Der globale Leichenhandel

Leichen aus China für Ausstellungen

Kopulierende oder mit Elektromotoren animierte Leichen, öffentliche Sektionen - in Deutschland werden Leichenausstellungen vor allem mit den Körperwelten von Gunther von Hagens verbunden. Wenig bekannt ist bisher, dass von Hagens schon bald Konkurrenz von Eventmanagern aus der Freizeitindustrie bekam. Das Verbot der Pariser Leichenausstellung Our Body durch die französische Justiz rückt den internationalen Handel mit Leichen aus China in den Blick.

Unter dem Namen Bodyworlds umrundet die Ausstellung des deutschen Geschäftsmanns Gunther von Hagens seit 1995 die Welt. Sie ist aber nicht die Einzige dieser Art. Körperausstellungen sind international eine Geldmaschine. Inzwischen ist ein ganzer Industriezweig entstanden, der sich mit der Beschaffung, Verarbeitung und Versendung von Leichen befasst - der Schwerpunkt liegt in China. Die Abnehmer sitzen hingegen vor allem in den USA, wo die Ausstellungen produziert werden. Ende April diesen Jahres verbot die französische Justiz eine Leichenausstellung, die unter dem Namen Our body - à corps ouvert in Paris gezeigt wurde. Der Richter begründete die Schließung der Ausstellung damit, die Veranstalter hätten nicht nachweisen können, dass die Verstorbenen zu Lebzeiten ihrer Plastination für eine Ausstellung zugestimmt haben. Sehr auffällig war, dass alle Leichen von chinesischen Staatsangehörigen stammten und zudem sehr junge Menschen zeigten. Dies wirft Fragen über ihre Todesursache auf. Der chinesische Dissident Harry Wu ist davon überzeugt, dass einige der Körper, die in Ausstellungen wie der in Paris gezeigt werden, von in China zum Tode verurteilten Gefangenen stammen. Dieser Verdacht soll hier zum Anlass genommen werden, die ökonomischen Strukturen des weltweiten Leichenhandels nachzuzeichnen.

Tropfende Leichen aus Nanjing: OUR BODY

Über die Pariser Ausstellung wurde zunächst nur bekannt, dass sie kein Mediziner, sondern der Geschäftsmann Pascal Bernardin organisiert hatte, der sein Geld normalerweise mit großen Rockkonzerten verdient. Zwei Millionen Euro habe er mit seinem Unternehmen Encore Productions in die Leichenshow investiert. Gestartet war die Ausstellung bereits im letzten Jahr in Lyon, wo sie 110.000 Besucher anzog. Nach einer Zwischenstation in Marseille (35.000 Besucher) war Our Body seit Februar in Paris zu sehen, wo sie in zwei Monaten 120.000 Schaulustige anzog. Rechnen wir also den saftigen Eintrittspreis (15,50 Euro) auf alle Besucher der Ausstellung in Frankreich um, dürfte sie Bernardin über 4 Millionen Euro eingebracht haben. Unbekannt blieb bisher, dass Bernardin die Leichenshow nur geleast hat. Sie gehört zu einer ganzen Serie von Ausstellungen, die in den letzten Jahren unter dem Markennamen Our Body - The Universe Within von dem Unternehmen The Universe Within Touring Company mit Sitz im US-amerikanischen Baltimore (Maryland) produziert wurden. Diese Firma war ein Tochterunternehmen des Eventveranstalters American Exhibitions in Boca Raton (Florida), der für verschiedene US-Science-Center arbeitet. Im Dezember 2007 kaufte das börsennotierte Unternehmen Premier Exhibitions in Atlanta (Georgia) die Universe within Touring Company - dazu weiter unten mehr. In San Francisco sorgte Our Body - The Universe Within im Jahr 2005 für Aufsehen, weil die Leichen zu verwesen begannen - sie tropften. Offenbar war der Plastinationsprozess nicht von Fachleuten vorgenommen worden. Fett und Wasser sollten dabei eigentlich durch Kunststoff ersetzt werden. Schon damals kam die Frage nach der Herkunft der Leichen auf. Der Ausstellungsorganisator Gerhard Perner, ein österreichischer Fernsehproduzent, sagte damals, er habe die Leichen mit Hilfe von Professor Enhua Yu, dem Vorsitzenden der Anatomieabteilung der Medizinischen Universität in Peking aus einer nicht näher beschriebenen Fabrik im chinesischen Nanjing akquiriert. Der Profit der Ausstellung in San Francisco komme der Universität in Peking zugute, so Perner. Medienrecherchen ergaben jedoch, dass man in Peking überhaupt nichts von der Ausstellung wusste. Der Pekinger Professor tauchte auch in Paris wieder auf - als Präsident einer bisher völlig unbekannten, in Hongkong ansässigen Vereinigung namens Anatomical Sciences & Technologies Foundation, von der die in Paris gezeigten Leichen angeblich geliehen wurden. Die Stiftung habe garantiert, dass alle Personen ihre Körper freiwillig der Wissenschaft gespendet hätten, versicherte der Mediziner Hervé Laurent vom wissenschaftlichen Beirat der Ausstellung in Paris. Von einer Hongkonger Stiftung war allerdings noch gar keine Rede, als Our Body in den Jahren zuvor durch die USA tourte. Vielmehr sagte der 2006 für die Our Body-Ausstellung in Orlando (Florida) verantwortliche Anwalt Marcus W. Corwin - damals Berater von American Exhibitions - die Leichen seien von einer Institution mit dem Namen The Museum of Life (Sciences Project) in Peking zur Verfügung gestellt worden. Dieses Museum habe versichert, jede Leiche sei medizinischen Schulen in China gespendet worden. Auch zwei Jahre später behaupteten der inzwischen zum Geschäftsführer von The Universe Within Touring Company aufgestiegene Marcus W. Corwin und der Pathologe Walter Hofman - medizinischer Berater für Our Body in den USA - gegenüber verschiedenen Museen, die Leichen kämen vom Museum of Life in Peking. Nanjing, Peking, Hongkong - die Frage nach der Herkunft der Leichen von Our Body zeigt, dass die Verantwortlichen offensichtlich ein Versteckspiel mit der Öffentlichkeit betreiben.

