Lebensmittelstandards: Der Weisheit letzter Schluss?

Gar nicht so einfach: Politik mit dem Warenkorb

Politik mit dem Einkaufskorb - ein beliebter Ratschlag, der in keinem Exkurs über Welthandel und Gerechtigkeit fehlen darf. Sicherlich einer der wichtigsten Hebel, um sich für ein differenzierteres Angebot in der globalisierten Agrarwirtschaft einzusetzen. Oder?

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Um Produkten in den Supermärkten ihre Produktionsbedingungen anzusehen, müssen ihre besonderen Eigenschaften standardisiert, zertifiziert und gekennzeichnet werden. Erst dann haben die KonsumentInnen eine Entscheidungsgrundlage für ihre gezielte Auswahl: Ob sie lieber zu den ökologisch hergestellten, fair gehandelten, gentechnikfreien, lokal oder tiergerecht erzeugten Produkten greifen wollen.

Dazu dienen Standardinitiativen unterschiedlichster Sorte: zivilgesellschaftlich initiierte Standards, firmeneigene Labels oder auch private Standards der internationalen Agrarwirtschaft. In den letzten zehn Jahren ist eine Flut neuer Standardinitiativen auf den Markt gekommen. Die EU-Kommission zählt 440, aber so genau weiß man es nicht, denn es gibt keine Registrierungspflicht.

Viele Standards sind auf eine singuläre Eigenschaft spezialisiert, zum Beispiel „bio“, geschützte geographische Herkunft, Halal, gentechnikfrei. Doch mehr und mehr werden die internationalen Güterströme beherrscht von Nachhaltigkeitsstandards, die von mächtigen Supermarktketten gesteuert werden. Sie versprechen eine große Breite an besonderen Eigenschaften, die sowohl die Qualität und Sicherheit der Produkte abdecken sollen, als auch umweltgerechte Anbaubedingungen, ökonomische Stabilität und soziale Mindestkriterien. Diese Business-to-Business (B2B) Standards werden meist gar nicht am Produkt ausgezeichnet, sondern sind Normen in Wertschöpfungsketten. Sie werden aber ebenso wie die gekennzeichneten Standards von dem gleichen Zertifizierungssystem auf jedem Betrieb der Zulieferer kontrolliert. Um die Identität dieser Ware zu gewährleisten, gehen sie auch - ähnlich wie gentechnikfreie Wertschöpfungsketten - mit einem System der Trennung in der gesamten globalen Lieferkette einher. Beispiele für B2B-Standards sind GlobalG.A.P., British Retail Consortium BRC, oder Ethical Trading Initiative ETI.

Im Dschungel der Label

Standards sind also nicht gleich Standards. Sie unterscheiden sich in der Tiefe und Breite ihrer Indikatoren, der Strenge, Stringenz und Verbindlichkeit, der Überprüfbarkeit, Transparenz und Kontrolle, der Art der Auszeichnung, der Dokumentationspflichten und welche Interessen die Standardorganisation letztendlich vertritt.

Wie soll sich da einE KonsumentIn noch zurechtfinden? Er oder sie ist verwirrt. Letztendlich bleibt den VerbraucherInnen nur: einem bekannten Label, Warenzeichen oder einer Firma das ungeteilte Vertrauen zu schenken. Womit wir fast wieder da gelandet sind, wo wir herkommen, nur vielleicht eine Spiralenwendung höher: Politik mit dem Warenkorb ist schwierig, denn inzwischen ist fast alles, was in den Supermärkten im Angebot ist, irgendwie - und angeblich „nachhaltig“ - zertifiziert und kontrolliert.

Das grenzenlose Vertrauen in die Macht von Produkt- und Produktionsstandards hat einen Haken, den die KonsumentInnen leicht vergessen: Je höher die Standardanforderungen und je ausgefeilter die Systeme, desto elitärer wird das Nahrungsmittelsystem. Sowohl was die Erschwinglichkeit für die VerbraucherInnen als auch die Fähigkeit der ErzeugerInnen anbelangt, den Auflagen zu folgen. Denn die Standardsysteme sind nicht kostenlos zu erhalten. Sie setzen ein weltweites Netz an Verbindungen voraus, an Betriebsprüfern, Zertifizierern, Kontrolleuren, an Schulung und Zugangsbeschränkungen, an Anfangsinvestitionen und Betriebsumstellungen. Und für die KonsumentInnen: Aufgeklärtheit und mehr im Geldbeutel.

