Biopolitik der Gehirne

Neurodiversität als Emanzipationsstrategie

Seit einigen Jahren verfolgen Betroffenengruppen eine neue politische Strategie: In Abwehr gesellschaftlicher Stigmatisierung ihrer Krankheit betonen sie ihre Einzigartigkeit - und berufen sich dabei auf die Neurowissenschaften. Eine Strategie nicht ohne Fallstricke.
Autismus gilt als „tiefgreifende Entwicklungsstörung“, die sich auf den sozialen Umgang mit Mitmenschen, auf die Kommunikation und auf Handlungsmuster auswirkt. So ist es auf der Webseite des „Bundesverbandes zur Förderung von Menschen mit Autismus“ zu lesen. Doch was heißt „Entwicklungsstörung“? Die Selbstvertretung der Autisten hat sich in den USA in enger Verbindung mit dem neurodiversity movement entwickelt, einer Bewegung, die im Laufe der 1990er Jahren entstanden ist. Die Aktiven der Neurodiversitäts-Bewegung haben es übernommen, für sich selbst zu sprechen. Menschen mit Asperger Syndrom und anderen Formen von hochfunktionalem Autismus sind darin besonders aktiv. Ihre wichtigste Botschaft: Autismus ist eine Variante unter vielen menschlichen Ausprägungen, die im gleichem Maße wie geschlechtliche oder äußerliche Besonderheiten respektiert werden müsse, und sei in jedem Fall keine Krankheit, die behandelt und wenn möglich geheilt werden muss. Die neurologische „Leitung“ sei bei ihnen eben atypisch. Jedenfalls sei es nicht eine vermeintlich pathologische Organisation ihrer Kognition, die ihre Unterschiedlichkeit begründe. Mit dieser Art der Selbstzuschrei­bung begründen sie eine eigene „autistische Identität“. Judy Singer hat in diesem Zusammenhang schon 1999 von einem neuen „neurologischem Selbstbewusstsein“ gesprochen. Die selbstorganisierten Gruppen würden sich damit vermehrt gegen die Zuschreibungen aus der Psychologie wehren.

Das zerebrale Subjekt kommt

Diese Hinwendung zur Neurologie geht aber nicht einfach auf eine Aversion gegenüber der Psychoanalyse oder der psychologischen Kultur zurück. Sie ist vielmehr in Zusammenhang mit der Diffusion von neurowissenschaftlichem Laborwissen zu bringen und als Teil einer Infiltritation unterschiedlicher Gesellschaftsbereiche durch Biomedizin zu verstehen. Neurowissenschaftliche Theorien, Praktiken, Technologien und Therapien beeinflussen, wie wir über uns denken. Verschiedene Autoren sprechen mittlerweile von einer Neurobiologisierung des Selbst, die in der Ausprägung eines zerebralisierten oder „neurochemischen Selbst“ münde.1 Über die Neurowissenschaften hinaus ist zu beobachten, dass Überzeugungen, Wünsche, Verhalten und Emotionen, ja auch soziale und kulturelle Zusammenhänge in neurochemischen Begriffen beschrieben werden. Die menschliche Person wird in diesen um das Gehirn zentrierten Ansätzen zu einem „zerebralen Subjekt“. Um nicht missverstanden zu werden: Das „zerebrale Subjekt“ ist in meinem Verständnis eine anthropologische Figur, die es erlaubt, die erstaunliche Verbreitung des neurobiologischen Vokabulars und insbesondere seine Verwendung innerhalb der Neurodiversitäts-Bewegung zu verstehen. Es geht hier um die „Technologien des Selbst“, von denen Michel Foucault sprach. Man muss sich also genau ansehen, wie innerhalb der Bewegung bestimmte Begriffe benutzt werden. Immerhin handelt es sich um die Diffusion von ursprünglich aus der Wissenschaft stammendem Wissen, das in populären Zusammenhängen umgearbeitet und benutzt wird, um das eigene Selbst zu beschreiben. Und diese Praxis konfrontiert die Experten mit neuen Realitäten. Der Wissenschaftsphilosoph Ian Hacking hat diesen Prozess einen „looping effect of human kinds“ genannt und als Koproduktion von kategorialen und personalen Identitäten charakterisiert.2

Von „Neurotypischen“ und „Neurodiversen“

Psychiatrische Etikettierungen wie „Autismus“ oder „Asperger Syndrom“ haben die Macht, eine Person, ihr familiäres Umfeld und ihr Verhalten zu beeinflussen. Diese Etikettierung und die damit verbundene Bedeutung von „Autismus“ verändern sich aber nicht allein durch neurobiologische und genetische Theorien, sondern auch durch Identitätszuschreibungen von Angehörigen- und Betroffenengruppen. Anhänger des Neurodiversitäts-Konzeptes zerebralisieren Autismus, indem sie sich als Autisten definieren und nicht als Menschen, die Autismus haben, und berufen sich auf die neuronalen Besonderheiten im Gehirn. Dabei beziehen sie sich auf neurowissenschaftliche Begriffe und Metaphern, um sich selbst und ihre Beziehung zu anderen zu beschreiben. Die neurowissenschaftliche Sprache dient dann dazu, Autismus als ein positives Attribut darzustellen und einen natürlichen Unterschied zu „neurotypischen” Erfahrungswelten und Identitäten zu konstruieren. Die „Neurotypischen“ (NTs) sind die anderen Menschen, die keinen Autismus haben.

