Kein Diskussionsbedarf

Das polnischsprachige Internet zu Pränataldiagnostik

Wie wird im Nachbarland Polen über Pränataldiagnostik diskutiert? Eine Internetrecherche zeigt, dass ein kritischer öffentlicher Diskurs hier wenig verbreitet ist, auch wenn im medizinischen Alltag viele Ärzte und Ärztinnen Schwangeren keine vorgeburtlichen Untersuchungen empfehlen. Wenn, dann werden eher Schwangerschaftsabbrüche als die Diskriminierung von Behinderten problematisiert.
In Deutschland ist das Wort Pränataldiagnostik (PND) seit vielen Jahren allgemein etabliert und bekannt für Kontroversen. Im Zentrum der Kritik steht, dass pränataldiagnostitische Untersuchungen diskriminierend sind, weil sie das ungeborene Leben auf Grund genetischer Eigenschaften bewerten. Die Befürworter sind dagegen der Ansicht, dass PND viele Probleme schwangerer Frauen lösen und sie insbesondere von Ängsten vor Krankheit oder Behinderung befreien kann. Welche Informationen kann man auf polnischen Websites finden? Wie wird im polnischsprachigen Internet über PND diskutiert?

Geringes Interesse

Der erste bei der Suchmaschine google.pl eingegebene Begriff, war „badania prenatalne“ (vorgeburtliche Untersuchungen). Vergleicht man die Darstellung der PND auf der polnischen mit der deutschen Wikipedia-Seite, so erhält man den ersten Anhaltspunkt. Das Interesse an diesem Thema ist in Polen deutlich geringer als in Deutschland. Der deutsche Text ist viel ausführlicher als der polnische, der nur aus drei Sätzen besteht. Außerdem fällt eine größere Einheitlichkeit auf: Gibt man Begriffe wie „vorgeburtliche Untersuchungen“, „das ungeborene Leben“ oder „das Kind“ ein, erscheinen Websites, die die gleiche, insgesamt positive Einstellung zu PND formulieren. Auf deutschen Websites finden verschiedene Perspektiven Platz. So stellt das Internet-Portal prenatal.info PND positiv dar; andere - so die Website des Bundesverbandes für Mehrfach - und Körperbehinderte e.V. - äußern sich kritisch. Viel schwieriger ist es, eine kritische Haltung zu PND auf polnischen Websites zu finden. Erst bei einer ausdauernden Recherche unter Suchbegriffen wie „Pränataldiagnostik und Bedrohungen“ oder „Pränataldiagnostik und Nachteile“ wird man fündig. Begriffe wie „Schwangerschaftsabbruch“ oder „Eugenik“, die immer wieder auf deutschen Websites in Zusammenhang mit PND zu finden sind, sucht man auf polnischen Websites vergeblich.

Positive ärztliche Stimmen

Die meisten Informationen auf polnischen Websites kommen von Ärzten und Ärztinnen, insbesondere aus der Gynäkologie. Sie stellen ähnlich wie in Deutschland fast nur die positiven Seiten der Pränataldiagnostik dar. Sie argumentieren in polnischen Online-Ausgaben von Medizinzeitschriften, aber auch auf den Internetseiten für Frauen, Familien oder zu Gesundheit, dass PND die schwangeren Mütter beruhigen und das Leben des Kindes retten könne.1 Als besonders wichtig wird die Diagnose von Herzkrankheiten des Fötus dargestellt.2 Ähnliche Ansichten kann man in Online-Medien, wie der Rubrik Wysokie Obcasy („hohe Absätze“) der links-liberalen Gazeta Wyborcza („die Wahlzeitung“) finden.3 In Wysokie Obcasy erschien 2006 ein Interview mit der Gynäkologin Joanna Dangel und dem Genetiker Jacek Zaremba unter dem Titel: „Eine Untersuchung lohnt sich“. Sie kritisierten hier - ebenso wie andere Stimmen im Internet - vehement, dass in Polen zu wenig vorgeburtliche Untersuchungen durchgeführt würden und dass ein Großteil der polnischen Ärzte nicht entsprechend qualifiziert seien. Außerdem zeigten die MedizinerInnen zu wenig Bereitschaft, schwangeren Frauen PND zu empfehlen, obwohl diese ein Recht darauf hätten. Indem sie Schwangere nicht zur PND überwiesen, wollten sie Schwangerschaftsabbrüche verhindern. Obwohl es also offensichtlich Ärzte und Ärztinnen gibt, die PND ablehnen, wird über mögliche negative Auswirkungen der PND kaum diskutiert. Im Rahmen der Recherche wurde nur ein Artikel von Tadeusz Maria Zielonka in einer medizinischen Online-Zeitung aus dem Jahr 2002 gefunden, in dem PND komplexer und kritischer betrachtet wird. Der Autor weist auf die Bedeutung der Beratung hin und fordert ihre Nicht-Direktivität ein. Er weist darauf hin, dass PND zur Bewertung des ungeborenen Lebens, sprich zur Unterscheidung zwischen wertvollem und nicht wertvollem Leben und zur Diskriminierung beziehungsweise zur Abneigung gegenüber Menschen mit Behinderung führen kann. Eine andere Ausnahme ist ein Artikel des Bioethikers Tomasz Sahaj von der Sporthochschule in Posen aus dem Jahr 2006. Sahaj beschreibt die Vor- und Nachteile von Gentests und geht dabei kurz auf die Problematik der PND ein.

