Hast du Meme? Oder haben Meme dich?

Memetik führt Evolutionäre Psychologie mit anderen Mitteln fort

Die Vorstellung, dass Gene das Leben bestimmen und die Grenzen der Leistungsfähigkeit des Körpers und Geistes festlegen, ist weit verbreitet. Man erfährt es aus Krankenhaus- und Krimiserien, Ratgeberliteratur und von den üblichen Verdächtigen wie dem leidigen Sarrazin: Der Gen-Determinismus stellt einfache Erklärungen zur Verfügung, die vorgeben, praktischen, alltagsweltlichen Nutzen zu besitzen. Seine Implikationen werden im Populärdiskurs oft bereitwillig angewandt, um Phänomene des Alltags zu erklären. Parallel zu den Genen werden Meme als kulturelle Erbeinheiten gedacht.

Die Biologisierung sozialer Phänomene ist die Mission der Soziobiologie, einer Wissenschaftsrichtung, die in den siebziger Jahren durch den Biologen Edward Osborne Wilson geprägt wurde und eine Synthese von Natur- und Sozialwissenschaften anstrebt, die auf dem Darwinismus beruht. Die Soziobiologie nach Wilson möchte durch die Integration verhaltensbiologischer und evolutionstheoretischer Zwangsläufigkeiten die angeblich mangelnde Präzision und Wissenschaftlichkeit der Sozial- und Geisteswissenschaften beheben. Wilson wollte sein Projekt als die Rettung der Sozial- und Geisteswissenschaften aus der Krise verstanden wissen, in die sie die Tabula-rasa-Annahme geführt habe.1 Dieses Vorhaben ist die konsequente Fortführung einer Entwicklung, die den angeblich ideologiefreien, positivistischen Methoden der Naturwissenschaften die alleinige Wissenschaftlichkeit zuweist.

Evolutionäre Fernsteuerung der Kultur?

Wilsons Vision der Integration von Geistes- und Sozialwissenschaften in die Soziobiologie hat auch zur Etablierung der Evolutionären Psychologie beigetragen. Beide Wissenschaftszweige gehen davon aus, dass schon bei der Geburt wichtige biologische Parameter angelegt sind, die unter anderem das Sozialverhalten prägen. Das Verhältnis von Anlage und Umwelt ist demnach der ständige Gegenstand evolutionspsychologischer Forschung - die zahlreichen Möglichkeiten, die sich in diesem Rahmen für die Affirmation bestehender Rassismen und Sexismen bieten, sind in den Artikeln dieses Schwerpunktes beispielhaft vorgestellt. Wilson formulierte die Kontroverse als die Frage nach „der Länge der Leine, mit der Kultur und Sozialverhalten mit den Genen verbunden“ 2 sind. Um dieses Verhältnis zu klären, hat der neodarwinistische Evolutionsbiologe Richard Dawkins, auch bekannt als unermüdlicher Wortführer der „Neuen Atheisten“, die einen aggressiven Feldzug gegen Religionen und Glauben führen und sich als die einzig wahren AgentInnen der Aufklärung gerieren, eine Theorie geprägt, die die so genannte kulturelle Evolution in partikelhaften Gedankeneinheiten, den Memen, verdinglichen will. Die Funktionsweise dieser obskuren kulturellen „Erbträger“ wird von ihm in bewusster Analogie zur genetischen Vererbung konstruiert. Um in Wilsons Bild zu bleiben: Die Leine von den Genen zur Kultur läuft über die Meme.

