Gentechnik-Lachs für alle?

Premiere: Ein Gentech-Tier auf dem Teller

Eine traurige Premiere: Lachs ist - als erstes gentechnisch verändertes Tier weltweit - offiziell in den Lebensmittelhandel gekommen. In kanadischen Supermärkten ist dieser nun erhältlich - ganz ohne Kennzeichnung.

Gentechnisch veränderter (gv) Fisch auf dem Teller? In diesem Jahr ist dies für kanadische VerbraucherInnen Realität geworden. Im Zeitraum zwischen April und Ende Juni hat die US-amerikanische Firma AquaBounty Technologies 1 in Kanada viereinhalb Tonnen gv-Lachs in den Handel gebracht - ohne die Öffentlichkeit vorher zu informieren. Erst Anfang August teilte sie dies in einem Geschäftsbericht mit 2, machte jedoch keinerlei Auskünfte über die Vertriebswege.

Keine Kennzeichnungspflicht

Da in Kanada keine Gentechnik-Kennzeichnung vorgeschrieben ist, war zunächst nicht nachvollziehbar, in welchen Supermarktregalen der Lachs gelandet sein könnte. Nachforschungen kanadischer Nichtregierungsorganisationen haben inzwischen aber ergeben, dass er möglicherweise ausschließlich in Quebec erhältlich war.3 Aufgrund der bestehenden Intransparenz hat das gentechnikkritische Canadian Biotechnology Action Network (CBAN)4 dem Lebensmittelhandel empfohlen, Lachsfilet generell aus dem Sortiment zu nehmen. Einige große Lebensmittelketten haben auf Nachfrage von CBAN auch erklärt, gv-Lachs prinzipiell nicht anbieten zu wollen.5 Fraglich bleibt nur, wie die Supermärkte dies - ohne Kennzeichnung der Ware - tatsächlich praktisch umsetzen wollen.

Eine lange Geschichte

Schon im Jahre 1995 hat AquaBounty den ersten Zulassungsantrag für seinen sogenannten AquAdvantage-Lachs in den USA gestellt. 2015 wurde der Lachs nach langem Hin und Her in den USA für den menschlichen Verzehr zugelassen, im folgenden Jahr auch in Kanada. Für AquaBounty könnte sich die Beharrlichkeit in Zukunft lohnen: Da der gv-Lachs gentechnisch so verändert ist, dass er sein Schlachtgewicht deutlich früher erreicht und weniger Futter braucht 6, ist die Gewinnspanne gegenüber konventionellem Lachs deutlich erhöht. Bislang überwiegen jedoch noch  die Kosten: Im ersten Halbjahr 2017 stehen den Verkaufserlösen in Höhe von ungefähr 53.000 US-Dollar noch rund 4,2 Millionen US-Dollar an Ausgaben gegenüber.7

AquaBounty: Expansion geplant

Momentan werden die gv-Lachse für den Handel in Panama aufgezogen. Die dafür benötigten Lachseier produziert Aquabounty in seiner Forschungs- und Entwicklungseinrichtung in Prince Edward Island, an der kanadischen Westküste. Die Firma ist nun dabei, eine zweite Anlage in Rollo Bay (ebensfalls Prince Edward Island) auszubauen. Dort sollen nach eigenen Angaben in Zukunft pro Jahr 250 Tonnen gv-Lachs produziert werden. Geplant ist außerdem eine Inland-Fischzucht in Albany (US-Bundesstaat Indiana), um von dort den US-amerikanischen Markt zu beliefern. AquaBounty rechnet hier mit Produktionskapazitäten von 1.200 Tonnen pro Jahr. Allerdings hat AquaBounty noch für keinen der beiden Standorte eine Genehmigung, um eine solche Aufzucht überhaupt zu betreiben. CBAN rechnet jedoch zumindest für den kanadischen Standort mit einem raschen Durchwinken von Seiten der Behörden und wenig Gegenwind, da die kanadische Öffentlichkeit bei solchen Verfahren nicht in Kenntnis gesetzt und somit in den Entscheidungsprozess gar nicht miteinbezogen wird.

