Gentests und Genomsequenzierung

Die vollständige Sequenzierung der menschlichen DNA war das große Projekt der 1990er Jahre, die Kosten des Human Genome Projects betrugen drei Milliarden US-Dollar. Seitdem wird die Technologie immer schneller und billiger. Parallel steigt die Anzahl kommerzieller Anbieter, die ihren Kund*innen wissenschaftlich fragwürdige Aussagen zu Gesundheitsrisiken oder Lebensstilfragen durch Sequenzierung ihres Genoms oder einzelner Genvarianten versprechen.

Doch ob die Sequenzierung des gesamten Genoms oder Exoms (dem proteinkodierenden Bereich) tatsächlich zu einer besseren Diagnose und Therapie führt ist unklar. Auch ist umstritten, inwieweit genetische Informationen solche Rückschlüsse zulassen, wenn es nicht seltene monogenetische (von einer Genvariante verursachte) Erkrankungen geht. Denn der tatsächliche kausale Zusammenhang von abweichenden Genvarianten mit möglichen Konsequenzen für die Gesundheit ist für die allermeisten Erkrankungen unbekannt. Das GeN kritisiert zudem, dass die Entscheidung für eine Sequenzierung angesichts möglicher nicht interpretierbarer Ergebnisse und Nebenbefunde kaum als eine „informierte“ zu bezeichnen ist.

Beiträge zu diesem Thema

  • Kontextualisierte Epigenetik

    Kerstin Palm , 26. Juni 2012

    In den letzten Jahren mehren sich Studien, die versuchen, epigenetische Unterschiede zwischen Menschen ausfindig zu machen und mithilfe von Datenbanken zu systematisieren. Darunter finden sich auch Versuche, Unterschiede in Bezug auf Geschlecht und Ethnizität epigenetisch zu klassifizieren.

  • Beratungs-Engpässe

    Alexander von Schwerin , 4. Mai 2012

    Je mehr genetisch getestet wird, desto häufiger muss seit Inkrafttreten des Gendiagnostik-Gesetzes vor dem Test beraten werden. Nur mit welcher Qualifikation? Die große Masse der BeraterInnen will den Aufwand möglichst gering halten, sehr zur Kränkung der Berufsehre der HumangenetikerInnen.

  • Gentest-Espresso

    Alexander von Schwerin , 4. Mai 2012

    Der Ethikrat beriet Ende März über die enorme Beschleunigung in der Gendiagnostik durch den Einsatz von Hochdurchsatz-Technologien. Eine Frage war: Kommt das Genomscreening für die Pränataldiagnostik?

  • Genetische Diskriminierung - ein Forschungsprojekt

    Je mehr das genetische Wissen wächst, desto eher werden Menschen anhand ihrer genetischen Merkmale typisiert und klassifiziert - und unter Umständen auch stigmatisiert und benachteiligt. Wie sich „genetische Diskriminierung“ hierzulande ausprägt und von Betroffenen erfahren wird, dazu forschen SozialwissenschaftlerInnen in Frankfurt und Hamburg.

  • Personalisierte Unmündigkeit

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    Zur Rationalität der Nutrigenomik und ihren Funktionen

    Nutrigenomik ist nicht nur als Forschungsansatz fragwürdig. Auch die mit dem Konzept transportierten Vorstellungen von Mündigkeit, Aufgeklärtheit und Freiheit bedürfen einer kritischen Betrachtung: Sie überdecken unausgesprochene Aufforderungen, stille Zwänge und einen der Nutrigenomik inhärenten Gen-Determinismus.