Jump to Navigation

Feldbefreiung in Belgien

Ende Mai wurde in Belgien ein Freisetzungsversuch mit gentechnisch veränderten Kartoffeln von AktivistInnen zerstört - mit weitreichenden Folgen für die Wissenschaftlerin Barbara van Dyck. Sie wurde entlassen, weil sie öffentlich gegen den Anbau genetisch veränderter Kartoffeln aufgetreten war.

Was hat sich für Sie aus der Feldbefreiung in Wetteren entwickelt? Würden Sie uns Ihre Version dieser Geschichte erzählen?

„Diese Geschichte“ beginnt tatsächlich erst nach der eigentlichen Aktion. In einem Interview habe ich die Aktion öffentlich verteidigt. Das war der Grund für meine Entlassung, die drei Tage nach der Feldbefreiung ausgesprochen wurde. Meine Einstellung passe nicht zusammen mit meiner Position in einer Universität, die für die Freiheit von Wissenschaft und Forschung eintrete - das sei ein Vertrauensbruch.
Meine Entlassung aus der Universität hat eine Welle der Unterstützung ausgelöst und eine Reihe von Fragen wurde aufgeworfen. Was sagt diese Situation aus, wenn man sie in einen größeren Zusammenhang stellt? Die finanziellen Ressourcen verschiedener Forschungsfelder wurden beleuchtet. Dabei ging es nicht in erster Linie um den Unterschied zwischen Sozial- und Naturwissenschaften, sondern eher um die Gewichtungen innerhalb der Naturwissenschaften, zum Beispiel um das Verhältnis der Förderung agrarökologischer Forschung und biotechnologischer Ansätze. Gibt es finanzielle Verbindungen zwischen der Universität von Gent und dem BASF-Konzern? Wenn ja, welche? Die Forschung von heute sagt etwas aus über die Art von Landwirtschaft, die wir in Zukunft praktizieren werden.
Aber auch grundsätzlichere Fragen über die Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft werden nun gestellt, zum Beispiel: Wie kann Wissenschaft demokratischer organisiert werden? Dies sind Fragen, die jetzt in den Medien öffentlicht diskutiert werden - das finde ich schon sehr interessant. Zudem gab es eine breite Mobilisierung innerhalb und außerhalb der Universität. Es gibt eine internationale Petition, mit der ich unterstützt werde.1 Viele Unterstützerinnen und Unterstützer haben Briefe an die Universität geschrieben. Das alles hat sicher eine Wirkung.

Wird die Universität die Kündigung zurücknehmen?

Bereits kurz nach den Tagen in Wetteren wurde ich aufgefordert, mich von der Aktion zu distanzieren. Das habe ich abgelehnt. An diesem Punkt hält die Universität bisher fest. Sie haben gesagt, ich solle mich ausdrücklich von der Aktion distanzieren, da diese als gewalttätig betrachtet wird. Ich habe daraufhin eine schriftliche Erklärung abgegeben, in der ich meine Sicht auf die Situation darstelle. Bisher habe ich aber noch keine Antwort bekommen. Ich kann dazu im Moment nicht mehr sagen.

Gegen welchen Freisetzungsversuch richtete sich die Feldbefreiung am 29. Mai?

Die Freisetzungsversuche in Wetteren wurden in diesem Jahr mit zwei Sorten gentechnisch veränderter [gv] Kartoffeln durchgeführt. Auf der einen Seite gab es transgene Kartoffeln, die an der Universität von Wageningen in den Niederlanden entwickelt worden waren, die so genannten Durph-Kartoffeln. Außerdem wurden gv-Kartoffeln der Sorte Fortuna des BASF-Konzerns freigesetzt. Die Sorten sollen Phytophthora-resistent sein und wurden hier unter belgischen Bedingungen auf ihre Reaktion gegenüber der Kraut- und Knollenfäule getestet. Durchgeführt wurde der Versuch von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universität Gent, dem Flämischen Institut für Biotechnologie - VIB, dem Forschungsinstitut für Landwirtschaft und Fischerei ILVO und der Hogeschool in Gent.

Wie werden diese Versuche in den belgischen Medien und in der Öffentlichkeit diskutiert?

Mittlerweile gibt es eine sehr breite Diskussion. Vor der Feldbefreiung war das nur in einem sehr viel geringeren Umfang der Fall.
Im letzten Jahr gab es einen Versuch mit gentechnisch verändertem Mais von Monsanto. Die flämische Regierung testete den Mais auf seine Koexistenzfähigkeit. In der sich an die Veröffentlichung der Ergebnisse anschließenden Debatte in den Medien wurde behauptet, dass es keine Verunreinigungen gegeben habe, da der europäische Grenzwert von 0,9 Prozent ja nicht überschritten worden sei. Kritikerinnen und Kritiker betonten demgegenüber, dass eine Koexistenz zwischen Anbauformen mit gentechnisch veränderten und nicht gentechnisch veränderten Sorten unmöglich sei.