Widerstand

Umweltorganisationen sind deshalb höchst alarmiert. Sie haben die kanadische Regierung aufgefordert, für den Standort Rollo Bay eine umfassende, systematische Umweltrisikoabschätzung (Environmental Risk Assessment) durchzuführen. Denn es besteht die Gefahr, dass gv-Lachse trotz aller Sicherheitsvorkehrungen aus Fischfarmen entkommen und frei lebende Lachsarten verdrängen - mit kaum absehbaren Folgen für ganze Ökosysteme. Bislang ungeklärt ist auch die Frage, was geschieht, wenn artfremde Gene in Wildpopulationen gelangen und sich dort weiter ausbreiten.

Außerdem fordern die Organisationen eine Beteiligung der Öffentlichkeit an diesem Prozess. BürgerInnen, Umwelt- und zivilgesellschaftliche Organisationen sowie Fischereiverbände müssten die Möglichkeit erhalten, ihren Interessen Ausdruck zu verleihen. Zudem drängen sie auf eine verbindliche Kennzeichnung gentechnisch veränderter Lebensmittel, damit VerbraucherInnen überhaupt die Möglichkeit haben, sich für oder gegen diese zu entscheiden. Denn auch die möglichen Langzeitfolgen eines Konsums von gv-Lachs seien bislang nicht ausreichend geklärt.8

Wie weiter?

Gehen die Pläne von AquaBounty auf, könnte gv-Lachs ab 2019 auch in US-Supermärkten erhältlich sein. Obwohl der Lachs hier für den menschlichen Verzehr schon zugelassen ist, besteht ein Importverbot, bis die US-amerikanische Behörde für Lebens- und Arzneimittel FDA Vorgaben für eine Kennzeichnung erarbeitet und veröffentlicht hat.

Nach Aussage der Firma werden für die nähere Zukunft nur „bescheidene Erträge" durch den Verkauf von AquAdvantage-Lachs erwartet, da die Produktionskapazitäten in Panama beschränkt sind. Erst ab Mitte 2019, nach Inbetriebnahme der neuen Anlagen, könnte AquaBounty dann in größerem Maßstab produzieren.9

Aufgrund der fehlenden Kennzeichnung und der mangelnden Transparenz über die Vertriebswege ist es trotzdem nicht auszuschließen, dass Lebensmittel aus gv-Lachs auch jetzt schon den Weg in andere Länder finden. Deshalb sollten VerbraucherInnen dies- und jenseits des Atlantiks, die sicher gehen wollen, keine gv-Nahrungsmittel zu sich zu nehmen, auf importierten Lachs aus Kanada lieber verzichten.

  • 1. AquaBounty Technologies (www.aquabounty.com) befindet sich im Mehrheitsbesitz des Biotech-Unternehmens Intrexon (www.dna.com) und hat Tochtergesellschaften in Kanada, Panama, USA und Brasilien.
  • 2. Geschäftsbericht AquaBounty (10-Q, 08/04/17), unter www.aquabounty.com > investors > financial reports oder www.kurzlink.de/ gid243_vv.
  • 3. Die Recherche wurde durchgeführt vom Ecology Action Centre, Vigilance OGM und dem Canadian Biotechnology Action Network (CBAN); PM CBAN (12.10.07), www.cban.ca, www.kurzlink.de/gid243_yy, siehe auch Hintergrundinformationen von CBAN unter www.kurzlink.de/gid243_xx.
  • 4. Canadian Biotechnology Action Network (CBAN), www.cban.ca.
  • 5. Statements der Lebensmittelketten unter www.cban.ca oder www. kurzlink.de/gid243_ww.
  • 6. AquAdvantage-Lachs wurde gentechnisch so verändert, dass er sein Schlachtgewicht deutlich früher erreicht. Normalerweise verlangsamt sich sein Wachstum bei niedrigeren Temperaturen. Durch das Einbringen eines Gens für ein Wachstumshormon aus dem Königslachs und einem Gen aus einer Fischart, die an Kälte angepasst ist (Zoarces americanus) ist dieser Mechanismus außer Kraft gesetzt: Der Lachs kann schon mit 18 Monaten (statt der üblichen 36 Monate) geschlachtet werden.
  • 7. Siehe Fußnote (2).
  • 8. Siehe www.cban.ca > take-action > Stop GM-Fish.
  • 9. Siehe Fußnote (2).

Theresia Scheierling ist Redakteurin beim Gen-ethischen Informationsdienst (GID).

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
243
vom November 2017
Seite 23 - 24

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