Und das Gen erschuf den Menschen

In seinem populärwissenschaftlichen Bestseller „Das egoistische Gen“ („The selfish gene“, 1976) entwirft Dawkins ein Bild von Genen als den ersten Replikatoren, das heißt Molekülen, die in der Lage sind, gleichartige Kopien von sich hervorzubringen. Dies führe unweigerlich zu einem gnadenlosen Konkurrenzkampf um beschränkte Ressourcen (in diesem Fall Aminosäuren in der Ursuppe): Nach Dawkins sind es also die Gene, die Darwins „Survival of the fittest“ unterliegen. Alle Lebewesen sind in seinen Augen nichts als die „Überlebensmaschinen“ 3 egoistischer Gen-Kolonien. In seinen wiederkehrenden Analogieschlüssen und Extrapolationen von der feindseligen Welt der Gene auf die Sphäre menschlichen Sozialverhaltens offenbart sich die neodarwinistische Weltanschauung: Die Gene befinden sich in einem gnadenlosen Kampf - Jeder gegen Jeden - und wir sind nur ihre beinahe völlig beherrschten Marionetten. Die Definierbarkeit einer so machtvollen Figur wie dem Gen ist eine Frage, der Dawkins immerhin ein paar Seiten seines Buches widmet. Im Kapitel „Die unsterblichen Spiralen“ erklärt er aufwendig den stofflichen Aufbau der DNA-Moleküle und ihre Eigenschaften. Er argumentiert, dass die Frage, wie sich ein Gen abgrenzen ließe, kontrovers sei und es ein wenig darauf ankomme, was man denn eigentlich sagen möchte. Schließlich entscheidet er sich jedoch nach einigem Abwägen für ein handliches Konzept („Ich zöge es vor, das Gen als die grundlegende Einheit des Eigennutzes anzusehen“) 4 und beginnt, auf diese beliebige Definition und ihre Implikationen ein ganzes, folgenreiches Weltbild aufzubauen. Wie er zum Teil selbst eingesteht, ist seine Definition so gewählt, dass seine Theorie zum Zirkelschluss führt. Das Gen, das entlang seiner Mechanismen der Selbsterhaltung definiert wird, wird diskursiv zum egoistischen Strippenzieher. Er entwickelt das Gen als ein Konzept, täuscht dann jedoch rhetorisch seine Dinglichkeit vor und lädt sie derart mit Bedeutung auf, dass am Ende ein mit Handlungsmacht ausgestattetes Subjekt steht, das sich den Menschen erschaffen hat. Das Gen hat sich den Menschen erschaffen? - Eine fatale Verwirrung von Ursache und Wirkung. Dass Gene nicht einfach „da sind“ und entdeckt werden können, sondern an sich „epistemische Dinge“ 5 sind, die vor einem bestimmten gesellschaftlichen Hintergrund, im Rahmen von Interessen und Grundannahmen diskursiv erschaffen, mit Bedeutung versehen und so sozial wirkmächtig werden, wird in der soziologischen Wissenschaftskritik zwar immer wieder dargestellt.6 Trotzdem hat das Gen eine alltagsweltliche Gewissheit erlangt, die kaum Grenzen ihrer Wirkmacht kennt. In der Repräsentation des Gens als Krankheitsauslöser finden sich zahlreiche Anleihen aus der heldenhaften Geschichte der Virologie und Bakteriologie. Beide Disziplinen gelten als triumphale Erfolgsgeschichten im Kampf gegen Krankheit und Tod. Ihre Geschichte wird erzählt als die von modernen, heldenmütigen und fast immer männlichen Protagonisten wie Koch und Pasteur, die der Welt die Segnungen des biotechnischen Fortschritts durch ihren Kampf gegen unsichtbare, aber gefährliche Keime und Bazillen brachten. Durch die Errungenschaften dieser Forschungsbereiche wurden tatsächlich zahlreiche Krankheiten spürbar zurückgedrängt, die zuvor viele Menschen das Leben kosteten. Was könnte sich besser eignen zum Voranbringen des evolutionsgenetischen Risikodiskurses im umkämpften Feld der medizinischen Paradigmen als die Parallele zu einer derart heroischen Narration?