Kritische Mütter

Ansonsten kommen die wenigen kritischen Stimmen zu PND hauptsächlich aus dem Journalismus und von Frauen, die als Mütter aktiv werden. Sie beschreiben in Briefen oder Artikeln ihre negativen Erfahrungen mit der PND. Zum einen schildern sie Diagnosen, bei denen eine Behinderung nicht entdeckt wurde und die zur Geburt von Kindern mit Behinderungen führten. Zum anderen beklagen sich Mütter darüber, dass ihre Familie Druck ausgeübt habe, PND durchzuführen. Gazeta.pl („Zeitung.pl“) 4 veröffentlichte 2004 einen Artikel unter dem Titel „Pränataluntersuchungen - die Dilemmata der Mütter“, in dem solche Briefe zusammengefasst wurden. Die Begriffe PND und Behinderung werden bis auf wenige Ausnahmen kaum in einen Zusammenhang gebracht. Und es sieht so aus, als hätten polnische Behindertenverbände kein Interesse am Thema PND. Es ist bemerkenswert, dass die im Internet zur Verfügung stehenden Artikel ziemlich alt sind. Die meisten stammen aus den Jahren 2002-2004 und nur wenige aus dem Jahr 2006 bzw. 2007/2008. Es wird also in Polen zumindest im Internet wenig über PND informiert und diskutiert. Ob und wie sich das in Zukunft ändern wird, lässt sich nicht vorhersagen.

Internetquellen:

www.praenatale-diagnostik.de/praenatale_main.htm (15.09.2008) www.bvkm.de/0-10/praenataldiagnostik,netzwerk,index.html (15.09.2008) http://de.wikipedia.org/wiki/Pr%C3%A4nataldiagnostik (15.09.2008) http://pl.wikipedia.org/wiki/Badania_prenatalne (15.09.2008) www.bezuprzedzen.org/prawo/art.php?art=150 (15.09.2008) www.edziecko.pl/rodzice/1,79356,2445019.html (15.09.2008) www.edziecko.pl/ciaza_i_porod/1,79331,3751317.html (15.09.2008) www.gazetalekarska.pl/xml/nil/gazeta/numery/n2002/n200201/n20020115 (16.09.2008) www.pulsmedycyny.com.pl/index/archiwum/1191,polskie,towarzystwo,ginekol… (16.09.2008) www.biotechnologia.pl/biotechnologia/11/634 (16.09.2008) www.badaniaprenatalne.pl/ (16.09.2008) www.federa.org.pl/mamprawo.php?page=bulletin&catid2=627&lang=1&catid=175 8 (17.09.2008) http://babyonline.pl/ciaza_i_porod_zdrowie_artykul,4723.html (17.09. 2008) www.federa.org.pl/?page=article&catid=778&lang=1 (17.09.2008) http://forum.dziecko-info.com/showthread.php?t=174580 (17.09.2008)
  • 1. Claudia Mock weist darauf hin, dass sich eine ähnliche Argumentation auch bei deutschen ÄrztInnen und GynäkologInnen findet (Claudia Mock: „Stellungsnahmen zur Pränataldiagnostik“, Expertise 8, 2007, IMEW, Berlin).
  • 2. Siehe dazu die Webseite www.badaniaprenatalne.pl mit dem Titel: „Bezpieczna i spokojna ciaza” (www.pränataldiagnostik.de, „sichere und ruhige Schwangerschaft“) von „Towarzystwo Rozwoju Rodziny“ (Verein für die Entwicklung der Familie).
  • 3. Gazeta Wyborsza ist die größte überregionale Tageszeitung in Polen.
  • 4. Gazeta.pl gehört ebenso wie Wysokie Obcasy zu Gazeta Wyborcza.

Bartlomiej Gasiulewicz studiert Kulturwissenschaften an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder und war Praktikant beim Institut Mensch, Ethik, Wissenschaft (IMEW) in Berlin.

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Seite 36 - 37
Schwangerschaftsabbruch in Polen
In Polen regelt das „Gesetz über Familienplanung, Embryonenschutz und Bedingungen für einen Schwangerschaftsabbruch“ aus dem Jahr 1993 die Frage der Abtreibung. Es zielt darauf ab, Frauen den Zugang zur PND und zu Informationen darüber zu garantieren. Frauen dürfen die Schwangerschaft abbrechen, wenn
a) eine Schwangerschaft das Leben oder die Gesundheit der schwangeren Frau bedroht, b) die PND auf eine große Wahrscheinlichkeit einer schweren und irreversiblen Behinderung des Embryonen oder Fötus oder auf eine unheilbare, sein Leben bedrohende Krankheit hindeutet, c) es einen berechtigten Verdacht gibt, dass die Schwangerschaft das Resultat einer Straftat, sprich einer Vergewaltigung ist.
Im Punkt b) darf der Schwangerschaftsabbruch nur bis zu dem Zeitpunkt durchgeführt werden, an dem der Fötus außerhalb des Mutterleibes lebensfähig ist, im Punkt c) bis zu einer Frist von 12 Wochen seit Beginn der Schwangerschaft. Im Punkt a) wurde der Zeitpunkt nicht definiert.
(Bartlomiej Gasiulewicz)