Die kapitalisierte Eizelle

Eizell"spende" als neue Form der Wertschöpfung

Anknüpfend an die verschiedenen feministischen Positionierungen zu Reproduktionstechnologien im  Schwerpunkt des letzten GID soll hier ein weiterer bioökonomischer Aspekt analysiert werden.

Die Entwicklungen in der Reproduktionsmedizin sind keine zufälligen Ereignisse, sondern verwoben mit sich verändernden gesellschaftlichen und ökonomischen Machtverhältnissen. Diese Dynamik der gegenseitigen Beeinflussung von Technologie und Gesellschaft soll anhand der transnationalen Märkte der Eizellspenden 1 dargestellt und mit den Konzepten von Bioökonomie und Biokapitalismus untersucht werden.

Befürworter_innen der Legalisierung von Eizellspenden werden nicht müde zu wiederholen, dass eine Kommerzialisierung der Eizelle und des Reproduktionsmarktes nur durch gesetzliche Regulierungen in Form von Legalisierung in Deutschland zu verhindern wäre. Vorgeschlagen wird meist die ausschließliche Veräußerung der Eizelle im Rahmen einer altruistischen Spende. Weshalb die Idee einer vermeintlich altruististischen Spende wichtige Aspekte des Reproduktionsmarktes unsichtbar macht, hat Ulrike Baureithel bereits im letzen GID anschaulich dargestellt.2 Ich möchte mit diesem Artikel eine weitere Perspektive ergänzen: Verortet man den transnationalen Markt um Eizellspenden als bioökonomisches Feld, wird deutlich, dass es schlichtweg nicht möglich ist, Reproduktionssubstanzen jenseits eines kommerzialisierten Marktes zirkulieren zu lassen.

Bioökonomien - die Bewirtschaftung des Lebens

Das Konzept Bioökonomie ermöglicht eine kritische Analyse der Verbindung von Biowissenschaften und kapitalistischer Produktion.3 Es beschreibt die In-Wert-Setzung von Körpersubstanzen und die spezifischen Prozesse, die diesem auch als Kommodifizierung bezeichneten Prozess als Bedingung vorausgehen müssen. Der wichtigste Rohstoff in der bioökonomischen Produktion ist immer eine Körpersubstanz, welche mit Hilfe eines technologie-basierten Zugriffs aus dem Körper extrahiert wird. Der spezifische bioökonomische Gewinn entsteht erst in dem Moment, in dem der vom Körper losgelöste Rohstoff in einem anderen Rahmen, zum Beispiel als Zeugungssubstanz, genutzt wird. Im Folgenden soll die Theorie um die In-Wert-Setzung von Körperstoffen am Beispiel des Rohstoffs Eizelle nachvollzogen werden, denn die Eizellspende ist, wie alle Reproduktionstechnologien, in die Logik der Bioökonomie eingebunden.

Die Eizellspende ist wissens- und technikbasiert, denn sie wäre ohne die entsprechenden Entdeckungen und Erfindungen (wie hormonelle Stimulation, Follikelpunktion) nicht durchführbar. Erst die Extraktion aus dem Körper ermöglicht es überhaupt, der Eizelle ihren spezifischen Wert zu verleihen. Nur eine vom Körper isolierte Eizelle kann als Produkt auf dem Markt zirkulieren und wird so eigentumsfähig. Nach ihrer Extraktion wird die isolierte Eizelle befruchtet, um anschließend als Embryo in eine andere Gebärmutter eingesetzt zu werden. Erst durch diese Verpflanzung in einen anderen Körper wird die Eizelle wertvoll, denn sie wird nach der externen Befruchtung in einem neuen Kontext (dem neuen Uterus) als Zeugungsrohstoff re-integriert. Somit ist die isolierte unbefruchtete Eizelle zunächst gleichzeitig wertlos (ohne technologisches Zutun ist sie ein Stück nutzlose Körpersubstanz) und unermesslich wertvoll (aufgrund ihres reproduktiven Potentials). Ihr Wert lässt sich zudem einerseits als ökonomische Größe messen als konkreten Gewinn, den die Kliniken erwirtschaften; andererseits hat die Eizelle einen nicht messbaren sozioökonomischen und emotionalen Wert, da sie das Versprechen auf ein Kind symbolisiert.4 Hinzu kommt, dass neben dem wachsenden Reproduktionsmarkt auch die Forschung einen stetig steigenden Bedarf an Eizellen hat. Die Nachfrage nach Eizellen ist hoch und wird perspektivisch weiter steigen, sie sind die „Diamanten der Reproduktions-Industrie“.5

