Rezension: Ein Gedenken an die Opfer von Hadamar

In der „Landesheilanstalt Hadamar“ wurden zwischen 1941 und 1945 tausende Menschen im Rahmen der Aktion T4 und der dezentralen „Euthanasie“ vergast, vergiftet oder durch Unterversorgung getötet. Der freie Autor und Kulturwissenschaftler Christoph Schneider versammelt in seinem Buch Berichte von Überlebenden und von Angehörigen der Ermordeten. Ihre sorgfältig kontextualisierten Zeugnisse geben einen Einblick in die Abläufe der Tötungsanstalt. Eine Zusammenfassung der juristischen Aufarbeitung des Massenmordes ergänzt das eindrucksvolle Quellenmaterial. Hier beschreibt Schneider die Täter*innen als selbstständig handelnde und somit für ihre Verbrechen verantwortliche Menschen. Dabei verliert er nicht aus dem Blick, dass es Institutionen und Strukturen waren, die den – weitgehend straflos gebliebenen – Massenmord ermöglichten. Die Textsammlung verleiht den Betroffenen der „Euthanasie“-Morde eine Stimme. Gleichzeitig rückt sie schmerzlich die Lücke ins Bewusstsein, die die zahlreichen Ermordeten hinterlassen haben – in ihren Familien, aber auch in der Geschichtsschreibung. Die beschriebenen Lebenswege zeigen, dass Menschen aus sehr unterschiedlichen Gründen institutionalisiert und in die Gaskammern und Tötungszimmer von Hadamar gebracht wurden. So wird die Gruppe angeblich kranker „Euthanasie“-Opfer zu dem, was sie ist – zu einzelnen, individuellen Menschen, die es verdienen, dass ihre Ermordung juristisch aufgeklärt, gesellschaftlich anerkannt und (soweit möglich) entschädigt wird. Bis heute ist dies nicht geschehen. Das Buch ist ein wertvoller Beitrag für eine aktive Gedenkkultur, die sich mit diesem Problem auseinandersetzt.

➤ Schneider, C. (Hg.) (2020): Hadamar von innen. Überlebendenzeugnisse und Angehörigenberichte – Studien und Dokumente zur Holocaust- und Lagerliteratur – Band 10. Berlin: Metropol Verlag, 257 Seiten, 19 Euro, E-Book / PDF 15 Euro, ISBN: 978-3-86331-552-8.

 

Kena Stüwe studiert Geschichtswissenschaften an der Humboldt Universität zu Berlin. In ihrem Studium und in ihrem politischen Engagement arbeitet sie zu repressiven Elementen von Staatlichkeit und zu emanzipatorischer Politik.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
257
vom Mai 2021
Seite 37

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