Konfliktverdrängung

Im Herbst letzten Jahres hat die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW) einen Gentechnologiebericht vorgelegt. Das 580 Seiten starke Kompendium soll künftig im Zweijahres-Rhythmus erscheinen und wird in Diskussionen gerne als Referenz für den Stand der Technologie in Deutschland vorgehalten. Anlass genug, um Methode und Strategie der Autoren einem zweiten Blick zu unterwerfen. Im Folgenden eine Analyse des Kapitels zur Pflanzenzüchtung.

"Gentechnik ist unter uns…Wir sollten schauen, wie sie sich entwickelt, Potenziale nutzen und auf Gefahren achten". So stellte der Sprecher der Arbeitsgruppe Gentechnologiebericht der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften im Tagespiegel am 19. Januar dieses Jahres das Fazit des Gentechnologieberichtes der Akademie dar. Das liest sich wie: Das Faktum der Gentechnologie ist unumstößlich. Also sollten wir es nicht anzweifeln und das Beste daraus machen. Man kann dieser Auffassung sein, aber stimmt das Argument? Aus der Tatsache, dass die Gentechnologie unter uns ist, wird darauf geschlossen, dass das gut sei und so sein solle. Und da wird kein Unterschied gemacht zwischen "deskriptiven" und "präskriptiven" Urteilen. Auch wenn der Bericht selbst davor warnt: "Auch wenn logisch gesehen der Unterschied zwischen deskriptiven und präskriptiven Aussagen unbezweifelbar ist und jede Vernachlässigung dieses Unterschieds in einen naturalistischen Fehlschluss münden kann."(1) - das oben zitierte Fazit wird gezogen.

Objektive Bewertung?

Der Bericht wiederholt diese falsche Botschaft nicht, ist vorsichtiger, differenzierter, vielschichtiger als seine öffentliche Ankündigung. Die Entwicklungen in der Gentechnologie werden in fünf ausführlichen Kapiteln dargestellt(2), auch wenn einige wichtige Kapitel noch ausstehen, so der über Gentherapie und Stammzellen. Das Buch bietet eine Übersicht über den aktuellen Stand der Technik ("state of the art") und wichtige Folgen. Anhand von "Indikatoren" werden die möglichen Folgen der Gentechnologie registriert ("monitoring"), die eine objektive Bewertung als gemeinsame Sachgrundlage für die Bewertung (unabhängig vom jeweiligen Standpunkt) ermöglichen sollen. Die öffentlichen Debatten werden mit allen bekannten Pro-Argumenten und wichtigen kritischen Einwänden nachvollziehbar beschrieben. Dennoch bleibt das Gefühl: Das liest sich wie ein unterschwelliger Akzeptanzbeschaffungsbericht für den wissenschaftlichen Fortschritt und nicht wie eine "unvereingenommene" und "ergebnisoffene" (3) Berichterstattung.