Das gelobte Land „Aspergia“

Hirnmetaphern und Differenzen werden insbesondere dann bemüht, wenn es darum geht, die Exklusivität und Besonderheit von Autisten gegenüber NTs zu begründen. Die Neurowissenschaften werden also benutzt, um identitäre Grenzen zu setzen. Der Normalitätsdiskurs wird dabei bisweilen umgedreht; etwa wenn Autisten das Verhalten von NTs in satirischer Art und Weise pathologisieren. Seitdem er realisiert habe, „wie bizarr und unlogisch NTs wirklich sind“, so beispielsweise der Aktivist Archie, würden „ihre Kommentare und Beleidigungen“ keinen großen Eindruck mehr auf ihn machen. Er könne ihnen ja nicht ihre neurotypische Art vorwerfen. Umgekehrt müsse er nicht wertschätzen, was er nicht ausstehen könne: Das Verhalten von NTs. Der Bezug auf die Neurowissenschaft läuft auf der einen Seite also darauf hinaus, unterschiedliche Erlebniswelten von NTs und Autisten zu konstruieren und ihre natürliche Unterschiedlichkeit zu begründen; auf der anderen Seite wissen selbst extreme Neurodiversitäts-Fürsprecher, dass sie untrennbar mit der Welt der NTs verbunden sind. Die Insel „Aspergia“, auf der Menschen mit Asperger Syndrom unter sich sind, ist eine Utopie: „Was passiert, wenn ein Aspergian-Mann und eine Aspergian-Frau heiraten und ein NT-Kind bekommen, werden sie dann aus dem Land ausgewiesen?“3

Funktionsweise von Identitätspolitik

Identitätspolitik impliziert, neurologische Einzigartigkeit zu essentialisieren und Hirndifferenzen zu typologisieren. Das trifft auch auf das Gegenstück zur Konstruktion von vermeintlich natürlichen Differenzen zu: die Annahme, „Autismus“ repräsentiere eine neurologisch homogene Gruppe. Demnach bestehen nur graduelle Unterschiede zwischen verschiedenen Formen des Autismus und keine fundamentalen neurologischen Unterschiede. Die Autorin des bahnbrechenden Artikels „Thoughts on finding myself differently brained“ von 1988, Jane Meyerding, ist überzeugt, dass „die Kategorisierung von Leuten in Schubladen wie ‚Asperger Syndrom’ und ‚Autismus’ (oder ‚hochfunktioneller Autismus’) aufs Glatteis führt“. Für sie ist die Sache einfach, sie ist „autistisch, Punkt.“.4 Die Welt der autistischen Aktivisten erinnert an Beobachtungen, die die Anthropologin Emily Martin während ihrer Arbeit zu bipolaren Psychosen gemacht hat: Bemerkungen über das Hirn verhalten sich „wie Klone: sie vermehren sich endlos, ohne dass etwas Neues hinzukommt“.5 Das „Hirn“ arbeitet mit der Macht einer Metapher, die abgrenzt und in erster Linie Verbindungen zwischen Bereichen und Gruppen kappt. Dabei verbindet sich das Universum der Neurodiversität mit Alltagsontologien. Wenn wir handeln, denken oder über uns und unsere Beziehungen sprechen, ziehen wir ontologische Register. „Mein Hirn“ kann einfach nur meinen: „in meinem Kopf“, aber auch „ich“. Das heißt nicht, dass wir nicht wissen, worüber wir eigentlich sprechen. Solche neurowissenschaftlichen Metaphern und ihre Verbindung mit Alltagsvorstellungen oder -ontologien des Selbst und Metonymien, die wir verwenden, tragen dazu bei, einem Körperteil wie dem Gehirn eine psychologische Tiefe zuzusprechen, die zuvor nur dem Geist zugeschrieben worden ist.

Kritik am Neurodiversitäts-Konzept

Es ist eine wiederkehrende Beobachtung: Der positive Bezug auf Behinderung kann Unterschiede so sehr betonen, dass daraus eine Art Feindschaft erwächst - in diesem Fall gegenüber nicht Behinderten. Eine solche Tendenz ruft innerhalb der Neurodiversitäts-Bewegung selbstkritische Töne auf den Plan: Judy Singer warnt, die Bewegung könne auf eine Identitätspolitik zusteuern und kritisiert „ihr ewiges Opfertum, ihren Infantilismus, ihre Forderung nach unbedingter Liebe und Anerkennung, ohne zur Selbstreflexion und Selbstkritik bereit zu sein oder dazu, die Licht- und Schattenseiten in sich selbst genauso zu sehen wie in ‚den Anderen’“.6 Singers Kritik impliziert, dass der Gebrauch von auf das Hirn bezogenen Metaphern dazu beiträgt, individuelle und institutionelle Dimensionen zu verbergen, über die es wert wäre, offen zu diskutieren. Als „abschließende Metapher“ (Emily Martin) verhindert das „Hirn“ aber genau solche Bezüge. Die „Hirnidentität“ tendiert dazu, Konflikte, Leugnungen, Repression oder andere unbequeme Dinge zu übertünchen. FürsprecherInnen des Neurodiversitäts-Konzepts tendieren dazu, zu vernachlässigen, dass nicht alles in der schönen neuen Welt gut ist, die die „neurowissenschaftliche Revolution“ verspricht. Nicht nur Leute aus der Anti-Psychiatrie-Bewegung befürchten deshalb, dass die Neurodiversitäts-Bewegung vor allem neurologischen und medizinischen Modellen menschlichen Verhaltens zuarbeitet.