Hirnvirus Kultur

Vor diesem Hintergrund ist es nur schlüssig, dass der von Dawkins „entdeckte“ zweite Replikator, die kulturelle Vererbungseinheit Mem, auch als „Virus des Geistes“ bezeichnet wird. Ein Mem ist zunächst einmal eine Idee, eine Vorstellung mit kulturellem Inhalt. Zu den Beispielen, die Dawkins und die AnhängerInnen seiner Memetik nennen, gehören „Melodien, Gedanken, Schlagworte, Kleidermoden, die Art, Töpfe zu machen oder Bögen zu bauen“ 7, aber auch die Vorstellung von Gott, Pfennigabsätze oder Darwinismus. Bis hierhin könnte die Memetik einfach eine weitere Geschichte zur Plausibilisierung der kulturellen Evolution erzählen, ein Gedankenspiel sein. Da sie jedoch in Analogie zu evolutionären Mechanismen gedacht wird, muss sie die prinzipielle Abgrenzbarkeit einzelner Meme von kontextuellen Einflüssen annehmen und geht teilweise so weit, ihr stoffliches Vorhandensein in Form distinkter Strukturen im Hirn zu postulieren.8 Gene haben Hirne erschaffen, die ein wenig Abstraktionsvermögen besitzen, und genau dort „leben“ die Meme. Diese kulturellen Inhalte „befallen“ virusartig das Gehirn und setzen sich gegen ihre Konkurrenten durch, sofern sie die Kriterien der natürlichen Selektion (Langlebigkeit, Fruchtbarkeit und Kopiergenauigkeit) 9 erfüllen. Dabei „vermehren“ sie sich durch kulturelle Imitationsprozesse von Hirn zu Hirn, Wirt zu Wirt. So wie in der ikonischen Figur des Gens bestimmte Vorstellungen von der Welt zu einer vorgeblich dinglichen Entität geronnen sind, hat sich die Memetik eine Geschichte zu den erfahrbaren kulturellen Phänomenen ausgedacht und konstruiert nun ein „Ding“, das als Beweis ihrer Wahrheit dienen soll. Das, was nur intellektuell erfassbar ist, muss verdinglicht werden, um für die positivistische Welterklärung der Soziobiologie Geltung haben zu können. Deren Wahrheitsanspruch knüpft sich an eine empiristische Vorstellung von Faktizität und Messbarkeit, die sie jenseits des Hinterfragbaren erheben soll.10 Am Beispiel der Monogamie lässt sich die Argumentation der Memetik gut veranschaulichen: Die Vorstellung von partnerschaftlicher Treue als wünschenswert ist als kulturelle, moralische Forderung täglich erfahrbar. Sie gilt als natürlich und als „Wert an sich“, steht in einem symbiotischen Verhältnis zu verwandten Memen wie der Geschichte von Romeo und Julia oder traditionellen Verlobungszeremonien und ist in der Ehe institutionalisiert. Die „Infektion“ mit dem Mem Monogamie könnte erfolgen durch das Beiwohnen einer kirchlichen Trauung („Bis dass der Tod euch scheidet“) oder durch kitschige Liebesfilme und Schlager. Der Monogamie lässt sich zudem eine evolutionsbiologische Zwangsläufigkeit unterstellen, weil die effektive Weitergabe der eigenen Erbanlagen - aus der Perspektive der Evolutionsbiologie die wichtigste menschliche Motivation - durch die Verbindlichkeit der monogamen Paarbeziehung gesichert ist. So erhält die kulturelle durch die biologische Argumentation co-evolutionäre Rückendeckung. Auf den zweiten Blick lässt sich jedoch erkennen, dass die Monogamie als Idee nicht natürlich, monolithisch und ahistorisch, sondern gesellschaftlichen Deutungen unterworfen ist: Das Konzept der lebenslangen, treuen Vernunftehe, die unter bestimmten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen naheliegt, besteht neben postmodernen Vorstellungen der seriellen Monogamie und anderen Interpretationen partnerschaftlicher Treue. Die Bezeichnung Monogamie umfasst also eine Reihe von Vorstellungen und Praktiken, die sozial reflektiert, verhandelt und umgedeutet werden. Die Behauptung der Memetik, kulturelle Inhalte wären natürliche, distinkte Einheiten, die Hirne befallen und Sozialverhalten prägen, ist deshalb nicht ideologiefrei, sondern durch die immanente Wertzuweisung qua Erhebung einer Praxis zum Mem an sich sowohl normativ als auch blind für die Umstände, die kulturelle Praxen bedingen, und unkritisch gegenüber den eigenen Motiven. Letztendlich bringt die memetische Perspektive keine tieferen Erkenntnisse zur Psychologie und Soziologie menschlicher Beziehungen, weil sie es vorzieht, einen Gehirnvirus zu erfinden und sein Verhalten zu beforschen. Dawkins’ Charakterisierung des Gens und Mems lässt dem Menschen nur die Rolle eines Wirtstieres, eines bedeutungslosen Vehikels dieser Einheiten, deren einziger, bewusstseinsloser Zweck ihr eigener Fortbestand ist. Wie bei Viren und Dawkins’ Genen stehen bei den Memen die Fortpflanzung und das Überleben des „Parasiten“ über dem des Wirts. Der Gen-Determinismus wird vom Mem-Determinismus in der Abschaffung des Reflexionsvermögens auf die Spitze getrieben. Die Memetik meint also mit der „naiven“ Vorstellung von der Subjekthaftigkeit des Menschen aufräumen zu können: Wenn wir nur Hüllen, nur Überlebensmaschinen von egoistischen Gen- und Memkolonien sind, dann verkommt der Glaube an den freien Willen und das Selbst zu einer evolutionär nicht ganz unpraktischen Täuschung.11

