In Bewegung

Netzwerk gegen Selektion durch Pränataldiagnostik

Die Jahrestagung des Netzwerks, zu dem auch das GeN gehört, stellte sich im Juni in Essen die Frage, was die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) mit Pränataldiagnostik (PND) zu tun hat. Die veranstaltenden Organisationen halten selektive Pränataldiagnostik für behindertenfeindlich. Die UN-BRK ist ein internationales RechtsInstrument, das gleiche Rechte von Menschen mit Behinderung sicherstellen und ihre Diskriminierung verhindern soll. Kann dieses Instrument auch gegen die kritisierte PND eingesetzt werden? Antworten darauf gab auf juristischer und gesetzlicher Ebene vor allem Oliver Tolmein in seinem Eröffnungsvortrag (s. S. 35 in diesem Heft). Die TeilnehmerInnen der Podiumsdiskussion - Brigitte Faber vom Weibernetz, Sigrid Graumann, Ethikprofessorin an der Evange- lischen Hochschule RWL und Holger Jeppel vom BVKM - suchten nach konkreten politischen Ansatzpunkten. Diskutiert wurden die Verzögerung der Kassenzulassung der Bluttests auf Trisomie 21, das Anstoßen einer größeren politischen und gesellschaftlichen Debatte und eine Revision des Gendiagnostikgesetzes. Corinna Rüffer, die behindertenpolitische Sprecherin der Grünen Bundestagsfraktion, war leider kurzfristig verhindert. Für eine Diskussion um die weiterhin nötige Abgrenzung von der „Lebensschutz“- Bewegung und den Umgang mit Begriffen boten die Sprecherin des Netzwerks, Silke Koppermann und die Mitarbeiterin des GeN, Kirsten Achtelik, einen Workshop an. Das Netzwerk will in Zukunft selber inklusiver werden und es Menschen mit Behinderung einfacher machen, teilzunehmen. Anne Leichtfuß, Online-Redakteurin und Übersetzerin für leichte Sprache, konnte dem Netzwerk in einen Vortrag und einem Workshop einige hilfreiche Anregungen geben. Die Autorin und Journalistin Sandra Schulz las aus ihrem Buch „Das ganze Kind hat so viele Fehler...“ über die pränatale Diagnostik in der Schwangerschaft und ihren schwierigen Entscheidungsprozess für ihr Kind.

www.netzwerk-praenataldiagnostik.de

Ehrung für Dr. Ruth Tippe

Am 12. Juni hat unsere langjährige Mitstreiterin Dr. Ruth Tippe die Bayerische Staatsmedaille erhalten. Frau Dr. Tippe ist die Seele der Initiative „Kein Patent auf Leben!" (München). Seit vielen Jahren recherchiert sie im Europäischen und im Deutschen Patentamt nach angemeldeten und erteilten Patenten in den Bereichen Gen-, Bio- und Reproduktionstechnologien. Frau Tippe engagierte und engagiert sich in verschiedenen Vorständen (Gen-ethisches Netzwerk und Testbiotech), sie gründete die Gen-ethische Stiftung und ist zudem wesentliche Kraft in dem internationalen Bündnis „No Patents on Seeds". Die Staatsmedaille stellt die höchste Auszeichnung dar, die der Bayerische Staat für „besondere Verdienste um die Umwelt“ zu vergeben hat. Wir freuen uns sehr: Herzlichen Glückwunsch!

Good Food, Good Farming!

Gemeinsam für gutes Essen und gute Landwirtschaft! Unter diesem Motto fin- den im Oktober europaweit Aktionstage statt. Die Haupt-Aktion in Deutschland wird am 27. Oktober eine Kundgebung vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Anlass für die Aktionstage bieten die derzeit laufenden Verhandlungen über die gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union für den Zeitraum 2020 bis 2027.

➤ Aufruf in verschiedenen Sprachen unter: www.goodfoodgoodfarming.eu

Pride Parade in Berlin

Am 23. Juni 2018 zog zum fünften Mal die Pride Parade durch Berlin. Unter dem Motto „leise und laut, solidarisch und proud“ rollten, gingen, tanzten und fuhren mehre- re tausend Behinderte, Verrückte und ihre UnterstützerInnen von Neukölln nach Kreuzberg. Die Glitzerkrücke als Negativ- Preis für Institutionen oder Gesetze, die sich auf besonders negative Weise darin hervorgetan haben, Behinderte und Verrückte auszugrenzen oder zu benachteiligen, ging in diesem Jahr an das Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz in Bayern. Dieses Gesetz will die CSU noch vor der Landtagswahl im Oktober verabschieden. Der bisherige Entwurf enthalte nur vier Paragraphen zu Hilfsmaßnahmen, aber 35, in denen es um die Abwehr von Gefahren mittels zwangsweiser Unterbringung sogenannter Kranker gehe. Dem Fazit der VeranstalterInnen können wir uns nur anschließen: „Nur, wenn wir miteinander statt gegeneinander kämpfen, erreichen wir eine wirklich inklusive Gesellschaft, die niemanden ausgrenzt, unterdrückt oder ausbeutet und stattdessen alle akzeptiert und respektiert und in der alle solidarisch miteinander sind!“

