(Un)sichtbare Botschaften

Bilder im Diskurs um Agro-Gentechnik

Obwohl Bilder Wirklichkeit konstruieren, werden sie in der sozial-ökologischen Forschung bisher wenig analysiert. Diese Forschungslücke versucht die Forschungsgruppe PoNa (Politiken der Naturgestaltung) an der Leuphana Universität Lüneburg zu schließen. Mitglieder der Gruppe haben Bilder in Kampagnen im Politikfeld Agro-Gentechnik untersucht.

Die Debatte um Agro-Gentechnik hat vielfältige Formen angenommen. Es gibt Zeitungsartikel, Blogs von interessierten Bürger_innen, Internetseiten von verschiedenen Organisationen, Plakate, Fernsehbeiträge, Postkarten, öffentliche Anhörungen in Parlamenten und vieles mehr. Menschen, die an diesen kommunikativen Akten beteiligt sind, bedienen sich dabei nicht nur der Worte, sondern auch der Bilder. Einige der Bilder werden damit zu wirkungsvollen Mitteln im Streit um Agro-Gentechnik. Sie sollen zum Beispiel auf die Risiken der gentechnisch veränderten Organismen (GVO) oder aber auf ihre Unbedenklichkeit hinweisen. Dabei spielt nicht selten der Bezug auf Natur oder Natürlichkeit eine zentrale Rolle. Das Bilderuniversum der Gentechnikdebatte ist voll von außergewöhnlichen Organismen: Uterustomaten, Mauskartoffeln oder Maiskühen (Bilder 1 - 3). Es sind unbekannte Verbindungen aus verschiedenen Tieren oder Pflanzen, aber auch bekannte Organismen, die ungewöhnliche Formen annehmen (Bild 4). Mit den Bildern wird versucht, sichtbar zu machen, was sich der menschlichen Wahrnehmung entzieht: zum Beispiel die Veränderung des genetischen Materials durch die Übertragung von Genen über Artgrenzen hinweg. Gleichzeitig sollen sie Naturmotive erschaffen, die befremdlich abnormal und somit unnatürlich wirken. Eine der Botschaften dürfte demnach sein, dass die Herstellung von GVO etwas Unnatürliches hervorbringt. Doch (Un-)Natürlichkeit ist eine von Menschen konstruierte Eigenschaft. Die Darstellungen der sonderbaren Mischwesen erzeugen zugleich das, was wir als ,normal', als natürlich (an)erkennen. So lässt die Form des mittleren Apfels im Bild 4 ihn uns als normal und natürlich erkennen im Vergleich zu den beiden anderen. Seine Normalität ist allerdings an standardisierten, verarbeitungskonformen Äpfeln gemessen, über deren Natürlichkeit sich streiten lässt. Denn sie werden von Menschen gezüchtet, um bestimmte Eigenschaften wie Süße, schnelles Wachstum oder Farbe zu besitzen. Welche und wessen Natürlichkeit dient also als Maßstab für die Erzeugung von Unnatürlichkeit in den Bildern?

Welche und wessen Natürlichkeit?

Diese Frage bleibt offen. Klar ist jedoch, dass der Eingriff der Menschen in die natürliche Ordnung Konsequenzen hat. Dies legen die Bilder nahe, in denen das abnormale Aussehen der gezeigten GVO einen monströsen Charakter bekommt (Bilder 5 - 7). Denn hier wendet sich die genetisch veränderte Natur gegen den Menschen. Sind Monster doch gefährlich, unkontrollierbar und häufig abstoßend. Ähnlich wie in den griechischen Mythen vom Stier-Mensch-Wesen Minotaurus 1 oder wie in der Geschichte von Frankenstein ist der Eingriff der Menschen in die göttliche oder natürliche Ordnung offenbar mit verheerenden Folgen verbunden. Von den Konsequenzen sind jedoch nicht nur jene betroffen, die in die vorgegebene Ordnung eingegriffen haben, sondern auch andere Menschen und die nicht-menschliche Natur. Die hier gezeigten Bilder knüpfen an solcherart Geschichten an. Sie stellen damit Agro-Gentechnik als einen unzulässigen Eingriff in die natürliche Ordnung dar und mahnen diesen warnend an. Damit wird die Kritik an GVO wieder an Natürlichkeit oder Ursprünglichkeit gekoppelt - eine Natürlichkeit, die weiterhin diffus und zugleich vorgegeben und unverhandelbar erscheint.