Abschaffung von Willen und Verantwortung

Ganz im soziobiologistischen Sinne gelingt der Memetik die Banalisierung sozialer Phänomene: Kulturelle Entwicklungen, politische Ideologien, gesellschaftliche Debatten und Umbrüche - das sind keine komplexen Entwicklungen vor dem Hintergrund historischer, sozialer und materieller Bedingungen, sondern das Schlachtengetöse konkurrierender, schmarotzender Hirnviren.12 Sie naturalisiert dadurch zudem die verbreitete Vorstellung vom „Kampf der Kulturen“, weist ihr eine evolutionäre Zwangsläufigkeit zu und lässt sie dadurch als wertneutral und entideologisiert erscheinen. Die Gefährlichkeit der Erklärung der Welt durch konkurrierende Meme zeigt sich im Konzept des Memeoids. Mit diesem Begriff wollte H. Keith Henson, ein US-amerikanischer Elektroingenieur und Gründer einer Gesellschaft für die Errichtung menschlicher Kolonien im Weltraum, Dawkins’ Konzept der „gefährlichen Meme“ weiterdenken. Dawkins selbst griff die Bezeichnung in einer Neuauflage seines Bestsellers wieder auf 13 und bestätigte damit die Geltung dieses Konzepts: Während „normale“ Meme ihre Wirte befallen und möglichst dazu „programmieren“, für ihre Verbreitung aktiv zu werden, gibt es besonders aggressive Meme, wie fanatischen religiösen Glauben oder politische Überzeugungen, die ihre Wirte derart schwer infizieren können, dass ihr eigenes Überleben gefährdet ist. Als Beispiele für diese Memeoide werden SelbstmordattentäterInnen, Militärangehörige oder AnhängerInnen so genannter Selbstmordsekten genannt. Führt man diese komplexen sozialen Phänomene auf parasitierende Gedankenviren zurück, hat das erschreckende Implikationen für die Erklärung der Katastrophen der Geschichte: Henson wendet die Idee der „information disease“ an, um das aggressive Mem der Vorstellung vom Herrenmenschen als eigentlichen Protagonisten des Zweiten Weltkrieges zu identifizieren.14 In dieser Weltsicht offenbart sich die Sehnsucht nach Verantwortungslosigkeit: Die Verortung von Entwicklungen und Konflikten jenseits des menschlichen Willens und des Reflexionsvermögens wird als Entlastung begrüßt.15 Susan Blackmore, eine britische Professorin für Psychologie und eine der führenden MemetikerInnen, verfolgt dieses Projekt in Beiträgen wie „It is possible to live happily and morally without believing in free will“ 16 und spricht sich immer wieder gegen die Existenz des Selbst und des Bewusstseins aus. Aber was kommt dann? Durch die Erfindung des Gedankenvirus Mem verkommen Utopien und Motive zu einer pathologisierten Besessenheit und können keine Geltung mehr als Perspektive auf die Welt beanspruchen. Mit der Entmündigung des Menschen und der Freisprechung von Verantwortung für Ungerechtigkeit, Gewalt, Wahn und Gräuel erübrigt sich nicht nur die Kritik der bestehenden Verhältnisse, sondern auch das Nachdenken über eine bessere Welt und das „gute Leben“: Wenn der Mensch nichts ist als die Biomasse, die kämpfende Ideen umgibt, ist alles egal. Doch wie Mary Midgley, eine Philosophin und entschiedene Kritikerin der Memetik, ausführt, lassen sich weder die Verwirrungen der menschlichen Geschichte noch unsere täglichen rationalen und irrationalen Motive durch Memetik verstehen. Dies kann nur durch das Streben nach Selbsterkenntnis geschehen, durch die Bereitschaft, sich mit den eigenen Beweggründen und Widersprüchen auseinanderzusetzen und das zu ergründen, was Alexis de Tocqueville die „Gewohnheiten des Herzens“ nennt. Diese Selbsterkenntnis wird die Memetik nicht liefern können.17