Im Getriebe der Biopolitik

Sich als ein zerebrales Subjekt zu verstehen, hilft zwar dabei, die eigene Identität zu stärken und sich gegen jene soziale Stigmatisierung zu immunisieren, die sich gegen mentale Pathologien richtet. Diese Strategie reduziert aber auch das Verständnis davon, was es heißt, eine Person zu sein. Das ist das Dilemma der Neurodiversitäts-Bewegung. Die Suche nach Gemeinschaft gerät in Spannung mit einer reduktionistischen Identitätspolitik, in der das Selbst bloß ein Ergebnis von Hirnmechanismen ist. Die Neurodiversitäts-Bewegung widerlegt zugleich konservative Befürchtungen, dass die Neurobiologisierung des Menschen ein ethisches Vakuum hinterlassen wird, da mit dem freien Willen auch die Grundlage für von allen geteilten Werten und den gesellschaftlichen Zusammenhalt verlorengehen würde. Im Gegenteil, wir können beobachten, wie eine reduktionistische Ideologie die Menschen in zerebrale Subjekte verwandelt und Grundlage für die Bildung von neuen Identitäten, Gemeinschaften und sozialen Netzwerken liefert. Man könnte Foucault paraphrasieren und feststellen, dass jedes Dispositiv aus Wissen und Macht, das als ein Mechanismus der Subjektivierung funktioniert, auch die Möglichkeit des Widerstands eröffnet. Ob die Neurodiversitätsbewegung eher Wasser auf die Mühlen des neurobiologischen Reduktionismus gießt oder es ihm eher entzieht, wird unter anderem davon abhängen, wie die autistischen Neurodiversifisten es verstehen, zwischen ihrer zerebralistischen Identitätspolitik und der Suche nach bedeutungstragenden Formen von Sozialität zu navigieren.
Übersetzung: Alexander von Schwerin
  • 1. Nikolas Rose: The politics of life itself: Biomedicine, power, and subjectivity in the twenty-first century, Princeton 2007; A. Ehrenberg, Le Sujet cerebral, in: Esprit 309, 2004, S. 130-155; F. Ortega & Fernando Vidal: Mapping the cerebral subject in contemporary culture, RECIIS 2, 2007, S. 255-259.
  • 2. Ian Hacking: The looping effects of human kinds, in: Sperber, Premack, & James-Premack (Hg.): Causal cognition: A multidisciplinary approach, Oxford 1995.
  • 3. www.aspiesforfreedom.com/showthread.php?tid1/411062.
  • 4. Jane Meyerdings Website: http://mjane.zolaweb.com/snipframe.html.
  • 5. Emily Martin: Identity, identification, and the brain, in: Ortega & Vidal (Hg.): Neurocultures: Glimpses into an expanding universe, erscheint 2010.
  • 6. Judy Singer, Light and dark: Correcting the balance, 2007; www.neurodiversity.com.au (gesehen Juni 2008).

Francisco Ortega ist Mitarbeiter im Institute for Social Medicine, State University of Rio de Janeiro in Brasilien.

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GID Meta
Seite 14 - 17

Neurodiversität

Seit Ende der 1990er Jahre kursiert der Begriff „Neurodiversity“. Es geht darum, in Unterschiedlichkeit etwas Positives zu sehen, nicht bloß Abweichung vom Normalen. Das Konzept steht im Zusammenhang der Emanzipationsbewegung von PatientInnengruppen und Betroffenen. Es wendet sich gegen die Stigmatisierung und Pathologisierung insbesondere von Menschen mit „abweichenden“ psychischen Eigenschaften. Vor allem waren es Autisten, die sich das Konzept auf die Fahnen geschrieben haben. Es findet sich aber auch im Zusammenhang der Diskussion um Schizophrenie, bipolare Erkrankungen, Sprachstörungen, Parkinson, Dyslexia und Dyspraxia. Foucaults „Wahnsinn und Gesellschaft“ wird zuweilen als Vorläufer zitiert. Das Konzept wird insbesondere ins Feld geführt, um eugenische Tendenzen abzuwehren und Selbstbestimmungsrechte einzufordern. Kritisch kann eingewendet werden, dass das Konzept voraussetzt, dass die Unterschiede, die zunächst als psychische oder Verhaltensunterschiede beschrieben werden, auf biologische Ursachen zurückgeführt werden können.
(Alexander von Schwerin)