Arzneimittel des 20. Jahrhunderts
Aus unserem Alltag sind Arzneistoffe jeglicher Form kaum wegzudenken: Ob Schmerztabletten, Vitaminprodukte, Antibaby-Pille oder homöopatische Kügelchen - eine kleine Apotheke befindet sich in jedem Küchenschrank. Dort sind sie bestenfalls vor unbefugten Kinderhänden weggeschlossen, nicht aber vor den vielfältigen, sich überlappenden Deutungsmustern, die wir uns, gemeinsam mit der „Medizin”, tagtäglich einverleiben. In Pillen, Säften und Hormonspritzen materialisieren und entfalten sich bestimmte Vorstellungen von Körperlichkeit und rationalem Verhalten ebenso wie volksökonomische Erwägungen und Vorgaben der Gesundheitspolitik. Dieser Perspektive folgend unternimmt die Anthologie „Arzneimittel des 20. Jahrhunderts” den spannenden Versuch, die konkreten historischen Konfigurationen, aber auch die ideologischen und epistemologischen Einflüsse nachzuzeichnen, die sich in diesen Kulturobjekten kreuzen. Dabei setzen sich die AutorInnen (alle Mitglieder eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Forschungsnetzwerkes) explizit von traditionellen Darstellungen der Pharmaziegeschichte ab, welche die Geschichte eines Arzneimittels nachträglich als logische Konsequenz von naturwissenschaftlicher „Entdeckung” und medizinischer Indikation beschreiben. Stattdessen liegt das Augenmerk der an Foucault und Ansätzen der nouvelle histoire orientierten Beiträge auf dem oftmals zufälligen Zusammenspiel „verstreuter, serieller Mikro-Ereignisse, die dem Bewusstsein und den Intentionen der historischen Akteure entgehen können”. Aus Sicht der Gentechnikgeschichte besonders interessant: der Beitrag zur Rezeption des Contergan-Skandals Anfang der 60er Jahre, beigesteuert von einem den GID-LeserInnen bereits vertrauten Autor, Alexander von Schwerin (TU Braunschweig). Er beschreibt, wie sich in die populären, aber auch wissenschaftlichen Interpretationen dieses traumatisierenden Ereignisses die Themen des Atomzeitalters -namentlich die beständige Angst vor Strahlenschäden durch atomaren Fallout und die Angst vor einem drohenden Atomkrieg - einschrieben und mit eugenischem Gedankengut sowie der damit einhergenden Angst von Erbgutschädigungen vermischten. Diese Gemengelage führte insbesondere dazu, dass die durch Contergan entstandenen „Fehlbildungen” vielfach irrtümlicherweise als genetisches Problem verhandelt wurden, und Forschungsprogramme zur Mutagenetik (also zur Veränderung der Erbanlagen) im Zuge der Sorge um die gesundheitlichen Schäden industrieller Gifte für den Nachwuchs wucherten. Doch auch die übrigen Beiträge des Sammelbandes sind sowohl für pharma- als auch kulturgeschichtlich interessierte Menschen lesenswert. Heiko Stoff (TU Braunschweig) beispielsweise zeigt anhand des altbekannten und gefürchteten Lebertrans sehr anschaulich, wie sich Anfang des 20. Jahrhunderts die Bestrebungen von Medizin, pharmaindustrieller Produktivität, Zivilisationskritik und Pädagogik paarten und in einer „organisierten Massenbekämpfung der Rachitis”, als Verkörperung industriekapitalistischer „Fehlentwicklung” gipfelten. Vor dem Hintergrund des sich zur gleichen Zeit ausbreitenden lebensreformerischen Gedankenguts, das „dem Künstlichen gegenüber dem Natürlichen grundsätzlich mehr Verdachtsmomente entgegenbrachte”, entwickelte sich der Lebertran dabei zum pädagogischen Allheilmittel, das sich zumindest im familiären Kontext auch gegenüber jeglichen geschmacksneutralen Alternativen durchsetzte, da es den Kindern „gleich den rechten Geschmack fürs Leben” einflößte. Dagegen wurde einige Jahre später von der nationalsozialistischen Vorsorgepolitik auf die staatlich besser zu kontrollierende Verabreichung von Vitamin D-haltigem Vigantol zurückgegriffen. Optimierungsvisionen flossen aber nicht nur in den Lebertran (über die Vision vom kräftigen und gesunden Kind), auch die Karriere des Vitamin C nährt sich vom Ideal der Leistungssteigerung. Zu Beginn der Geschichte, die Beat Baechi (Universität Bielefeld) nachzeichnet, standen wissenschaftliche Propagandaaktivitäten (damals ausdrücklich so benannt), die sich geschickt eines neu aufkommenden, kybernetisch angeregten Gesundheitsverständnisses bemächtigten. Sie verhalfen nicht nur dem Versprechen von Effizienz- und Vitalitätssteigerung durch die regelmäßige Einnahme von Vitamin C zum Durchbruch, sondern auch einem neuen Gesundheitsverständnis, das stärker von der Vorstellung reibungsfreier Regelkreisläufe im Austausch des Körpers mit der Umwelt als vom körpereigenen Gleichgewicht geprägt ist. „Volle Gesundheit” ist seit dem 20. Jahrhundert dann erreicht, wenn sich die Widerstandskraft des Körpers gegenüber äußeren Einflüssen durch weitere Vitamingaben nicht mehr weiter steigern lässt.
