Illegaler Weizen

Verunreinigung mit gv-Weizen in den USA

22 Weizenpflanzen können ausreichen, um den Handel mit dem global drittwichtigsten Getreide vorübergehend einzuschränken. Zumindest dann, wenn es sich um Pflanzen einer gentechnisch veränderten (gv) Weizensorte handelt, die dort auftauchen, wo sie nicht auftauchen dürften. So geschehen im Nordwesten der USA - mal wieder.

Ein kurzer Rückblick: Ende Juli gab das US-Landwirtschaftsministerium USDA bekannt, dass ein Landwirt aus dem US-Bundestaat Washington 22 gv-Weizenpflanzen auf einer brachliegenden Ackerfläche entdeckt hatte. Nach Angaben der Behörde handelte es sich dabei um die von Monsanto entwickelte herbizid-tolerante Linie MON71700. Sie produziert das Protein CP4 EPSPS, das sie unempfindlich gegenüber Glyphosat macht - dem Hauptbestandteil in Monsantos Totalherbizid Roundup. Das Unternehmen bestätigte die Information. Die gv-Sorte sei im Zeitraum von 1998 bis 2001 in mehreren Feldversuchen im Pazifischen Nordwesten getestet worden - ein Gebiet, zu dem neben Washington auch Oregon und weitere angrenzende US-Bundesstaaten gerechnet werden -, sei jedoch nie über den Versuchs-Status hinausgekommen und habe bis heute keine Marktreife erlangt.

Auch die Behörde für Lebensmittelsicherheit (Food and Drug Administration, FDA) meldete sich prompt zu Wort und versuchte, eventuell aufkommenden Sicherheitsbedenken gleich vorab die Luft aus den Segeln zu nehmen: Sie halte es für „unwahrscheinlich“, dass von dem Weizen ein Sicherheitsrisiko ausgehe, selbst wenn er aufgrund dieses Kontaminationsfalls in die Lebensmittelkette gelangen würde.

Ökonomische und juristische Folgen

Diese Beschwichtigung hielt Japan, den wichtigsten Abnehmer von US-Weizen, nicht davon ab, seine Weizen-Importe aus den USA teilweise auszusetzen und bereits erhaltene Lieferungen vorerst zurückzuhalten. Auch Südkorea, der fünftwichtigste Abnehmer von US-Weizen, leitete entsprechende Schritte ein. Bereits im August gaben beide Länder wieder Entwarnung: Die von Monsanto bereitgestellten Testverfahren hätten ergeben, dass die importierten Lieferungen keine entsprechendenden gv-Pflanzen enthalten. Und die USDA ließ wissen, dass auch in den USA keine gv-Pflanzen auf den Markt gelangt seien, da es sich bei dem Fund um einen Einzelfall gehandelt habe.

So weit, so gut? Dass sowohl Monsanto als auch den US-Behörden alles daran gelegen ist, einen Verunreinigungs-Skandal zu vermeiden, liegt auf der Hand: Der Vorfall erinnerte die Fachöffentlichkeit sofort an einen ähnlichen Fall aus dem Jahr 2013. Auch damals wurde gv-Weizen auf einem Feld gefunden - ebenfalls im Bundesstaat Oregon und ebenfalls eine herbizid-tolerante Sorte von Monsanto, die ein Dutzend Jahre vorher in verschiedenen Bundesstaaten testweise freigesetzt worden war. Monsanto hat seine Schuld bis heute nicht eingestanden - war jedoch bereit, in einer außergerichtlichen Einigung weit über zwei Millionen US-Dollar an Weizenfarmer zu zahlen. Diese hatten das Unternehmen auf Schadensersatz verklagt, weil sie den Weizen nach Entdeckung der Verunreinigung nicht mehr verkaufen konnten - der Weizenexport nach Asien war damals vorübergehend eingebrochen. Auch bei einem weiteren Fund von nicht genehmigtem gv-Weizen im Jahr 2014 im Bundesstaat Montana zog es der Konzern vor, die Prozesse gegen die Zahlung einer Entschädigung einzustellen und die Sachlage nicht bis zum Ende juristisch aufzuarbeiten. Auch in anderer Hinsicht hatte der Verunreinigungsfall von 2013 juristische Konsequenzen: Mittlerweile müssen Freisetzungsversuche mit gv-Weizen nicht mehr nur bei den Behörden gemeldet, sondern von diesen auch genehmigt werden. Dies soll Verunreinigungen konventioneller Pflanzen verhindern, oder zumindest dazu beitragen, dass diese frühzeitig bemerkt werden.

Fehlende Erklärung

Wie kommt es eigentlich dazu, dass 16 Jahre nach dem Ende der Freisetzungsversuche einzelne Pflanzen plötzlich auf einem Feld auftauchen? Das, so versichert die USDA, solle nun geprüft werden. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass das Ergebnis dasselbe sein wird wie nach dem Verunreinigungs-Skandal 2013. Damals führte die USDA eine aufwändige Untersuchung durch, die in der Veröffentlichung eines 12.800-seitigen Abschlussberichts resultierte. In der Pressemitteilung dazu konstatierte die Behörde, sie sei „nicht in der Lage gewesen im Detail zu ermitteln, warum der gv-Weizen auf dem Feld des betroffenen Landwirts gewachsen ist“.1

Anne Bundschuh war Mitarbeiterin im GeN und Redakteurin des GID.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
239
vom Dezember 2016
Seite 19