Technologische Machbarkeitsfantasien

Rezension: Human Nature. Die CRISPR Revolution.

Plakat Human Nature

Human Nature (c) mindjazz pictures

Für den US-amerikanischen Film „Human Nature“ gelang es den Filmemacher*innen erstaunlich viele prominente Expert*innen vor die Kamera zu bekommen. Ihre Interviews dokumentieren detailliert und spannend die Geschichte der Entdeckung der Genome Editing-Technik CRISPR-Cas9 und werfen Fragen über ihren Einsatz am Menschen auf. Durch die vermeintlich große Bandbreite von Stimmen erscheinen die positiven und negativen Aspekte der Technologie ausgewogen beleuchtet. Was fehlt ist jedoch eine fundierte kritische Position, um die eugenische Zukunftsvisionen einer vermeintlich „gesünderen“ und „schlaueren“ Gesellschaft durch Genome Editing einzuordnen, die einige der Expert*innen in Aussicht stellen. Was genau die historische Eugenik war und wo die Kontinuitäten zur heutigen Debatte um vererbbares Genome Editing liegen, wird den Zuschauer*innen nicht erklärt. Leider kommen fast ausschließlich Biolog*innen und enthusiastische Wissenschaftsnerds zu Wort. Sie können ihr großes naturwissenschaftliches Fachwissen beitragen, doch sie wirken ratlos, wenn es um gesellschaftliche Auswirkungen und Regulierungsmöglichkeiten geht. Auch die bioethische Position kann hier nichts beisteuern. Sie wird von Alta Charo von der Harvard University vertreten, die Teil des Genome Editing-Komitees der US-amerikanischen Wissenschaftsakademien ist. Dieses Komitee wurde für seine befürwortende Einstellung zu vererbbarem Genome Editing kritisiert. Der 2017 veröffentlichte Bericht hatte die vorhandenen Risiken heruntergespielt und war im Folgejahr von dem chinesischen Forscher He Jiankui als Begründung angeführt worden, warum seine „CRISPR-Baby“-Experimente ethisch vertretbar seien.
Eine solche Kontextualisierung fehlt dem Film jedoch. Insgesamt erzeugt der Film den Eindruck, es sei unmöglich zum jetzigen Zeitpunkt der Technologie noch Herr zu werden und ihre Verwendung zu begrenzen, selbst wenn man es wolle. Dass die meisten Protagonist*innen des Films gesetzliche Regulierungen wohl auch aus finanziellen Interessen ablehnen, wird in dem Film leider nicht thematisiert. Auch die Betroffenenperspektive kommt zu kurz. Sie wird lediglich durch zwei Kinder abgebildet, von denen nur eines selbst spricht. Ein Junge mit Sichelzellanämie antwortet auf die Frage, ob er sich wünsche, dass man ihn mittels Genome Editing im Embryonenstadium „geheilt“ hätte, mit „nein“, denn er wäre ohne die Erkrankung nicht die Person, die er sei. Hätten Behindertenaktivist*innen ihre kritische Expertise beitragen können, würde diese Antwort wohl nicht so überraschen, wie sie es, eingebettet zwischen den naturwissenschaftlichen Machbarkeitsfantasien, tut.

Isabelle Bartram ist Molekularbiologin und Mitarbeiterin des GeN.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
251
vom November 2019
Seite 37

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