Transgener Weizen

Keine Zulassung - aber schon Kontaminationsfälle

Nach einer mehrjährigen Pause entwickeln GentechnikerInnen wieder gentechnisch veränderten Weizen. Kontaminationen zeigen allerdings, dass es Probleme gibt.

Keine andere Nutzpflanze auf der Welt wird so häufig angebaut wie Weizen. Er wächst etwa auf einem Viertel der verfügbaren landwirtschaftlichen Fläche. Da lässt es wundern, dass bisher nicht eine einzige gentechnisch veränderte Weizensorte kommerziell angebaut wird. Allerdings war auch der Widerstand gerade bei Weizen in der Vergangenheit außergewöhnlich entschlossen.1 Er wurde und wird in der Öffentlichkeit prominent verhandelt. Das zeigen zum Beispiel die Zerstörungen von Freisetzungsversuchen mit gentechnisch veränderten Weizensorten in Deutschland und Australien. Nichtsdestotrotz hat sich im Juni dieses Jahres eine Reihe landwirtschaftlicher Verbände aus den USA, Kanada und Australien für eine Kommerzialisierung von gentechnisch verändertem (gv) Weizen ausgesprochen.2 Schaut man in die Pipeline der Gentechkonzerne, sind die Informationen über die zu erwartenden Entwicklungen dünn. Es entsteht der Eindruck, die Konzerne hätten ihre gentechnischen Entwicklungen in der Vergangenheit deutlich sichtbarer in ihren Auslagen präsentiert. Vor gut zehn Jahren sah das noch anders aus, damals wurde intensiv an gv-Weizen geforscht - aber nationaler wie internationaler Protest haben dazu geführt, dass zum Beispiel der Branchenprimus Monsanto seine Entwicklungsarbeiten an gv-Weizen 2004 auf Eis gelegt hat. Die Sorge, dass Kontaminationen von konventionellen Ernten mit gentechnischem Material bestehende Märkte in Gefahr bringen könnten, tat dabei ihr Übriges. Insofern sind die Ambitionen von Konzernen und Forschungseinrichtungen und die Gefahr von Verunreinigungen konventioneller Bestände eng miteinander verknüpft.

Wer entwickelt gv-Weizen?

Mittlerweile hat Monsanto sein Programm zur Entwicklung von gv-Weizen wieder aufgenommen, allerdings eher zurückhaltend. In der Broschüre „Research & Development Pipeline“ zum Beispiel widmet der Konzern der Entwicklungspipeline von gv-Weizen kaum eine drittel Seite. Dort finden wir die Pflanze - gemeinsam mit Raps, Zuckerrohr und Alfalfa 3 - unter „special crops“, also „spezielle Pflanzen“, was in diesem Zusammenhang wohl treffender mit „weitere Pflanzen” oder „unter ferner liefen” übersetzt werden kann. Die wichtigen Pflanzen in der Entwicklungsarbeit des Konzerns (das sind Mais, Soja und Baumwolle) bekommen in der Broschüre eigene Kapitel und je eine Doppelseite. Auf besagter drittel Seite erfahren wir, dass der Konzern derzeit an drei Projekten mit gv-Weizen arbeitet: ein Weizen, der höhere Stresstoleranz aufweisen und damit bessere Ernten liefern soll, befindet sich in Entwicklungsphase 1. Das steht für „proof of concept“. Damit wird die Phase beschrieben, in der ein Konzept daraufhin überprüft wird, ob es überhaupt funktioniert. Zwei weitere Projekte zielen auf die Entwicklung von herbizidtoleranten Weizenpflanzen, diese sind derzeit in Phase 2 (= frühes Entwicklungsstadium). Letzteres lässt Fragen aufkommen, da der Konzern bereits vor mehr als zehn Jahren in diese Richtung geforscht hat. CSIRO, die zentrale australische Wissenschaftsorganisation, hatte in den vergangenen Jahren selbst Freisetzungsversuche mit gv-Weizen durchgeführt. Darunter waren Weizenvarianten mit verändertem Stärkegehalt und solche, die mit dem Ziel verändert waren, effizienter mit Nährstoffen hauszuhalten. Über den konkreten Entwicklungsstand der Pflanzen findet sich aus den auf der Website der Organisation veröffentlichten Unterlagen nicht viel. Allerdings schreiben die CSIRO-Forscher, dass die eigenen Pflanzen nur der Forschung dienen und Kommerzialisierungen frühestens 2017 beziehungsweise 2019 stattfinden könnten - vermutlich aber noch später. Ein Teil der Versuche findet unter anderem mit dem französischen Saatgut-Unternehmen Limagrain statt.4 In einem Beitrag der Nachrichtenagentur Reuters wird ein Konzernsprecher von Limagrains Mutterkonzern Vilmorin mit den Worten zitiert, dass mit gentechnisch verändertem Weizen nicht vor 2020 zu rechnen sei - später als erwartet, was mit dem langsamen Fortschritt der Forschungen zusammenhänge. Obwohl gv-Weizen also noch längst nicht auf dem Markt verfügbar ist, wurden in den vergangenen zwei Jahren zwei Fälle von Kontaminationen mit gv-Weizen bekannt.

