Kurz notiert - Landwirtschaft und Lebensmittel

Séralini ... EFSA ... Séralini ...

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA (European Food Safety Authority) ist der Ansicht, dass die neueste Untersuchung des gentechnisch veränderten (gv) Mais der Linie NK603 durch die Arbeitsgruppe des französischen Molekularbiologen Gilles-Eric Séralini (und KollegInnen) nicht von ausreichender wissenschaftlicher Qualität ist, um bei der Bewertung von Sicherheitsaspekten berücksichtigt zu werden („is of insufficient scientific quality for safety assessments“). Das geht aus der nunmehr zweiten Stellungnahme der EU-Behörde hervor, die Ende November veröffentlicht wurde. Damit geht das Hin und Her zwischen der EFSA, den Mitgliedern ihres Ausschusses für die Bewertung von gentechnisch veränderten Organismen (GMO panel), anderen WissenschaftlerInnen und weiteren KommentatorInnen in eine nächste Runde. Die EFSA war von Seiten der Europäischen Kommission mit der Bewertung der im September veröffentlichten Séralini-Untersuchung beauftragt worden. Im Unterschied zur ersten Stellungnahme der EFSA vom Oktober konnten die AutorInnen der EFSA auf eine Reaktion von Séralini und KollegInnen zurückgreifen, die Anfang November (online) im gleichen Fachmagazin erschienen war wie die ursprüngliche Publikation. Zudem haben mittlerweile eine Reihe von Behörden der Mitgliedstaaten der Europäischen Union ihrerseits Stellungnahmen und Bewertungen veröffentlicht, die ebenso in die Beurteilung durch die EFSA eingegangen sind. Christoph Then, Geschäftsführer der Nichtregierungsorganisation Testbiotech, wirft der EFSA in seiner Reaktion auf deren erste Stellungnahme vor, dass die Behörde mit doppelten Standards arbeite: Zum Beispiel verweise die EFSA auf die Standards der OECD für die Prüfung der Giftigkeit von Chemikalien beziehungsweise deren Fähigkeit, Krebs auszulösen. Diese Standards werden aber von der EFSA nur dann angewandt, wenn - wie Then zeigt - es der EFSA gelegen ist. Bei der Bewertung der Original-Untersuchung von Monsantos NK603-Maislinie spielt eine Untersuchung von Hammond und KollegInnen eine zentrale Rolle; sie war Teil des Dossier zum Zulassungsantrag. Darin werden zum Beispiel nur zwei verschiedene Gift-Konzentrationen in ihrer Wirkung auf die Versuchstiere getestet. Im Gegensatz zu Séralini und KollegInnen, die - im Einklang mit den Empfehungen der OECD - drei Konzentrationen der Giftstoffe verglichen. Abgesehen davon seien bestimmte Unzulänglichkeiten in der Methodik der Untersuchung von Séralini darin begründet, dass diese ursprünglich für einen anderen Zweck ausgelegt worden sei. Erst nach Auftauchen bestimmter Effekte sei sie verlängert worden. Insgesamt kommt Then zu dem Schluss, dass die Ergebnisse von Séralini und KollegInnen sehrwohl in Betracht gezogen werden müssen (siehe dazu auch im GID 214, Oktober 2012, Seite 26f. den Beitrag „Doppelte Standards“). (EFSA, „Final Review of the Séralini et al. (2012) publication (...)“, EFSA Journal 2012;10(11):2986, EFSA PM 28.11.12, www.efsa.europa.eu; Séralini et al.: „Answers to critics: Why there is a long term toxicity due to NK603 Roundup-tolerant genetically modified maize and to a Roundup herbicide“, www.sciencedirect.com oder www.kurzlink.de/gid215_u, online zugänglich seit dem 09.11.12; Christoph Then: „The European Food Safety Authority: Using double standards when assessing feeding studies“, www.testbiotech.org, 30.10.12) (pau)