  • 1. Vgl. Dirk Richter (2005): Das Scheitern der Biologisierung der Soziologie. Zum Stand der Diskussion um die Soziobiologie und anderer evolutionstheoretischer Ansätze. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 57, Heft 3, S. 526 ff; „Tabula-rasa“ meint in seiner Extremform die Vorstellung vom Bewusstsein Neugeborener als unbeschriebenes Blatt.
  • 2. Dirk Richter (2005), S. 513.
  • 3. Richard Dawkins (1996): egoistische Gen. Überarbeitete und erweiterte Neuausgabe. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, S. 51.
  • 4. Richard Dawkins (1996), S. 70.
  • 5. Rheinberger nach Thomas Lemke (2006): Die Polizei der Gene. Formen und Felder genetischer Diskriminierung. Frankfurt a. M./New York: Campus, S. 70.
  • 6. Vgl. Thomas Lemke (2006), S. 70f.
  • 7. Richard Dawkins (1996), S. 309.
  • 8. Vgl. E. O. Wilson nach Mary Midgley: Why Memes?. In: Hilary Rose, Steven Rose (Hg.) (2000): Alas, poor Darwin: arguments against evolutionary psychology. New York: Harmony Books, S. 89.
  • 9. Vgl. Richard Dawkins (1996), S. 312. (10) Vgl. Leo Elser: Religionskritik und Ressentiment. Die Austreibung der Transzendenz wider alle Vernunft. In: Bahamas 61/ 2011, abgerufen am 26.05.2011, www.redaktion-bahamas.org/auswahl/web61-2.html.
  • 10. Vgl. Leo Elser: Religionskritik und Ressentiment. Die Austreibung der Transzendenz wider alle Vernunft. In: Bahamas 61/ 2011, abgerufen am 26.05.2011, www.redaktion-bahamas.org/auswahl/web61-2.html.
  • 11. Vgl. Richard Dawkins (1996), S. 91.
  • 12. Vgl. Richard Dawkins (1996), S. 318.
  • 13. Vgl. Richard Dawkins (1996), S. 528. Vgl. Richard Dawkins (1996), S. 528.
  • 14. Vgl. H. Keith Henson (1985): Memes, L5 and the Religion of the Space Colonies. In: L5 News, September 1985, S. 5-8, abgerufen am 26.05.2011 auf http://cfpm.org/~majordom/memetics/2000/16177.html.
  • 15. Vgl. Mary Midgley (2000), S. 92f.
  • 16. Susan Blackmore: It is possible to live happily and morally without believing in free will. In: John Brockman (2005): What We Believe But Cannot Prove: Today's Leading Thinkers on Science in the Age of Certainty. Free Press, S. 41-42.
  • 17. „Understanding (…) does not mean discovering, by research, new facts about the behavior of an imaginary alien life-form. It means essentially self-knowledge, an exploration of what de Tocqueville called ‚the habits of the heart’. Examining the evolutionary strategies of mythical culture units cannot save us from this awkward form of investigation.” Mary Midgley (2000), S. 79-99.

