Monsantos Strohmann

Unabhängige Wissenschaft und der Einfluss der Industrie

Von VerbraucheranwältInnen in den USA veröffentlichte eMails gewähren Einblicke in die Einflussnahme der Industrie auf die wissenschaftliche Bewertung von Pestiziden und gentechnisch veränderten Pflanzen.

Nach dem Wortlaut von vertraulichen eMails hat sich der US-Gentech-Konzern Monsanto im März 2016 an den britischen Toxikologen Allister Vale gewandt. VerbraucheranwältInnen in den USA hatten die Mails veröffentlicht.1 Vale sollte aktiv werden, um die Zulassung des Herbizids Glyphosat in der Öffentlichkeit zu verteidigen. Der Toxikologe war grundsätzlich zu einer Zusammenarbeit bereit. Allerdings wollte er Zahlungen nicht direkt von Monsanto erhalten, weshalb er die Finanzierung einer Konferenz der Society of Toxicology (SOT) vorschlug. Dieser Umweg wurde auch von Monsanto befürwortet. Demnach sollten die Gelder von Monsanto durch verschiedene Kanäle geschleust und schließlich über eine oder mehrere wissenschaftliche Institutionen zur Verfügung gestellt werden. Daniel Goldstein von Monsanto schrieb:

An diesem Punkt verstand ich nur zu gut, dass es für Monsanto (und die anderen Hersteller) notwendig ist im Hintergrund zu bleiben und - wenn überhaupt - an den Entwicklungen nur als Beobachter teilzunehmen. Die Förderung kann vielleicht vom Glyphosat-Konsortium, das die EU-Zulassung regelt, kommen. Oder zum Beispiel von ECETOX oder CEFIC und über die SOT oder eine oder mehrere akademische Institutionen umgeleitet werden. An dem Punkt können wir uns alle raushalten.2

Allister Vale organisierte und leitete im März 2017 auf der Jahrestagung der SOT in den USA tatsächlich eine Expertendiskussion zum Thema Glyphosat. Laut offiziellem Programm war der Auftritt des Leiters der Pestizidabteilung der Europäischen Lebensmittelbehöre (EFSA), Jose Tarazona, wie folgt angekündigt: „Ist Glyphosat wahrscheinlich krebserregend? Nein! J. Tarazona. European Food Safety Authority (EFSA) Pesticides Unit, Parma, Italy. Sponsor: A. Vale”.3

Der ungewöhnliche Umstand, dass ein führender Experte der EFSA sich laut dem offiziellen Programm von einer Privatperson für seinen Auftritt bezahlen ließ, legte den Verdacht nahe, dass Monsantos Gelder nicht nur an Vale, sondern auch an ExpertInnen der EFSA geflossen sind. Nachdem Testbiotech sich mit der Bitte um Aufklärung an die EFSA und EU-Kommission  gewandt hatte, gab die EFSA weitere Details bekannt. Demnach gab es das Angebot von Allister Vale tatsächlich, die Reise von Tarazona zu sponsern. Die Behörde entsandte allerdings eine andere Mitarbeiterin und lehnte das Angebot auf Sponsoring ab.

Testbiotech begrüßt dieses Vorgehen. Allerdings gibt es erhebliche Zweifel daran, dass die Abwehrmechanismen der EFSA generell ausreichend sind, um sich dem Einfluss der Industrie zu entziehen. Laut ihren Richtlinien geht die EFSA bislang mehr oder weniger davon aus, dass ein Experte unabhängig ist, so lange nicht bekannt ist, dass er von der Industrie bezahlt wird. Da im vorliegenden Fall aber im Detail nachvollziehbar ist, dass entsprechende Zahlungen auch verdeckt erfolgen, erscheinen sowohl die Naivität der EFSA wie auch generelle Unschuldsvermutungen nicht wirklich angebracht. Schon im Juni 2017 hatte Testbiotech gefordert, dass die Behörde die Unabhängigkeit von der Agrar- und Lebensmittelindustrie als zentrales Ziel definieren und dem Schutz von Umwelt und Gesundheit einen eindeutigen Vorrang geben solle. Dazu gehört auch eine besonders kritische Überprüfung der Experten, die Verbindungen zur Industrie haben.

Um eine bessere Balance zwischen einer wirklich unabhängigen Wissenschaft und dem Einfluss der Industrie herzustellen, sind aber auch weitere Initiativen der Politik gefragt: Derzeit wird die Risikoforschung von Unternehmen mit Verkaufsinteressen dominiert. Die Forschung wird in der Regel nur durchgeführt, um die Unbedenklichkeit der jeweiligen Produkte nachzuweisen.

In der Konsequenz fehlt innerhalb der Forschungslandschaft die notwendige wissenschaftliche Kontroverse, auf die die Gesellschaft angewiesen ist, wenn sie vernünftige Entscheidungen über den möglichen Einsatz von Risikotechnologien treffen will. Hier wäre eine Veränderung im Bereich Forschungspolitik entscheidend: Konkret müsste die Perspektive der „Betroffenen“ (Umwelt und Verbraucher) in der Entscheidung über Projekte im Bereich der Risikoforschung gestärkt werden. Zudem müssten neue finanzielle Anreize angeboten werden, um eine Forschung zu fördern, die auf Risikovermeidung und den Schutz von Mensch und Umwelt ausgerichtet ist.

Es wird etliche Jahre dauern, bis eine ausreichend diverse Forschungslandschaft entstanden ist. Neben der Höhe der finanziellen Anreize wird es also auch um die Kontinuität und Langfristigkeit der Forschungsförderung gehen.

Christoph Then ist Geschäftsführer der Nichtregierungsorganisation Testbiotech und Sprecher des internationalen Bündnisses No Patents on Seeds (Keine Patente auf Saatgut), www.no-patents-on-seeds.org.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
243
vom November 2017
Seite 35