Imker klagen erfolgreich gegen Freisetzungsversuch

Das Oberverwaltungsgericht (OVG) Lüneburg hat die vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) erteilte Genehmigung für einen Freisetzungsversuch im bayerischen Kitzingen für ungültig erklärt. Der Beschluss des OVG liegt dem GID vor. Daraus geht hervor, dass die Rechtssprechung des Europäischen Gerichtshofes in dessen so genanntem „Honig-Urteil“ vom September 2011 wesentlich zu der jetzigen Entscheidung beigetragen hat. Dem Gericht zufolge kann nicht ohne Weiteres davon ausgegangen werden, dass die Freisetzungsgenehmigung in Kenntnis der neueren „Rechtssprechung (...) in gleicher Weise erteilt worden wäre oder hätte erteilt werden können bzw. im Berufungsverfahren unbeanstandet geblieben wäre.“ Das OVG Lüneburg ist der Überzeugung, dass Einwendungen des Imkers nicht mit der „bislang von [der Bundesrepublik Deutschland, vertreten durch das BVL] als maßgeblich angesehenen Begründung zurückgewiesen werden können.“ Auch hält es das Gericht für „sehr zweifelhaft“, dass in dem vorliegenden Fall ausreichend gewesen wäre, „auf Abwehr- und Ausgleichsansprüche“ entsprechend der Regulierung im Gentechnikgesetz zu verweisen, wie dies das BVL in seinem Genehmigungsbescheid für den Freisetzungsversuch getan hatte. Das Gentechnikgesetz gewährt im Schadensfall - durch Auskreuzung von Pflanze zu Pflanze - die Möglichkeit, entsprechende Ansprüche geltend zu machen. Das Gericht geht davon aus, dass diese Art des Ausgleichs auch für Imker - von der Pflanze in den Honig - eingefordert werden kann. Das Verfahren wurde maßgeblich von der Initiative Aktion GEN-Klage unterstützt. (Beschluss OVG Lüneburg vom 17.09.12, AZ 13 LB 183/10, 2A 110/08, Aktion GEN-Klage, www.stopptgennahrungsmittel.de, 01.11.12) (pau)

Nicht-Wissen geht weiter

In einer Volksabstimmung ist in Kalifornien (USA) die verpflichtende Kennzeichnung von Lebensmitteln, die genetisch veränderte (gv) Zutaten enthalten, abgelehnt worden. Die Kampagne „The Right to Know („Das Recht auf Wissen) hatte für eine entsprechende Informationspflicht analog zu Nährwertangaben geworben. Vor der Abstimmung hatten Firmen, die Produkte aus gv-Pflanzen oder -Tieren entwickeln, vertreiben oder verwenden, eine 30 Millionen Dollar teure Gegenkampagne finanziert. Eine Kennzeichnung wurde als unnötig dargestellt und die „The Right to Know“-Kampagne als unseriös diskreditiert. Produkte wie zum Beispiel Milch oder Eier wären nicht erfasst worden, selbst wenn die Tiere mit gv-Futtermitteln gefüttert werden. Auch würden die Lebensmittel durch die Kennzeichnungspflicht teurer. Die Befürworter einer Kennzeichnung hatten ein Fehlen von Langzeitstudien zum Konsum von gv-Lebensmitteln beklagt. Sie wollen trotz ihres Misserfolgs in der Abstimmung ihre Arbeit fortsetzen (siehe auch den Beitrag „Kennzeichnung in Kalifornien“ von Cynthia Powell im GID 214, S. 39f.). (www.labelgmos.org; SZ, 08.11.2012) (tsch)

UNESCO-Biotech-Institut

Wie das Fachmagazin Nature Biotechnology berichtet wird die UNESCO, die Organisation Bildung, Wissenschaft und Kultur unter dem Dach der Vereinten Nationen, gemeinsam mit dem nigerianischen Staat ein internationales Biotechnologie-Institut an der Universität von Nigeria aufbauen. Die Arbeiten an der neuen Einrichtung sollen sich auf Nahrungsmittelsicherheit und die Kontrolle von Krankheiten fokussieren. Dabei wird es sowohl Lehre wie auch Forschung an dem Institut geben. Die UNESCO hatte die Einrichtung des Institutes bereits im Mai dieses Jahres genehmigt, finanziert wird es von Nigeria. (Nature Botechnology, Dezember 2012; www.scidev.net, 20.09.12) (pau)

