Rezensionen

Harter Stoff

Die Dokumentation „Die Alsterdorfer Passion“ ist sehr aufrührend und verstörend. Anhand der Schicksale verschiedener ehemaliger Bewohner*innen wird mehr als deutlich, dass es in Alsterdorf und wahrscheinlich in der gesamten deutschen Psychiatrie und Behinderten„hilfe“ nach dem Ende des Nationalsozialismus keine „Stunde Null“ gab. Mehr als 600 behinderte Bewohner*innen waren während des Nationalsozialismus aus den Alsterdorfer Anstalten in Tötungsanstalten deportiert worden. Der Versuch einer Strafverfolgung gegen die Hauptschuldigen der NS-Euthanasie scheiterte Anfang der 1970er Jahre. Die ehemaligen Bewohner*innen berichten in der Dokumentation von einem gewaltvollen Alltag in großen Gemeinschaftsschlafsälen ohne Privatsphäre und private Gegenstände. Kleinste Vergehen gegen sehr restriktive Regeln wurden so brutal bestraft, dass Folter eine passende Bezeichnung scheint. Dauerhaftes Anbinden, strikte Trennung von Männern und Frauen, lange Zwangsfixierungen, Zwangssterilisierungen, übermäßige Medikamentengaben - die Menschen wurden unter den schlimmsten Bedingungen „aufbewahrt“undverwaltetstattbetreutundbegleitet. Erst Mitte der 1970er Jahre regt sich in der Belegschaft Widerstand, ein kritischer „Kollegenkreis“ wird gegründet. Die Anstaltsleitung versucht, die Kritik zum Schweigen zu bringen. Erst eine Reportage im ZEITmagazin macht 1979 die weitere Vertuschung der katastrophalen und menschenunwürdigen Zustände unmöglich. Mittlerweile konnten sich die früheren Bewohner*innen befreien und leben in selbstbestimmteren Verhältnissen.

Die Stiftung Alsterdorf hat sich inzwischen bei ihren ehemaligen Bewohner*innen entschuldigt. In der Selbstdarstellung der Stiftung werden zwar selbstkritische Töne angeschlagen, der in der Dokumentation aufscheinenden Realität wird dies aber nicht gerecht.

„Die Alsterdorfer Passion“ Die Alsterdorfer Anstalten in Hamburg von 1945 - 1979. Rotermund Filmproduktion 2018, 58 Minuten, DVD-Vertrieb für den privaten Gebrauch 25 Euro, für öffentliche Vorführungen 50 Euro. Ein fünfzehnminütiger Ausschnitt kann auf der Seite der Produktionsfirma kostenfrei angeschaut werden: www.rotermundfilm.de. Die Webseite der Stiftung:www.alsterdorf.de

Überwindung von Scham

Noch heute kämpfen Zwangssterilisierte und „Euthanasie“-Geschädigte um Anerkennung und Entschädigung. Den Opfern und ihren Angehörigen bietet der schön gemachte Sammelband Raum: Kunstwerke und Erfahrungsberichte lassen ihre Perspektive sichtbar werden. Diese werden gerahmt durch Analysen zur Ausgrenzung der Betroffenen und ihrer Selbstorganisierung: Seit 1987 gibt es den Bund der „Euthanasie“- Geschädigten und Zwangssterilisierten (BEZ), dessen langjährige Geschäftsführerin Magret Hamm den Sammelband herausgegeben und selbst einen mehrteiligen Aufsatz zur Geschichte des BEZ beigesteuert hat. Der Sammelband gibt einen empathischen und reflektierten Überblick zu den geschichtlichen, juristischen, psychiatrischen und politischen Auseinandersetzungen um die Fragen von Anerkennung, Entschädigung und zur Kontinuität von lebensunwert-Annahmen.

Margret Hamm (Hg.): Ausgegrenzt! Warum? Zwangssterilisierte und Geschädigte der NS-„Euthanasie“ in der Bundesrepublik Deutschland. Metropol (2017), 19 Euro, 239 Seiten, ISBN 978-3-86331-335-7.

Mit eigenen Worten

Leider nicht im Buchhandel erhältlich ist dieser Sammelband mit neun Geschichten von Menschen, die mit einer so genannten geistigen Behinderung leben. Das Projekt vereint eindrucksvolle Lebensgeschichten aus Ost und West und gibt so denen eine Stimme, die oft selber nicht zu Wort kommen, weil nur über sie geredet wird, nicht mit ihnen. Diese Ignoranz ist nach dem Nationalsozialismus besonders beklemmend; daher ist es begrüßenswert, wenn sich das verändert.

David Permantier (Hg.): „Wie ich wurde, wer ich bin. Biografien von Menschen, die behindert wurden“, Selbstverlag 2017. Das Buch ist gegen eine Schutzgebühr von 4,90 Euro erhältlich über David Permantier, Baerwaldstraße 44, 10961 Berlin, Tel.: 0173/2377 893, eMail: david.permantier@lebenshilfe-berlin.de.