Visuelle Konstruktion von Geschlechterstereotypen

Doch nicht nur zugrunde liegende Naturverständnisse spielen eine Rolle in den Kampagnen im Politikfeld Agro-Gentechnik, sondern auch Konstruktionen von Geschlechterverhältnissen. Denn in den Kampagnen werden auch bestehende Vorstellungen und Stereotypen von Männlichkeit und Weiblichkeit genutzt, um die jeweilige Position zu unterstützen: Männlichkeit wird mit Attributen wie wehrhaft, verletzungsmächtig oder rational assoziiert und der Sphäre der Technik zugeordnet, Weiblichkeit hingegen wird der Sphäre der Natur zugeordnet und als schutzbedürftig, verletzungsoffen oder emotional dargestellt. Dies gilt sowohl für Bilder von Befürworter_innen als auch für Gegner_innen von Agro-Gentechnik. In Monsanto-Werbebildern laufen weißgekleidete Frauen über Wiesen und streicheln dabei mit ihren Händen sattgrüne Pflanzen oder reifes, gesund aussehendes Getreide (Bild 8).2 Kombiniert werden hier weiblich konnotierte Motive der Reinheit und Fruchtbarkeit für die Beschaffung von Akzeptanz für gentechnisch vermeintlich verbesserte Natur. Auffällig ist zudem, dass - obwohl im Allgemeinen auf Bildern zum Komplex „Wissenschaft und Forschung“ häufig männliche Wissenschaftler abgebildet sind -, bei Bildern aus Pro-Gentechnik-Kampagnen gerade auch viele Wissenschaftlerinnen zu sehen sind. Im Labor wirken sie beruhigend: Das Stereotyp der vermeintlichen Naturnähe von Frauen wird hier genutzt, um der Technikskepsis und der Kritik an der Künstlichkeit zu begegnen und diese abzuschwächen. Wenn selbst Frauen als Wissenschaftlerinnen und Nutzerinnen diese Technologie unterstützen - so die Botschaft -, dann könne kaum ein beziehungsweise kein Risiko für das Leben bestehen. Aber auch in Bildern von Kampagnen der Gegner_innen von Agro-Gentechnik treffen wir auf Geschlechterstereotype, wenn beispielsweise mit dem Motiv der besonderen Schutzbedürftigkeit von Frauen beziehungsweise „Frauen und Kindern“ gearbeitet wird. In Bild 9 wehren sich nicht Kartoffeln, die allesamt nicht gentechnisch verändert sind, gegen die gentechnisch-veränderten Sorten, sondern „Vater“-Kartoffel stellt sich schützend vor seine Familie („Mutter und Kind“-Kartoffeln) und schickt die Gentechnik-Knolle vom Acker. Ideen wehrhafter Männlichkeit, schutzbedürftiger Weiblichkeit werden so auch in der politischen Kultur in der Debatte um Agro-Gentechnik erneut wiederhergestellt.