EU: Pestizideinsatz könnte deutlich steigen

Wenn es in der Europäischen Union zu einem mit der Intensität in den USA vergleichbaren Einsatz von gentechnisch verändertem (gv) so genannten Roundup-Ready-Mais kommen würde, dann könnte sich der Einsatz des Unkrautvernichtungsmittels Roundup (beziehungsweise anderer Glyphosat-haltiger Herbizide) bis in das Jahr 2025 um bis 1.000 Prozent erhöhen. Das geht aus einem Bericht hervor, den der US-amerikanische Agrarökonom Charles Benbrook im Auftrag der Umweltorganisation Greenpeace verfasst hat. Roundup-Ready-Mais ist in der Art gentechnisch verändert, dass er die Behandlung mit Glyphosat, dem Wirkstoff von Roundup, verträgt. Benbrook, der in der Vergangenheit auch in leitender Funktion für das US-Landwirtschaftministerium tätig war, hat in seiner Untersuchung drei Szenarien entwickelt. Die Szenarien folgen den Annahmen einer (1) uneingeschränkten Nutzung des so genannten Roundup-Ready-Systems mit Herbizid-toleranten gv-Pflanzen (insbesondere Mais, Soja und Zuckerrüben) und dem obligatorischen Einsatz der korrespondierenden Unkrautvernichtungsmittel, (2) einer gezielten Nutzung dieser Technologie und (3) dem vollständigen Verzicht auf gentechnisch veränderte Herbizid-tolerante Pflanzen. Als Ergänzung zu dem Bericht hat Greenpeace den knapp 20-minütigen Film „Growing Doubt“ (Wachsender Zweifel) veröffentlicht, der Erfahrungen aus Argentinien und den USA vermitteln soll. (www.greenpeace.de > Themen > Gentechnik > Nachrichten, 22.10.12, dort kann auch die gesamte Studie in englischer Sprache oder eine deutschsprachige Zusammenfassung aus dem Internet heruntergeladen werden) (pau)

Freisetzung mit gv-Kartoffeln geplant

Die BASF Plant Science hat im November beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) für die Jahre 2013 bis 2017 einen Freisetzungsversuch mit gentechnisch veränderten (gv) Kartoffeln beantragt. Die Tochterfirma des Chemiekonzerns BASF hat vorerst nur eine Genehmigung für den Standort Limburgerhof beantragt, an dem zwei verschiedene gv-Kartoffel-Linien ins Freiland ausgebracht werden sollen. Weitere Freisetzungsorte sind aber nach Darstellung des Unternehmens geplant. Die eine gv-Kartoffel wurde in der Art gentechnisch verändert, dass die Produktion der Amylose - der einen von zwei natürlicherweise vorkommenden Stärkefraktionen - unterdrückt wird. Die zweite Linie soll über eine Resistenz gegenüber Phytophthora infestans, dem Erreger der Kraut- und Knollenfäule, verfügen. Die BASF hatte am Anfang dieses Jahres die Verlagerung des Hauptquartiers ihrer Pflanzen-Biotechnologie-Aktivitäten in die USA bekannt gegeben. Dieser Bereich ist in der Tochterfirma BASF Plant Science zusammengefasst. Gleichzeitig sollen aber die gentechnisch veränderten Pflanzen, die sich bereits im Zulassungsverfahren befinden, nicht aufgegeben werden. Neue Projekte mit gentechnisch veränderten Pflanzen sollen für den europäischen Raum derzeit nicht begonnen werden. Gegen die Genehmigung der Freisetzungsversuche können bis zum 11. Februar 2013 Einwendungen vorgebracht werden. Informationen dazu können im Büro des Gen-ethischen Netzwerk eingeholt werden. (www.bundesanzeiger.de, 27.11.12; www.bvl.bund.de; siehe auch www.gen-ethisches-netzwerk.de/basf) (pau)

