Rhetorische Manöver im akademischen Diskurs

Die Mission der Evolutionspsychologie

Die in den letzten 20 Jahren gewachsene Forschungsrichtung „Evolutionspsychologie“ vertritt mit ihrem Ansatz den Anspruch, geistes- und naturwissenschaftliche Perspektiven auf den Menschen mit Hilfe des „evolutionären Blicks“ zusammenzuführen. Auffällig ist dabei die Geschlossenheit, mit der sie medial auftritt, und die Aggressivität, mit der sie ihren vorherrschenden Forschungsansatz verteidigt.

Die Evolutionspsychologie konzipiert den menschlichen Geist als Multifunktionswerkzeug, bildlich gesprochen als Taschenmesser, bei dem angeblich ein jedes „Werkzeug“ eine evolutionär selektierte Anpassungsleistung an ein bestimmtes überlebenstechnisch relevantes Problem des Mitgliedes einer Vorfahrenhorde (relativ vage wird vom Erdzeitalter des Pleistozän 1gesprochen) darstellt. Stark vereinfacht tragen zum Beispiel alle modernen Männer einen psychologischen Mechanismus der sexuellen Eifersucht in sich, weil eben jene wolkig beschriebenen männlichen Vorfahren durch einen solchen Mechanismus sicher stellen konnten, dass das Kind, in dessen Aufzucht sie „investierten“, auch biologisch „ihr eigenes“ war. Die natürliche Selektion beseitigte jene, die keinen solchen Mechanismus besaßen. So weit, so gut.

Evolutionspsychologische Spekulationen

Dass es zur archäologischen Aufgabe der Rekonstruktion des Alltags unserer frühen Vorfahren auf Basis weniger Knochensplitter einer gehörigen Portion Spekulation bedarf, übersehen Evolutionspsychologen für gewöhnlich gekonnt. Die mehr als dünne Befundlage über unsere Vorfahren aus dem Pleistozän rechtfertigt nicht im Geringsten die sehr konkreten evolutionspsychologischen Spekulationen über deren Sozialleben oder gar deren kognitive Fähigkeiten.2 Trotz allem gebärden sich Evolutionspsychologen der Santa Barbara School, also der „Mainstream“ der derzeit führenden Köpfe an evolutionspsychologischen Lehrstühlen, Fachzeitschriften und Lehrbüchern, als Vertreter einer neuen Metapsychologie, die das weite Feld psychologischer Forschung mit dem Verweis auf die „einzig wissenschaftliche Theorie“ über den Ursprung des Menschen - die Evolutionstheorie - vereinheitlichen will. Seit jeher brennende Fragen über Ursprung und Bedeutung seelischer Inhalte können jetzt also plötzlich beantwortet werden… Oder? Warum hat nicht schon Darwin die Antworten gekannt? Wer nicht genetisch zum Abnicken derartiger Behauptungen veranlagt ist, stößt schnell auf weitschweifige, teilweise an den Haaren herbeigezogene Rechtfertigungskonstrukte in der evolutionspsychologischen Literatur - irgendetwas stimmt da nicht. Warum Darwin die Antworten nicht kannte, ist zunächst einmal leicht zu beantworten: Er war kein Darwinist.

Rhetorische Tricks...