Was sind das für Menschen und wo waren die in den vergangenen Jahren? Die belgische Bevölkerung hat sich ja bisher nicht als besonders Gentechnik-kritisch hervorgetan.

Tatsächlich haben in Belgien schon in den Jahren 2000 bis 2003 viele Feldzerstörungen stattgefunden. Danach gab es jedoch ein paar Jahre überhaupt keine Versuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen im Freiland.
Bei den Protesten findet man eine sehr interessante Mischung von Menschen. Zum Beispiel viele Aktivisten, deren Betätigungsfeld eigentlich die Klimapolitik ist oder die sich für eine ökologische und gerechte Landwirtschaft - im Sinne von Nahrungssouveränität - einsetzen und keiner festen Organisation angehören, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und natürlich auch Bäuerinnen und Bauern. Auch die Frage, welche Art von Forschung an öffentlichen Institutionen durchgeführt wird, hat sicherlich einige zum Kommen motiviert. Denn der Freisetzungsversuch wurde von einer Forschungsinstitution durchgeführt, die mit öffentlichen Geldern finanziert wird. Kritisiert wurde auch die Tatsache, dass diese gv-Kartoffeln höchstwahrscheinlich kurz vor ihrer Kommerzialisierung stehen. Das heißt, staatliche Forschungsgelder werden eingesetzt, um die letzten Schritte vor der Kommerzialisierung einer BASF-Kartoffel zu realisieren. Bei dem Feld in Wetteren handelt es sich keineswegs um Grundlagenforschung!
Parallel findet zudem eine Kampagne für die gentechnisch veränderten Sorten statt. Neben dem Feld hing ein Poster mit der Aufschrift „Hier wachsen die Kartoffeln der Zukunft“. Man wird den Eindruck nicht los, dass der belgische Markt und die KonsumentInnen auf gv-Nahrungsmittel vorbereitet werden sollen.

Kann man sagen, dass es sich jetzt um eine neue Generation von AktivistInnen handelt?

Ja, das kann man meiner Meinung nach so sagen. Diese neue Bewegung bringt Menschen verschiedenen Alters mit sehr unterschiedlichen Hintergründen zusammen.

Im Frühjahr dieses Jahres hat in Brüssel eine internationale Saatguttagung mit Demonstration stattgefunden. Steht die Feldbefreiung in Wetteren mit dem Engagement für Nahrungssouveränität in Verbindung?

Das ist definitiv der Fall. Die Privatisierung von Saatgutrechten wird von vielen Aktivistinnen und Aktivisten als großes Problem wahrgenommen. Der Versuch hier in Wetteren ist Teil der Privatisierung der Nahrungsressourcen. Mit der Patentierung der gentechnisch veränderten Sorten gehen verschiedene bedeutende Aspekte einher. Zum Beispiel lagen den Mitgliedern des Rates für Biosicherheit, das heißt denjenigen, die über die Genehmigung des Versuchs in Wetteren zu entscheiden hatten, nicht alle technischen Details der Fortuna-Kartoffel vor, weil sie als Geschäftsgeheimnisse eingestuft sind.
Für mich als Wissenschaftlerin ist das von immenser Bedeutung. Meine eigene Motivation, nach Wetteren zu fahren, liegt zu einem großen Anteil genau in diesem Aspekt begründet. Eine zentrale Frage ist: In wessen Interesse findet öffentliche Forschung statt? Neoliberalismus hat zu einem veränderten Verhältnis zwischen privatwirtschaftlichen Unternehmen, Regierungen und Zivilgesellschaft geführt. Forschung, die einen wirtschaftlich verwertbaren Output erzeugt, ist um einiges bedeutender geworden. Private Interessen haben einen enormen Einfluss auf die heutigen Forschungsfragen.

Würde es für Sie einen Unterschied machen, wenn es auf dem Feld in Wetteren um Grundlagenforschung ginge?

Ich hätte wohl trotzdem meine Probleme damit. Meine Kritik richtet sich in erster Linie gegen die Freisetzung von gentechnisch veränderten Pflanzen. Ich habe keine grundsätzlichen Vorbehalte gegen molekularbiologische Forschung, wenn wir sie nutzen, um zu verstehen, was in den Zellen vor sich geht.

Wir danken für das Gespräch und wünschen alles Gute!

Das Interview führte Christof Potthof
Barbara van Dyck war bis zu ihrer Entlassung im Anschluss an die Feldbefreiung am 29. Mai dieses Jahres im belgischen Wetteren Wissenschaftlerin an der Katholischen Universität von Leuven. Sie ist Agronomin, hat in angewandter Ökonomie promoviert und arbeitet zu Fragen von Planungspolitik und sozialem Wandel. Sie lebt in Brüssel.
207
August 2011
S. 43 - 44