Die Bodies von Premier Exhibitions

Im Dezember 2007 kaufte das börsennotierte Unternehmen Premier Exhibitions den Veranstalter der Our Body-Ausstellungen The Universe Within Touring Company von Amercian Exhibitions. Damit stieg Premier zum zweiten Global Player im weltweiten Leichengeschäft auf - hinter Gunther von Hagens Bodyworlds. Premier gelang es so, einen wichtigen Konkurrenten zu schlucken. Denn das in Atlanta ansässige Unternehmen begann seine Geschäfte zwar mit der Vermarktung von Wrackteilen der Titanic. Seit 2004 konzentrieren sich die Geschäftsaktivitäten aber auf die zwei Anatomieausstellungen Bodies revealed und Bodies - The Exhibition. Sie machen inzwischen 80 Prozent der Einnahmen von Premier aus, die sich im Geschäftsjahr 2008 auf 61 Millionen Dollar beliefen.1 Premier zeigt laut Geschäftsbericht derzeit weltweit zehn Ausstellungen, zusätzlich sind sechs in Lagerhallen geparkt.2 Jede Ausstellung enthält mindestens 20 Leichen, insgesamt wurden also Lizenzen für mindestens 320 Leichen erworben, andere Quellen sprechen sogar von Tausenden.

Dalian - Zentrum des Leichenhandels in China

Die Herkunft der Leichen in den beiden Bodies-Ausstellungen von Premier ist seit längerem Gegenstand von Presseberichten und Gerichtsverfahren. Deshalb lässt sich relativ genau rekonstruieren, woher die Firma ihre Leichen bezieht. Auch hier führt die Spur nach China. Eines der Zentren des weltweiten Leichenhandels befindet sich in der nordostchinesischen Hafenstadt Dalian, Provinz Liaoning. Der leichte Zugang zu Leichen und Organen, die Verfügbarkeit billiger medizinischer Arbeitskräfte und die geringe Kontrolle dieser Aktivitäten durch die Regierung haben dazu geführt, dass hier in den letzten Jahren eine regelrechte Leichenindustrie entstanden ist. In Dalian scheint sich der Leichenhandel vor allem deshalb zu konzentrieren, weil es in der Stadt drei Zwangsarbeitslager (laogai) gibt.3 Zufälligerweise ist Dalian auch jene Stadt, in der von Hagens seit längerem ein Plastinationslabor betreibt. In diesem Labor werden nach seinen Angaben inzwischen jedoch nur noch Tiere plastiniert. Die New York Times berichtete 2006 in einer Reportage über die Körperfabriken in Dalian, Premier habe 25 Millionen US-Dollar investiert, um über fünf Jahre hinweg einen ständigen Zufluss von Leichen aus China sicherzustellen.4 Laut Bericht werden die Leichen von der Polizei zu der nahe des Xinghai-Parks gelegenen Dalian Medical University gebracht. Premier zahlt das Geld angeblich als Leasinggebühr an die Universität, die der Firma dafür das Recht erteilt, die Leichen zu zeigen.5 Der Direktor der Dalian Medical University, Dr. Tang Jianwu sagte gegenüber dem US-Fernsehsender ABC jedoch, die Universität verkaufe keine Körper an Premier. Er wisse nicht, woher die Leichen für Premier gekommen seien. Darüber gebe es jedenfalls keine Aufzeichnungen.6 Tatsächlich bezog Premier laut Untersuchungen des New Yorker Generalstaatsanwalts Andrew M. Cuomo von 2004 bis 2006 Körper und Organe nicht direkt von der Universität in Dalian, sondern - über die zwischengeschaltete Tochterfirma Exhibitions International LLC - von einem Privatunternehmen namens Dalian Medical University Plastination Co. Ltd., das 30 Meilen von der Uni entfernt angesiedelt ist.7 Diese Firma war zunächst eine Public-Private-Partnership: 70 Prozent des Unternehmens gehörten der Dalian Medical University, 30 Prozent dem Anatomieprofessor Dr. Hong Jin Sui von der Universität in Dalian. Sui ist übrigens ein früherer Mitarbeiter der Körperwelten von Hagens in Dalian, der 2001 gefeuert wurde, nachdem er heimlich seine eigene Körperfabrik aufgemacht hatte.

