unerwartetes zu entdecken und zu bestaunen gibt. „Darwin und Foucault. Genealogie und Geschichte im Zeitalter der Biologie” lautet der Titel der Publikation, die diese Auszeichnung verdient. Philipp Sarasin, Professor für Geschichte an der Universität Zürich, bietet dem Leser auf knapp 450 Seiten eine interessante und spannende Analyse. Neben dem Bemühen, dem sich auch andere Wissenschaftler und Kenner verschrieben haben, die reinen Ideen Darwins vom Sozialdarwinismus und seinen dunklen Schatten zu emanzipieren, ‚ent-deckt’ er in der Argumentation des Naturforschers eine disziplinäre Seite, die sich für ein tiefgehendes und vollständiges Verständnis seiner Theorie als unverzichtbar erweist: kulturalistisches Denken. Entgegen aller fatal verdrehten und einseitigen Darstellungen evolutionärer Prozesse, entgegen aller brandaktuellen biologistischen Tendenzen in der evolutionären Psychologie und auch geisteswissenschaftlichen Fächern - dass alles, was Menschen sagen und tun, letztlich nur funktional ist im Hinblick auf Überleben und Reproduktion - und entgegen aller gentreuen Überzeugungen, der Mensch könne seinem ererbten Schicksal prinzipiell nicht entkommen, gibt ausgerechnet Darwin dem Menschen und der Geschichte ein Stück ‚Freiheit’ zurück und erklärt die sexual selection zu einem kulturellen Akt ästhetischer Wertschätzung. Es wird gewählt, ein Partner, eine Form, die zu einem Zeichen wird, weil sie auf etwas hinweist, was sie selbst nicht ist. Diese These, die der sturen Auffassung aktiver Bestenauslese widerspricht, durchkreuzt das geordnete Bild von steter Entwicklung und biologistischer Logik. Evolution kennt keinen Ursprung, kein Ziel und keine Identität. Es gibt kein Sein, sondern nur das Werden, bedingt durch Zufall und Kontingenz, durch Symbolik und Zeichenprozesse. Keine Identität, kein Wesen, keine logische Entwicklung? Ja, hier wird sie offenbar, die Schnittstelle zwischen Darwin und dem Historiker Foucault. Doch an diesem Punkt bleibt Sarasin nicht stehen. Denn auch bei Foucault gibt es die andere Seite, deren Würdigung unerlässlich ist: die Annahme einer starren Struktur. Bei aller Historizität von Bedeutung, bei aller Diskontinuität geschichtlicher Verläufe, sind gesellschaftliche Verhältnisse nicht mehr und nicht weniger als das Produkt von Macht- und Kräfteverhältnissen, von Schlachten und Kämpfen, Listen und Hinterlisten, von Niederlagen und Überwältigungen. Womit wir wieder bei Darwin wären, dem bekannten Darwin, der an dem Mechanismus der natural selection, an der Auslese durch Umweltbedingungen und Anpassung, keinen Zweifel lässt. Kultur als Prinzip der Evolution? Produzierende Codes als Prinzip gesellschaftlicher Verhältnisse? So paradox es klingt, so fesselnd ist es auch, die Verwicklung von Natur und Kultur bei der Lektüre dieser hervorragenden Wissenschaftsprosa zu ergründen.Tom Bartneck
Philipp Sarasin: Darwin und Foucault. Genealogie und Geschichte im Zeitalter der Biologie. Suhrkamp 2009, 455 Seiten, gebunden, 24,80 Euro. ISBN 978-3-518-58522-1.



