Jump to Navigation

Das Recht auf die Ware Körper

Das Recht auf die Ware Körper

Immer noch hochaktuell ist die Dokumentation einer Tagung in Mannheim 2007, die schon damals viel Beachtung fand. Schließlich ging es um einen Dauerbrenner biopolitischer Auseinandersetzung, um den Körper und seine Integration in ökonomische Verwertungskreisläufe. Dass ausgerechnet das Mannheimer Institut für Medizin- und Gesundheitsrecht unter Leitung seines als Vordenker und -kämpfer biopolitischer Liberalisierung bekannten Lehrstuhlinhabers Jochen Taupitz eine Tagung zu diesem Thema ausrichtete, ließ nichts Gutes ahnen. Und tatsächlich wird in dem Sammelband in einer Mehrheit der 28 dokumentierten Vorträge mal unterschwellig, mal explizit einer Kommerzialisierung des menschlichen Körpers das Wort geredet. In vielen Vorträgen werden Rechtsgüter von Verfassungsrang wie etwa „Selbstbestimmung“, „Freiheit“ oder „informationelle Privatheit“ ins Feld geführt, um Kommerzialisierungsbremsen im Transplantationsgesetz zu attackieren. Das altbekannte Argument, es sei unverzichtbar für die „Selbstbestimmung“, den eigenen Körper zu Markte tragen zu dürfen, wird in mehreren Beiträgen bemüht. Wiederholt kritisiert wird auch, dass das Angebot auf dem Organ- und Gewebemarkt immer noch vom Altruismus der Spender bestimmt wird. Neu war für mich der zum Teil erschreckende Zynismus einiger Beiträge. Die derzeit nicht gestattete Bezahlung von Leichenorganen beispielsweise sei spätestens dann „ohnehin notwendig“, so der Duisburger Rechtsphilosoph Hartmut Kliemt in seinem Beitrag, wenn „menschliche Gewebe bzw. deren Derivate auf Märkten gehandelt werden“ - und zwar „aus Kohärenzgründen“. Nur wenige Beiträge kritisieren aus einer anderen Perspektive den Status Quo, etwa die Patentierungs- und Lizenzpraxis bei Blutkonserven oder die (nicht nur) symbolische Kommerzialisierung von Leichen durch die „Körperwelten“-Ausstellungen. Auch führt ein Beitrag rechtliche und gesellschaftspolitische Begründungen gegen die Kommerzialisierung des Organtransfers auf. Diese Vorträge waren es, die meine während der Lektüre der Texte entstandene Übelkeit zumindest ein wenig neutralisieren konnten. Insgesamt ein wirklich erschütterndes Panorama von Argumentationen, die zu kennen für die politische Auseinandersetzung mit den Marktradikalen unerlässlich ist - nicht nur, wenn es um die Kommerzialisierung des Körpers geht.

Uta Wagenmann

Jochen Taupitz (Hg.): Kommerzialisierung des menschlichen Körpers, Veröffentlichungen des Instituts für Deutsches, Europäisches und Internationales Medizinrecht, Gesundheitsrecht und Bioethik der Universitäten Heidelberg und Mannheim, Springer-Verlag: Berlin/Heidelberg/New York 2007, 74,95 Euro, ISBN 978-3-540-69894-4.
196
Oktober 2009
S. 57