Ein Drittel der Leichen waren Exekutierte - Stückpreis 200 Dollar

Wegen negativer Medienberichte verkaufte die Universität 2005 ihren Anteil an der Dalian Medical University Plastination. Seitdem halten Sui und andere Investoren 100 Prozent an der Firma, die sie in Dalian Hoffen Bio Technique Co. Ltd. umgetauft haben. Auf der Firmenwebsite werden plastinierte Körper zum Kauf angepriesen: Sie seien „trocken, geruchslos, unschädlich, anfassbar und unverderblich".8 Auch der von Hagens-Konkurrent Dirk Piper gibt übrigens als Kooperationspartner für seine Ausstellung The Art of Bodies die Dalian Hoffen an.9 Doch woher bekam die Firma Dalian Medical University Plastination die Leichen, die später in den Ausstellungen von Premier zu sehen waren? Während Sui behauptet, die Körper seien von der Universität zur Verfügung gestellt worden, bestätigten Recherchen von ABC die schlimmsten Befürchtungen chinesischer Menschenrechtler: Ein früherer Mitarbeiter der Dalian Medical University Plastination sagte gegenüber dem Sender, etwa ein Drittel der Leichen, die er für die Firma abgeholt habe, seien exekutierte Gefangene gewesen. Sie würden für 200 bis 300 Dollar an Medizinschulen oder Privatunternehmen wie die in Dalian verkauft.10 Laut der Menschenrechtsorganisation Dui Hua Foundation exekutierte China im Jahr 2007 zwischen 5.000 und 6.000 Personen. Gegenüber der New Yorker Justiz konnte Premier im Mai 2008 nicht nachweisen, dass keine der 200 in der Ausstellung gezeigten Körperteile von exekutierten oder gefolterten Chinesen stammten. Deshalb musste die Firma auf ihrer Website einen Disclaimer anbringen, der davor warnt, die Leichen könnten von exekutierten Gefangenen stammen. Eine Schließung der Ausstellung ordnete das Gericht jedoch nicht an. Die Laogai Research Foundation, die Informationen über Chinas Zwangsarbeiterlager sammelt, begrüßte die Entscheidung dennoch und rief die Justiz anderer Länder dazu auf, ähnliche Urteile zu fällen.11 Bisher weht den Leichenshows aber nur in wenigen Fällen ein schärferer Wind entgegen: Der Schließung von Our Body in Frankreich ging im März 2009 das Verbot von Bodies Revealed in Venezuela voraus. Im Juli musste in Hawaii ein Ableger von Bodies - The Exhibition schließen. Dies kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der internationale Leichenhandel - von dem hier nur ein kleiner Ausschnitt skizziert werden konnte - kaum kontrolliert wird. Bereits im Juli 2006 hat China den kommerziellen Export von Leichen verboten. In dem Netzwerk aus Unterhaltungsindustrie, medizinischen Universitäten, Hospitälern, Ärzten, Arbeitslagern und der Polizei werden aber Millionen umgesetzt. Auch nachdem das chinesische Exportverbot in Kraft getreten war, erreichten Lieferungen mit importierten Leichenteilen die USA - sie waren als Plastikmodelle für den Anatomieunterricht deklariert. Unter dem Deckmantel der medizinischen Aufklärung offenbart sich bei allen Beteiligten ein hohes Maß an krimineller Energie.

GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
195
vom September 2009
Seite 37 - 39

Fabian Kröger ist Kulturwissenschaftler und Journalist in Paris.

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