Es ist ein spezifisches Merkmal der Bioökonomie, dass Gefühle eine entscheidende Rolle spielen. Eine gespendete Eizelle ist niemals eine Garantie für ein Baby. Sie erhöht bloß die Chancen auf ein Kind. Verkauft wird nicht ein gegenwärtiges Produkt, sondern ein potentielles Zukunftsereignis. Hoffnung ist ein wichtiger Faktor, der den reproduktionsmedizinischen Markt florieren lässt und ihm Aufwind gibt, gleichzeitig lässt sie die körperlich anstrengenden Prozeduren mit verhältnismäßig geringen Erfolgschancen erst erträglich werden. Bioökonomie als Konzept ermöglicht es zu verstehen, wie sich In-Wert-Setzung im Kontext moderner lebenswissenschaftlicher Innovationen vollzieht und wie sie sich von anderen Formen der Produktion unterscheidet. Die Konsequenzen dieser neuen Form von Wertschöpfung für gesellschaftliche Rollen und Subjekte lassen sich mit dem Begriff des Biokapitalismus beschreiben.

Biokapitalismus - die Produktion moderner Subjektivitäten

Kaushik Sunder Rajan versucht mit seinem Begriff des Biokapitalismus aufzuzeigen, wie Biotechnologien im Kapitalismus nicht nur neue Formen der Wert-Schöpfung erzeugen, sondern im Zuge dessen auch Subjektkonstitutionen beeinflussen und neue Subjekte hervorbringen. Er rückt damit die sozialen und gesellschaftlichen Konsequenzen von Bioökonomien in den Fokus. Laut Rajan gehen neue Formen der Subjektivitätskonstruktionen und neue Formen der Werterzeugung auf dem freien Markt im Biokapitalismus Hand in Hand.6 Bei den Bioökonomien oder dem Biokapitalismus handelt es sich nach Rajan aber keinesfalls um eine gänzlich neues Stadium des Kapitalismus: „Der Kapitalismus ist vielgestaltig und wandelbar, daher haben wir es immer mit Kapitalismen zu tun”.7 Biokapitalismus ist demnach eine spezifische Form im Kapitalismus, welche nicht mehr primär mit konkreter materieller Produktion, sondern „gefühlten Möglichkeiten zukünftiger Produktivität oder zukünftiger Gewinne“ zu tun hat, mit „Visionen, Hypes und Versprechen“.8 Im Falle der Eizellspende sind es die Kinderwunschpaare, die von den Verheißungen der Reproduktionskliniken auf eine mögliche Schwangerschaft angelockt werden.

Nicht der direkte Zugriff auf den Körper ist das spezifisch Neue in der Bioökonomie, die Aneignung von Leben war dem Kapitalismus schon immer immanent. Es ist zentral, dass das vom Körper extrahierte biologische Material in einem anderen Kontext eine gänzlich neue Bedeutung bekommt. Dabei wird eben nicht die Eizelle als solche verkauft. Es ist die Wahrscheinlichkeit auf eine potentielle Schwangerschaft, die im Rahmen einer Eizellspende veräußert wird, das heißt die Möglichkeit eines zukünftigen Kindes.

Im Biokapitalismus werden soziale und gesellschaftliche Beziehungen neu strukturiert. Es werden Subjektpositionen hervorgebracht und modifiziert, die neue Formen der Wertschöpfung durch Konsum oder Verkauf körpernaher Substanzen ermöglichen. Das betrifft soziale und kulturelle Dimensionen auf der individuellen, sozialen und gesellschaftlichen Ebene.9 Das Phänomen der Verboten ausweichenden Reproduktion ist nicht - oder nur zum kleinen Teil - eine individuelle Konsumentscheidung. Neue Subjektivitäten entstehen nicht kontextunabhängig. Veränderungen der gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse und Normen führen dazu, dass ein Subjekt als Kinderwunschpatient_in oder Eizellspenderin konstituiert und Teil eines Marktverhältnisses wird. Es entstehen Akteur_innen, die wiederum Strukturen verfestigen, zum Beispiel das Vorbild der nun glücklichen Eltern oder das Motiv der verzweifelten Patientin, die auch nach mehreren Versuchen kein Baby gebären konnte, aber die Spirale der Versuche nicht verlassen kann.