➤ Weitere Informationen unter: www.pride-parade.de

Straßennamen überklebt

AktivistInnen haben am 9. Juli in Berlin die Straßenschilder des Bonhoefferwegs und des Sauerbruchwegs auf dem Campusgelände der Charité überklebt. In einem Unterstützungsschreiben forderten die Kritischen Mediziner*innen Berlin mehr kritische Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit der Universitätsklinik. Die Gruppe wünscht sich zudem „ein Umdenken darüber, welche Persönlichkeiten als Vorbilder für zukünftige Ärzt*innen dienen könnten.“ Ob Ferdinand Sauerbruch und Karl Bonhoeffer diese Vorbildfunktion erfüllen bezweifeln sie. Sauerbruch sprach sich für medizinische Experimente in Konzentrationslagern aus und Bonhoeffer befürwortete eugenische Zwangssterilisation als Sachverständiger und Gutachter eines Erbgesundheitsobergerichtes. Dass es jedoch nicht an besseren medizinhistorischen Vorbildern mangelt, bewiesen die AktivistInnen durch die Neubenennung der Straßen nach zwei ehemals an der Charité tätigen Frauen. Die Ärztin Käte Frankenthal war engagierte Gegnerin des gesetzlichen Verbots des Schwangerschaftsabbruchs (§ 218) und führte Sexualberatungen durch, bis sie aufgrund von NS- Verfolgung 1933 in die USA emigrierte. Emma Haase war eine kommunistische und frauenpolitisch aktive Krankenpflegerin, die 1933 verhaftet und von der Charité entlassen wurde. Die Kritischen Mediziner*innen Berlin ist eine offenen Gruppe, die sich an der Charité Berlin zu vielfältigen medizinrelevanten Themen engagiert und zum mitmachen einlädt.

➤ Artikel zur Aktion: www.tagesspiegel.de/wissen/debatte-ueber- ns-vergangenheit-strassen-an-der-charite- umbenannt/22786592.html
➤ Kritische Mediziner*innen www.kritischemedizinerinnen.blogsport.eu

Kritik an forensischem DNA-Forschungsprojekt

Im Juni antwortete das Gen-ethische Netzwerk (GeN) mit einem Offenen Brief auf eine Anfrage des EU-geförderten Großprojekts VISible Attributes Through GEnomics (VISAGE). Das Projekt möchte forensische DNA-Technologien zur Erstellung von „genetischen Phantombildern“ für den Routineeinsatz marktreif entwickeln - ein Vorhaben, dass aus wissenschaftlicher, antirassistischer und Datenschutz-Perspektive massiv kritisiert wird. VISAGE-WissenschaftlerInnen wollten MitarbeiterInnen des GeN zu sozialen und ethischen Aspekten der Technologie befragen. Diese schrieben in ihrer öffentlichen Absage, dass das bereits feststehende Ziel von VISAGE, die großflächige Anwendung und Kommerzialisierung der DNA-Analysen, eine ergebnisoffene Forschung zu sozialen und ethischen Problematiken verhindere. Ganz im Gegenteil bestände die Gefahr, dass die Begleitforschung als „ethisches Schmiermittel“ zur Technologieeinführung diene, indem sie VISAGE ein demokratisches und dialogbasiertes Image verleihe. Ebenfalls kritisierten die Autorinnen des Briefes, dass zwei leitende Projektmitglieder, Barbara Prainsack und Manfred Kayser, Teil des wissenschaftlichen Beirats der Firma Identitas Corp sind, die die Methoden schon jetzt kommerziell anbietet. Laut GeN stellt diese Art der Verstrickung einen Interessenkonflikt dar, der transparent gemacht werden müsse, wenn die betreffenden WissenschaftlerInnen öffentlich als ExpertInnen und BefürworterInnen der Technologie auftreten. Das GeN erhielt bis jetzt keine Antwort auf seinen Brief.

➤ Offener Brief an VISAGE: www.gen-ethisches-netzwerk.de/juni-2018 /offener-brief-visage

 

 

GID-Redaktion

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Erschienen in
GID-Ausgabe
246
vom August 2018
Seite 4 - 5