Shirin Moghaddari absolvierte von März bis Mai 2011 ein Praktikum beim Gen-ethischen Netzwerk. Sie studiert in Frankfurt am Main Soziologie, Pädagogik und Psychoanalyse. Ihr Interesse gilt der Naturwissenschaftskritik und der Biopolitik.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
206
vom Juli 2011
Seite 14 - 17

Infektiöse Information - Meme zwischen Theorie und Alltagsdiskurs

Es liegt nahe, dass besonders die Web-Community das Konzept der „ansteckenden Informationen“ für sich entdeckt hat. Im Internet kursiert eine unüberschaubare Zahl von Bildern, Videos und Sprüchen, die als „Internet-Memes“ bezeichnet werden. Sie tauchen irgendwann auf, werden verbreitet, zitiert, abgewandelt und oft von zigtausenden Menschen weltweit wiedererkannt und verstanden. Diese Inhalte - Wortwitze, Parodien oder Bildzitate - haben meist trivialen, unterhaltenden Charakter. Die Community spielt bewusst mit der Produktion dieser „Informationsviren“. Zum Beispiel stellt die Seite http://memegenerator.net ein Programm bereit, mit dem man bequem Bilder mit Textkommentaren versehen und so ein „Mem” herstellen kann. Meme werden so als etwas Machbares gedacht, etwas, das sich angeeignet, bewusst selbst gestaltet und ausgebreitet werden kann: „Meme-Engineering“. Auch für die Werbebranche ist das Mem-Konzept reizvoll: Unter dem Namen ‚Viral Marketing’ wurde eine neue Werbestrategie entwickelt, die sich die „Ansteckungseffekte“ von Inhalten zunutze macht, die auf Interaktivität setzen und mit Spaß verbunden sind. Ein Beispiel wäre der Hype um das Online-Werbespiel Moorhuhn, mit dem die Whiskey-Marke Johnny Walker 1999 überwältigenden Erfolg hatte. Aber auch in anderen wissenschaftlichen Disziplinen wird versucht, die Memetik, ursprünglich ein Konzept der Soziobiologie und Philosophie, als Analyseinstrument anzuwenden. In den Wirtschaftswissenschaften wird gefragt „Wie die Meme Märkte und Organisationen bestimmen“ (1) und auch in der Ratgeberliteratur für Führungskräfte finden sich memetische Grundannahmen. Selbst in der Rechtstheorie gibt es den Versuch, durch Memetik den Prozess der Rechtsevaluation zu erklären. Eines der brisantesten Felder, für das Memetik eine Rolle zu spielen beginnt, ist der (politische) Sicherheitsdiskurs. Eine augenfällige Parallele zur Idee der Meme als infektiöse Informationen besteht in der Rede von der Bedrohung durch Computerviren, die man als eine Art aggressives und kaum kontrollierbares Mem betrachten könnte. Aber auch darüber hinaus wird das Mem-Konzept im Diskurs der Terrorismus-Bekämpfung und Inneren Sicherheit benutzt. In diesem Zusammenhang wird zum Beispiel vom „terrorism meme“ (2) gesprochen, welches oft in direkten Zusammenhang mit Einwanderung und Islam gebracht wird. Hieran zeigt sich deutlich, wie das Konzept des Mems für die Kulturkampf-Rhetorik politischer Risikodiskurse fruchtbar gemacht werden kann.
(Shirin Moghaddari)
Fußnoten: (1) Rolf Breitenstein (2002): Memetik und Ökonomie: wie die Meme Märkte und Organisationen bestimmen. Betriebswirtschaftliche Schriftenreihe 88, Münster. (2) Z.B. Matthew G. Devost: The Terrorism Meme. Looking beyond the current Threat. In: Michael Tanji (Hg.) (2009): Threats in the Age of Obama. Ann Arbor: Nimble Books LLC, S.22.

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