Zehn Jahre EFSA

Für die einen ein Grund zu feiern, für die anderen Anlass für Protest. Wenn es nicht so traurig wäre, dann könnte es auf diese einfache Formel gebracht werden. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA wurde vor zehn Jahren gegründet. Damals stand die europäische Lebensmittelbranche unter dem Schock der BSE-Krise. Die Bewertung und das Management von Risiken in Bezug auf Nahrungsmittel wurde neu organisiert. In den letzten Jahren ist die EFSA immer wieder in die Schlagzeilen geraten, weil ihre Bindungen zur Lebensmittelindustrie sehr eng sind, weil ihre ExpertInnen ihre Kontakte zur Industrie zu häufig nicht offenlegen und weil es in der Behörde in Parma scheinbar kaum Sensibilität für das Thema Interessenkonflikte zu geben scheint. Nina Holland von der Brüsseler Nichtregierungsorganisation Corporate Europe Observatory (CEO): „Wir glauben, dass EFSA ihre Entscheidungen vom Einfluss der Industrie befreien muss!“ Holland verwies in diesem Zusammenhang auf die Weigerung des Europäischen Parlamentes Anfang des Jahres, den Haushalt der Behörde zu bestätigen. Beim Festakt der offiziellen Gäste der EFSA sagte José Bové, Abgeordneter im Europäischen Parlament und stellvertretender Vorsitzender im Ausschuss für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung: „Wir brauchen die EFSA, tatsächlich brauchen wir eine stärkere EFSA, aber genauso braucht die EFSA kritische Freunde“. (CEO PM, 13.11.12, www.corporateeurope.org; EFSA PM, 16.11.12, www.efsa.europa.eu) (pau)

Beobachtung von GVO

Eine Gruppe von Forscherinnen und Forschern aus verschiedenen europäischen Ländern hat einen Vorschlag für ein neues Beobachtungssystem für gentechnisch veränderte Organismen vorgestellt. Im Zentrum des Systems steht ein europaweites Netzwerk, da nach Darstellung der WissenschaftlerInnen die jetzigen Sicherheitstests und Studien unzureichend entwickelt seien. Elemente des von ihnen vorgeschlagenen Netzwerks sollen sein: „a) Methoden sowohl für die Auswahl von Indikatoren und Untersuchungsflächen für Umweltrisikoprüfungen und -beobachtung der Auswirkungen gentechnisch veränderter Pflanzen, b) eine EU-weite Typologie der Agrarumwelt, c) ein europaweites Netzwerk von Untersuchungsflächen für transgene Pflanzen, d) spezifische Hypothesen zu Umwelteffekten von transgenen Pflanzen und e) modernere Verfahren zu Probenahme, statistischer Auswertung und Modellierung.“ Die Gruppe, die ihr Konzept ENSyGMO (nach European Network for systematic GMO impact assessment - Europäisches Netzwerk für systematische Bewertung der Wirkung gentechnisch veränderter Organismen) nennt, will mit ihrem Vorschlag auch den Zweifeln und der Kritik an der Nutzung von gentechnisch veränderten Organismen (insbesondere Pflanzen) begegnen. (Graef und KollegInnen: „A framework for a European network for a systematic environmental impact assessment of genetically modified organisms (GMO)“, BioRisk Band 7, Seiten 73–97, 2012; Helmholtz Zentrum für Umweltforschung - UFZ, PM 18.10.12, www.ufz.de) (pau)

