Jump to Navigation

Rezension: Die Hegemonie symbolischer Gesundheit

Ein ganzheitlich-psychosomatisches Verständnis von Gesundheit hat in den letzten Jahrzehnten gegenüber einem biomedizinischen enorm an Bedeutung gewonnen. Die „gesunde Selbstmodellierung“ von Körper und Psyche ist zu einem zentralen Leitbild für ein gutes Leben geworden, zu einem „generalisierten Code“. Dies ist der Ausgangsbefund der Soziologin Regina Brunnett in ihrer nun veröffentlichten Dissertation. Wie aber hängen diese diskursiv-symbolischen Verschiebungen mit strukturellen Veränderungen in Ökonomie und Politik zusammen? Weder kulturwissenschaftliche noch gesundheitssoziologische Arbeiten haben diese große gesellschaftstheoretische Frage bisher systematisch bearbeitet. Brunnett zeigt zunächst, wie aktuelle, als postfordistisch gefasste Produktionsverhältnisse mit gewandelten Ansprüchen an die Subjektivität der Arbeitenden einhergehen - und wie diese wiederum mit dem neuen Gesundheitsverständnis korrespondieren. Stichworte sind Selbstmanagement von Psyche und Körper, Selbstaktivierung, Bedeutungsgewinn emotionaler und kommunikativer Arbeitsinhalte. Zentral ist für Brunnett aber nicht der Hinweis auf die Kohärenz des neuen gesundheitlich-politisch-ökonomischen Komplexes. Vielmehr geht es ihr darum zu untersuchen, wie umkämpft er ist. Im Hauptteil der Arbeit untersucht sie politische Reden zur Frage der Deregulierung des Arbeitsschutzes im Jahre 2004: Die damalige DGB-Vize Ursula Engelen-Kiefer rekurrierte noch auf das alte biomedizinische Modell von Gesundheit und hielt daran fest, dass Arbeit krank machen kann. Wolfgang Clement, damaliger Wirtschafts- und Arbeitsminister, vertrat demgegenüber ein Verständnis von Gesundheit als Humankapital, dessen Förderung im ureigensten Interesse von UnternehmerInnen liege - übrigens im Gleichklang mit dem damaligen grünen Staatssekretär Rezzo Schlauch. Spannend ist, wie Brunnett die umkämpften Gesundheitsleitbilder auf der Grundlage einer systematisch hergeleiteten hegemonietheoretischen Diskursanalyse untersucht. Für medizinkritische Bewegungen ist die Arbeit Steilvorlage zur Selbstreflexion: Brunnett gibt zu bedenken, dass die „innere Landnahme von Gesundheit und Psyche im Postfordismus“ auf die Vorarbeit einer alternativen Medikalisierungskritik zurückgreifen kann, die „vorrangig in den Rastern von Autorität und Unterdrückung statt in sozial-strukturellen Kategorien wie zum Beispiel der kapitalistischen Organisation von Medizin“ formuliert war.

Susanne Schultz

Regina Brunnett: Die Hegemonie symbolischer Gesundheit. Eine Studie zum Mehrwert von Gesundheit im Postfordismus, transcript-Verlag, Bielefeld, 2009, 378 Seiten, 33,80 Euro, ISBN 978-3-8376-1277-6.
199
April 2010
S. 49