Andere Methoden - andere Ziele

Die heutige PND ist nicht eugenisch

„Eugenik“ dient heute als Kampfbegriff oft nur der Skandalisierung. Zur Beschreibung der normalisierten Praxis der pränatalen Diagnostik ist er ungeeignet. Ein Kommentar.

In der Weimarer Zeit stand der Begriff Eugenik für ein Heilsversprechen, für eine Zukunft der guten Gene und Erbanlagen, die sich durch Wissenschaftlichkeit befreit hat von vermeidbarem Unglück. Heute wird er als negativer Begriff wahrgenommen, als ideologisch, menschenfeindlich, rechts. Wer pränatale Diagnostik oder andere Reproduktionstechnologien als eugenisch bezeichnet, macht damit auf jeden Fall deutlich, dass er nicht allzu viel davon hält. Aber sagt der Begriff darüber hinaus noch etwas aus?1

What‘s in a word?

Begriffe sind nützlich, wenn sie einen Erklärungswert enthalten, wenn mit ihnen etwas erfasst werden kann, was ohne sie lang und umständlich beschrieben werden müsste. Wenn Begriffe schillernd oder schwammig, aufgeladen und mehrdeutig sind, wird ihr Erklärungswert stark eingeschränkt, sie sind dann selbst erklärungsbedürftig statt einen Erklärungswert zu haben. Begriffe müssen außerdem zutreffend sein, da sie ansonsten einen Sachverhalt falsch darstellen - dann sind sie schädlich.
Wie verhält es sich mit dem Begriff Eugenik in Bezug auf (selektive) Pränataldiagnostik (PND)? Befürworter*innen dieser Methoden lehnen häufig die Verwendung des Begriffs für PND und selektive Schwangerschaftsabbrüche ab. Sie tun dies hauptsächlich, weil sie die Techniken eben nicht als negativ und problematisch, sondern als sinnvoll und als Erweiterung der Selbstbestimmung von Frauen betrachten. Aber die Frage, ob die Einordnung der Praktiken als Eugenik sinnvoll ist, stellt sich tatsächlich.
Die heutigen Kritiker*innen von Eugenik haben eine ganze Reihe von Wortkombinationen kreiert, um deutlich zu machen, dass sie um die Differenzen zur „alten“ Eugenik wissen, aber an dem Begriff festhalten wollen: Der Begriff einer „Eugenik von unten“ ist weit verbreitet, gesprochen wird aber auch von „individualisierter Eugenik“ (Rebecca Maskos / Andrea Trumann), „individualistischer Eugenik“ (Anne Waldschmidt), „liberaler Eugenik“ (Jürgen Habermas), „Alltagseugenik“ (Theresia Degener / Swantje Köbsell), „freiwilliger Eugenik“ (Ludger Weß), „schleichender Eugenik“ (Leonhard Hennen / Thomas Petermann / Arnold Sauter), „Neo-Eugenik“ (Bremer Krüppel­frauen) oder „narzisstischer Eugenik“ (Birgit Rommelspacher). Die schiere Fülle der unterschiedlichen Bezeichnungen weist auf die Unklarheit ihrer Bedeutungen hin. Eine nähere Definition der einzelnen Begriffs-Vorschläge gibt es genauso wenig, wie eine Abgrenzung voneinander oder eine Debatte darum, warum welcher Begriff der zutreffendste sein könnte.

Eugenik in der BRD

Im Rahmen der seit 1971 in der BRD angebotenen humangenetischen Beratungen wurden anfänglich - wie in den 1920er Jahren - Stammbäume gezeichnet und Ahnentafeln erstellt, bis die neuen pränatalen Untersuchungsmethoden wie Ultraschall und Fruchtwasseruntersuchungen diese Verfahren weitgehend ablösten. Im Zuge der internationalen Liberalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen in den 1970er Jahren wurde in den meis­ten Abtreibungsgesetzen eine eugenische Indikation eingefügt, die der Vermeidung „erbkranken“ oder geschädigten Nachwuchses dienen sollte. Auch in der Bundesrepublik wurde 1976 die eugenische Indikation (wieder) eingeführt.
Durch diese Indikation, die Ausweitung der humangenetischen Beratungsstellen und der neuen pränataldiagnostischen Untersuchungsmethoden normalisierten sich der Eugenik entstammende Handlungen und Denkweisen. Oft wurden einfach die Begriffe „Eugenik“ und „eugenische Beratung“ mit den unverfänglicher erscheinenden Begriffen „Humangenetik“ und „humangenetische Beratung“ ersetzt.2 Teilweise geschah das aber erst in den 1980er Jahren, nachdem die Skandalisierung des NS-Unrechts der Zwangssterilisierungen durch die Behindertenbewegung und kritische Mediziner*innen angestoßen worden war. Bis dahin waren eugenische Ziele und Methoden weitgehend als unproblematisch wahrgenommen worden. Auf dem „7. International Congress of Human Eugenics“, der 1986 in Berlin stattfand, setzte sich die Zunft zwar kritisch mit der eigenen Vergangenheit auseinander, eingeladen waren aber auch die utilitaristischen Philosoph*innen Helga Kuhse und Peter Singer. Diese konnten ihre menschenverachtenden Thesen vorstellen und den ungehinderten Gebrauch der Fortpflanzungsmedizin für qualitative Ziele fordern.3 Eugenisches Denken und Handeln ist also nicht verschwunden, hat sich aber gewandelt. Ein Zeitpunkt, an dem eugenische Überlegungen nicht mehr feststellbar gewesen wären, ist nicht zu bestimmen.

Welches Kriterium?

