Keine zweite Wahl

Einführung

Aktuell beherrschen Themen wie Glyphosat-Einsatz, der Monsanto-Bayer-Deal, die Mängel des EU-Risikomanagements oder die Zulassung neuer Sorten für die Verwendung im Anbau oder in der Verarbeitung die Diskussionen zur Agro-Gentechnik. Nicht in diesem Heft.

 

Der britische Filmemacher Jim Jarmusch hat über einen seiner Filme gesagt, er habe die schönsten Flecken Erde in den USA, die „Postkartenansichten” gesucht. Dort habe er sich mit seiner Kamera aufgebaut, diese um 180 Grad geschwenkt und dann losgefilmt. Herausgekommen ist ein etwas schroffer Film, der nicht zuletzt eben genau deshalb in Erinnerung bleibt, weil er Orte und Landschaften zeigt, die sonst eher nicht in Filmen oder auf Postkarten zu sehen sind. Bei der Erstellung dieses GID-Titelthemas ist es uns ein bisschen so gegangen. Die Klammer bildet die agrarpolitische Zukunft, im weiteren Sinne verstanden, aber in der Regel mit konkretem Bezug zu den Themen des GID, insbesondere Bio- und Gentechnologie.

Um es gleich vorwegzunehmen: Ganz haben wir dieses Konzept nicht durchgehalten. Den Anfang dieses Titelthemas bildet ein Beitrag von Marcus Nürnberger zu dem so genannten Grünbuch-Prozess von Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU). Dieser Prozess ist auf den ersten Blick der Versuch, möglichst viele Stimmen zu einer zukünftigen Landwirtschaftspolitik zu sammeln - eine Art Statusbericht also, dem konkretere Pläne für zukünftige Maßnahmen folgen können. Tatsächlich, so meint jedenfalls unser Autor Marcus Nürnberger, hat der Minister ein Beschäftigungsprogramm gestartet. Denn die laufende Legislaturperiode neigt sich dem Ende zu. Selbst wenn also der Minister noch Pläne schmieden sollte auf der Basis des Grünbuches, das im Herbst dieses Jahres erscheinen soll, wäre kaum genug Zeit, diese in Angriff zu nehmen geschweige denn wirklich umzusetzen. Ein weiterer Aspekt sei zudem, dass Schmidt sich gerne als der große Brückenbauer sieht, zum Beispiel mit den Protagonisten des Bauernverbandes auf der einen und den Verbänden, die sich in der Kampagne Meine Landwirtschaft für eine bäuerliche Landwirtschaft einsetzen auf der anderen Seite. Diese Rolle habe auch den positiven Nebeneffekt, dass der Minister nicht mit eigenen Positionen glänzen müsse.

In den öffentlichen Debatten um zukünftige Agrarpolitiken haben sich aktuell andere Themen als die Gentechnik in die erste Reihe geschoben. Allen voran ist natürlich die Milchpolitik zu nennen, bei der aktuell das konkrete Überleben von einer Vielzahl von hiesigen landwirtschaftlichen Betrieben auf dem Spiel steht. Das geht selbstredend auch an dem Grünbuch-Prozess des Bundeslandwirtschaftsministers nicht vorbei. Auch die zunehmend industrielle Produktion und der dadurch nur schwer - oder gar nicht - umsetzbare Tierschutz stehen hoch im Kurs auf der öffenlichen Aufmerksamkeitsskala und in den Diskussionen um die Zukunft der Land- und Lebensmittelwirtschaft.

Zukunft gentechnikfreier Züchtung

Eva Gelinsky, die Mitarbeiterin der Interessengemeinschaft für gentechnikfreie Saatgutarbeit (IG Saatgut), berichtet im Interview von einer Tagung ihrer Organisation zum Einsatz von neuen Gentechnik-Verfahren in der Entwicklung neuer Pflanzensorten. ZüchterInnen in der IG Saatgut zeigen sich besorgt über deren Einsatz. Die an der gentechnikfreien Züchtung Interessierten fordern entsprechend eine umfassende und unabhängige Risikobewertung. Teil eines Risikomanagements müsse auch die Kennzeichnung von Saatgut und Produkten sein, wenn die neuen Verfahren bei der Entwicklung der Pflanzensorten zum Einsatz gekommen sind. Bisher gibt es zum Beispiel bei den Ausgangslinien einer Neuzüchtung noch eine Vielzahl von Berührungspunkten, weshalb dieser Einsatz zum Abkoppeln der ökologischen ZüchterInnen vom Fortschritt der konventionellen KollegInnen führen könne.

