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Grüne Wüsten

In Paraguay, im Herzen Südamerikas, spielt sich das jüngste Kapitel der Ausweitung des Anbaus gentechnisch veränderter Soja ab. Esther Leiva, Kleinbäuerin und Aktivistin, berichtete im Rahmen einer Vortragsreise von Kämpfen um Land, Gerechtigkeit und Emanzipation.

Esther Leiva ist für vier Wochen auf Vortragstour in Deutschland und ich habe die Gelegenheit, zwei Tage mit ihr zu verbringen. Sie ist 38 Jahre alt, hat vier Kinder, ist Kleinbäuerin und Aktivistin und erste weibliche Vorsitzende der „Organisazión Lucha por la tierra“, welche 15.000 Mitglieder zählt. Seit mehr als 20 Jahren engagiert sie sich bei der Besetzung von Feldern, in der landesweiten politischen Aufklärung und der Aktivierung ihrer Kolleginnen und Kollegen, in ständigem Kampf für die Rechte von Kleinbäuerinnen, Kleinbauern und Landlosen. Der Kampf um die Rechte der Landlosen ist von immenser Bedeutung, denn in Paraguay steht der Konflikt um den Grund und Boden im Zentrum aller Konflikte in der Landwirtschaft. Daher auch der Name von Leivas Organisation: Organización Lucha por la tierra - OLT, was soviel bedeutet wie „Organisation für den Kampf für Land“.
Esther Leiva steckt voller Energie. Sie lacht gerne und laut. Sie greift kräftig zu, hat einen Händedruck, der diesen Namen verdient: Druck. Ihre Antworten sprudeln nur so aus ihr heraus. Immer wieder muss man sie unterbrechen, weil sie vergessen hat, dass ihre Worte übersetzt werden müssen.
Die Menschen hören ihr fasziniert zu. Ungläubig schauen viele auf diese Frau und wundern sich, woher sie diese Kraft nimmt. Politischer Kampf - Leiva spricht nicht von „Diskussionen“ oder „politischen Auseinandersetzungen“, Leiva spricht von Kampf - bedeutet in Paraguay, dass man sterben kann, zum Beispiel, wenn Polizei oder paramilitärische Einheiten der Großgrundbesitzer es auf dich abgesehen haben. Es bedeutet, dass man zeitweise abtauchen muss. Esther Leiva ist bedroht worden und hat selbst schon im Untergrund gelebt.
In ihrem politischen Kampf ist es Alltag, dass Frauen bei Versammlungen am Rand sitzen, wenn sie überhaupt Zutritt bekommen. Es kann bedeuten, dass sie nur durchs Fenster schauen können oder im Türrahmen stehen müssen, um zumindest das ein oder andere Wort aufschnappen zu können.

Frauen stehen am Rand

Neben dem Kampf um Land, dem Kampf um gerechte Bedingungen für Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, dem Kampf um das Recht, nicht vergiftet zu werden, ist Leivas politische Arbeit in einer vom Machismo geprägten Gesellschaft immer auch ein Kampf für die Emanzipation von Frauen. Leiva versucht verstärkt, Frauen zu aktivieren, zu stärken und zu ermutigen. Dazu organisiert sie Treffen, die sich zum Beispiel mit Bildungsangeboten speziell an die Frauen wenden.
Zurück nach Deutschland: Um auch hier dieses Thema aufzugreifen, trifft sich Leiva am Nachmittag zum Kaffeeklatsch mit Frauen, die in der Landwirtschaft beschäftigt sind: Eine hält eine Herde mit Mutterkühen, eine andere ist Imkerin. Zwei Frauen arbeiten in der Gärtnerei und die fünfte ist Agrarsoziologin. Dazwischen Esther Leiva, die Bauernführerin aus Paraguay und Steffi Holz, ihre Begleiterin und Übersetzerin. Die Frauen sprechen über Landwirtschaft, über dies und das. Zum Beispiel, dass es in Deutschland wie in Paraguay immer schwieriger wird, beim Erwerb von Land gegen Investmentgesellschaften zu bieten. Sichtliche Freude bereitet es der Runde, als zwischenzeitlich ein Schwarm Bienen gefangen werden muss.