Die Debatte um die (Dis)Kontinuitäten zwischen heutigen pränatalen Untersuchungen und der „alten“ Eugenik dreht sich um zwei bedeutende Merkmale, an denen die Unterschiede herausgestellt werden: die gegenwärtige Freiwilligkeit gegen den früher vorhandenen Zwang sowie die Individualität der Entscheidungen gegen bevölkerungspolitisch motivierte staatliche Verbesserungspläne. Das erste Argument reduziert Eugenik oft auf die nationalsozialistische Phase und ignoriert sowohl die vielfältigen Bemühungen für ein Sterilisationsgesetz in der Weimarer Zeit als auch die internationale Verbreitung solcher Gesetze. Dabei muss­ten die eugenischen Maßnahmen mitnichten mit Zwang und Gewalt zu tun haben, vielmehr richteten sich die Bemühungen sozialreformerischer Strömungen auf Überzeugung und Ermöglichung. Der zweite Einwand, der nur staatlich geplantes, auf die wie auch immer geartete Verbesserung der Bevölkerung gerichtetes Handeln als eugenisch ansieht, trifft partiell einen wichtigen Punkt. Eugenisches Handeln muss zwar nicht staatlich geplant sein, allerdings galten zentral gesteuerte Maßnahmen der Reproduktionskontrolle in Zeiten vor Pille und Kondom zu Recht als effektiver, als Appelle an die freiwillige Enthaltsamkeit. In Zeiten der neoliberalen Selbstoptimierung kann es hingegen als effektiver gelten, wenn die Subjekte selbst wollen, was sie sollen. Nicht ihre Methoden machen Eugeniker*innen erkennbar, sondern ihre Ziele. Das Ziel der Verbesserung einer größeren, als zusammengehörig gedachten Gruppe von Menschen wie ein Volk, eine Bevölkerung, eine Klasse oder Schicht lässt sich als historische Kontinuität quer durch die Fraktionen und politischen Strömungen feststellen. Dieses Ziel ist tatsächlich auch das einzige, was alle Eugeniker*innen über die Jahrzehnte und Kontinente verbunden hat. Daher gehe ich davon aus, dass ohne das Ziel einer wie auch immer gearteten Verbesserung der Bevölkerung eine Handlung oder Denkweise nicht als eugenisch eingeordnet werden kann, wenn der Begriff nicht jegliche definitorische Bedeutung verlieren soll.

Eugenische Demographie

Nach dem Kriterium der Bevölkerungsverbesserung trägt heutzutage das Elterngeld, so wie es in Deutschland gestaltet wird, deutlich eugenische Züge: Die Höhe des Elterngeldes orientiert sich am monatlichen Nettoeinkommen, das dem betreuenden Elternteil vor der Geburt des Kindes zur Verfügung stand und das nach der Geburt wegfällt. Es soll pronatalistisch dazu dienen, dass als gesellschaftliche Leistungsträger*innen angesprochene mehr oder überhaupt Kinder bekommen. Die ebenfalls beabsichtigten antinatalistischen Effekte entstehen dadurch, dass es auf Hartz IV und Sozialhilfe angerechnet wird, erwerbslose oder arme Frauen* also weniger Geld bekommen als vor der Einführung des Elterngeldes.4 Gesellschaftlich als nützlich empfundene Arbeitsmarktteilnehmer*innen sollen also zum Gebären und Aufziehen von Kindern aktiviert werden, die „Abgehängten“ sollen demotiviert werden.

Behindertenfeindlich, nicht eugenisch

Wenn das Ziel der Bevölkerungsverbesserung als das Kriterium ausgemacht wird, um den Unterschied zwischen eugenischem und nicht-eugenischem Denken und Handeln zu definieren, dann haben die heutigen individuellen Entscheidungen von Schwangeren nichts Eugenisches an sich. Auch das normalisierte System der kassenfinanzierten Pränataldiagnostik und deren Suche nach Behinderungen und Abweichungen muss mit anderen Begriffen kritisiert werden. Hier besteht offensichtlich nicht die Absicht, über PND den deutschen „Genpool“ zu verbessern oder die Bevölkerung zu optimieren. Die kommunizier- und wahrnehmbaren, gesellschaftlich legitimen Ziele bestehen hier in der Bedürfniserfüllung eines Wunsches nach Wissen und in der Vermeidung von antizipierten Leiden von werdenden Eltern und zukünftigen Kindern. Damit ist zwar die Dynamik der Ausweitung von selektiver Pränataldiagnostik noch nicht hinreichend beschrieben, sie ist allerdings mit einer tiefverwurzelten und gleichzeitig gesellschaftlich anerkannten wie tabuisierten Behindertenfeindlichkeit beziehungsweise Ableismus besser zu erklären als mit eugenischen Motivationen.

 

  • 1. Dieser Text basiert auf Überlegungen Kirsten Achteliks, die teilweise schon in ihrem 2015 erschienenen Buch „Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung“ zu finden sind.
  • 2. Waldschmidt, Anne (1996): Das Subjekt in der Humangenetik: Expertendiskurse zu Programmatik und Konzeption der genetischen Beratung 1945-1990. Münster: Westfälisches Dampfboot, S. 215.
  • 3. Ebd., S. 200.
  • 4. Nowak, Jörg (2009): Geschlechterpolitik und Klassenherrschaft: eine Integration marxistischer und feministischer Staatstheorien. Münster: Westfälisches Dampfboot, S. 230-234.

Kirsten Achtelik ist Mitarbeiterin des GeN und Redakteurin des GID.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
246
vom August 2018
Seite 15 - 16