Kritiker monieren immer wieder den aggressiven rhetorischen Stil der Evolutionspsychologen, den Richardson (2007) treffend als „Ausschlussrhetorik“ bezeichnet. Kitcher wies in seiner Kritik der unmittelbaren Vorgängerdisziplin der Evolutionspsychologie - der Soziobiologie - bereits auf dieses Ausschlussprinzip hin: „Whoever is not for the program is against Darwin“ (ebd. S. 14). Um dieses Prinzip umzusetzen, werden rhetorische Tricks wie etwa das Strohmann-Argument angewendet, bei dem eine fiktive Gegenposition kreiert wird, gegen die sich die eigene Position profilieren und „argumentativ“ durchsetzen kann. In einer einflussreichen Publikation von Tooby und Cosmides (1992) wird beispielsweise das „Standard social science model“ (SSSM) zitiert, dem angeblich die Mehrzahl der etablierten Psychologen anhänge: Hier werde die Psyche angeblich als Allzweckcomputer ohne angeborene „Programme“ behandelt, was für die „neue“ evolutionstheoretisch informierte Psychologie natürlich völlig unsinnig klingt. Die Evolutionspsychologen bezichtigen dann fiktive Vertreter des SSSM, eine biologisch unmögliche Psychologie zu propagieren, aus ideologischen Gründen Scheindebatten über genetischen Determinismus zu entfachen und die biologische Evolution per se zu leugnen. Wie kann man nur! In der radikalen Abgrenzung zum „Strohmann“ wird also ein trügerischer Konsens auf einer vermeintlich „metatheoretischen“ Ebene geschaffen (denn wie kann man nur…).3 Richardson (2007) charakterisiert ein solches Vorgehen als sophistischen Fangschluss: Der fiktive Gegner wird aufgebaut, um theoriekonforme Schlüsse zu erzwingen. Eine derart anti-biologische Sicht, wie sie Evolutionspsychologen den „Strohmännern“ unterstellen (der Mensch als gänzlich unbeschriebenes Blatt, keine Unterschiede zwischen Individuen und keinerlei biologischer Einfluss auf individuelle oder soziale Entwicklung), werde heute kaum ernsthaft vertreten und sei höchstens bei den radikalen Behavioristen Anfang des 20. Jahrhunderts zu finden. Einen weiteren rhetorischen Trick präpariert Richardson (2007) beispielhaft aus dem Buch Darwin’s Dangerous Idea: Evolution and the Meanings of Life des Philosophen Daniel Dennet heraus: eine Vermengung der Frage nach dem evolutionären Ursprung und der Frage, ob evolutionärer Wandel (exklusiv) durch natürliche Selektion bestimmt ist. Diese Vermischung zweier unterschiedlicher Fragen übernimmt nun etwa der Evolutionspsychologe David Buss (2004) in seiner Argumentation, dass neben Kreationismus und Samentheorie die Theorie der „Evolution durch natürliche Selektion die einzig bekannte wissenschaftliche Theorie [darstelle], die die erstaunliche Vielfalt des Lebens, wie wir es heute um uns sehen, erklären kann“ (ebd. S. 70). Aus dieser Argumentation heraus ist es ein Leichtes, Gegner der Evolutionspsychologie als „Leugner des evolutionären Ursprungs“ zu karikieren; kurz: sie auszuschließen. Während Evolutionspsychologen die Enthüllung der Architektur der Psyche feiern, verwischen sie wortlos die Grenze zwischen „der“ Evolution (als Antwort auf die Frage nach dem Ursprung) und dem zweifellos wichtigen, aber bei weitem nicht einzigen evolutionären Mechanismus der natürlichen Selektion.

...und missionarischer Eifer

Die Argumentationslinie der Evolutionspsychologen blendet somit den Unterschied zwischen Evolution und evolutionären Mechanismen (zum Beispiel natürliche Selektion, Gendrift, genetischer Flaschenhals, et cetera) aus und etabliert auch gegen evolutionsbiologische Kritiker eine Ausschlussrhetorik: Evolutionsbiologisch informierte Kritiker werden durch thematische Vermengung und polemische Zuspitzung der Argumentation rasch in Bedrängnis gebracht, nicht „die Evolution“ zu leugnen. An der Vermischung mehrerer Themen und die Gegenüberstellung der Evolution zum fundamentalistisch-religiösen Kreationismus und einer okkult wirkenden „Samentheorie“ (das Leben kommt demnach von einem anderen Planeten) bemerken wir bereits eine gewisse „Mystifizierung“ der „einzig wissenschaftlichen“ Theorie über die grundlegenden Ursachen menschlichen Verhaltens. Aus zunächst harmlos wirkenden, spekulativen Interpretationen von Verhaltensdaten erwächst so ein radikalisierender, gar missionarischer Impuls. Auf Kritik antworten Evolutionspsychologen laut Gannon durch personifizierte Angriffe „unter der Gürtellinie”: „[E]volutionary psychologists have argued for their paradigm by accusing opponents of being driven by ideology and of being misguided, misinformed, scientifically illiterate, ignorant, uninformed, and fundamentally inaccurate“ (ebd. S. 203). Gannon (2002) bemerkt ganz recht, dass derartige Argumente keine wissenschaftliche Überzeugungsarbeit leisten. Nelkin beschreibt religiöse Obertöne in den Schriften der Evolutionspsychologen und einen „missionarischen Eifer“ im Auftreten einiger Vertreter. Neben ebenso personalisierten Vorwürfen des genetischen Determinismus und einer konservativen politischen Motivation vermutet sie eine Verwurzelung der Evolutionspsychologie „in a religious impulse to explain the meaning of life“ (ebd. S. 22). Es sei dahingestellt, inwiefern Evolutionspsychologen tatsächlich einem religiösen Impuls folgen: Von einem Vorwurf, Evolutionspsychologen vertreten eine „Religion“, soll hier klar Abstand genommen werden. Es soll lediglich die Rhetorik der Evolutionspsychologen im Rahmen der Leugnung methodischer und erkenntnistheoretischer Probleme ihrer Theorie als Verfolgen eines „missionarischen Prinzips“ charakterisiert werden: Sobald mehrere Menschen dieselben Spekulationen teilen, scheinen diese an Legitimität und Evidenz zu gewinnen. Evolutionspsychologen erforschen - Buss (2003) folgend - die „Natur psychologischer Mechanismen“ und messen psychologischen Mechanismen - und damit der „Architektur der Psyche“ - einen teleonomischen Zweck (ihre „adaptive Funktionalität“) bei. Der Vergleich mit religiösem Vokabular rührt daher, dass für die Beantwortung ultimater Fragen wie jener nach der „Natur“, dem „Zweck“ oder der „Gestalt“ psychologischer Mechanismen ein Prinzip der Generierung „wissenschaftlicher Gewissheit“ im Rahmen einer menschlichen „Glaubensgemeinschaft“ notwendig ist.