Dabei handelt es sich nicht um eine lineare Beziehung, in der soziale Veränderungen ausschließlich eine Folge neuer Technologien sind; vielmehr konstituieren sich 'das Wissenschaftliche' und 'das Soziale' wechselseitig, sie ko-produzieren sich. Technologische Innovation, Kapitalismus und gesellschaftliche Normen sind ineinander verwoben. Die Reproduktionsmedizin setzt am individuellen Körper an, „[i]hre Wirkung reicht jedoch weit darüber hinaus. Diese Technologien transformieren nicht nur den materiellen Körper, sondern auch die darin buchstäblich verkörperte Person und ihre sozialen Beziehungen.“10

Diskutieren statt Normalisieren

Die Reproduktionstechnologien beeinflussen die Diskurse über bis dato nicht in Frage gestellte Gewissheiten. Erst wenn es technisch möglich ist Eizellen zu transferieren, muss und kann die Frage (neu) gestellt werden, wer Mutter ist. Das geschieht über Diskurse, die zu Normalisierungen und Naturalisierungen führen, neue Wahrheiten hervorbringen und Wissen herstellen.11 Die Ergebnisse gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse finden sich schließlich in Form von Gesetzen, Regeln und Richtlinien wieder. Auch hier handelt es sich nicht um lineare Kausalitäten, sondern um langfristige und widersprüchliche Prozesse.

Es wird erneut deutlich: Die Möglichkeiten der Hightech-Medizin werden gemäß vorhandener Vorstellungen und Normen reguliert, gleichzeitig wirken sie auf eben jene Normen ein. Die Reproduktionstechnologien bringen neue individuelle Bedürfnisse und gesellschaftliche Normen hervor, „sie fungieren als Motoren der Umgestaltung sozialer Normen im Bereich von Reproduktion und Gesundheit, der Standardisierung sozio-biologischer Prozesse und der Optimierung von Humankapital. Sie konstruieren soziale Ordnungen und Wertsysteme.“12

Die Eizellspende als transnationale Dienstleistung ist in vielfältige soziale und ökonomische Machtverhältnisse eingebunden. Ihr liegen spezifische Subjektkonstitutionen zugrunde, welche erst durch die Möglichkeit des Eizelltransfers hervorgebracht wurden. Diese sind insbesondere die Eizellspenderin auf der einen und das Kinderwunschpaar, beziehungsweise die Bestelleltern auf der anderen Seite, welche in ihrer Funktion einer weiteren Analyse bedürfen.

Die bioökonomische Perspektive verdeutlicht die dringende Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Debatte um Reproduktionstechnologien. Es ist wichtig, feministische Perspektiven auf das Thema zu entwickeln und den Diskurs mitzubestimmen, denn das Ringen um ein Fortpflanzungsmedizingesetz stellt die Frage nach den gesellschaftlichen Normen - hier werden für die Zukunft wichtige Weichen gestellt.

  • 1. Um die Widersprüchlichkeit des Begriffs Spende sichtbar zu halten, schreibe ich das Wort kursiv.
  • 2. Baureithel, Ulrike (2017): Unabgeschlossene Verhältnisse. In: GID 242, S. 20-21, www.gen-ethisches-netzwerk.de/node/3597.
  • 3. Verbreiteter ist der Begriff zur Beschreibung von Konzepten und Strategien zur Nutzung nachhaltiger Ressourcen in Produktion und Industrie - eine Definition, die hier zu vernachlässigen ist.
  • 4. Vgl. Knecht, Michi (2010): Reflexive Bioökonomisierung. Werteproduktion in einer Samenbank, in: Berliner Blätter: Ethnographische und ethnologische Beiträge, Nr. 01/10, S. 163-176.
  • 5. Vgl. Bergmann, Sven (2014): Ausweichrouten der Reproduktion. Biomedizinische Mobilität und die Praxis der Eizellspende, Wiesbaden: Springer Fachmedien, S. 153.
  • 6. Sunder Rajan, Kaushik (2009): Biokapitalismus. Werte im postgenomischen Zeitalter, Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 258.
  • 7. Ebd. S. 18.
  • 8. Ebd. S. 30.
  • 9. Vgl. Hauser-Schäublin, Brigitta et. al. (2008): Der geteilte Leib: die kulturelle Dimension von Organtransplantation und Reproduktionsmedizin in Deutschland, www.kurzlink.de/gid243_h.
  • 10. Ebd. S. 8.
  • 11. Vgl. Bergmann, S. 22 f.
  • 12. Wichterich, Christa (2015): Sexuelle und Reproduktive Rechte, Schriften des Gunda-Werner-Instituts, Berlin: Heinrich-Böll-Stiftung, S. 39.

Elisabeth Neumann (BA Soziale Arbeit) hat ihre Bachelorarbeit zum Thema „Kritische Perspektiven auf Reproduktionstechnologien am Beispiel der Eizellspende“ geschrieben. Aktuell studiert sie im Master Angewandte Sexualwissenschaften an der Hochschule Merseburg.

zur Artikelübersicht
GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
243
vom November 2017
Seite 29 - 31