Die Strategie des Berichts

Die Strategie des Berichts - nämlich " Konsens durch Ausklammern" – wird bei der Analyse eines der Kapitel deutlich, dem Fallbeispiel Pflanzenzüchtung (Kapitel 4). Das Folgende gilt daher auch nur für diesen Teil des Berichtes. Zwar ist die Auswahl von Indikatoren immer schwierig und bis zu einem gewissen Grade subjektiv ( "eine hohe Sensibilität erfordernde Aufgabe"- heißt es im Bericht.(4) Aber die Auswahl der Indikatoren sollte begründet, nachvollziehbar und die Gewichtung ausgewiesen sein, so dass man sagen kann: Diese Indikatoren sind relevant für die umstrittenen Probleme der öffentlichen Debatte und könnten eine Basis für eine gemeinsame Kommunikation sein (für eine "Versachlichung der Debatte", wie es in der Kurzfassung des Berichts heißt.(5)) So wird etwa in dem Kapitel über "Ethische Probleme der Gentechnik an Pflanzen" auf jene Aspekte hingewiesen, die die reine "Nutzen-Schadensabwägung überschreiten" und auf ein "Natur-Heimat-Recht" (ein sehr unglücklicher und missverständlicher Begriff, gemeint ist wohl ein Maß für die "Bewahrung der Schöpfung"), auf die natürliche und kulturelle Artenvielfalt und die Langzeitverantwortung (als Langfristigkeit der Folgen über menschliche Generationen hinweg) verwiesen. Das sind Probleme, die in der öffentlichen Kontroverse eine prominente Rolle spielen und auf Meinungsunterschiede in den grundsätzlichen Fragen hinweisen. Allein, im Bericht finden diese Aspekte keinen Niederschlag in den Indikatoren. Wichtige Teile der Kontroverse werden so gar nicht erfasst. Dasselbe gilt aber auch für andere grundsätzliche Problempunkte, für die keine Indikatoren angegeben werden: das Problem der Art und Weise des Pflanzenanbaus beispielsweise. Denn eine wesentliche Kritik an der konventionellen und der gentechnischen Pflanzenzüchtung bezieht ja sich auf die Umweltverträglichkeit der Produktionsweise. Beide Züchtungsprodukte – sowohl konventionelle Sorten als auch gentechnisch produzierte - erfordern eine Intensivlandwirtschaft, sind also "high-impact" Hochleistungssorten, die einen hohen Energie- und Düngereinsatz benötigen und erhebliche Folgekosten für die Umwelt haben (Boden-erosion, Bodenversalzung, Wasserbelastung mit Salzen aus Düngemitteln, Reduktion der Artenvielfalt). Das Argument, dass zwischen konventionellen und gentechnischen Pflanzen keine wesentlichen Unterschiede in Bezug auf das Risiko des Anbaus und des Verzehrs bestehen, lässt aber die Folgen, die schon die konventionelle Produktionsweise mit sich bringt, außer acht. Die hohen Folgekosten der "high-impact" Produktionsweise sind aber gerade ein entscheidendes Argument für eine Ökologisierung der Landwirtschaft und damit eine Änderung der Produktionsweise. Dieser "high-impact" gilt auch für Pflanzen der "2. Generation", die Vitamine oder Stoffe mit einem zusätzlichen Gesundheitswert produzieren sollen ("functional food"). Die neuen Pflanzen reduzieren die alten Risiken also nicht. Der Nutzen ist gering bis fragwürdig. So wird ein altes Übel stabilisiert und fortgeschrieben. Und dafür ist die Gentechnik als Mitverursacher verantwortlich.

Falsche Gewichtung

Auch in einem anderen Problembereich, der vom Bericht behandelt wird, werden öffentliche Konflikte in der Auswahl der Indikatoren ausgeklammert: Zum Beispiel bei der Abhandlung zum "Einsatz der Gentechnologie in Schwellen- und Entwicklungsländern".(6) Zwar wird das Problem der "Abhängigkeit von großen Agrarunternehmen und zahlreichen zum Teil weit reichenden Patenten" nicht verschwiegen. Aber Indikatoren für diese Existenz gefährdende Abhängigkeit der armen Bauern der Entwicklungsländer wie zum Beispiel die Verdrängung der regionalen Sorten durch patentierte Pflanzen werden nicht benannt. Im Bericht wird keine Antwort auf grundsätzliche Kontroversen gesucht, sie werden marginalisiert. Das geschieht durch die falsche Gewichtung der Indikatoren, die die Schwerpunkte der öffentlichen Konflikte nicht wiedergeben. Deswegen kann die heimliche Strategie des Berichtes als "Konsens durch Ausklammern" bezeichnet werden. Der Bericht ist darum als Wegweiser für eine Kompromissfindung in der öffentlichen Debatte nicht hilfreich, wenn er auch wesentlich sachlicher ist und mehr zu denken gibt als seine vergleichsweise sehr vereinfachende öffentliche Darstellung.

Fußnoten

  1. F.Hucho et al."Gentechnologiebericht – Analyse einer Hochtechnologie in Deutschland", Forschungsberichte der Interdisziplinären Arbeitsgruppen. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, 2005, Seite 18.
  2. Vgl. Christof Potthof, Alles und nichts, GID 172, S.47.
  3. Einleitung zum Gentechnologiebericht, Seite 14.
  4. Gentechnologiebericht, Seite 18.
  5. Kurzfassung zum Gentechnologiebericht, S.25.
  6. Gentechnologiebericht, S.355ff.

Rainer Hohlfeld (07.12.2020) war Biologie und Wissenschaftsphilosoph und zuletzt Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats für das Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft (IMEW) in Berlin. Hier finden Sie den Nachruf:

 

zur Artikelübersicht

GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
175
vom April 2006
Seite 63 - 64

Nur durch Spenden ermöglicht!

Einige Artikel unserer Zeitschrift sowie unsere Online-Artikel sind sofort für alle kostenlos lesbar. Die intensive Recherche, das Schreiben eigener Artikel und das Redigieren der Artikel externer Autor*innen nehmen viel Zeit in Anspruch. Bitte tragen Sie durch Ihre Spende dazu bei, dass wir unsere vielen digitalen Leser*innen auch in Zukunft aktuell und kritisch über wichtige Entwicklungen im Bereich Biotechnologie informieren können.

Ja, ich spende!  Nein, diesmal nicht