Argentinien ist weit weg


Wie schade, dass Argentinien nicht zu Europa gehört, dachte ich kürzlich. Nicht nur, weil das Land vor wenigen Jahren den Schuldendienst komplett verweigert und den daraus folgenden Staatsbankrott gut überwunden hat. Nein, Argentinien macht derzeit auf einem ganz anderen Gebiet Geschichte: In dem Land ist gerade ein Gesetz verabschiedet worden, nach dem geschlechtliche Identität einzig und allein davon bestimmt wird, wie eine Person sich fühlt. Ab sofort ist für den Eintrag im Ausweis allein die Angabe des Inhabers beziehungsweise der Inhaberin entscheidend - ein beispiellos menschenfreundlicher Abschied von der Definitionsgewalt biologischer, medizinischer und psychologischer Ordnungen. Nein, Argentinien ist weit weg. Stattdessen gehört - leider, muss hier hinzugefügt werden - die Ukraine zu Europa, und damit ein Staat, dessen Gastgeberrolle bei der Fußballeuropameisterschaft nicht nur vor dem Hintergrund ominöser Machtstrukturen und Menschenrechtsverletzungen in Frage gestellt werden muss, sondern auch im Angesicht verschiedener, mittelalterlich anmutender Gesetzentwürfe: Vor einem Jahr hatten Abgeordnete versucht, eine Regelung durch das Parlament zu bringen, mit der „Propaganda für Homosexualität“ unter Strafe gestellt worden wäre. Darunter wurde explizit jegliche Geste zwischen Menschen gleichen Geschlechts verstanden, die auf ein Liebesverhältnis hindeutet. Das Vorhaben scheiterte zwar an Protesten nationaler und internationaler Organisationen; sie hielten die homophoben PolitikerInnen des Landes aber nicht davon ab, sich erneut an einem Verbot von Homosexualität zu versuchen: In dem vor wenigen Wochen eingebrachten Gesetzentwurf geht es nun nicht mehr um „Propaganda“, sondern um die „Verbreitung von Informationen“ über Homosexualität.
Aber wenn ich die Geografie auch ein wenig bedaure - die Ukraine gehört zu Europa. Genau wie die so genannten Krisenländer Griechenland, Spanien, Irland, Portugal, Italien... und deshalb heißt es auch - oder gerade? - in diesen Zeiten, über den eigenen Zaun hinaus zu schauen und unsere Nachbarn nicht im Stich zu lassen. Auch und gerade, wenn es um Gentechnik geht, um Kommerz, Lobbyismus und Definitionsmacht... ...in diesem Sinne wünscht eine spannende GID-Lektüre
Die GID-Redaktion

Erschienen in
GID-Ausgabe
212
vom Juni 2012
Seite 2