Kontamination 1: Oregon

Bereits im vergangenen Jahr fanden Farmer in Oregon herbizidtoleranten Weizen, der von Monsanto entwickelt worden war, in ihren nicht gentechnisch veränderten Beständen. Auf den Feldern war nie zuvor gv-Weizen gesät worden. Japan und Südkorea haben daraufhin die Weizenimporte aus den USA gestoppt, was „Schockwellen“ auf dem internationalen Weizenmarkt ausgelöst hat. Mittlerweile sind die Märkte in diesen Ländern wieder offen für US-amerikanischen Weizen. Vorsichtsmaßnahmen in Form von Tests auf Verunreinigungen werden aber weiter durchgeführt. Um die Ursache dieser Kontamination zu finden, hat die Behörde für Pflanzen- und Tiergesundheit APHIS unter dem Dach des US-Landwirtschaftsministeriums eine umfangreiche Untersuchung gestartet. Nach Darstellung der Behörde wurden 13.000 Seiten Unterlagen gesammelt und annähernd dreihundert Interviews mit LandwirtInnen, Händlern und anderen Beteiligten geführt. Zudem habe APHIS mehr als einhundert Proben bei verschiedenen Unternehmen genommen, die ihrerseit mit dem Saatgut gehandelt haben, in dem die Kontamination gefunden worden war. Genützt haben all die Mühen bisher nichts: Weiterhin ist unklar, wie die Verunreinigung entstanden ist. APHIS-MitarbeiterInnen gehen nach Beendigung der Untersuchung von einem einmaligen, isolierten Ereignis aus.5 Mit einem Teil der Weizenfarmer, die vom Importstop der beiden asiatischen Länder betroffenen waren, hat Monsanto sich kürzlich außergerichtlich über Entschädigungszahlungen geeinigt. Details sind bisher nicht bekannt, doch es kann sich um beträchtliche Summen handeln: Nach einem ähnlichen Kontaminationsfall von Reis im Jahr 2006 hatten US-Gerichte den verantwortlichen Gentechkonzern Bayer zu insgesamt mindestens 750 Millionen US-Dollar Ausgleichszahlungen verurteilt.6

Kontamination 2: Montana

In diesem Jahr wurde im US-Bundesstaat Montana gv-Weizen an einem Ort gefunden, wo er nicht ausgesät worden war. Betroffen waren Flächen der Universität des Bundesstaates, auf denen in den Jahren zwischen 2000 und 2003 Versuche mit gv-Weizen durchgeführt worden waren. Auch hier hat APHIS eine Untersuchung gestartet. Es liegt nahe, dass es sich bei den gefundenen Pflanzen um Durchwuchs handelt. Damit werden Pflanzen bezeichnet, die aus den Überresten früherer Kulturen wachsen. Samen können zum Beispiel bei der Ernte auf dem Feld zurückbleiben und über eine unbestimmte Anzahl von Jahren keimfähig im Boden verbleiben. Bill Freese von der US-amerikanischen Nichtregierungsorganisation Zentrum für Lebensmittelsicherheit 7 kommentiert die besondere Wahrnehmung von gv-Weizen wie folgt: „Die Bedenken sind gerade dann am stärksten, wenn es sich um ein Grundnahrungsmittel handelt oder um etwas, das wir direkt essen.“

Hannah Laup ist freie Journalistin und lebt in Halle an der Saale.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
226
vom November 2014
Seite 12 - 13