Denkkollektive und Spekulationsgemeinschaften

Würde nun die Spekulation aus einem christlich-neoplatonischen Verständnis heraus als Weg zur Annäherung an Gott charakterisiert werden, so könnte durchaus eine Verbindung von einer spekulativen Metatheorie zu einem religiösen Impuls in der Evolutionspsychologie hergestellt werden. Betrachtet man jedoch Spekulation in der Wissenschaft als eine gewisse Notwendigkeit und verwendet den Begriff der Spekulation nicht normativ - etwa um nicht in eine Debatte zwischen Wissenschaft und etablierten Religionen verwickelt zu werden - so kann eine evolutionspsychologische „Glaubensgemeinschaft“ entschärft als „Spekulationsgemeinschaft“ bezeichnet werden. Mit Ludwik Fleck kann eine solche - evolutionspsychologische - Gemeinschaft als „Denkkollektiv“ näher charakterisiert werden:
„Definieren wir ‚Denkkollektiv‘ als Gemeinschaft der Menschen, die im Gedankenaustausch oder in gedanklicher Wechselwirkung stehen, so besitzen wir in ihm den Träger geschichtlicher Entwicklung eines Denkgebietes, eines bestimmten Wissensbestandes und Kulturstandes, also eines besonderen Denkstiles“ (Fleck 1980, S. 54 f).
Den Denkstil bezeichnet Fleck als „gerichtetes Wahrnehmen, mit entsprechendem gedanklichen und sachlichen Verarbeiten des Wahrgenommenen“ (ebd. S. 130). In einem solchen Denkstil reflektieren sich „gemeinsame Merkmale der Probleme, die ein Denkkollektiv interessieren; der Urteile, die es als evident betrachtet; der Methoden, die es als Erkenntnismittel anwendet. Ihn begleitet eventuell ein technischer und literarischer Stil des Wissenssystems“ (ebd. S. 130). Gemeinsame Merkmale der Probleme, die Evolutionspsychologen interessieren, sind der „adaptive“ Charakter psychologischer Mechanismen und ihre „adaptionistischen“ Schlüssel-Schloss-Lösungen unter dem Verweis auf die pleistozäne Urgesellschaft. Evolutionspsychologen betrachten evolutionspsychologische Daten als Nachweise für unmittelbare als auch grundlegende Ursachen von Verhalten (im Jargon der Evolutionsbiologie: proximate wie ultimate Ursachen) und wenden dazu Methoden der quantitativen empirischen Psychologie an. Ihr Denkstil wird von einem literarischen Stil der „Enthüllung“ menschlicher Natur begleitet. Der Begriff der „Spekulationsgemeinschaft“ soll verwendet werden, da dieser sowohl den Charakter eines Denkkollektives als „Träger“ eines bestimmten Denkstiles beschreibt als auch die (archäologisch dünn fundierte) interpretative Spekulation über die Vorfahren des homo sapiens und deren Lebenswelt als „gemeinsame Methode“ der Beantwortung der Fragen nach den ultimaten Ursachen im Rahmen eines evolutionspsychologischen Denkstiles betont. Verfolgen wir den Fleckschen Gedankengang weiter, so hat jeder Denkstil notwendigerweise eine sich verselbständigende Dynamik inne, die einem
„Zwange für Individuen [gleichkommt] und bestimmt‚ was nicht anders gedacht werden kann‘. Ganze Epochen leben dann unter dem bestimmten Denkzwange, verbrennen Andersdenkende, die an der kollektiven Stimmung nicht teilnehmen und den Kollektiv-Wert eines Verbrechers haben, solange als nicht andere Stimmung anderen Denkstil und andere Wertung schafft“ (ebd. S. 130).