Als roten Faden dienen jene in der Einleitung auch genannten Themen, die alle oder zumindest mehrere Beiträge durchziehen. Dazu gehört die teils von Konkurrenz, teils von Kooperation geprägte enge personelle und organisatorische Verflechtung beteiligter Industrie- und Forschungsverbünde. Dass diese auch im zentralistischen Staatsgefüge der DDR durchaus ihren Spielraum nutzten und jenseits von Materialknappheit politische Entscheidungen mitbeeinflussten, zeigt die Mitarbeiterin des Instituts für Medizingeschichte an der Berliner Charité, Ulrike Klöppel. Ihre detaillierte Recherche zu der von der Systemkonfrontation geprägten Entwicklung und Produktion des Psychopharmakons Propaphenin erschließt damit ein bisher nur wenig bedachtes Kapitel der Arzneimittelgeschichte. Abgesehen davon bleiben die spannenden Analysen aber relativ unverbunden nebeneinander stehen. Sich aufdrängende Fragen nach Querverbindungen (Wie verträgt sich die Verbreitung der naturalistischen Lebertranpädagogik mit dem praktisch zeitgleichen Aufkommen des kybernetischen Gesundheitsverständnisses, verkörpert in der täglichen Einnahme von Vitamin C? Wie wurde der Contergan-Skandal in der DDR-Öffentlichkeit aufbereitet?) überlassen die AutorInnen den geneigten LeserInnen. So bleibt das Werk von innen das, was es von außen auch verspricht: eine Sammlung anregender historischer Skizzen von Lebertran bis Contergan. Monika Feuerlein
Als roten Faden dienen jene in der Einleitung auch genannten Themen, die alle oder zumindest mehrere Beiträge durchziehen. Dazu gehört die teils von Konkurrenz, teils von Kooperation geprägte enge personelle und organisatorische Verflechtung beteiligter Industrie- und Forschungsverbünde. Dass diese auch im zentralistischen Staatsgefüge der DDR durchaus ihren Spielraum nutzten und jenseits von Materialknappheit politische Entscheidungen mitbeeinflussten, zeigt die Mitarbeiterin des Instituts für Medizingeschichte an der Berliner Charité, Ulrike Klöppel. Ihre detaillierte Recherche zu der von der Systemkonfrontation geprägten Entwicklung und Produktion des Psychopharmakons Propaphenin erschließt damit ein bisher nur wenig bedachtes Kapitel der Arzneimittelgeschichte. Abgesehen davon bleiben die spannenden Analysen aber relativ unverbunden nebeneinander stehen. Sich aufdrängende Fragen nach Querverbindungen (Wie verträgt sich die Verbreitung der naturalistischen Lebertranpädagogik mit dem praktisch zeitgleichen Aufkommen des kybernetischen Gesundheitsverständnisses, verkörpert in der täglichen Einnahme von Vitamin C? Wie wurde der Contergan-Skandal in der DDR-Öffentlichkeit aufbereitet?) überlassen die AutorInnen den geneigten LeserInnen. So bleibt das Werk von innen das, was es von außen auch verspricht: eine Sammlung anregender historischer Skizzen von Lebertran bis Contergan. Monika Feuerlein
Nicholas Eschenbruch, Viola Balz, Ulrike Klöppel, Marion Hulverscheidt (Hg.): Arzneimittel des 20. Jahrhunderts. Historische Skizzen von Lebertran bis Contergan. transcript-Verlag, Bielefeld, 2009. 344 Seiten, 19,80 Euro. ISBN 978-3-8376-1125-0