Gv-Tomaten gegen Herzinfarkt

Nun geistern sie wieder durch die Medienlandschaft - bisher vor allem in deren englischsprachigem Teil: die Heilsbringer der Gentech-Industrie. Gentechnisch veränderte (gv) Tomaten sollen vor Herzinfarkt schützen. An Tieren soll es angeblich geklappt haben: In der gv-Tomate werden bestimmte Proteine namens 6F produziert, die die Wirkung anderer Proteine nachahmen. Letztere stehen mit der so genannten Plaque-Bildung, den Ablagerungen in den Blutgefäßen, in Verbindung. An Versuchstieren soll nun erfolgreich getestet worden sein, dass bei diesen Tieren die Plaque-Bildung reduziert werden konnte. Bisher gibt es jedoch keine Fachpublikation zu diesem Versuch. Die derzeit kursierenden Nachrichten finden ihren Ursprung in einer Präsentation auf der Tagung der US-amerikanischen Herz-Gesellschaft (American Heart Association) - einer Organisation mit mehr als 25.000 Mitgliedern aus dem Gesundheitsbereich. Die globalen Probleme mit der wachsenden Zahl von Herz-Kreislauf-PatientInnen soll mit den neuen Tomaten bekämpft werden, schreibt zum Beispiel die britische Daily Mail in ihrer Online-Ausgabe. Leitender Entwickler dieses Forschungsansatzes ist Alan Fogelman, Leiter der medizinischen Abteilung und Direktor der Artheriosklerose-Forschung an der David-Geffen-Schule für Medizin der Universität des US-Bundesstaates Kalifornien. Vergleichbare Projekte mit gentechnisch veränderten essbaren Pflanzen oder Früchten mit ‚Gesundheitswirkung‘ sind in der Vergangenheit mehrfach angekündigt worden. Die beteiligten WissenschaftlerInnen und Firmen konnten aber letztendlich ihre Versprechungen nicht einhalten beziehungsweise die in sie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllen. (www.foodnavigator.com, 06.11.12; www.dailymail.co.uk, 05.11.12; www.heart.org, 05.11.12; beide zitiert nach GENET news, im Netz unter www.genet-info.org) (pau)

EU: Glyphosat-Zulassung neu analysiert

In der Europäischen Union ist der Wirkstoff Glyphosat seit 2002 für die Nutzung in Unkrautvernichtungsmitteln zugelassen. Jetzt ist in dem Fachmagazin Journal of Environmental and Analytical Toxicology erstmalig ein wissenschaftlicher Artikel erschienen, der diese Zulassung im Detail analysiert. Die AutorInnen kommen zu dem Schluss, dass die Zulassung auf der Basis „schlechter Wissenschaft“ zustande gekommen sei. Für Deutschland besonders brisant: Deutsche Behörden und ihre Vertreter haben zentrale Funktionen im Verfahren inne, das Land ist Berichterstatter für die Europäische Kommission. Nach Darstellung von Claire Robinson, Co-Autorin des Artikels, habe die deutsche Behörde zum Beispiel so viel Datenmüll in die Studie aufgenommen, bis [vormals] signifikante Erkenntnisse unsichtbar wurden. Der Name der Behörde wird zwar in der Quelle nicht genannt, es müsste sich jedoch um das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) handeln. An einer Stelle sei die zuständige Behörde sogar so weit gegangen, einen Geburtsfehler (birth defect), der bei Versuchtieren während der Glyphosat-Tests aufgefallen sei, zu einer Entwicklungs-Variation (development variation) umzudefinieren. (Antoniou und KollegInnen: „Teratogenic Effects of Glyphosate-Based Herbicides: Divergence of Regulatory Decisions from Scientific Evidence“, 2012. Journal of Environmental and Analytical Toxicology. doi:10.4172/2161-0525. S4-006; Earth Open Source, 12.11.12, www.earthopensource.org) (pau)

Indien: Moratorium für Freisetzungen?

Ein Expertengremium hat in Indien in einem Zwischenbericht für den Obersten Gerichtshof die geltenden Vorschriften und die Praxis bei der Freisetzung gentechnisch veränderter (gv) Organismen kritisiert. Das Gremium war von dem Gericht eingesetzt worden, um in einem Verfahren über den Umgang mit gv-Pflanzen und Tieren die Meinungen von ForscherInnen, Nichtregierungsorganisationen und der Saatgutindustrie zu bewerten und ein weiteres Vorgehen zu empfehlen. Der Zwischenbericht nennt die Richtlinien für Freilandversuche schlicht unzureichend und empfiehlt ein Ende aller Versuche außerhalb von Gewächshäusern. Vor einer Wiederaufnahme werden unter anderem die verpflichtende Einführung von toxikologischen Gutachten und Untersuchungen auf mögliche Allergie-Risiken gefordert. Unabhängig von der Erfüllung ihrer langen Liste von Forderungen empfehlen die beteiligten Wissenschaftler auch ein zehnjähriges Moratorium der Freisetzung von Pflanzen mit eingeschleusten Genen aus dem Bakterium Bacillus thuringiensis (Bt). Pflanzen mit solchen Genen können wie das Bakterium Gifte produzieren, die sie gegen Fressfeinde unempfindlich machen. Die vorhandene Datenbasis schließe eine Gefährdung der Gesundheit der Konsument_innen nicht aus. Der Abschlussbericht der Expertenkommission - aufgrund dessen der Oberste Gerichtshof entscheiden soll - ist für Dezember angekündigt. (Zwischenbericht des Expertengremiums; „Battle over GM moratorium in India“, 06.11.12, www.gmwatch.org) (tsch)