Gehorsam und Gesundheit

Die Obrigkeitshörigkeit der evangelischen Kirche hat eine lange ungute Geschichte - das zeigt der Historiker Karsten Krampitz in seinem im Lutherjahr erschienenen Buch zum deutschen Protestantismus im 20. Jahrhundert. Statt auf ihr Gewissen beriefen sich führende deutsche Protestanten auf ihre Pflichten gegenüber der Obrigkeit - so eine der starken Thesen des Autors. In einem Rundschreiben vom 1. Juli 1935 verkündete beispielsweise die Auskunftsstelle des Centralausschusses für Innere Mission: „Im Hinblick auf die Verhütung erbkranken Nachwuchses dürften sich unsere Anstalten und Einrichtungen durch gewissenhafte Erfüllung auszeichnen.“ (S.103) Dies geschah jedoch nicht nur aus Gehorsam, vielmehr galten Gebrechen und Krankheiten nach dem Ersten Weltkrieg zunehmend als Strafe Gottes, vor der der „Volkskörper“ geschützt werden sollte. Auch unter Protestant*innen wurde aus Überzeugung zwischen vermeintlich hoch- und minderwertigem Leben unterschieden.

Detailreich und gut belegt erzählt Krampitz keine zum Feiern einladende Freiheitsgeschichte sondern eine kritische Chronik, die eine reflektiertere Erinnerungspolitik einfordert.

Karsten Krampitz: „Jedermann sei untertan“ Deutscher Protestantismus im 20. Jahrhundert - Irrwege und Umwege, Alibri (2017), 352 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-86569-247-4.

Unerklärliche Ideologien

Woher kommt dieser Vernichtungswille? Diese Frage wollte Uwe Timm - nach eigenem Bekunden - mit seinem Roman „Ikarien“ über den Eugeniker Alfred Ploetz beantworten. Der Mediziner gilt als einer der Begründer der deutschen Eugenik/Rassenhygiene, bereits 1895 veröffentlichte er das Buch „Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der Schwachen“. Ploetz hatte schon früh auch die Tötung behinderter Kinder als sinnvolle Maßnahme zur „Aufartung“ des deutschen Volkes ins Spiel gebracht - die biologische Revolution sollte die soziale ergänzen.

Die Beantwortung dieser Frage gelingt Timm auf 500 Seiten nur bedingt. Das liegt zum einen daran, dass er zu viel will: Ein Bild des zerstörten Nachkriegs-Deutschlands skizzieren, die Dynamik in der US-amerikanischen Besatzung beleuchten, dem Gefühls- und Liebesleben seiner Protagonisten Raum geben - und den großen historischen Bogen sichtbar machen: den utopischen Sozialismus, den Ersten Weltkrieg, die Münchner Räterepublik, die gesellschaftliche Faschisierung, Nationalsozialismus und die Besatzung Deutschlands durch die Alliierten 1945.

Zum anderen liegt es aber an der Erzählweise des Romans: Kern des Buches sind die Gespräche zwischen dem deutschstämmigen, in den USA aufgewachsenen US-Offizier Hansen und dem linken Sozialdemokraten und Nazi-Gegner Wagner, einem alten Weggefährten des Rasseeugenikers Ploetz. Obwohl die Leserin durch Wagners mehr oder weniger chronologische Erzählung viel über die Entwicklung Ploetz‘ von eher linken, sozialutopischen Ideen über sozialdarwinistische Standpunkte zur rassistischen Arier-Ideologie erfährt, dominieren das Unverständnis des alten Freundes und die Emotionalisierung die Erzählung: Ploetz als jugendlicher Enthusiast, als beharrlicher Wissenschaftler, als verschrobener Abstinenzler. Der junge Offizier lässt sich naiv auf die Dynamik ein; die Wahl des Autors für diesen neugierigen und interessierten Protagonisten ist verständlich, lässt sich doch so viel Geschichte ziemlich voraussetzungslos erzählen. Der literarische Dreh verhindert aber das Verständnis, statt es zu ermöglichen, da Hansen an dem entscheidenden Punkt vorbeifragt. Die Gespräche mäandern so seitenlang zwischen der Verliebtheit des alten Linken für die Frau des Rassetheoretikers, der Herkunft des Tisches, an dem man sitzt und den Experimenten zur „Erbgesundheit“ - der Erkenntnisgewinn bleibt dabei bescheiden.

Die Feuilletons sind voll des Lobes und unbestreitbar fokussiert das Buch auf eine wichtige Zeit und ein bisher unterbelichtetes Problem. Es kann aber seine eigene Fragestellung nicht beantworten und fällt damit hinter seine Möglichkeiten zurück - vielleicht gefällt gerade das so sehr an dem Buch, dass weiterhin unerklärlich bleibt und scheinbar bleiben muss, wie es zu den Menschheitsverbrechen des Nationalsozialismus, zu den behindertenfeindlichen, antisemitischen und rassistischen Massenmorden kommen konnte.

Uwe Timm: Ikarien, Kiepenheuer & Witsch (2017), 512 Seiten, 24 Euro, ISBN 978-3-462-05048-6.

Kirsten Achtelik arbeitet als freie Autorin und Journalistin zu behinderten- und geschlechterpolitischen Themen.

zur Artikelübersicht

GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
246
vom August 2018
Seite 13 - 14

Nur durch Spenden ermöglicht!

Einige Artikel unserer Zeitschrift sowie unsere Online-Artikel sind sofort für alle kostenlos lesbar. Die intensive Recherche, das Schreiben eigener Artikel und das Redigieren der Artikel externer Autor*innen nehmen viel Zeit in Anspruch. Bitte tragen Sie durch Ihre Spende dazu bei, dass wir unsere vielen digitalen Leser*innen auch in Zukunft aktuell und kritisch über wichtige Entwicklungen im Bereich Biotechnologie informieren können.

Ja, ich spende!  Nein, diesmal nicht