Ungehorsam gegen die Agro-Gentechnik

Die freiwilligen Feldbefreier machen wieder mobil gegen die Gentechnik. Nach einer Absage und zwei regionalen Aktionen in Gießen und Oberboihingen am Pfingstwochenende steht Ende Juli das gentechnikfreie Wochenende in Brandenburg bevor.

Ich bin ein Freiwilliger Feldbefreier. Ich beteilige mich an dem gewaltfreien Widerstand im Rahmen von Gendreck-weg und beteilige mich am Ausreißen von Gendreckpflanzen jetzt und/oder bei einer späteren Aktion". Täglich kommen per Mail und Post Absichtserklärungen wie diese bei der Initiative Gendreck-weg – Freiwillige Feldbefreiung an. Es melden sich junge und alte Menschen, viele von ihnen in der Landwirtschaft oder im Biolebensmittelhandel beschäftigt, viele besorgt um die Zukunft der Landwirtschaft, um gesunde Nahrung oder um die Demokratie. Denn trotz eindeutiger Mehrheit gegen die Risikotechnologie verhindert die Politik die Aussaat nicht. Es gibt immer mehr Menschen, die nicht davor zurückschrecken, eine Gesetzesübertretung anzukündigen. Ihre Absichtserklärungen werden im Internet veröffentlicht, das ist Teil des Konzeptes. Diese Erklärungen machen politischen Druck. Sie zeigen bereits Wochen vor der eigentlichen Aktion, wer sich darauf vorbereitet, gentechnisch manipulierten Pflanzen zu Leibe zu rücken und Felder zu befreien.

Feldbefreiung 2005

Die Initiative Gendreck-weg der FeldbefreierInnen wurde 2005 von Imkern, Bauern und Bäuerinnen aus Süddeutschland ins Leben gerufen. Im vergangenen Sommer fand ihre erste öffentliche Feldbefreiung mit rund 300 TeilnehmerInnen bei Strausberg in Brandenburg statt. Ein massiver Polizeieinsatz konnte nicht verhindern, dass einige der Aktiven schneller waren, das Maisfeld erreichten und einen Teil des Feldes befreiten. Die meisten Beteiligten kehrten motiviert von dem Wochenende zurück. Die Aktion stieß auf ein großes - aufgeschlossenes - Medieninteresse.

Anbau-Saison 2006

In der Anbau-Saison 2006 soll das Thema Feldbefreiung wieder eine große Rolle spielen. Gendreck-weg kündigte zwei gentechnikfreie Wochenenden mit Feldbefreiung an. Die erste, die für Pfingsten im bayrischen Poing-Grub geplant war, musste jedoch aufgrund organisatorischer Schwierigkeiten und nach Rücksprache mit den Partnern vor Ort abgesagt werden. Dennoch wurde das verlängerte Wochenende von eigenständigen Initiativen für Aktionen nach der Idee der Freiwilligen Feldbefreiung genutzt.

Ziviler Ungehorsam als Option im Widerstand

Die Zuschauer der Hessenschau konnten am Freitag vor Pfingsten eine turbulente Feldbefreiungsaktion auf dem Bildschirm nachvollziehen. Auf einer Fläche der Uni Gießen wird der erste Freilandversuch mit gentechnisch veränderter Gerste in der Bundesrepublik durchgeführt. GentechnikgegnerInnen hatten kurz nach der Aussaat ihren Widerstand angekündigt und über die Möglichkeit, sich mit eigenen Absichtserklärungen zu beteiligen, informiert. Schließlich hatten sie über die Pfingsttage am Rande des Feldes eine Mahnwache angemeldet. Am Freitag vor Pfingsten konnte eine kleine Gruppe auf das Feld gelangen. Obwohl die Polizei schnell eingriff, wurden etwa 20 Prozent der Gerstenpflanzen zerstört. Die Universität kündigte hohe Schadensersatzforderungen an. Den sechs Feldbefreiern wurden Platzverweise erteilt, zwei von ihnen mussten bis nach Pfingsten in "Unterbindungsgewahrsam" bleiben. Die Gießener Gruppe setzte ihre Mahnwache fort und unternahm wiederholt symbolische Spaziergänge zum Versuchsfeld. Der Bio-Imker Achim Schultheiß aus Baden-Württemberg hatte in der Woche vor Pfingsten öffentlich angekündigt, am Pfingstmontag nach Oberboihingen bei Stuttgart zu ziehen, um dort drei Genmaispflanzen auszureißen und zu entsorgen. Nach seiner Ankündigung schlossen sich rund 30 Personen der Widerstandsaktion an. Als die Polizei an dem Feld der Firma Monsanto erschien und die Personalien der Anwesenden aufnahm, fehlten bereits Hunderte der gentechnisch veränderten (gv) Maispflanzen.

Aktionscamp

Für das Wochenende vom 28.-30. Juli kündigt die Initiative Gendreck-weg – Freiwillige Feldbefreiung nun ein großes Aktionscamp mit anschließender Feldbefreiung an. Die Vorbereitungen laufen zusammen mit GentechnikgegnerInnen aus der Region. Eine besondere Note wird die Feldbefreiung durch Musiker und Musikerinnen des Projektes "Lebenslaute" erhalten, die mit klassischen Instrumenten ein hörbares Zeichen gegen Agro-Gentechnik setzen werden. Das Aktionswochenende findet im brandenburgischen Landkreis Oberhavel statt, möglichst nah an zwei gv-Maisfeldern in der Nähe der Stadt Zehdenick.