Goldener Reis: Wissenschaftler gefeuert

WissenschaftlerInnen aus den USA und China hatten 24 Kinder in Versuchen mit gentechnisch verändertem Reis als Versuchskaninchen eingesetzt. Weder die Kinder noch deren Eltern waren darüber informiert gewesen, dass es sich bei dem Test um gentechnisch veränderten Reis gehandelt hat. Der Versuch beziehungsweise das Verhalten der WissenschaftlerInnen hatte weltweit für Kritik gesorgt (siehe dazu auch „Goldener Reis“ im GID 214, Oktober 2012, Seite 25). Nun sind in China drei Offizielle, die den Versuch genehmigt und mit durchgeführt hatten, entlassen worden. Das teilten das chinesische Zentrum für die Kontrolle und Prävention von Krankheiten (China CDC), die Zhejiang Akademie für Medizinische Forschung (ZAMS) und das CDC der Provinz Hunan in einer gemeinsamen Stellungnahme mit. Die drei Institutionen machten deutlich, dass die negative Wirkung, die durch diese Versuche entstanden sei, ihnen sehr leid tue. In dem renommierten Fachmagazin Nature Biotechnology nutzten Killugudi Jayaraman und Hepeng Jia den Anlass des „angeblich unethischen Versuches“ als Aufhänger für einen Beitrag, setzten sich aber mit der Frage, ob der Versuch mit den Kindern letztendlich legitim oder legal war, gar nicht auseinander. Vielmehr entwickeln sie von diesem Startpunkt eine Darstellung von fehlendem Enthusiasmus und Unterstützung für die Nutzung der Agro-Gentechnik in Asien. Allerdings gebe es auch Stimmen, so die AutorInnen weiter, die einer verlangsamten Kommerzialisierung von gentechnisch veränderten Pflanzen etwas abgewinnen könnten. Dem Land sei es so möglich, eine eigene Saatgutindustrie aufzubauen, die mit der westlichen konkurrieren könnte. (www.reuters.com, 06.12.12; Nature Biotechnology, November 2012, www.nature.com/nbt) (pau)

Freisetzungen genehmigt

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hat die Freisetzung von gentechnisch verändertem Weizen im sachsen-anhaltinischen Ausleben genehmigt. Das Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben hatte diesen Freisetzungsversuch beantragt. Den gentechnisch veränderten Weizenpflanzen wurde ein Konstrukt übertragen, das ein Gen für einen „hauptsächlich im Samen aktiven Saccharosetransporter aus Gerste“ enthält. Dieser soll „den Korn- und Proteinertrag erhöhen“. Eine Reihe von Verbänden, darunter die Arbeitgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft und das Gen-ethische Netzwerk, hatte gegen die Genehmigung dieses Versuches eine Einwendung vorgebracht. Der Genehmigungsbescheid liegt noch nicht vor, weshalb noch nicht beurteilt werden kann, inwieweit die in der Einwendung zusammengetragenen Argumente berücksichtigt worden sind. Laut Aussage eines Sprechers des IPK kann der Winterweizen noch im Dezember dieses Jahres ausgebracht werden - sofern der Boden frostfrei ist. (www.bundesanzeiger.de, 17.08.12; Pressemitteilung des BVL, 05.12.12; www.mdr.de, 06.12.12) (pau)

