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Promising Genomics - Was Island über die heutige Genomforschung lehrt

Promising Genomics - Was Island über die heutige Genomforschung lehrt

Schon lange hat man von deCODE Genetics, der berühmt-berüchtigten isländischen Genomfirma, keine großspurigen Meldungen mehr lesen können. Der Grund dafür ist seit Ende November amtlich: Die Firma konnte nichts mehr versprechen, sie ist pleite. Damit ist eines der ambitioniertesten wie umstrittensten Projekte der Genomforschungsära am Ende. Im Jahr 1996 trat deCODE an, um die DNA- und Gesundheitsdaten der gesamten isländischen Bevölkerung zu erfassen und die genetischen Ursachen von so genannten Volkskrankheiten zu erforschen. Die Gründung der an der New Yorker Börse notierten Firma markierte ein historisches Datum, denn deCODE plante die erste „Biobank“, die einen großen Bevölkerungsteil erfassen sollte. Seit 1998 kooperierte deCode mit Roche; doch zur Entwicklung aussichtsreicher Medikamentenkandidaten kam es erst gar nicht.Pünktlich zur Pleite ist auch schon das Buch erschienen: „Promising Genomics“ beschreibt Gründung und Aufstieg von deCODE und die Erwartungen, die – rückblickend betrachtet – wohl in die Pleite führen mussten. Im Zentrum des Buchs steht die politische Auseinandersetzung um das kommerzielle Erfassungsprojekt, das nicht zuletzt Mauscheleien und Nepotismus auf den Weg gebracht haben. Niemand hatte indes mit der Widerständigkeit und offenen Opposition der isländischen Bevölkerung gerechnet. Es entwickelte sich ein jahrelanges Tauziehen um die politische Legitimierung, die staatliche Beteiligung und letztendliche Durchführung der Datenerfassung. Mike Fortun beschreibt wie ein Ethnograph die Vermischung von Fakten und Fiktion. Presseabteilungen und Medien machen aus Zukunftsversprechen eine Art Fakten im Getriebe der internationalen politischen Ökonomie: wissenschaftliche Fakten und Anwendungen, die noch nicht existieren, sondern Optionen auf die Zukunft sind. Interessant ist, dass der Fall deCODE Genetics für die Funktionsweise der Genetik und Biomedizin im Zeitalter der Genomforschung steht. Zentral sind Versprechen: Die Biotech-Ökonomie gründet auf einer Ökonomie der Versprechen. Versprechen auf Produkte, die erst mit zukünftigen, noch zu erbringenden wissenschaftlichen Ergebnissen entwickelt werden sollen, sind die Basis für die Akquirierung von Investitionskapital geworden: Promising Genomics. Fortun analysiert am Beispiel von deCODE und den Isländische Genomdaten, wie im medialen Diskurs der Wert dieser fiktiven biomedizinischen Waren bestimmt und hochgetrieben wird. Die wichtigste Leistung des Buches ist aber, dass Fortun darüber hinaus zeigt, dass diese „Versprechen“ (promises) nicht einfach nur rhetorische Wendungen sind, um die Erwartung der Stakeholder zu bedienen. Die Versprechensstruktur bestimmt inzwischen die Wissenschaft selbst. Die epistemische Konfiguration der Genomforschung unterscheidet sich damit grundsätzlich von der Planungseuphorie vergangener Zeiten, als Wissenschaft als ein rationales Unternehmen verstanden wurde, das durch kluge Forschungspolitik gelenkt werden konnte. „Promising Genomics“ ist nicht nur eine Geschichte, wie die Genomforschung nach Island kam, sondern eine Analyse der Funktionsweise der Genomforschung. Das Buch ist eingängig geschrieben, liest sich streckenweise wie eine spannende Recherche isländischer Politik im internationalen Kontext und bietet originelle Reflexionen auf der Höhe kritischer Science Studies. Leider liegt es bislang nur in englischer Fassung vor.

Alexander v. Schwerin

Mike Fortun: Promising Genomics. Island and deCODE Genetics in a World of Speculation, Berkeley, Los Angeles, London: University of California Press 2008, 323 Seiten, Paperback, ca. 21 Euro, ISBN: 978-0-520-24751.
197
Dezember 2009
S. 56