Die Gefahren der „Neuen Allianz“

Interview mit Luis Muchanga

Ein Gespräch mit Luis Muchanga vom mosambikanischen Kleinbauernverband UNAC über falsche Zielsetzungen der Neuen Allianz für Ernährungssicherheit und über Alternativen zum agroindustriellen Entwicklungsmodell.

Herr Muchanga, Mosambik ist eines der Zielländer der Neuen Allianz für Ernährungssicherheit der G7/G8-Staaten. Die Neue Allianz sieht zahlreiche Reformen zur Förderung von privatwirtschaftlichen Investitionen in der Landwirtschaft vor, ebenso wie Reformen im Bereich der Landnutzung. Konnten Sie schon erste Auswirkungen auf Mosambik beobachten?

Die Neue Allianz beunruhigt uns und die mosambikanischen Kleinbauern sehr. Wir sind gegen das Modell einer industrialisierten Landwirtschaft, das die Neue Allianz propagiert. Ernährungssicherheit wie sie der Neuen Allianz vorschwebt, ist etwas völlig anderes als die Ernährungssouveränität, für die wir eintreten. Wir brauchen Investitionen in die Landwirtschaft, aber die Neue Allianz geht an den Bedürfnissen der lokalen Bevölkerung vorbei und bedient in erster Linie die Interessen der multinationalen Konzerne.

 

Können Sie dafür ein Beispiel geben?

Das zeigt sich sehr deutlich beim Saatgut. Wir wenden uns gegen den Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft. In der Provinz Gaza gibt es Testfelder, auf denen mit gentechnisch verändertem Mais experimentiert wird - und zwar im Rahmen des WEMA-Programms (Water Efficient Maize for Africa, Anm. der Red.), an dem Monsanto beteiligt ist. Und das, obwohl es dafür gar keinen gesetzlichen Rahmen gibt, denn gentechnisch veränderte Organismen sind in Mosambik verboten. Aber wozu dienen diese Experimente, wenn sie nicht später in die Praxis umgesetzt werden sollen? Das WEMA-Programm entstand bereits vor der Neuen Allianz, aber in beiden sind große Agrarkonzerne an führender Position beteiligt. Deren Interessen sind in dem Programm vertreten, nicht aber die von Organisationen wie UNAC, in denen sich Kleinbauern zusammenschließen. Auch für den Zugang zu Land sehen wir Gefahren: In Mosambik wird intensiv über die Privatisierung und die Konzentration von Land und Ressourcen diskutiert. Das ist in der bisherigen Landgesetzgebung nicht vorgesehen. Land kann für 50 oder 100 Jahre gepachtet werden, aber das reicht vielen Investoren nicht.

 

Im letzten Jahr wurde sehr viel über ProSavana gesprochen, neben der Neuen Allianz ein weiteres landwirtschaftliches Programm, das mit Hilfe brasilianischer und japanischer Gelder auf mehreren Millionen Hektar eine Umstrukturierung des Agrarsektors anstrebt. UNAC hat sich stark gegen dieses Vorhaben engagiert. Wie ist der Stand der Dinge heute?

Im letzten Jahr ist die öffentliche Diskussion um ProSavana zurückgegangen. Das hängt auch mit dem Wahlkampf und den anschließenden Präsidentschaftswahlen in Mosambik im Oktober 2014 zusammen. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Programm nicht mehr existiert. Der Masterplan befindet sich immer noch in der Überarbeitung, nachdem eine erste Version des Plans an die Öffentlichkeit gelangt war. Gleichzeitig werden erste ProSavana-Pilotprojekte in den Provinzen umgesetzt. Also setzen wir auch unsere Kampagne „Não a ProSavana“ („Nein zu ProSavana”) fort und halten an unserer Kritik an dem Programm fest: Das agrarindustrielle Modell von ProSavana lässt sich nicht auf den mosambikanischen Kontext übertragen. Wir glauben nicht daran, dass eine agroindustrielle und eine kleinbäuerliche Landwirtschaft koexistieren können.

 

Die mosambikanische Landwirtschaft hat nur eine sehr niedrige Produktivität, und die bebauten Flächen pro Familie sind sehr klein. Welche Vision hat UNAC für die mosambikanische Landwirtschaft, für welches Agrarmodell setzt UNAC sich ein?

Die Produktivität der mosambikanischen Landwirtschaft ist in der Tat sehr niedrig und muss verbessert werden. Wir haben jedoch andere Pläne als die großen Agrarkonzerne, um das zu erreichen. In Mosambik gibt es den PEDSA, den landwirtschaftlichen Entwicklungsplan des Agrarministeriums, an dessen Entstehung UNAC mitgearbeitet hat und der sich auf die Produktion von Nahrungsmitteln konzentriert.

Der Plan an sich ist gut, die Regierung unternimmt jedoch zu wenig, um ihn umzusetzen. Denn zur Umsetzung von PEDSA wurde ein landwirtschaftlicher Investitionsplan, PNISA, ausgearbeitet. Um diesen Plan zu finanzieren, ist Mosambik aber auf die Unterstützung durch den Privatsektor und die Agrarindustrie angewiesen, die wiederum auf die Produktion von Exportfrüchten setzen. Das ist aber der falsche Weg. Mosambik importiert nach wie vor viele Agrarprodukte, die wir selbst anbauen könnten. Der Anteil der Ausgaben für die Landwirtschaft im Staatshaushalt liegt nur bei rund sieben Prozent, und das, obwohl mehr als 70 Prozent aller Mosambikaner in der Landwirtschaft arbeiten. Es gibt eine große Diskrepanz zwischen dem politischen Diskurs und der praktischen Umsetzung. Wir fordern eine verbesserte, flächendeckende landwirtschaftliche Beratung und Hilfestellung, ebenso wie die Schaffung und den Zugang zu einem ländlichen Finanz- und Kreditwesen. Außerdem müssen wir bessere Möglichkeiten zur Weiterverarbeitung und Konservierung der landwirtschaftlichen Produktion schaffen und den Zugang zu nichtindustriellem Saatgut gewährleisten. Mosambik ist ein Agrarland, die Politik muss in die die mosambikanische Landwirtschaft investieren und diesen Sektor stärken.

 

Das Interview führte Christine Wiid Mitte Februar per Skype.

 

 

Das Interview erschien im Südlink, dem Nord-Süd-Magazin von INKOTA (Ausgabe 171 vom März 2015, Schwerpunkt „Im Griff der Agrarkonzerne - Bäuerliche Landwirtschaft unter Druck“). Infos und Bestellmöglichkeit unter www.inkota.de/material/suedlink-inkota-brief.

GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
230
vom Juli 2015
Seite 16 - 17

Der Kleinbauernverband UNAC

Die União Nacional dos Camponeses (UNAC) entstand 1987 als nationale Bewegung von und für Kleinbauern. Damals vereinbarte die mosambikanische Regierung die ersten Abkommen mit dem Internationalen Währungsfonds und der Weltbank, das Jahr markiert den Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft. Heute hat UNAC landesweit fast 100.000 Mitglieder, die in rund 2.500 Bauernvereinigungen oder -kooperativen organisiert sind. Auch international ist UNAC gut vernetzt, beispielsweise als Mitglied von La Via Campesina. Zu den wichtigsten Zielen von UNAC gehören die Stärkung und Förderung von kleinbäuerlichen Basisorganisationen, die Sicherung der Ernährungssouveränität der Bevölkerung sowie ein verbessertes Mitspracherecht von Bauern und Bäuerinnen in den politischen Diskussionen Mosambiks.