Zugespitzte Aktionsformen in einem zugespitzten Konflikt

Der Widerstand gegen Gentechnik in der Landwirtschaft kennt viele Spielarten – viele Möglichkeiten, den Agrarkonzernen einen Strich durch die Rechnung zu machen. Trotz beachtlicher Ressourcen und intensiver Lobbyarbeit konnten die Gentechnik-Befürworter die KonsumentInnen bislang nicht überzeugen. Viele Bauern wehren sich gegen die zweifelhaften Angebote der Konzerne. Gentechnikfreie Zonen sind wichtige und erfolgreiche Sperrgebiete gegen die Risikotechnologie und erweisen sich immer wieder als erfreulich ansteckend. Dort, wo das Vorhaben, genveränderte Pflanzen anzubauen, dem Standortregister gemeldet wird, geht die Auseinandersetzung in die nächste Runde. Bis zum Tag der Aussaat können Anbaupläne noch über den Haufen geworfen werden. Aufgrund von Einsicht, Druck, Risikoabschätzungen und so weiter geschieht das immer wieder. Wo all diese Maßnahmen keinen Erfolg zeigten, wuchsen und blühten bislang die umstrittenen Pflanzen (wenn nicht nächtliche Gäste dem Feld den Garaus machten). Die öffentlichen Feldbefreiungen setzen hier an und füllen eine Leerstelle. Sie sind glaubwürdig, gerade weil die Argumente gegen die Gentechnik sehr weit verbreitet sind. Gerade weil die Gefahren bekannt sind und sich viele fragen: "Was können wir noch tun, wenn alles andere nicht geholfen hat?". Die Dringlichkeit nimmt zu, wenn der Zeitpunkt der Blüte näher rückt. Die Gentechnik auf den Feldern ist nicht zu kontrollieren. Bienen und Wind scheren sich nicht um Sicherheitsabstände, der transgene Pollen wird die gentechnikfreie Ernte der Nachbarn verunreinigen – und rückholbar sind die manipulierten Gene nicht. Die FeldbefreierInnen berufen sich auf die Tradition des Zivilen Ungehorsams. Sie treten dem Unrecht und der Gewalt, die von Agro-Konzernen ausgeht, öffentlich entgegen und sind bereit, die Konsequenzen zu tragen. Weil Nachbarfelder kontaminiert werden, begründen die FeldzerstörerInnen ihre Aktion und berufen sich auf "Notwehr". Interessanterweise gab es im letzten haben Jahr einige Gerichtsurteile in Frankreich und in Polen, die diese Begründung unterstützen. Im November 2005 sprach ein Gericht im französischen Orleans 49 Angeklagte frei, die auf zwei Feldern von Monsanto transgenen Mais ausgerissen hatten. Das Gericht sprach den AktivistInnen das Recht zu, Nothilfe zum Schutz der Umwelt zu leisten. Bereits davor hatte ein polnisches Gericht einen Bauern freigesprochen, der wegen Blockaden von illegalen Genmais-Importen angeklagt worden war. Das Gericht erkannte an, dass seine Aktionen dem Schutz der Landwirtschaft und der Gesundheit der Bevölkerung dienen sollten. Die Idee der Feldbefreiung stammt aus Indien. In den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts verdarben indische Bauern dem Konzern Monsanto eine Versuchsreihe und entfernten nach öffentlicher Ankündigung wiederholt transgene Baumwolle von den Feldern. Seit Ende der 90er Jahre treten auch in Frankreich und in Großbritannien Menschen in Erscheinung, die angekündigt und in aller Öffentlichkeit Gentech-Felder abmähen.

Verschiedene Antworten

Schon die erste Ankündigung der Feldbefreiung für den Sommer 2005 löste viele Diskussionen aus: Würde die Idee funktionieren? Welche "Nebenwirkungen" haben Zuspitzungen wie Ziviler Ungehorsam? Wird es für die "friedlichen Gentechnik-GegnerInnen" schwieriger, für rechte Scharfmacher oder gar für die Gentech-Industrie leichter, wenn es Feldbefreiungsaktionen gibt? Das sind Fragen, auf die verschiedene Akteure verschiedene Antworten geben. Dass sie gestellt werden, ist berechtigt und ein wichtiger Schritt hin zu einem guten Umgang mit einem vielfältigen Widerstand. Denn während jede Organisation ihren Weg, jede Initiative ihre Strategie selbst entwickeln muss, sollte Sensibilität für andere Strategien entwickelt werden. Der Castor-Widerstand im Wendland steht bei jedem Atommülltransport vor ähnlichen Herausforderungen. Dort hat man inzwischen zu einer bewundernswerten gegenseitigen Toleranz gefunden. Im Vorfeld werden "Streckenkonzepte" vereinbart, damit sich zum Beispiel gewaltfreie und militante AktivistInnen nicht (unverhofft) in die Quere kommen. Und alle üben sich darin, Distanzierungen zu vermeiden. In den nächsten Monaten wird es weitere Erfahrungen mit der Idee der Feldbefreiungen geben. Ihnen ist Erfolg zu wünschen, wie vielen anderen wichtigen Ansätzen auch. Breit, bunt und unberechenbar wird der Widerstand gegen Monsanto, Bayer und Co letztlich am erfolgreichsten sein.

Weitere Informationen im Netz unter: www.gendreck-weg.de. Kontakt: aktion@gendreck-weg.de. Link zum Video über die öffentlich angekündigte Genpflanzen-Entsorgung des Bioimkers Achim Schultheiß in Oberboihingen bei Stuttgart: www.cinerebelde.org/site.php3?id_article=279&lang=de

Jutta Sundermann ist Unterstützerin von Gendreck-weg - Freiwillige Feldbefreiung.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
176
vom Juni 2006
Seite 27 - 28

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