Mit Tricks zum Goldenen Reis?

Eine fragwürdige Kampagne für gentechnisch veränderten Reis

Eine im Januar gestartete Kampagne für die Nutzung des gentechnisch veränderten Goldenen Reis macht Greenpeace und andere für den Tod von acht Millionen Kindern verantwortlich.

Ganz im Graswurzel-Bewegungs-Stil stehen Patrick Moore und Klaus Ammann vor dem Büro von Greenpeace, um dort gegen die Politik der Organisation zu demonstrieren und für den gentechnisch veränderten Goldenen Reis zu werben.1 Moore, Initiator dieser Kampagne und Gründer der neuen Organisation „Allow Golden Rice Society“, ist ehemaliger Leiter von Greenpeace in Kanada, Greenpeace-Aussteiger und Greenpeace-Kritiker. Zentrale Mitteilung des „Kampagnen-Sprechers“: Gentechnik-kritische Nichtregierungsorganisationen, allen voran eben Greenpeace, verhindern, dass der Goldene Reis auf den Markt kommt. Dieser Logik folgend seien die Organisationen Schuld am Tod von acht Millionen Kindern. Diese und andere Thesen versuchte Moore im Januar auf einer zweiwöchigen Europa-Tournee unters Volk zu bringen. Begleitet und unterstützt wurde er dabei von dem emeritierten schweizerischen Botanik-Professor Klaus Ammann. Im deutschsprachigen Raum hat die neuerliche Kampagne der UnterstützerInnen des Goldenen Reis ihren medialen Auftakt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) genommen. Dabei verwundert in erster Linie das Wie der Berichterstattung: FAZ-Wissenschaftsredakteur Joachim Müller-Jung sekundiert die Geschichten von Moore und Ammann ohne Wenn und Aber. Und das ist, was an der aktuellen Kampagne am meisten verwundert. Es stellt sich die Frage, was den FAZ-Redakteur dazu gebracht hat, diese Thesen zum Goldenen Reis derart unkritisch und unreflektiert zu übernehmen. Müller-Jung schreibt zum Beispiel, der „gelbe, Provitamin-A-haltige Reis, der 1999 von der deutsch-schweizerischen Gruppe um Ingo Potrykus und Peter Beyer mit Gentechnik erzeugt und 2002 marktreif entwickelt worden war“, werde „seinen humanitären Zweck weiterhin nicht erfüllen können.“2 Das ist schlicht und ergreifend gelogen. Denn die WissenschaftlerInnen des International Rice Research Institute auf den Philippinen, die heute an der Weiterentwicklung des Goldenen Reis arbeiten, haben sich vor nicht einmal einem Jahr, im Februar 2013, unmissverständlich an die Öffentlichkeit gewandt: Ihren Ausführungen zufolge müssten noch weitere Untersuchungen durchgeführt werden, da „bisher nicht nachgewiesen wurde, ob der tägliche Konsum von Goldenem Reis den Vitamin A-Status von Menschen mit Mangelerscheinungen bezüglich Vitamin A verbessert.“3 Von Marktreife kann also keine Rede sein. Vielmehr wird deutlich, dass es dem Reis weiterhin am sogenannten Proof of Concept fehlt, also dem Nachweis, dass die Theorie sich auch durch die Praxis bestätigen lässt. Im vergangenen Jahr trafen der Autor dieses Textes und der Erfinder des Goldenen Reis, Ingo Potrykus, aufeinander - nicht persönlich, sondern in einem Beitrag im Deutschlandfunk: Ich hatte der Autorin von einem Fall berichtet, in dem WissenschaftlerInnen Kindern zu Versuchszwecken Goldenen Reis verabreicht hatten, um der Bestätigung der Annahme, dass das Pro-Vitamin A des Reis vom Stoffwechsel genutzt werden kann, ein Stückchen näher zu kommen. Die Eltern der betroffenen (chinesischen) Kinder waren jedoch nicht in ausreichender Weise darüber informiert worden, dass es sich bei dem verwendeten Reis um eine gentechnisch veränderte Sorte handelte. Potrykus dementierte dies schlicht als „Falschmeldungen“ - wie auf der Internetseite des Deutschlandfunks noch heute nachzulesen ist.4 Auf Nachfrage hat die beteiligte Tuffts Universität im US-Bundesstaat Massachusetts aber bestätigt, dass sich die beteiligten WissenschaftlerInnen tatsächlich „unethischer“ Wissenschaftspraktiken schuldig gemacht haben. Der Versuchsleiterin „wurde für einen Zeitraum von zwei Jahren die Teilnahme an Forschungsprojekten mit Menschen untersagt“.5  

Christof Potthof war bis Ende April 2020 Mitarbeiter im GeN und Redakteur des GID.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
222
vom April 2014
Seite 42

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