Gv-Weizen 1

Arcadia Biosciences, ein Agrar-Gentechunternemen aus dem USBudesstaat Kalifornien, das Internationale Mais und Weizen Forschungszentrum (CIMMYT) in Mexiko und die US-Entwicklungsagentur USAID haben eine Vereinbahrung getroffen, derzufolge sie gemeinsam an der Entwicklung Hitze-toleranter Weizensorten arbeiten wollen. USAID finanziert die Kooperation mit 3,8 Millionen US-Dollar. Sollte das Vorhaben funktionieren, wird CIMMYT die exklusiven Nutzungsrechte des neuen Weizens in den Entwicklungsländern bekommen, Arcadia Biosciences dagegen würde die Vermarktung in den entwickelten Ländern übernehmen. Es sollen sowohl traditionelle Züchtungstechniken zum Einsatz kommen, wie auch „moderne molekularbiologische“ Werkzeuge. (Arcadia Biosciences PM, 19.10.12, www.arcadiabio.com) (pau)

Gv-Weizen 2

WissenschaftlerInnen der australischen Forschungsorganisation CSIRO haben durch Zufall eine neue gentechnisch veränderte Weizenlinie geschaffen, die sich in Versuchen im Gewächshaus durch - im Vergleich zu Kontrollgruppen - deutlich höhere Ertragsparameter auszeichnet. In den Versuchen sei ein Mehrertrag von 30 Prozent gegenüber Kontrollsorten zu verzeichnen gewesen. Eigentlich wollten die WissenschaftlerInnen den Stärkegehalt in den Weizenkörnern verbessern. Das berichtet das kanadische Online-Portal der Western Producer. (www.producer.com, 05.10.12) (pau)

Gv-Weizen 3

Zwei Aktivistinnen der Umweltorganisation Greenpeace sind in Australien zu jeweils neun Monaten auf Bewährung verurteilt worden, weil sie einen Freisetzungsversuch mit gentechnisch verändertem Weizen zerstört haben. Die Aktivistinnen hatten den Versuch zerstört, weil angekündigt worden war, dass mit dem Weizen Untersuchungen über die Nutzung in der menschlichen Ernährung durchgeführt werden sollten. Zudem hat Greenpeace bis Mitte November etwa bereits 280.000 australische Dollar Ausgleich an die australische Wissenschaftsorganisation CSIRO bezahlen müssen. Siehe dazu auch den Beitrag „Wer bezahlt die Rechnung“ von Anne Bundschuh im GID 208, Oktober 2011. (www.abc.net.au, 19.11.12) (pau)

Weizen-Genom

Eine internationale Gruppe von WissenschaftlerInnen hat die Beschreibung des Genoms des Brotweizens veröffentlicht. Sie fanden etwa 95.000 Gene. Insgesamt beschreiben die WissenschaftlerInnen das Genom des untersuchten Weizens als sechsfach (hexaploid) - zum Vergleich: in dem Genom von Menschen und anderen Säugetieren ist jedes Chromosom doppelt vorhanden, das Genom ist entsprechend diploid. Das Genom des Weizens sei sehr variabel, berichten die Forschenden in ihrem Artikel, der Ende November in dem Fachmagazin Nature erschienen ist. (Nature, Band 491, Seite 705 bis 710, www.nature.com) (pau)

Tierversuchszahlen 2011

Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) hat die Tierversuchszahlen für das Jahr 2011 veröffentlicht. Wie in den Jahren zuvor, sind die Zahlen weiter gestiegen. Insgesamt wurden - nach der Statistik des Bundesministeriums - im vergangenen Jahr 2,9 Millionen Tiere in Versuchen eingesetzt und getötet. Das waren mehr als 50.000 Tiere mehr als im Jahr zuvor. Von den insgesamt genutzten Tieren waren 731.678 gentechnisch verändert, knapp 9.000 mehr als in 2010. Damit ist die Steigerungsrate bei den verbrauchten Tieren anders als in den vergangenen Jahren nicht in erster Linie auf die Steigerung bei den gv-Tieren zurückzuführen. Es werden vor allen Dingen Mäuse für Tierversuche verbraucht. Das gilt sowohl für die gentechnisch veränderten wie für die nicht gentechnisch veränderten Tiere. Bei letzteren waren es mehr als 700.000. Auf die gentechnisch veränderten Mäuse folgen die gv-Fische (15.962) und gv-Ratten (6.424). Die Tierversuchszahlen werden alljährlich von den Bundesländern bereitgestellt und vom BMELV veröffentlicht. (Tierversuchszahlen 2011, www.bmelv.de) (pau)
GID Meta
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