Standards können Zukunft verbauen

Kennzeichnung ist auch eines der zentralen Stichworte in dem Beitrag von Rudolf Buntzel. Er stellt die Logik der Politik mit dem Einkaufskorb auf die Probe. Bekanntermaßen ist dafür die Kennzeichnung der Produkte notwendige Voraussetzung, nicht nur im Supermarktregal. Zertifizierungssysteme und entsprechend Standards und Kennzeichnungen gibt es in der gesamten Lieferkette bis zurück zu den ErzeugerInnen. Alles mögliche wird gekennzeichnet: Waren aus biologischem oder gentechnikfreiem Anbau, Produkte, die den Standards einzelner Unternehmen genügen oder solche, die zum so genannten und alt bekannten fairen Handel gezählt werden. Und natürlich die Nachhaltigkeit der Produkte beziehungsweise Produktionsweisen. Der Ko-Autor des gerade im Oekom-Verlag erschienen Buches „Gutes Essen - Arme Erzeuger“ betont, dass die mit den Zertifizierungssystemen zusammenhängenden Anforderungen ein System entstehen lassen, dessen TeilnehmerInnen möglicherweise ein stimmiges Einkommen erzielen können. Um sie herum aber nehme - oft genug - die Armut zu. Buntzel ist schon lange Zeit für die entwicklungspolitischen Organisationen der evangelischen Kirche tätig. Bei aller Kritik nimmt er die Urgesteine der Siegel in Schutz. Zum Beispiel seien bei Bio und Fairtrade soziale Bewegungen oder die ErzeugerInnen beteiligt. Viele der anderen Kennzeichnungssysteme seien dagegen „kolonial“. Buntzels Beitrag ist zwar in weiten Teilen eine Analyse vergangener Prozesse, er weist aber eben auch in eine Zukunft, in der „wir uns (...) unbemerkt auf ein System einer zukünftigen Nahrungsmittelwirtschaft“ hinbewegen, „in dem Nahrungsmittel nach ‚Rezept‘ gehandelt werden“.

Synthetische Biologie, Gensynthese, neue gentechnische Verfahren wie das so genannte Genome Editing, aber auch das Sammeln und Auswerten digitalisierter Genomdaten mit erst in der jüngeren Vergangenheit entwickelten oder noch nicht zur Verfügung stehenden Verfahren der elektronischen Datenverarbeitung gehören zu den Säulen der Versprechen auf eine biotechnologisch dominierte Zukunft. Edward Hammond, Autor und Rechercheur unter anderem für die Nichtregierungsorganisation Third World Network, wendet seinen Blick auf die Risiken dieser Technologien und Konzepte für internationale Vereinbarungen über die Nutzung genetischer Ressourcen und einen gerechten Vorteilsausgleich. Zum Beispiel war es mit dem Nagoya-Protokoll unter dem Dach der Konvention über biologische Vielfalt gelungen, einer grassierenden Biopiraterie ein verbindliches System entgegenzusetzen. Das Nagoya-Protokoll bietet Mittel und Wege für beide Seiten: Interessierte Unternehmen, zum Beispiel aus industrialisierten Ländern, können die genetischen Ressourcen aus Ländern des Südens nutzen. Die Länder und Gemeinschaften, in deren Territorien diese Ressourcen ursprünglich vorkommen, können ihrereits einen Ausgleich bekommen. Dabei spielt nicht zuletzt auch eine Rolle, dass es in der Regel eben nicht die genetische Information ist, die das Interesse der Industrie weckt, sondern die oft lange Nutzung und das traditionelle Wissen, das damit verbunden ist.

Hammond identifiziert nun mit DivSeek ein internationales Wissenschafts-Projekt, das das Erreichte ernsthaft gefährdet. Im Rahmen von DivSeek - und weiteren Projekten - sollen genetische Informationen im großen Stil digital zugänglich gemacht werden. In Verbindung mit den neuen Möglichkeiten, Gensequenzen im Labor zu synthetisieren besteht die Gefahr, dass die Mechanismen des Nagoya-Protokolls ins Leere laufen, da sie bisher an den Transfer von Material gebunden sind.

Pikanterweise - aus deutscher Perspektive - spielt der Leiter des Gaterslebener Leibnitz-Instituts für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung, Andreas Graner, im DivSeek-Projekt eine zentrale Rolle.

GID-Redaktion

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
236
vom Juni 2016
Seite 6 - 7

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