Grundlagen des Rassismus

In Sarrazins Irrgarten

Am Grund der Sarrazin-Debatte steht ein weit verbreiteter biologischer Determinismus. Anmerkungen zur jüngsten Debatte über erbliche Intelligenz-Unterschiede bei MigrantInnen.

Viele Zeitgenossen teilen die Ansicht, dass Menschen aufgrund ihrer körperlichen Beschaffenheit gewisse Fähigkeiten oder Eigenschaften haben, die nicht zu ändern sind. Sie scheinen erblich zu sein und von Generation zu Generation zu wandern. Diese Einstellung Rassismus zu nennen, ist nicht ganz präzise. „Biologischer Determinismus“ oder „biologischer Essentialismus“ wäre treffender - gleichgültig, ob es um gute oder schlechte Eigenschaften geht: Der Grund fürs Anderssein sind angeblich die Gene. Der biologische Determinismus hat sich im 20. Jahrhundert weltweit als gefährlich erwiesen. Ein wichtiger Grund hierfür war sein Erfolg unter Naturwissenschaftlern. Sicher unterscheidet sich der heutige biologische Determinismus von dem des frühen 20. Jahrhunderts. Nicht jeder, der einem „Volk“ genetische Besonderheiten zuschreibt, hat nationalsozialistisches Gedankengut im Hinterkopf. Aber seit den 1990er Jahren befördert ihn ein medialer Hype um die Humangenetik: Forscher haben das Gen für Religiosität entdeckt! Das Gen für Untreue! Für Intelligenz! Für nomadische Lebensweise! Dazu kommen Herkunftsmythen à la: „Die braunen Augen sind sicher einem südlichen Einschlag zu verdanken“ und „Südländer sind ja bekanntlich temperamentvoll“.

Falsch verstandene Statistiken

Was dabei verschwiegen wird, ist der Unterschied zwischen einem kausalen Zusammenhang und einer statistischen Korrelation. Gene kodieren für Proteine, nicht für Eigenschaften. Kausale Zusammenhänge zwischen Genprodukten und Charaktereigenschaften herzustellen, ist Wissenschaftlern bisher nicht gelungen. Was sie lediglich nachgewiesen haben, ist, dass bestimmte Gen-Allele - Versionen eines Gens - auffallend häufig mit Verhaltensbeobachtungen korrelieren. Damit ist noch nichts über die Ursache der Korrelation gesagt: Sie kann teilweise erblich bedingt sein, aber auch ein Artefakt, eine statistische Verzerrung, sie kann kulturell bedingt oder ganz anders zustande gekommen sein. Dennoch haben die Medien großen Erfolg mit vereinfachenden Darstellungen. Aber nicht nur Journalisten bedienen das Bedürfnis nach biohistorischen Identifikationen, sondern auch Wissenschaftler selbst. Es gibt zum Beispiel jüngere Studien, die behaupten, „Abraham’s Children“ teilten gemeinsame genetische Strukturen. Aber solche Studien sind umstritten, eben weil sie vorgeben, althergebrachte ethnische, nationale und kulturelle Bezeichnungen aus der komplexen Materie DNA wie Namensschilder einfach ablesen zu können. Studien über auffallende genetische Muster bei „aschkenasischen Juden“ - wen auch immer die verschiedenen Definitionen dazu zählen - verschweigen oft, dass auch Angehörige anderer, benachbarter Orte oder Gruppen ein solches Muster aufweisen.

Politische Logik des biologistischen Denkens

Um die weite Verbreitung biologistischen Denkens zu verstehen, muss man beachten, dass sich oft auch jene Minderheiten auf biologische Essentialismen berufen haben und berufen, die von der Mehrheitsgesellschaft mit biologistischen Argumenten ausgegrenzt werden. Angehörige marginalisierter Gruppen auf der ganzen Welt haben sich im gesamten 20. Jahrhundert explizit auf Biologie und Genetik gestützt, um ihre Identität und ihre Rechte positiv zu stärken. „Strategischen Essentialismus“ kann man diese Form der Selbstbehauptung nennen. Deutsch-jüdische Wissenschaftler haben zum Beispiel bis 1933 aktiv an der wissenschaftlichen Debatte über Rassen, Vererbung und die sogenannte „jüdische Rasse“ teilgenommen. Während ihre nichtjüdischen deutschen Kollegen zunehmend offenen Rassismus proklamierten, waren diese jüdischen Wissenschaftler die lautesten Kritiker der deterministischen Rassenbiologie. Zugleich beriefen sie sich zwar auf Rassenkonzepte und auf die Vererbung bestimmter Eigenschaften innerhalb ethnischer Gruppen, suchten dabei aber stets einen möglichst wenig deterministischen Zugang, der keine Grundlage für Diskriminierung bot. Die genetische Vielfalt der Menschheit ist ein ungeheuer komplexes Phänomen, das sich weder an Staatsgrenzen noch Religionszugehörigkeit oder Hautfarbe hält. Doch entgegen der weit verbreiteten Ansicht, die Rassenbiologie sei 1945 abgeschafft worden, haben Biowissenschaftler nicht aufgehört, Bevölkerungsgruppen nach biologischen Unterschieden zu klassifizieren. Seit kurzem wird dies, vor allem in den USA, wieder explizit unter dem Stichwort „Rassen“ praktiziert, im Rahmen biomedizinisch-pharmakogenetischer Forschung und „genetic ancestry testing“ (siehe GID-Schwerpunktheft Nr. 197). Im ethnisch viel homogeneren Deutschland lässt diese Debatte noch auf sich warten - Sarrazin zum Trotz.

Veronika Lipphardt ist Wissenschaftshistorikerin und -forscherin an der Universität Freiburg. Ihr Forschungsschwerpunkt ist Populationsgenetik und deren Anwendungsgebiete in Geschichte und Gegenwart.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
202
vom Oktober 2010
Seite 33

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