Nichts, nur Soja

Wenn Esther Leiva Bilder von den „Grünen Wüsten“, wie die Einheimischen die schier endlosen Soja-Felder nennen, zeigt, dann ist auf diesen Bildern nichts anderes als Soja - bis zum Horizont: Kein Baum, kein Strauch, kein Haus. Nichts, nur Soja. Die Ausweitung der Soja-Anbauflächen in Südamerika ist immens. Zunächst beschränkt auf Argentinien, haben sich die Felder wie eine Epidemie auch in den anderen Ländern ausgebreitet: Zum Beispiel in Brasilien und eben auch in Paraguay. In der Liste der Soja exportierenden Länder nimmt Paraguay mittlerweile Platz vier ein, hinter den USA, Brasilien und Argentinien. In Paraguay hat sich die Fläche, auf der Soja angebaut wird, seit Anfang der 1990er Jahre etwa verfünffacht und lag 2008 bei etwa zweieinhalb Millionen Hektar. Neun von zehn Sojapflanzen in Paraguay sind gentechnisch verändert (gv). Mit dem Anbau der gentechnisch veränderten Sorten ist der obligatorische Einsatz von Unkrautvernichtungsmitteln verbunden: Das gv-Soja ist tolerant gegen diese Mittel. Wegen zunehmender Resistenzen bei den zu bekämpfenden Beikräutern muss immer mehr Gift eingesetzt werden. Gleichzeitig haben sich die Felder ausgeweitet, das Gift wird zum Teil mit Flugzeugen ausgebracht, nicht selten wird es über deren Grenzen hinausgetragen.
Campesinos, die am Rand der Grünen Wüsten leben, leiden unter Vergiftungserscheinungen. Es besteht der begründete Verdacht, dass sie nicht nur zufällig und aus Versehen in Kontakt mit den Unkrautvernichtungsmitteln gekommen sind. Gezielte Vergiftungen von Menschen, Tieren, Feldern und Gärten sind in Paraguay (wie in den anderen südamerikanischen „Soja-Ländern”), an der Tagesordnung.
Die Bilder muten absurd an: Stellen Sie sich eine Siedlung der Campesinos vor, die so groß ist wie ein Fußballfeld. Das entspricht etwa einem Hektar. Eine solche Siedlung kann auch größer sein, zwei, drei oder vier Hektar. Die Sojafelder, die diese Siedlung umgeben, können demgegenüber die hunderfache Größe haben. Da „kann es schon mal passieren”, dass ein Flugzeug, das die Gifte auf die Grünen Wüsten ausbringt, nicht früh genug abdreht oder der Pilot „vergisst“, den Giftverteiler rechtzeitig zu schließen. Die Folge: Es kommt in der Bevölkerung zu Frühgeburten und Missbildungen, Menschen bekommen Ausschläge und andere Krankheiten, Tiere sterben und die Ernten in den Gärten und auf den kleinen Feldern werden zerstört. So ist auch die Lebensgrundlage in Gefahr: Viele Familien haben sich dazu entschlossen, die Landwirtschaft aufzugeben und in die Städte zu ziehen. Leiva berichtet davon, dass allein im Verlauf des letzten Jahrzehnts 90.000 Familien gezwungen waren, diesen Weg einzuschlagen. Sie konnten die Belastung durch die Pestizide nicht mehr ertragen oder hatten keine Chance, mit den Sojafarmern zu konkurrieren.
Der Landkonflikt in Paraguay lässt sich nur unbefriedigend mit reinen Zahlen beschreiben: Vier Prozent der Bevölkerung verfügen über fast neunzig Prozent der Ackerflächen. Die OLT und andere versuchen, sich den Gift ausbringenden Großgrundbesitzern mit Demonstrationen und Landbesetzungen als lebende Mauern entgegenzustellen. Leiva und ihre KollegInnen bemühen sich zusätzlich auf politischem Wege Einfluss zu nehmen, kandidieren für lokale Posten. Aber bisher bleiben die Erfolge bescheiden. Das erklärt sich nicht zuletzt auch an dem stetig und weltweit steigenden Bedarf nach Soja, dieser öl- und proteinreichen Pflanze.

Export von Soja = Export von Land

Zwei Drittel des Soja-Exports Paraguays findet seinen Weg in die Europäische Union. Der abschließende Teil der Vorträge ist konsequenterweise der Frage, was das alles mit uns, den Bäuerinnen und Bauern, den Konsumentinnen und Konsumenten in Deutschland und Europa zu tun hat. Diesen Teil übernimmt Steffi Holz, die Organisatorin und Übersetzerin der Reise.
Anhand der Zahlen des Soja-Exports lässt sich eine Analogie entwickeln: Der Export von landwirtschaftlichen Flächen. Die Zahlen zeigen, dass jedeR EinwohnerIn Deutschlands in den Soja-produzierenden Ländern eine Fläche von etwa 350 Quadratmetern verbraucht, die der dortigen lokalen Bevölkerung nicht zur Verfügung steht.
Zu guter Letzt betont Leiva, wie wichtig es ist, das landwirtschaftliche System in Europa, wie es in den letzten Jahren und Jahrzehnten entstanden ist, zu verändern. In diesem Sinne sei die Kampagne „Meine Landwirtschaft“,1 die sich in die Debatten um die EU-Agrarreform einmischt, ein wichtiger Schritt, in dem auch Esther Leiva ihre Interessen vertreten sieht.

  • 1. Siehe auch „Stationen einer Sternfahrt” auf Seite 7 in diesem Heft.
Christof Potthof ist Mitarbeiter des Gen-ethischen Netzwerk und Redakteur des GID.
207
August 2011
S. 10 - 11