Selbstbestimmungskritik

Die Forderung nach Selbstbestimmung  wird von vielen sozialen Bewegungen, wie der feministischen, behindertenpolitischen oder LGBTQI* Bewegungen erhoben. Das Konzept Selbstbestimmung wird als Abwehr äußerer Zugriffe auf die Entscheidungen von Menschen verstanden. Um eine Person zu sein, die selbst entscheiden kann, muss man als autonome, zu freien Entscheidungen fähige Person gesellschaftlich anerkannt werden. Dies wurde früher nur weißen, heterosexuellen, bürgerlichen Männern zugestanden - Frauen und Behinderte mussten sich das erst erkämpfen.

Zugleich werden im öffentlichen Raum mit der Rede vom allseits selbstbestimmten Individuum Selbstmanagement und Entscheidungszwänge zu Freiheitsgewinnen umgedeutet. Diese Freiheit hat aber ihren Preis: Wer selbst entscheiden darf, muss auch dafür sorgen, die richtige Entscheidung zu treffen. Wenn irgendetwas schief geht, ist man demnach selbst schuld. So ist der Begriff Bestandteil heutiger Individualisierungsstrategien geworden - vermeintlich selbstbestimmt werden die Normen eines „gesunden“, „effizienten“ und „präventiven“ Körper- und Verhaltensmanagements befolgt.

Beiträge zu diesem Thema

  • Das Kind als Projekt

    Wie kann, wie sollte eine feministische und herrschaftskritische Perspektive auf reproduktionsmedizinische Verfahren aussehen, und wie positioniert sie sich zu der medialen Kritik an den Verfahren?

  • Selbstbestimmung im Gefrierschrank

    Ulrike Baureithel , 5. Januar 2015

    Die Auseinandersetzung um social freezing hat wieder einmal alte Debatten der Frauenbewegung auf die Agenda gesetzt: Wie viel Autonomie birgt die Technisierung der Reproduktion?

  • Wahlfreiheit als Auswahl-Pflicht

    Sarah Clasen , 28. August 2014
    Um die beiden so genannten Brustkrebsgene BRCA 1 und 2 hat sich in den vergangenen knapp zwanzig Jahren eine Praxis der Gendiagnostik und Früherkennung etabliert, die die Selbstwahrnehmung positiv getesteter Frauen und ihre sozialen und familiären Beziehungen verändert. Zwei unlängst erschienene Studien beschäftigen sich mit subjektiven und innerfamiliären Ausdeutungen der Diagnose.

  • Selbstbestimmung oder Abhängigkeit?

    Christof Potthof , 7. Juli 2014

    Nach monatelangem Zögern hat sich die Koalition in Berlin auf eine Position in der Frage geeinigt, wie EU-Mitgliedsländer in Zukunft selbständig den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen verbieten können. Ob die vorgesehene Regulierung funktioniert? Opposition und Nichtregierungsorganisationen haben ihre Zweifel.

  • Gesund altern statt ewig jung

    Mone Spindler , 30. April 2014
    Deutsche VertreterInnen der Anti-Aging-Medizin betonen gesundheitliche Potentiale des Alter(n)s und spitzen aktivierende Präventionsansätze und andere einflussreiche Konzepte wie die individualisierte Medizin und gesundheitliche Eigenverantwortung auf provokante Weise zu. Ein kritischer Blick auf die Anti-Aging-Medizin in der Bundesrepublik.