Gen-Passagen: Vom Entstehen einer prädiktiven Medizin
„Keine Punkte zeichnen, sondern Linien verfolgen; keine Eindeutigkeiten festzurren, sondern Vielschichtigkeiten entwirren und sichtbar machen“ - diese Absicht verfolgt Sonja Palfner mit ihrer Studie über Formation und Praxis des Wissensfeldes, das heute als die Genetik von Brustkrebs Patientinnen und vor allem ihre Angehörigen mit Entscheidungssituationen, Möglichkeiten und Erwartungen konfrontiert. Mit großer Achtsamkeit verfolgt die Politologin verschiedenste Aspekte der Geschichte rund um die Forschung nach „Brustkrebs-Genen“: Sie analysiert die Praktiken, auf deren Basis sich die Suche nach genetischen Anlagen für das Auftreten von Brustkrebs entwickeln konnte, beschreibt den Beginn der Forschung in der Bundesrepublik Anfang der 1990er Jahre in der Arbeitsgruppe Tumorgenetik am Berliner Max-Delbrück-Zentrum (MDC) für Molekulare Medizin, verfolgt das Auftauchen der beiden so genannten Brustkrebs-Gene BRCA1 und 2 im Kontext der Forschung zum familiär gehäuft auftretenden Brustkrebs und den Prozess ihres „Schrumpfens“ zugunsten einer Suche nach Assoziationen und einzelnen DNA-Veränderungen in der gesamten Bevölkerung. Sie beschreibt das Entstehen einer „Ordnung zwischen Medizin und Forschung“ und die Formation eines institutionellen Rahmens für Forschung und Gendiagnostik, sie beobachtet Arbeitsabläufe in einem Labor am MDC und den Ablauf humangenetischer und gynäkologischer Beratungen von Rat Suchenden. Dabei stellt sie die lokalen Details - Menschen, die aufeinander treffen, ihre Motive für die Forschung, die Arbeitsabläufe im Labor oder auch vorhandene und nicht vorhandene infrastrukturelle und technische Möglichkeiten - in den Vordergrund ihrer Analyse, ohne allerdings globale Entwicklungslinien wie etwa die Molekularisierung der medizinischen Forschung oder die Genetifizierung von Krankheit zu ignorieren. Dieser Ansatz, lokale Gegebenheiten und Geschehnisse in ihrer Verknüpfung miteinander zu analysieren und damit weder die „großen Linien“ ausklammern noch sie lediglich illustrieren zu wollen, macht die Studie von Palfner lesenswert. Zugegeben, Sprachstil und Duktus sind eigen, und die innere Struktur des Buches hat sich mir erst beim Lesen erschlossen. Auch wird enttäuscht, wer nach Beurteilungen der Forschung zu Brustkrebs-Genen sucht. Die akribisch protokollierten, anschaulich geschilderten „kleinen“ Geschichten stellen lediglich die Selbstverständlichkeit, mit der wir heute von „Brustkrebs-Genen“ sprechen, in Frage - das aber permanent und aus verschiedensten Perspektiven. Zurück bleibt nach der Lektüre der starke Eindruck, dass das, was als (Brustkrebs-) „Gen“ bezeichnet wird, etwas äußerst Wandelbares ist, das weniger biologische als vor allem gesellschaftliche Funktionen erfüllt. Und die Frage, wie es sein kann, dass solche „Gene“ mittels einer prädiktiven Medizin - für die Brustkrebs ja ein Testfeld (gewesen) ist - Menschen präventive Strategien aufnötigen, die von ständigen Früherkennungsuntersuchungen bis zur vorbeugenden Entfernung der Brust reichen.
Sonja Palfner: Gen-Passagen. Molekularbiologische und medizinische Praktiken im Umgang mit Brustkrebs-Genen. Wissen - Technologie - Diagnostik. transcript-Verlag, Bielefeld, 2009, 390 Seiten, 33,80 Euro, ISBN 978-3-8376-1214-1.