Ausleseprozesse

Das Fatale daran ist: Die Software des Programms geht mit erheblichen Betriebsgrößenvorteilen einher. Fallstudien weisen darauf hin, dass die Standards zu einem erheblichen Ausleseprozess unter den Landwirten und dem Nahrungsmittelgewerbe führen.1Besonders in Gegenden von Asien, Afrika und Lateinamerika, wo kleinparzellierte Betriebsstrukturen vorherrschen, haben kleine Familienbetriebe große Nachteile, um den Standards gerecht zu werden. Besser ausgebildete, innovationsfreudige (oft: jüngere) Betriebsleiter, die sich leichter tun, in enge Vertragsbeziehungen einzutreten und sich in Gruppen zusammenzuschließen, übernehmen die Führung. Dazu kommen noch andere günstige Ausgangsbedingungen: Zugang zu Krediten, bessere Flächenausstattung, größere Tierbestände, gesicherte Eigentumsverhältnisse, Bewässerungsmöglichkeiten, Anschluss an moderne Infrastruktur und Märkte.

Besonders der Aufwand für die umfassende Dokumentation der Betriebsabläufe, die sowohl von den gesetzlich geregelten Rückverfolgbarkeitsanforderungen verlangt wird als auch von der Zertifizierung für private Standards, hat sich als große Hürde einer wirklichen Armutsbekämpfung erwiesen. Die Gruppenzertifizierung, die zunehmend von allen Standardinitiativen für Kleinbauern angeboten wird, bringt zwar eine kleine Erleichterung; aber an die Stelle der eigenen schriftlichen Ausdrucksfähigkeit und dokumentarischen Ordnung tritt dann die Fähigkeit, sich als Gruppe zu organisieren und dort einzubringen. Die vertraglich festgelegten Lieferverpflichtungen sind juristische Barrieren für Landwirte, die unter unsicheren Bedingungen wirtschaften müssen, wie zum Beispiel bei stark schwankenden Witterungsverhältnissen, volatilen Erzeugerpreisen und unzuverlässigen Landhändlern.

Mit einer breitenwirksamen Armutsbekämpfung nach dem Selbsthilfeprinzip hat das alles jedenfalls nur noch wenig zu tun. Es ist - da sollte man sich keine Illusionen machen - ein knallhartes Programm der Modernisierung.

Modernisierungsakteure ersten Ranges

Standardprogramme in der internationalen Agrarwirtschaft wurden zunächst von der neoliberalen Fachwelt kritisch betrachtet als potentielle „technische Handelshemmnisse“. Doch mit der Zeit sind alle internationalen Organisationen umgeschwenkt. Heute gelten sie als sinnvolle entwicklungspolitische Instrumente für die Marktorientierung von LandwirtInnen. Ihnen werden markterweiternde Auswirkungen zugeschrieben. Standardinitiativen sind Modernisierungsakteure ersten Ranges, denn sie erzwingen auf „marktwirtschaftliche Weise“ - das heißt mit einem Anreizsystem verbunden - umfassende Betriebsumstellungen und Verhaltensänderungen bei den Erzeugern, die mit Beratung und Schulung allein nicht durchsetzbar wären.

Sie zwingen die Landwirte aber auch in eine Betriebsführung hinein, die alle Schritte vorgibt und wenig Spielraum lässt für eigenständige Entscheidungen. Die umfassenden Verpflichtungen beispielsweise von GlobalG.A.P. zum Einsatz von Pestiziden sind nicht nur äußerst schwer für die ErzeugerInnen einzuhalten, sondern erwecken auch die Illusion, dass der Chemieeinsatz unter Kleinbauernbedingungen in den Tropen überhaupt sicher sein kann.

Zu blöd für Standards? Dann raus!

Dass nur wenige Betriebe in das System integrierbar sind, wird gern in Kauf genommen. Wenn von Kleinbauernstrategie die Rede ist, dann ist damit die Förderung einer kleinen Gruppe sogenannter „progressiver Farmer“ gemeint. Die sind aber nicht marginal: Sie wirtschaften nicht auf marginalen Böden in marginalen Gebieten. Sie verfügen über mehr als nur marginale Bildung und über eine bessere als nur marginale Marktanbindung und sie bauen marktgängige Feldfrüchte an. Diese Schicht von Landwirten, die es in einer Minderheit in allen Gesellschaften gibt, sind die Gewinner unter allen Agrarprogrammen. Die Standardinitiativen als Aufstiegsstrategie kommen gerade recht.