Fleck bezeichnet einen solchen denkstilgemäßen Denkzwang als „passive Koppelung“ von Wissen, welche - quasi automatisch - die Voraussetzungen eines Denkstiles mit den dazu passenden Schlussfolgerungen koppelt. Die Voraussetzungen bezeichnet er wiederum als „aktive Koppelungen“ und erachtet sie als willkürlich gesetzt und kulturhistorisch erklärbar. Zu diesen aktiven Koppelungen gibt es grundsätzlich Alternativen. In der einem evolutionspsychologischen Denkstil gemäßen Beantwortung der Fragen nach den ultimaten Ursachen erwächst nun die Ausschlussrhetorik als passive Koppelung: Indem urzeitliche Adaptationen als einzige wissenschaftliche Erklärungen aktueller psychologischer Mechanismen angenommen werden (aktive Koppelungen), erwachsen als passive Koppelungen zwangsweise Elemente des Ausschlusses anderer, als „nicht-wissenschaftlich“ titulierter Annahmen über die ultimaten Ursachen (Gendrift, emergente Phänomene, et cetera). Missionarisch wird die Evolutionspsychologie, wenn sie versucht, Außenstehende in ihre Denkzwänge einzuschließen, welche über die willkürliche Setzung der aktiven Koppelung (etwa der Adaptation als einzige „wissenschaftliche“ Erklärung ultimater Ursachen) nicht informiert sind beziehungsweise wenn sie versucht, Kritiker ihrer willkürlichen Setzungen rhetorisch zu übertönen.
Literatur: Buss, D. M. (2003): Evolutionspsychologie - ein neues Paradigma für die psychologische Wissenschaft? In A. Becker, C. Mehr, H. H. Nau, G. Reuter & D. Stegmüller (Hg.): Gene, Meme und Gehirne. Geist und Gesellschaft als Natur (S. 137-226). Frankfurt: Suhrkamp Verlag. Buss, D. M. (2004): Evolutionäre Psychologie (2., aktualisierte Auflage Ausg.). München: Pearson Studium. Fleck, L. (1980): Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Gannon, L. (2002): A critique of evolutionary psychology. Sexualities, Evolution & Gender, 4(2), S. 173-218. Kitcher, P. (1985): Vaulting Ambition: Sociobiology and the Quest for Human Nature. Cambridge, MA: MIT Press. Nelkin, D. (2001): Less Selfish than Sacred? Genes and the Religious Impulse in Evolutionary Psychology. In H. Rose & S. Rose (Hg.): Alas poor Darwin. Arguments against Evolutionary Psychology (S. 14-27). London: Vintage. Richardson, R. C. (2007). Evolutionary Psychology as Maladapted Psychology. Cambridge, MA: MIT Press. Tooby, J. & Cosmides, L. (1992). The Psychological Foundations of Culture. In J. H. Barkow, L. Cosmides & J. Tooby (Hg.): The Adapted Mind. Evolutionary Psychology and the Generation of Culture (S. 19-136). New York: Oxford University Press.

  • 1Pleistozän: Beginn etwa vor 2,6 Milliionen Jahren, Dauer circa 2,5 Millionen Jahre.
  • 2Zur „real existierenden“ Befundlage über unsere Vorfahren und deren soziale, technische, sprachliche und naturgeschichtliche Fähigkeiten sei das grandios geschriebene Buch „The prehistory of the mind“ des Archäologen Steven Mithen empfohlen.
  • 3Auf der Basis dieses künstlich herbeigeführten Konsenses fordert Buss in seinem Lehrbuch Evolutionäre Psychologie „eine integrierte psychologische Wissenschaft“ unter der Schirmherrschaft der evolutionären Psychologie (S. 481).
Erschienen in
GID-Ausgabe
206
vom Juli 2011
Seite 7 - 9

Simon Roos hat nach seinem Zivildienst Psychologie in Wien studiert. Derzeit macht er eine Ausbildung zum psychologischen Psychotherapeuten in Kassel.

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