Allianz zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren

Neben unserer Kritik an nicht unproblematischen Prämissen, die durch einige Bilder in Kampagnen gegen Agro-Gentechnik transportiert werden, gibt es zahlreiche Good Practice-Beispiele. So sehen wir etwa in den Bildern 10 und 11 einen Versuch, jenseits der Verweise auf Natürlichkeit zu argumentieren. Mit dem ersten dieser Bilder wird gefordert, dass die Wahlfreiheit und die Vielfalt von Kulturpflanzen erhalten werden soll. Diese beiden Werte werden als durch Agro-Gentechnik bedroht problematisiert. Im Vordergrund steht nicht das Anliegen, das Normale, das Natürliche vor einem Eingriff zu bewahren, sondern die Erhaltung und Gestaltung von Agro-Biodiversität. Worin besteht der Unterschied zu den weiter oben beschriebenen Bildern? Agro-Biodiversität ist erfahrbar, betrifft konkrete Räume und Zeiten. Sie ist teilweise beeinflussbar und wird von Menschen aktiv mitgestaltet. Natürlichkeit hingegen gibt vor, nicht menschengemacht zu sein, dabei kennt jede Epoche ihre eigene Version davon. Mit Natürlichkeit zu argumentieren, kann den Weg einer politischen Auseinandersetzung erschweren, da das Natürliche vorgegeben und als gesellschaftlich indiskutabel fixiert zu sein scheint. Die Thematisierung von Agro-Biodiversität im Bild 10 wiederum richtet die Aufmerksamkeit auf konkrete Handlungen und Bedürfnisse, die das Zusammenspiel von Menschen und Nicht-Menschen prägen. In Bild 11 schließen menschliche und nicht-menschliche Akteure eine Allianz gegen ökonomische Ausbeutung. Der Strichcode steht dabei für ein bestimmtes Verhältnis von Mensch und Natur, das an der wettbewerbsorientierten Marktwirtschaft ausgerichtet ist. Das Bild bettet Gentechnik in den Kontext wirtschaftlicher Praktiken ein und zeigt die Demontage oder die Veränderung dieses dominierenden Verhältnisses an. Gerade weil dieses Bild die Verknüpfung menschlicher und nicht-menschlicher Akteure und ihrer Praktiken in den Mittelpunkt stellt, verschwimmt es nicht am Horizont der Uneindeutigkeit von Natur, sondern liefert konkrete Impulse zum Nachdenken, Visionieren und Handeln für neue Beziehungen zwischen Gesellschaft und Natur.
Der Artikel beruht auf Ausführungen des Teilprojektes Agro-Gentechnik der Forschungsnachwuchsgruppe PoNa, die in der Broschüre „Politik machen - Natur gestalten. Theoretische Perspektiven und praktische Erfahrungen in den Politikfeldern Ländliche Entwicklung und Agro-Gentechnik“ (2014) dokumentiert sind. Die gesamte Broschüre ist erhältlich unter www.pona.eu.

  • 1. Der Minotauros ist laut griechischer Mythologie ein Wesen mit einem Stierkopf auf einem menschlichem Körper (entstanden aus der Vereinigung von Königin Pasiphae mit einem Stier), ein menschenfressendes Ungeheuer, das in einem Labyrinth gefangen gehalten werden muss.
  • 2. Die Bilder befanden sich als Banner auf der Homepage von Monsanto Polen www.monsanto.pl. Bilder sind nicht mehr online.

Beate Friedrich arbeitet von November 2009 bis Oktober 2014 im Forschungsprojekt „PoNa - Politiken der Naturgestaltung. Ländliche Entwicklung und Agro-Gentechnik zwischen Kritik und Vision“ an der Leuphana Universität Lüneburg im Förderschwerpunkt Sozial-ökologische Forschung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

zur Artikelübersicht

Daniela Gottschlich arbeitete von November 2009 bis Oktober 2014 im Forschungsprojekt „PoNa - Politiken der Naturgestaltung. Ländliche Entwicklung und Agro-Gentechnik zwischen Kritik und Vision“ an der Leuphana Universität Lüneburg im Förderschwerpunkt Sozial-ökologische Forschung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

zur Artikelübersicht

Yen Sulmowski arbeitet von November 2009 bis Oktober 2014 im Forschungsprojekt „PoNa - Politiken der Naturgestaltung. Ländliche Entwicklung und Agro-Gentechnik zwischen Kritik und Vision“ an der Leuphana Universität Lüneburg im Förderschwerpunkt Sozial-ökologische Forschung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

zur Artikelübersicht

GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
227
vom Dezember 2014
Seite 27 - 29