„Notwendiger Strukturwandel“ nennt sich das. Ein Konzept, das auch die Agrarpolitik Europas beherrschte. Die Kleinen müssen raus aus der Landwirtschaft und Platz machen für die wirtschaftliche Entwicklung der Wachstumsbetriebe. Was heute die Standardinitiativen in Entwicklungsländern bewirken, sollten in den 70er Jahren bei uns die EU-Förderschwelle, der Mansholt-Plan 2 und andere strukturfördernde Maßnahmen erfüllen, zum Beispiel der Zwang zur Melkmaschine mit Kühltank auf dem Hof.

Mit der Modernisierung der Landwirtschaft, der zunehmenden Macht der Supermarktkonzerne und dem - zum Teil staatlich forcierten - Hochschrauben der Standards ging ein rapides Aussterben der kleinen Mühlen-, Bäckerei-, Metzger- und Lebensmitteleinzelhandelsbetriebe einher. Wir haben heute standardisierte Produkte, hygienisch und qualitätsmäßig einwandfrei, doch dafür fast nur noch Brotfabriken, Großschlächtereien und Metzger- und Bäckereitheken in den Supermärkten.

Natürlich sind einige Siegelinitiativen verbunden mit der Hoffnung auf Nischenmärkte und Premiumpreise für die Erzeuger. Das ist vor allem bei den „Urgesteinen“ aller Siegel der Fall, bei Bio und Fairtrade. Doch die bilden insofern eine Ausnahme in dem Siegeldschungel, weil sie von sozialen Bewegungen weltweit kontrolliert werden. Die Erzeuger auch in Entwicklungsländern haben hier das Sagen. Sonst ist die Welt der Standards noch sehr kolonial: Die Standardsetzer leben im Norden, die Standardnehmer im globalen Süden.

Nahrungsmittel nach Rezept

Was haben wir uns mit dem privat regulierten Standardsystem eingehandelt? Mehr Qualität und Sicherheit, mehr Ethik in der Landwirtschaft? Von Zeit zu Zeit erleben wir Lebensmittelskandale desaströsen Ausmaßes: Rinderwahnsinn, Vogelgrippe, Gammelfleisch, Dioxine im Futter, Antibiotikaresistenz. Alle komplizierten Vorsorgesysteme haben die modernen Verbraucher nicht vor systemimmanenten Gefahren der industriellen und globalisierten Nahrungsmittelwirtschaft bewahren können. Denn die echten globalen Gefahren gehen nicht von einfachen und unhygienischen Verhältnissen in den Entwicklungsländern aus, sondern von den Hochsicherheitstrakten industrieller Tierhaltung und globaler Verbundsysteme der Ernährungswirtschaft. Standards korrigieren an einem zutiefst risikoreichen und unethischen globalen Agrarsystem herum, machen es ein wenig akzeptabler, aber sind nicht die Lösung.

So bewegen wir uns unbemerkt auf ein System einer zukünftigen Nahrungsmittelwirtschaft hin, in dem Nahrungsmittel nach „Rezept“ gehandelt werden. Der Verbraucher findet zu jedem Produkt einen „Beipackzettel“ vor, der ihm genau erklärt, wie das Produkt erzeugt und gehandelt wurde und was drin ist, mit Einnahmeempfehlungen und Antidosis. Die Erzeuger sind in ein ähnlich rezeptähnliches Agrarsystem eingepfercht, das ihnen genaue Vorschriften macht, was sie wann und wie zu tun haben. Vielleicht stimmt das Einkommen der Teilnehmer des Systems; aber Armut und Hunger um sie herum nehmen zu.

Und bei Nebenwirkungen oder Unverdaulichkeiten fragen Sie Ihren Bauernverband oder konsultieren Sie Ihren agrarwirtschaftlichen Fachverband.

  • 1. Siehe z.B.: Steering Committee of the State of Knowledge Assessment of Standards and Certification (2012), www.resolv.org/site-assessment/towardsustainability; IIED, www.iied.org/regoverning-markets; Swinnen, Joe F.M. (ed.) (2007), Global Supply Chains, Standards and the Poor, Ocon/Cambridge.
  • 2. Sicco Mansholt war Agrarkommissar der EU. Sein Plan aus dem Jahr 1968 sah vor, bis 1980 vier Millionen landwirtschaftliche Betriebe zur Aufgabe zu bewegen. Die frei werdenden zwanzig Millionen Hektar sollten zur Aufstockung an geförderte, rationell wirtschaftende Betriebe verteilt werden.

Rudolf Buntzel ist langjähriger Agrarreferent beim Kirchlichen Entwicklungsdienst. Er beschäftigt sich mit globalen Fragen der Standardsetzung bei Lebensmitteln und ist Berater von Brot für die Welt.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
236
vom Juni 2016
Seite 15 - 17